Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jahrgang Gegenwartsarbeit 1 Ein Wanderer, der nach einer ireinden Stadt geht iragt unterwegs den am Wege ruhenden Till Eulen- Spiegel: ״Wie lange muss ich noch wandern, bis ich die Stadt erreiche?“ Der erwidert ihm: ״Geh!“ Acrgerlieh über die grobe Antwort wendet sich der Wanderer ab und marschiert tapfer dem Ziele zu, das er zwar noch nicht mit Augen schaut, von dem er aber weiss. in welcher Wegesrichtung es liegt. Er verdoppelt seine Schritte, weil er jedenfalls die Staat erreichen, wiil. ehe die Nacht den Weitermarsch ihm unmöglich macht. Wie er so etwa sechzig Schritte weit gegangen ist, da ruft ihm der Schalksnarr nach: ״Wenn du so weiter aussclireitest, Freund, so wirst du in kaum zwei Stunden am Ziele sein.“ Erstaunt wendet sich der Wanderer um, mit dei Frage, warum er denn vorher ihm nur barsch und kurz zugerufen habe: ״Geh!“ unti ihn! jetzt noch so freundlich genaue Auskunft nach riefe?“ ״Weil ich'sehen musste, wie du gehst, um dir zu sagen, wann du eiutrift'st“ lautete die gar nicht närrische Antwort. Ein solcher Wanderer ist der Zionismus. Auch er strebt einem Ziele zu, das in der Ferne liegt und das er noch nicht sicht, wenn er auch genau die Richtung kennt, wo es liegt, wenn er auch genau den Ort weiss. wohin er strebt. Ist es doch die Heimat, von der er einmal ausgegangen ist. Aber er muss eilen, so lange es hell ist. Er verliert zu viel Zeit, wenn er die Narren am Wege fragen will: ״Wie lange dauert *es noch, bis ich zum Ziele gelange?“ Die rufen ihm doch nur ein barsches ״Geh!" zu, ein ״Geh!“, dem nachher nicht einmal ein späterer ermunternder Zuruf folgt. Der Zionismus aber verdoppelt seine Kraft und schreitet vorwärts in der Richtung, die ihm als die richtige genau bekannt ist; und er wird die Heimat erreichen, ehe es wieder dunkelt. Die Tätigkeit des Zionismus ist einzig auf das eine Ziel gerichtet, aut das Ziel der Wanderschaft des Juden- Volkes. Dabei kann man über Mittel und Wege uneinig sein, soweit nicht klar und deutlich das Baseler Programm unzweideutige Antwort gibt. Dies verlangt als erstes und darum hauptsächlichstes Mittel die zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker und Gewerbetrelbende. Die Wichtigkeit dieses Mittels bedarf keiner Auseinandersetzung. Die Art seiner Anwendung werden wir später darlegen. Der zweite Punkt ziir Ausführung des Basler Programms, der die Organisation in sich sahliesst und der dritte, der die Stärkung und Förderung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewusstseins fordert, beruhen auf ein und derseiben Tätigkeit, soweit die Gegenw art inbetracht kommt. Wenn auch, je mehr wir uns unserm Ziele nähern, die Arbeit für diese beiden Punkte sich mehr und mehr von einander trennen wird, so ist doch auf lange Zeit hinaus die Vereinigung beider in der Propaganda unserer Idee gegeben. Denn wenn auch heute die Organisation etwas anderes ist als die Agitation, so hängen doch beide aufs innigste zusammen und wir können uns keine fruchtbringende Propaganda unserer Idee denken, die unserer Organisation nichts nutzt, sie vielleicht sogar durch Eigenbrödelei schädigt. Dann aber ist die Gliederung und Zusammenfassung der Judenheit r.ur so weit möglich, als wir durch unsere intensive Arbeit die neuen Zionisten für den Zweck des Zionismus gewonnen haben, für die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina. Die Propaganda, die wir für den Zionismus treiben, muss eine ehrliche sein. Das lieben wir besonders hervor, obwohl wir keinen einzigen Fall kennen, wo es nicht so gewesen wäre. Dahin gehört aber vor allem, dass wir kein Ziel des Zionismus verschleiern und nicht auf Gründen ’aufbauen, aus denen der Zionismus nicht erwachsen ist. Wenn auch die Judennot in letzter Linie ihre dauernde Abhilfe nur im Zionismus finden wird, nämlich nach der endgiltigcn Erreichung seines Zieles, so ist doch der Zionismus nicht aus der Judennot geboren, sondern aus dem Judentum. Der Zionismus erkämpft dem Judentum, dem Judenvolk eine Zukunft. Darum soll er an den Rest des jüdischen Gefühls appellieren, der doch noch in Jeder jüdischen Brust schlunimert und ihn zur mächtigen Flamme entwickeln, um das Selbstgefühl und Volksbew usstsein zu stärken und zu fördern. Denn cs ist vorhanden, nur schwach und schlummernd. Von der Judennot steht kein einziges Wort im Baseler Programm. Das soll nun freilich nicht heissen, dass wir cs nicht für unsere Pflicht halten, der Judennot mit der ganzen Macht und Kraft, die uns zu Gebote stehen, entgegenzuwirken. Im Gegenteil an jeder Gegenwartshilie und an jeder Arbeit für die Zukunft wollen und müssen wir uns beteiligen, so weit sie uns nicht von unserm Ziele ״׳rr # «fcVUJII» %»■;?״״״