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Jüdische Rundschau · 1905-09-15 · Heft 37 (15.9.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 462 JÜDISCHE RUNDSCHAU No,37 abziehen. So müssen wir heute alles aufbieten, am nach unsern Kräften die Sctbstwchr der Juden zu stärke!*, die uns ja zeigt, dass trotz der verzweifelten Lage im Ostreiche die Judenschaft keineswegs daran ist, körperlich oder seelisch zu Grunde zu gehen. Aber wir müssen diesen Brüdern helfen, so weit das nach Massgabe der Landesgesetze uns möglich ist Wir werden allen Not- Standsaktionen unsere Hilfe!eilten, so weit wir nicht dadurch dem Zionismus selbst Kräfte entziehen. Aber wir werden auch stets uns darüber klar sein, dass nicht die Notstandsaktion da• Ziel oder das Mittel des Zionis- 11111s ist, und werden dieser Ansicht am allermeisten in der Propaganda klaren Ausdruck geben müssen, noch mehr als bisher. Denn es w äre der grösste Schade, den der Zionismus erleiden würde, wenn er durch eine opportu.iistische Agitation, die das Beste des Zionistnus will, seinen grossen politischen Charakter verlöre tmd statt dessen zu einer Notstaudsaktiott, einer Art von Allianz (der einem Answanderuugshilisverein herabsmken würde. So hoch diese andere Tätigkeit sonst steht, sie ist nicht die Aufgabe des Zionismus und darr es nie werj den. Denn das hiesse den politischen Zionismus zu verlassen, den der erste Kongress dokumentarisch im Basler Programm nicdcrgclcgt hat. Det Zionismus muss sich seinen politischen Charakter wahren und muss deshalb jede niehtnationale Propaganda ablelineti. die aus der Judennot und nicht aus dem Judentum den Zionismus ableitet. Der “,רד.ננ -Zionismus ist kein politischer Zionismus und deshalb eben kein Zionismus. Denn es gibt nur einen Zionismus innerhalb unserer Organisation und das ist der politische Zionismus. Unsere Propaganda soll also für den politischen Zionismtis geführt werden, der eine Volkspolitik darslellt. nicht eine Notstandsr.ktio.t. Vielleicht werden wir dadurch im ersten Augenblick weniger Anhänger nett ge־ winnen — wir glauben freilich aus guter Erfahrung, dass das Gegenteil der Fall sein w irö — aber die neuen An* hä’igcr, die auf Grund einer unpolitischen Propaganda, bei der das Wort politischer Zionismus eben nur ein Wort wäre, gewonnen würden, wären kein Zuwachs des Zio־ nismus an Macht und Kraft sondern nur an Masse, an jener Masse, die nicht fördernd, sondern durch ihre Schwere hemmend, wie ein Bleigewicht an ,,den Füssen Im Speisewagen Ein elegischer S׳ hwank von Theodor Herzl* Ort der Handln g: der Speisew׳ager! des Eilzuges Wien—Prag—Berlin. Personen: Die Fürstin. Der Theater-Direktor. Ein Herr. Ein Gareon der Schlafwagen-Gesellschaft. Beschreibung der Personen: Die Fürstin, dreissig Jahre alt, nicht sehö($ aber hübsch; ein Charme; feines Profil, um den Mund tiefe Falten, die vom Lachen herrühreti. Sie ist ausserordentlich einfach gekleidet mit einer verstohlen rauschenden Eleganz, die den Kenner ergreift. Der The ater-Direktor, vierzig Jahre alt, roter Schnurrbart, dessen edler Schwung 'den Gebrauch einer Strannnheitsbindc verrät; im Knopfloch eine pliantastische Rosette, welche den Besitz hoher asiat's.her und afrikanischer Orden anzeigt. Er liest den Pariser ״Figaro“. Der Kopf des Blattes ist imposant nach aussen gekehrt. Es kann keinem der Anwesenden entgehen, dass dieser Herr den Pariser ״Figaro“ liest, und das ist auf der Strecke Wien-Prag nicht ohne Wirkung. Das der Partei hängen würde. Sie würde es notwendig machen, immer und immer wieder im Zionismus einen Kampf um den Zionismus zu führen, der niemals.in der Partei geführt werden dürfte. Weil xvir alle politische Zionisten sind, Zionisten im Sinne Theodor Hcrzis, dämm eben weisen wir die unpolitische Propaganda zurück, die das grosse nationale Ziel durch eine Beteiligung an den Motstandsaktioncn in dem Sinuc verschleiern könnte, als sei die Notstandsaktion Zweck oder Mittel des Zionismus. Die weitere. Propaganda des Zionismus muss also eine politische sein, die im Sinne Theodor Herzls niemals einen andern Zweck ins Auge fasst als die öffcntiich-rcchtlieh gesicherte Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina auf Grund der Mittel, clic klar und deutlich im Baseler Programm ausgesprochen sind, ohne hincininterprcFert werden zu müssen. — Hineinh.terpretieren müssten wir aber eine Tätigkeit, die etwa im Sinne des Hilfsvcrcins deutscher Juden oder auch der ICA wäre, und die zwar dem einzelnen Zionisten immer frei steht, die aber als solche mit dem politischen Zlonisums nichts zu tun hat. Wenn aber selbstverständlich Verschiedenheiten in den Ansichten *der Agitatoren zum Vorschein kommen je nach ihrer eigenen psychischen Besonderheit, nach der Eigenart ihrer Vortragsweefse und dgl. mehr, so kann darüber kein Zweifel sein, dass wir alle in dem Gedanken einig sind, dass die Agitation für den politischen Zionismus, wie wir ihn vertreten, in der Zeit zwischen den beiden letzten Kongressen eine recht geringe war. Wir haben zu viel Zeit auf die kleinen Kämpfe im Innern verwendet und den grossen Kampi nach aussen allzusehr vernacliläsigt. Wenn wir bisher auf jedem Kongress mit berechtigtem Stolz darauf hinweisen konnten, dass sich die Zahl der Schekelzahler in Deutschland in der verhältnismässig kurzen Zeit zwischen zwei Kongressen nahezu •verdoppelt habe, so ist der Zuwachs des Zionismus in Deutschland zwischen den beiden letzten Kongressen ein so unbedeutender gewesen, dass man von einem Stillstand der Partei reden müsste, wenn uns rieht allen bekannt wäre, dass in dieser Zeit der inneren Diskussionen die Propaganda fast ganz stillgestanden hat. Und sow eit es eine Propaganda auf Grundlage von vermeintlichen Notstandsaktionen gab, haben wir natür- Haupt des Direktors deckt eine schwarzscidene Reiseiniitze. Auf seinem Bauche tanzt ein Monokle. Der Herr, am Ausgang der Dreissig, Weltbutnmlcr ohne Beruf, schwarzer Schnurrbart, Hakennase, dunkle Augen, das Haar an den Schläfen ergrauend; lautlos korrektes Betragen; liest scheinbar vertieft ein Buch in gelbem Umschlag,das er eben erst aufgesclmitten hat. Der Oargon, verschlafen. Der Theater-Dirck*tor (hat schon früher krampfhafte Versuche gemacht, die Aufmerksamkeit'der Fürstin auf sich zu ziehen, jetzt vernehmlich): Garcong, haben Sie ,ne gute Marke fhc Champagne? (Mit Betonung) Fine Champagne! Aber echten! Garyon: Bitte, wir führen nur echte Flaschen, mein Herr! Theater-Direktor (scherzend): Die Flaschen sind echt, ja, das glaub’ ich, mein Lieber! Na, bringen Sie immerhin! (Blickt siegreich umher, mit dem Ausdruck: ״He, bin ich ein Kerl?“ im Gesichte). Fürstin (blickt heimlich lächelnd zum Fenster hinaus.) Theater-Direktor (hält sie nunmehr für reif

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