Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 36 Seite 457 , JÜDISCHE RUNDSCHAU Zum Schluss berichteten noch die Herren Louis C a n t o r und Referendar Meyer über ihren Aufenthalt in Basel während eines Teiles der Kongresszeit Frankfurt a. M. In der am 16. August 1905 hierselbst stattzehabtpn Schekelzaliler-Versammlung erstatten die hiesigen Delezierten. die Herren Q o i tein und Sondh eime r Bericht über den VII. Zionistenkonzress. Herr Go i t e i n schilderte einganzs die geschichtliche Entwickelung des Zionismus und kam sodann auf die zur Zeit vorherrschenden Bestrebungen 7t1 sprechen, llr geht näher auf die vom Kongress angenommvncn Resolutionen ein. Herr Feingold stellt schien Standpunkt als Anhänger der Ztone-ZK־n klar. Herr Sondh e i m e r geisselt in scharfen Worten die Delegicrtenwahleji an manchen Orten. ..Sogar die in Zweifel gezogenen Delegiertem habenbeider Abstimmung ihrer Mandatslegitimation selbst ijiitgestimmt** Herr Dr. Auerbach, der als Gast anwesend war, bricht eine Lanze iiir Zione־ZK>n. Nach langer Debatte zehen zwei Resolutionen ein. die auch zur Annahme gelangen. Resolution Dr. Schwarzschild: Die Versammlung spricht den Delegierten der Zionistischen Ortsgruppe Frankfurt ihren Dank aus iiir dessen Tätigkeit auf dem Kongress. — Resolution Reinhard-Stern: Die Versammlung erklärt sich mit der Stellungnahme ihrer Delegierten vollständig einverstanden und dankt ihnen besonders für ihr Eintreten ihr den politische Zinonistnus im Sinne Dr. Hcrzls. Rundschau KK Aus dem christlichen Russland KIschinew. Am *1. September sollte hier eine arme Frau ::ameus Lea Perltmann, die von russischen Vagabunden er- :nordet war. beerdigt werden. Eine grosse Volksmenge, bei stehend aus zahlreichen Juden und einigen mchtjiidischcn Ar-!'.iteru. gab der Toten das Geleit. PlötzÜcii ertönten Schüsse, und es erschienen Polizeibcamte und Dragoner mit blanker Waffe. Der Leichnam wurde mitten auf die Strasse geworfen, dann aber ven der Menge fortgescharit. Zahlreiche Personen erlitten durch Stock- und Säbelhiebe sowie Schusswaffen Verwundungen. Den Z c i t tut g s b c r i c h t c r s t a 11 c r n wurde von der Polizei der Zutritt verwehrt. Polizeibcamte schafften die Verwundeten ins Krankenhaus, den Angehörigen wurde nicht gestattet, die Verwundeten zu geleiten. Das jüdische Krankenhaus wurde von Truppen umzingelt. Fünfzig Personen wurden verhaftet. Die Menge zerstreute sich in grösster Eile. Am Polizeigebäude und am israelitischen Hospital stehen die Angehörigen und Freunde der Verhafteten und der Verwundeten, um das Schicksal derselben zu erfahren. Gegen Abend legte sich die Aufregung in der Stadt. Die Hauptpunkte sind von Patrouillen besetzt. Leber die Gesamtzahl der Verwundeten liegen noch keine Mitteilungen vor. Bekanntlich ist Kischinew das Zentrum der ..Evangelisation Israels“ für Russland. Dort war es die Kirche Neu-Isracl des Josef Rabbinowitsefi. die den Juden die Religion der Liehe predigt. Oh s'׳e auch heute noch Anhänger tür diese Religion unter den Kischincwcr Juden werben und wenn, mit welches« Erfolge? U. A. w. g. Judcnmassakres tu Russland. Die schcusslicheu Metzeleien, die stattgcfundcu. lassen sich noch nicht überblicken. Polizei und Militär folgten wie bei der früheren «Metzelei höheren Weisungen. Die Strassen- Unruhen trugen einen ausgesprochen judenfemdliclicn Charakter und sind zweifellos durch die sogenannte ״Bcssarabi sch-patriotische Liga“, einem Verein, dem von den Behörden die Aufgabe gestellt ist. gegen die Revolutionäre und Juden vorzugehen, in Szene־ gesetzt worden. Als Veranstalter der neuen Kischinewer Gräuel ist der berüchtigte Kruschewan. der Gesinnungsfreund Liebermanns von Soruunberg und Stöckers, anzusehen, der in seiner neubegründeten Zeitung DRUG die ״Patrioten“ gegen die jüdische Bevölkerung aufhetzte. Die Unruhen sind mit Wissen und unter Schutz der Polizei vorbereitet worden. Deshalb waren Kosaken und Militär sofort b.i Ausbruch der Unruhen zur stelle und schlugen ohne weiteres auf die unbewaffneten Juden und Arbeiter ein. wahrend die ihnen bekannten ״Patrioten“, lichtscheues Gesindel und Zuhälter, ungehindert die Geschäftslüden der Juden plündern konnten. Unter den Verhafteten befinden sich nur Arbeiter, zum grössten Teil — Juden. Von den ״Patrioten“ ist niemand verhaftet worden. In der Stadt herrscht Panik. Alle Läden sin geschlossen. In den Hospitälern befinden sich־ etwa 10יי Verwundete, darunter viele Frauen und Kin'der. — An» Abend versammelte sich vor der Redaktion des DRUG «in grosser Haufe Arbeiter, schlug dort alle Fenster ein und wollte Kruschewan züchtigen. Dieser bat mit bekanntem Mute telephonisch die, Polizei um Hille und bald trafen Kosaken ein. welche die Menge auscinamicrtriehcn. — Viele Bürger sind geflüchtet da man nicht weiss. ob die Regierung -nicht noch weitere Morde befohlen hat. Die Greuel von Kertsch. י Man schreibt der ״^uss. Korr.