Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651431--02775-2659674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 37 JÜDISCHE RUNPSCHAU Seite 465 Andenken schuldig, dass es klar und ohne Entstellungen bleibt. Und als einer von denen, die sich bemühen, in seinem Sinne weiter zu arbeiten, will ich den vergangenen Kongress kurz betrachten. ' , Jahrelang haben wir einen Politiker grossen Stils an der Spitze unserer Bewegung gehabt. Einen Mann, der mit Königen und Päbsteji zu verhandeln verstand nicht nur, weil er selbst von königlichem Wuchs und Wesen war, sondern auch vor allem, w׳eil er die Welt gleich jenen von der hohen Warte historischen yerständuisses und grossziigigen Denkens ansah. Der Jüdische Idealist trug gleichzeitig in sich den nüchternen politischen Realismus des Mannes, d־.r die grosse politische und diplomatische Weit aus dem Grunde kannte und wusste, dass die Grundlage Jeder Politik der Eigennutz ist. Den Eigennutz des Sultans und der Angelsachsen, der Osmanen und Romanen rief er an, wenn er verhandeln wollte und so erreichte er Resultate. Aber nie ,wäre er zu einem Ziele gekommen, wenn er sich durch Pomantik oder Empfindclcien hätte bestimmen lassen. Der innerlich warmblütigste aller Männer ging ausserlieh kalt und ruhig den Weg, den ihm d.r Verstand vorzeigte. Und darum Hess er sich nie festiegen. Er wollte urd musste die Arme freihaben, um w irken zu können. Ein Führer in seiner schwierigen Lage '— ohne Geld, Menschen und historischen Baugrund -״ musste jcd:n Augenblick bereit sein, nach rechts und links zuzugreiien, die Möglichkeiten auszunutzen. Jahrelang tat er so ohne Widerspruch. Dann kamen einige winzige Gegner, die ihn lächeln machten, schliesslich aber ein Mann. Das war Herr Ussischkin. Auch wer ihn nicht liebt, wird ihm eisernen Willen, grosses Organisationslatent und Arbeitskraft nicht absprechen dürfen. Ob diese Eigenschaften dem Zionismus zum Segen geworden sind, ist eine andere .Frage. Herr Ussischkin sagte: ״Du darfst nicht jedes anständige Mittel wollen, sondern musst den geraden Weg nach Palästina gehen. Und eins deiner Mittel war falsch*. Du hast bisher behauptet, die Augenblicksarbeit in Palästina beraube uns des Gegenwertes,; den wir in Gestalt von Arbeitsleistung und Menschenmaterial dem Sultan bieten k£)men. Du wolltest! eme Politik des ־ do ut des. So soll es nicht weiter gehen. Wir können und wollen nicht mehr w׳arten, bis man uns das Ganze gibt, wir wollen sofort mit der Arbeit im Lande beginnen!“ Fürstin: Das wäre schrecklich. Der Herr: Sein Unglück könnte freilich auch einem geistreichen Manne widerfahren.. F ü r s t j n: Welches Unglück? Der Herr: Von einer Frau, der er gefallen will, ausgelacht zu werden. Fürstin (lächelt abweisend, sieht wieder zum Fenster hinaus.) Der Herr: Es ist nicht zu sagen, was das für ein (ienuss w ar, als ich sah, dass er mit Ihnen ein Gespräch anfangen wollte. Fürstin (lacht). Der Herr: Ich' habe ihn vom ersten Augenblicke an beobachtet, wie er sich dort in die Ecke setzte, wie er ein Menu machte, das auf Ihre Einbildungskraft wirken sollte. Er hat nämlich keine Ahnung, wer Sie s*nd, Madame. Sonst hätte er Sie vielleicht nicht mit ßetrüffelter Ganslcber zu blenden versucht. Fürstin: Ich möchte wissen, was er sich bestellte, als er mit dem Herzog von Franken reiste . Der Herr: Sicher auch w׳as Auffälliges .... Der Mann ist übrigens ein Typus. Ich habe solche Käuze Und nicht genug damiL ging er nach