Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I ס No. 36 *_ JÜDISCHE RUND SCHAU ___Seite 451 Karpclesschen ALLGEMEINEN ZEITUNG DES JUDEN- TUMS ein mutiger M. F. entgegenhalten, dass ,die Zionisten in Palästina nichts täten und nichts getan hätten, und dagegen als Muster einer guten und erfolgreichen Wirksamkeit uns die Anglo-Palcstine Company entgegenhalten. Ja, meiner Treu, hält uns denn der Mann für nicht nüchtern oder glaubt er, dass wir über unsere eigenen Institutionen so u/iunterrichtet sind, nicht zu wissen, dass die Anglo-Palcstine Company nichts weiter ist, als die Filialbank der Jüdischen Kolonialbank, die Herz! zu dem Zwecke einer sofortigen praktischen Arbeit in Palästina gegründet hat? Aber was sollen wir von der ALLGEMEINEN ZEITUNG DES JUDENTUMS verlangen, die, niemals verstanden hat, wie sic überhaupt zum Zionismus steht. Zwei Seelen leben ach in ihrer Brust. Die eine heisst Verlag, die andere Redaktion. Wir gestehen gern zu, dass die Redaktion weniger ausserhalb des Judentums steht. Aber sie hat sich auch entwickelt. Als die ersten Anfänge eines neuen nationalen Geistes sich geltend machten, da stand sie sacht abwartend bei Seite. Als w dann durch den werdenden Zionismus die ersten Kolonieen entstanden, da hatte sie kein Wort für diese Grosstat eines unterdrückten Volkes, als aber die Kolonisationsbewegung stark und gross geworden war, da rief sie zum Kampfe auf gegen die Palästinakolonisation, indem sic sich auf den früher einmal von uns eingenommenen Standpunkt der allgeminen Solidarität der Juden stellte. Aber der Zionismus blieb nicht bei der Kolonisation stehen. In einer weiteren Entwickelung erkannte er, dass die Kleinkolonisation auf dem Wege der Wohltätigkeit nicht der weitere Weg bleiben könne und die Bewegung der Chow ewc-Zion verwandelte sich in den politischen Zionismus. Da war es unter anderen die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS, die den neuen politischen Zionismus, wie ihn der erste Baseler Kongress fixiert hatte, verdammte und sich fromm auf den Standpunkt der Kolonisation Palästinas stellte. Sie nahm sogar den Aufruf einer kleinen Gruppe deutscher Zionisten in ihre Spalten auf, die unter strikter Ablehnung des politischen Prinzips und des Kongresses die Fortsetzung der Kleinkolonisation kategorisch forderte. Es dauerte freilich nicht allzulange, dass auch die Ui.ter- Zeichner dieses Protestes den Anschluss an den Kongress fanden und heute beinahe mehr das politische Prinzip betonen möchten als die, welchen damals ihr Kampf gegen den politischen Zionismus galt. Aber der Zionisinus entwickelte sich weiter, und etappemnässig folgte ihm auch mit dem ganzen, nichtzionistischen Judentum im weiten Abstande die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS. T)a kam das britische Angebot. Und was tat die A. Z. d. J. Sie blieb sich treu: denn sie riei Himmel und Hölle auf zum Kampfe gegen dieses Verlasse!» des Baseler Programms. Sie verkündete dem Zionismus den Untergang, weil er es für notwendig er• achtet hatte, ein Projekt nicht ungeprüft beiseite zu legen, das, wenn es für tauglich befunden wurde, vielleicht einer grösseren Zahl von Juden eine Heimat hätte bieten können. Da entdeckte das BlaU וזו der Jerusalemerstrasse sein jcrusalemisehes Herz und machte aus diesem zionstreuen Herzen!:eine Mördergrube. Als aber letzt der siebente Kongress das Osta‘ rikaprojekt verwerfen zu müssen glaubte, da war auch d!e ALLGE- MEINE