Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 36 Seite 4S3 . jüdische Rundschau wären. Wollte er damit der Hoffnung Ausdruck geben, dass auch die Gruppe der Poltischen ausscheidcn würde? Oder dass sie sich wir höheren Einsicht der Majorität bekehren würde? Beides dürfte nicht der Fall sein. Wir haben uns deii Kongressbeschlüssen gefugt und werden kein Charkow herauSbcsc 11 wö’rcu, aber von allen •legalen Mitteln Gebrauch machen, um den Zionismus חי die politischen Bahnen einer grosszfigigen Volksbewegung zurückzulciteo. Über Uganda ist entschieden. Wir brauchen uns in Zukunft nicht in einem unfruchtbaren Prinz-ipienstrcit, wie die Zione-zionistischen Theoretiker, zu erschöpfen, aber cs wird Aufgabe aller politischen Zionisten sein, mit allen Kräften auf die Schaffung einer weitsichtiger«.!! Kongressmdirheit hinzuarbeiten, die alle politischen Mittel zur Erreichung des zionistischen Zieles In Anwendung zieht. Wir werden die ge־ fäbrdetcn Volksinteresscn zu schützen haben, einen blinden Landchauvinismus bekämpfen, den Zionismus wieder über das Niveau eines palästinensischen Hilfsvereins erheben — kurz, das Baseler Programm in seiner umfassenden Bedeutung wieder zun! Bewusstsein bringen. Wir werden nicht müde werden, auf die Gefahren Ussischkinschtr Politik hinzuweisen. Sein ״Programm“ und sein Verhalten auf dem Kongresse bat uns belehrt, dass sein Standpunkt derselbe gebiiclnm ist, wie vor 2 Jahren, als Herzl in seinem bekannten Antwortschreiben vernichtende Kritik an der Tätigkeit IJssisclikins übte. Er schloss mit den Worten: ״Von zwei Dingen eins: Entweder Herr Ussischkin w.*,־ss einen kürzeren und besseren Weg, um das Jüdische Volk in den öffentlich-rechtlichen Besitz Palästinas zu bringen — dann ist cs von einem so guten Zionisten nicht schön, dass er uns diesen Weg nicht schleunigst angibt. Oder er weiss keinen — dann möge er nioht mit leeren Redensarten d.'o «Einigkeit int Zionismus stören, die mehr wert ist, als ehr paar Grundstücke in Palästina.“ Es ist Zeit, an di^se Worte zu erinnern, nachdem der erste Kongress ohne Herzl *— unter dem Zeichen Ussischkin getagt hat. r. Vor allen! gilt nach wie vor der Kampf dem verderblichen Chowewc-Zionisnius, soweit er sich, in welcher Form auch immer, innerhalb der Bewegung breitmacht. Herr Becker behauptet zwar, dass der Kongress auch diesir Richtung eine scharfe Absage erteilt hat. Allerdings ist eine Resolution geschaffen worden, bei deren letzter Fassung Herr lAssf sclh Jein , auf Betreiben seiner e;g!1en Anhänger und gedrängt durch Alexander M a r m o r c< k, den bescheidend! Bekennen! des Herzlschcn Zionismus ein Paar — Worte konzedierte. Dabei ereignet sich der folgende wenig beachtete, aber charakteristische Zwischenfall: M a r n! o r e k schlug unter lautem Befifall dem Kongresse vor, hinter die Worte: ״Jede! planlose, u n s y s te mat i s c h)e und philanth ropische Klein-Kolonisation“ die erklärende Bemerkung: ״im Sinne des C h o w e w c - Z i o ־ flismus" zu setzen. Und mit Erstaunen lasen wir in dem Bericht der WELT, dass man statt dessen die nichtssagende Phrase von der ״. . . . . Klei 11-Kolonisation, die nicht in den Rahmen des Punktes 1 des Baseler Prog ramms fallen w ii r d in die Resolution aufgenommen hatte. Punkt 1 des Baseler Programms spricht aber bekanntlich nur von der zweckdienlichen Förde rang der Besiedelung Palästinas“. Diese Bezugnahme darauf bedeutet keine Verwahrung 1111 Sinne der Marmorokschcit Fassung; dem der widersprechend aufgefasste, kautschukartige Begriff der ״Zweckdienlichkeit“ sollte gerade erst durch den Kongress eine feste Umgrenzung erfahren. Die Absicht der Antragsteller ging dahin, di; chowewe-zionistische BcjSieddungsmetJiodc als *u111 z w e c k d i c n I i) c 1! anszu-1 schKesscn. Doch das konnte und wollte Herr Ussischkin nicht gestatten. Die Resolution ist insofern boJei