Palästina, voranstattete dort einen Kongress, der dem dortigen Judentum äusserst schädlich war, setzte Charkow in Szene, das dem kranket! Führer so schweren Kummer bereitete und organisierte die ״Zionc-Zion“. Dutzende von jugendlichen Studenten durchzogen das Land, agitierten, sammelten und ״retteten“ den Zionismus. Aiis aller dieser Arbeit, die wir als höchst schädlich betrachten, soll Ussischkin kein persönlicher Vorwurf erwuchsen. Er ist das Kind eines parlamentarisch und politsch unerfahrenen Volkes, das so w־enig wie er begriff, dass man erst zugreten darf, wenn die Vorbedingungen gegeben sind. Er vefstar.d auch Herzl nicht urd hat w׳ohl wie andere geglaubt, dass dieser sich von dem Endziel, Palästina, abwenden 1 und an seine Steile ein anderes beliebiges Land setzen w01׳fe *— derselbe Herzl, der auf dem VI. Kongress gesohwroren hatte: Möge ich meiner Rechten vergessen, wenn ich dein vergesse, Jerusalem. Und jene Ideologie, an der so viele unter uns kranken, Hess ihn schon innerlichen Abfall vermuten,! wenn nur von einem anderen Lande gesprochen wurde. J Herzl hat ihn bis zum letzten Atemzuge bekämpft, und so werden auch w ir es tun müssen. Wohin die Politik der Ussisch- 1 kinisten steuert, das beweist Freiburg. Lässt man den grossen Staatsbanken zurücktretin hinter der Arbeit. ..die sofort bcginnen“ soll, so wird sich notgedrungen die politische Tätigkeit von den Unternehmungen im Lande abhängig machen. Und das nicht nur gegenüber dein Sultan, sondern gegenüber den eigenen Anhängern. Tausende werden dem Gedanken der winzigen Arbeit an kleinen industriellen und agrikuiturelien Etablissements in sich zum Selbstzweck werden lassen, notwendig über diese Brücke zur planlosen Klcinkolonisation gelangen, verlangen, dass die politische Arbeit dem Augenblicksinteresse sich unterordne: Gerade der Jude liebt die Extr.eme. Gegenüber den! früheren Regime hat Schreiber dieses oft genug die notwendige Vorbcreitungsarbcit in Palästina verteidigt. Heute ist er in der Lage vor der Übertreibung w’arnen zu müssen, die einer Fülle von ungeordneten Kleinarbeiten und — bei unseren beschränkten Mitteln — spielerischen Experimenten — zutreibt. Schon dieser Kongress hat für alle mögliehen Dinge, Geld bewilligt, das nicht vorhanden ist Und schliesslich hat er, in Ussischkins Gefolgschaft, durch 1 seine Form der Ablehnung des englischen Anerbietens in Ver- I bindung mit der Resolution, die. jede Arbeit .ausserhalb des schon in allen Weltteilen getroffen. Wenn sie im CoupC* oder auf dem Schiffe eine Dame erblicken, wollen sie gleich ein Reise-Abenteuer erleben. Als ob es noch Abenteuer in der Welt gäbe! Fürstin: Ah, wirklich — es gibt keine mehr? Der Herr: Sie dürfen mir glauben. Ich treibe mich soviel in der Welt herum. Ich wüsste es. Ich habe noch nie unterwegs eine Bekanntschaft gemacht. Fürstin: Nein?. ... v Der Herr: Ich mache nie den Versuch, mit einer Reisegefährtin zu reden. Fürstin: Das sehe ich . . . Und Sie reisen viel? Der Herr: Die Hälfte des Jahres. Ich habe keine andere Passion. Wenn ich einmal ein paar Monate still liege, geschieht es nur, um die Reiselust in mir bis zur Wut anzustacheln. Ich kenne alle grossen Städte und alle Länder und bin überall ein Fremder. Wenn ich die Ringstrassc satt habe, gehe ich ein bischen in der Rue de la Paix oder in der Regent Street spazieren. Wenn mich Granada nicht mehr unterhält, versuche ich es mit dem Newskij-Prospekt oder mit dem Park von Ghezireh ייי^ו*