“ aus Kertsch (Krim): Erst jetzt komme ich dazu, von den schrecklichen Vorgängen liier zu berichten. Leben. Ehre und Vermögen der Einwohner waren während zweier Tage auf Gnade und Ungnade dem Pöbel ausgefeiert. Die Zuhälter, unterstützt durch die ״Nachlässigkeit“ der Polizei und des Militärs, teilten sich in mehrere Parteien und. ohne von den Behörden behindert zu werden, vernichteten und demolierten sie die Magazine Läden. Privathäuser, bedrohteil mit dem Tode diejenigen, die irgendwie sich der Gendarrnerie gegenüber verdächtig machten, und prügelten bis zur Bewusstlosigkeit ־ alle, die sich mit einem Wort um Hilfe au sic gewendet hatten Die Panik hatte alle Einwohner erfasst, die Frauen und Kinder weinten hysterisch und fielen in Olmmacht, man hörte hcrzzerrcisscndcs Wchegcschrei der Ver- *sweiilung: das Pfeifen und Geheul der wildgewordenen Menge brachten der Bevölkerung Todesangst und Schrecken hei. Die Bestien vernichteten das gesamte Hausgerät und die Kraml!ulen vieler Juden, verprügelten sic furchtbar, steckten Häuser in Brand und warfen das zweijährige Kind eines Krämers Ins Feuer. Das ist nur ein Beispiel von vielen. An der Peripherie der Stadt, in den Vororten und in Jcnikale (einem grössere! Vorort bei Kertsch.) hauste die Menge besonders grausam. Es gab auch Märtyrer. Etwa sechzig junge Juden, hewaffnet mit schlechten Revolvern, gingen tapfer zur Vcrteidigtmg ihrer Brüder vor: abej che sie etwas tun konnten, wurde auf sie. auf Befehl des Stadthauptmaiuis. eine scharfe Salve abgegeben, und sic wu.rd.n auseinandergesprengt. Auf dem Kampfplätze blieben an dieser Stelle 2 Tote und 11 Verwundete. Unter den Getöteten befindet sich ein christlicher Gymnasiast namens Kiritschcnko und unter den Verwundeten ein christlicher intelligenter Arbeiter Vojtzechowskij. Die Salve wurde ohne jegliches Warnungssignal abgefeuert Das Resultat: — etwa hundert Familien, die noch gestern ziemlich gut gelebt haben, sind jetzt genötigt, um Hilfe zu betteln. Der Metzelei ging eine patriotische Manifestation vorauf, d e von der Polizei und den Zuhältern veranstaltet war. Die Manifestation galt als Gegendemonstration gegen die Arbeiter, die am 9. August eine regierungsfeindliche Kundgebung ver׳mstaltet hatten. Die Arbeiterkundgebung war freilich nur der Vorwand zur Metzelei, da es festgestellt ist, dass ein Gendarmerie-General a. D. Flugblätter verbreitete, die das Thema ״Schlagt die Juden!“ variierten; er agitierte unter dein ״Schwarzen Hundert“ schon etwa seit 6 Monaten. Die Polizei förderte seine ..patriof schcn“ Bemühungen und so wurde mit gemeinsamen Kräften die Metzelei inszeniert“ — Neue Judenhetzei In Warschau. Der STANDARD meldet dass sich neue Judenhetzen in Warschau ereignet haben. Eine Volksmenge griff das Jud 11vierte! an und tötete e'ne Anzahl Juden. Viele Häuser wurde!: beschädigt und viele Wohnungen ausgeplündert. Die Pofzei begünstigte die Vernichtungsarbeit des Mobs. Ein elementares Unglück Der grosse Brand in Adrianopcl, d.r bisher über 2""וי Häuser vernichtet 1'iat hat hauptsächlich die jüdischen StaJtteile heimgesucht. Das Elend in der jüdischen Bevölkerung ist unbeschreiblich. Deutsche Sprachkurse für Ausländer Deutsche Sprachkurse für Ausländer. Im jüdischen Turnverein Bar-Koch ba beginnen die Sprachkurse des Winterhalbjahrs am 17. September. Die Uebungen sind unentgeltlich und finden in zwei Abiciluugen statt je einer für Anfänger und Fortgeschrittene. Meldüngen an c a n d. p h i I. Bau in'. Klopstockstr. 22. dudentag Der Verband der deutschen Juden wird am 30. Oktober 1905 in Berlin seine erste ö f f c n 11 i ctli e Haupt* Versammlung abhalten. Die Die Beteiligung mehrerer hundert Abgesandter aus allen Teilen Deutschlands ist gesichert. Der Verband findet fast ausnahmslos in den Gemcinden und Verbänden lebhaftes Entgegenkommen. Wie weit man es verstanden hat alle Parteien der deutschen Judenschaft und besonders auch alle sozialen Schichten heranzuzieheu, muss sich noch zeigen. Hoffentlich hat man nicht vergessen hesonders auch den grossen ״Kleinen Mittelstand“ gehörig vertreten sein zu lassen. / \ » t ימיי ■'1*Sk h. 1