Mich, als Sie kein Wort von rechtlichen Sicherungen enthält uikI unabhängig von türkischen Reformen hedingmigslos die Forderung von ״Agrikultur, Industrie u.nd so weiter" (!) «verlangt Dass dies ״i n mö g H c h st d e m ok r at i sc h eni Ge is t e“ geschehen soll, ist recht erfreulich; indessen waren wir vor der Ussischkinschen Regierungszcit sämtlich der naiven Ansicht, dass alle zionistischen UiDernelunungen in glatt-dcmokratischcm Geiste geleitet werden sollten. -— Dass das Warbürg sehe Programm einer wissenschaftlichen und tcchnisclien Erforschung Palästinas unseren vollen Beifall hat, bedarf kaum der Erwähnung. Der dritte und letzte wichtige Beschluss in Sachen des Laudankaufs ist von Dr. Jeremias genügend gewürdigt. Herr Becker erhebt gegen uns den Vorwurf der Illoyalität, da unser Wunsch dahin geht, die Entscheidung über das Vorliegen genügender Rechtssicherheit b.i Landkauf nicht dem Ermessen des jeweiligen Aktionskomitees zu überlassen. Solange H e r z 1 s Vertrauter, David W o I f f s o h n, an der Spitze der Bewegung stellt, dürfen wir auch in diesem Punkte volles Vertrauen zur Leitung haben. Wie aber, wenn einmal ein anderer Geist das Aktionskomitee beherrschen würde?! Die Politik im Zionismus Eine Stimme aus dem Parterre. Wenn man den Artikel, den Herr Dr. Jeremias jüngst im Kamen d«.s Verbandes der politischen Zionisten Deutschlands «*.veröffentlichte, zunächst überflogen hat, dann durchlivst und darauf noch einmal durch liest, so begreift man eigentlich nicht recht, weshalb denn wieder einmal eine neue Fraktion zu bilden ais unumgängliche Notwendigkeit erschi.;n. Sollte cs um der in besagtem Artikel mit mehr oder minder grossem Geschick vorgetragenen Grundsätze willen geschehen sein, so würde man den Eindruck davongetragen, als ob man nicht der Not gehörchcnJ, sonder!} dem eigenen Triebe folgend gehandelt hätte. Herr Löwe hat dazu ganz richtig bemerkt, dass jede derartige Parteibildung ein schwerer Fehler sei, indem sie den Zusammen- Schluss der orthodoxen Zionisten herbeitühren müsse. Iniimic»- Herrgott-Sakrament! was soll daraus werden, wenn wir noch einige Dutzend Fraktionschefs erduld*;!! müssten, die gewiss alle ״geborene Führer“, aber herzlich überflüssig sind. Damit soll gegen den Wert der Ausführungen des Herrn Jeremias au und für sich nichts herabsetzendes gesagt sein. Im Gegenteil, wären diese und ähnliche Anschauungen bereits vor dem Kongress in der Parteipresse nachhaltig diskutiert worden, so wäre es wahrscheinlich jetzt nicht zur Spaltung gekommen. Mir scheinen alle die Zwistigkeiten seit dem letzten Kongress ihren Urgrund in den! dunklen Unlustgefühl zu haben, als ob plötzlich der Herr Ussischkin aus Jekaterinoslaw der Diktator des Kongresses und seiner Beschlüsse geworden sei. Und in den unbesonnenen Sätzen, die Herr Auerbach jüngst über diesen Mann drucken Hess, ist es zun! Ausdruck gekommen, was viele deutsche Zionisten Hingst beklagt, und was eitüge zum öffentlichen Protest veranlasst hat: wir Leser der RUNDSCHAU staud«.!1 alle unter dem Banne Ussischkinscher Ideen. Diejenigen, die Herrn Ussischkin aus Jckateriiioslaw bisher nicht für den geistigen Nährvater des Zionismus gehalten hatten, waren darob nicht wenig überrascht, und fanden in der Kongresszeitaufregung vielleicht nicht mehr die Gelegenheit und die nötige Sammlung, um ihre abweichende Meinung klar und deutlich auszusprechen, was d!e Redaktion gewiss nicht verhindert hätte. So gewann es den Anschein, dass das i!1 Ussischkins Sinn״' geleitete Parteiblatt die.. Anschaumigen der deutschen Zionisten wiederspiegle, während ein beträchtlicher Teil unserer Gesinnungsgenossen anderen Ueberzeugungn huM'gte. Fs sei auch nicht verhehlt, dass manche um eines lieben faulen Friedens oder vielmehi eines faulen lieben Friedens willen scliwkgeu. Genug, die Stimmung wurde etwas gereizt, man erklärte das