ZEITUNG unter den Blättern, die *.ent Zbnismus das Verlassen der Afrikapolitik keineswegs verzeihen können. Wir dürfen also nach diesen Vorgängen hoffen, dass sie sich zum achten Kongress auf den Standpunkt des siebenten stellen wird. Aber das ist nur symptomatisch für alle Gegner des Zionismus, so weit sie Anspruch darauf erheben, im positiven Judentume zu stehen. Sie werden durch die Logik der Tatsachen gezwungen, hinter uns herzuhinken. Sie sind dazu verdammt, jedesmal die Phasen als ihren Standpunkt zw betrachten, die der Zionismus soeben durchschritten hat. Sie werden mit Naturnot־ Wendigkeit dahin gedrängt, dem Zionismus auf seinem Siegesläufe zu folgen. Anders die Gegner des Zionismus, die den Untergang des Judenstammes sich zum Ziele gesetzt haben. Die Antisemiten werden nach wie vor so tun, als wäre der Zionismus Wasser auf ihre Mühle, um die nach ihnen schielenden Juden abzuschrecken, sich der einzigen Bewegung anzuschliessen, die dem Judentume Idealismus und Heimat gibt und damit freilich dem Antisemitismus. ohne ihn bekämpfen zu wollen, endgiltig den Boden abgräbt. Die assimilatorischen Juden dagegen, welcher pseudonationalen oder internationalen Richtung sie auch angeboren, werden nach wie vor die vergehliehen Versuche erneuern, uns unter einander zu verhetzen. Sie sollen aber wie bisher sehen, dass wir ihre Absicht sehr wohl durchschauen. Wir wissen sehr genau, dass wir nicht alle Führer sein können, und dass cs unsere Pflicht ist. der Führung und 'dem Kongresse Gehorsam zu leisten. Wir werden unsere verschiedenen Anschauungen über Mittel und Wege zu unserem Ziele, soweit sie nicht durch das Baseler Programm bereits klar und unzweideutig bestimmt sind, uns gegenseitig freimütig ätisseru, ohne befürchten zu müssen, dass wir uns verketzern und verbittern. Denn wir Zionisten sind keine Streber. Wir wollen das Wohl und die Einheit der Partei und nicht unsere Sonderanschauung fördern. Wir wissen sehr wohl, wo der Gegner steht. Und wir wissen auch sehr gut, dass nur der von unsern Eigenen zu unseren Gegnern gehören würde, der mutwillig die Einigkeit in der Partei untergraben will. So lange wir einig bleiben — bei aller kleinen Verschiedenheit in dem Urteil über die Tauglichkeit der Mittel — brauchen wir kenc Gegnerschaft zu fürchten. Der Zionismus hat in seiner Einigkeit seinen Siegeszug über die ganze Erde angetreten. Er hat die Selbstaussprache in der Zeit zwischen den beiden Kongressen dazu benutzt, sich in sich selbst zu vertiefen, und er ist jetzt dabei, diese Selbstgespräche ein wenig leiser zu führen, um um so lauter und vernehmlicher seinen Ruf an 'das Jüdische Volk ergehen zu lassen, eine Heimat vorzubereiten, die sich dadurch von allen Wohltätigkeitsaktionen unterscheidet, dass sie ein politisches Ziel ist, dem wir mit politischen Mitteln zustreben. So steht der Zionismus fest und unerschüttert auf dem Boden des Baseler Programms. Er lässt sich nicht spalten und nicht zerbrechen, und auch nicht abbringen von seinem alleinigen und ausschliesslichen Zwecke, eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte fiir das Jüdische Volk zu schaffen in Palästina. Heinrich Sachse. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Wir beabsichtigen für den Winter 1905-'1906 eine möglichst vollständige Liste von Herren zusammenzustellen, die bereit sind, ausserlialb ihres Wohnsitzes Vorträge zu halten. Es kommen in erster Reihe imtürlieh Agitationsvorträge, daneben aber auch