Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Beite 450 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 36 Der Zionismus und seine Gegner Ein THema, so alt wie der Zionismus. Vielleicht waren die Gegner noch eher da als der Zionismus selber. Nun, viel Feind’, viel Ehr’! Und wenn sich die Ehre, nach der Zahl der Gegner beinisst, so kann sich der Zionismus über sein gerüttelt Mass an Ehren nicht beklagen. Was es an Feindschaft gegen Juden und JuÖentum gibt, was dem alten Volke Palästinas den Untergang geschworen, das alles vereint sich in der Feindschaft gegen den Zionismus. Wenn es einmal scheint, dass diese Gegnerschaft etwas schweigsamer wird, so genügt die Tatsache, dass ein Zionistcr.kongress stattfindet, um alles aufzuwühlen, was am Grande ruht, und die scheinbar reinsten Wässerchen werden durch eklen Schlamm getrübt. Zu jedem Kongresse erfahren wir, dass wir leben, aus den Nachrufen in allen antisemitischen und judentumsfcindlichen liberalen Blättern, dass der Zionismus gestorben sei und dass nur noch eine kleine trauernde Gemeinde sich in Basel zusanunenfinde, um das Erbe zu teilen oder den letzten Willen noch nachträglich aufzusetzen. Ein Toter, der noch schnell ein Testament macht. So sieht der Zionismus in der STAASTBUERGER-ZEITUNG und nicht minder in dem BERLINER TAGEBLATT aus. Und wenn dann *der Kongress beginnt, der Kongress zu dem diesmal die doppelte Zahl der Wähler für jeden Delegierten zusammen gewesen sein muss, so hat sich die Zahl der Delegierten aus allen Ländern der bewohnten Welt nur noch bedeutend vennehrt. Ein merkwürdiger Toter, der noch wächst und der sogar versteht gar kräftig um sich zu hauen. Ein Toter, der daran geht, 'den Lebenden auf dieser Welt so nahe auf den Leib zu rücken, dass sie die pulsierende Körperwärme fühlen. Nun diesmal sind die Gegner des Zionismus nicht bloss bei Zeitungsartikeln geblieben, haben sich doch die Galerien mit dichtgedrängten Scharen gefüllt, die nach dem Winken mit einer roten Fahne in der Hand einer rotgekleideten Frau systematisch die Lärmszenen in’s Werk setzten, die es den Zionisten vielleicht für längere Zeit nicht tunlich erscheinen lassen können, in der Stadt za tagen, die ihre Kongressweihe durch Herzl erfuhr. Dieselben Elemente aber, die diese Krawalle organisierten, schrieben dann ihre Berichte in den liberalen und vor allem in den ihnen so nahe stehenden Blättern der Internationale über die Lärmszenen, die selbst noch das überboten, was von ihnen an Lärm und wüsten Szenen geleistet worden war. Blätter, die wie die FRANKFURTER ZEITUNG sich Mühe zu geben scheinen, über alle möglichen Parteien und Völker zwar parteiische aber doch immer im Rahme der Tatsachen sich bewegende Berichte sonst zu bringen, nahmen keinen Anstoss an den buckligen und schiefen Berichten, die ihnen aus Basel zugekonnnen waren, obgleich wenig Ueberlcgung dazu gehört hätte, um die Unmöglichkeit dessen zu begreifen, was da berichtet worden war. Es war den Blättern aller Schattierungen eine wahre Lust, über die ersten stürmischen Verhandlungen übertriebenc Berichte ihren Lesern brühwarm vorzusetzen und dann über die positiven Arbeiten des Kongresses sich auszuschweigen. Und doch hatten sie das beunruhigende Bewusstsein, dass der Zionismus wie mit jeder!! Kongress bisher so auch mit diesem eine neue weitere Etappe auf dem Wege zu seinen! Ziele in Palästina erreicht habe. Dagegen galt es Front zu machen. Man tat das. indem man zu dem Mittel griff, das seit der Römer Tagen als das probateste gilt. Man gab sich alle erdenkliche Mühe, die Zionisten gegen einander zu heizen und tat das nach dem bewährten Rezept, dass man vorgab, der Minorität sich anzunehmen. Die liberalen Blätter, denen die Bezeichnung Judenblätter um so mehr anhängt, je unangenehmer es ihnen ist, sich als Judenblätter zu erkennen zu geben, entdeckten p'ützlieh ihr ostafrikanisches Herz und protestierten und wühlten gegen die Kongressbeschlüsse, die auf Grund des doch wirklich schlechten Koininissionsbe-ichts unter keinen Umständen zu einem andern Resultat hätten kommen können, als man wirklich gekommen ist. Aber man verstand jetzt mehr als vor zwei Jahren, wo dieselben Blätter über das Ostafrikaunternehmen und seine politische Unterlage mit gleicher Frivolität und Unkenntnis vernichtende Urteile fällten, dass hier die Möglichkeit gegeben sein könnte, den Zionismus in sich zu spalten, wenn nämlich etwa ein Teil der Zionisten dem Streit im eignen Lager mehr Aufmerk* samkeit schenken würde, als den Angriffen, die auf den Wall um das zionistische Feldlager unternommen würden. Weil cs dem Aussenstclienden scheinen konnte, dass auf dem sechsten Kongress der schön aufgeputzte Apfel der Eris in Gestalt des britischen Angebots in die Reihen der Zionisten geflogen sei. glaubten sie ein leichtes Spiel zu haben, wenn sie die Minorität gegen die Majorität verhetzten. Wie ein rotes Tuch hielten sie einem Teile von uns die Gestalt eines alten Zionisten hin, dessen Anschauungen eben dieser Minorität nicht genehm sind. Aber die Gegner des Zionismus haben auch diesmal die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn sie vergassen, dass nur Odisen durch ein rotes Tuch sich einen Feind Vortäuschen lassen, auf den sie dann mit blinder Wut losstürzcn. Sie haben die Intelligenz der Zionisten unterschätzt, wenn sie glaubten, dass man in ihr Halloh gegen den Führer der grössten Landsmannschaft eiustimmen würde, den man eben erst in 'die engste Leitung der Partei gewählt hatte. Nein, ihr Herren Gegner des Zionismus in den Reihen der Juden, nicht minder wie in den Reihen der Antisemiten, ihr müsst es schon ein wenig weniger plump anfangeu, wenn ihr Zwietracht unter uns stiften wollt. Denn wir Zionisten haben schon zu lange den Kampf mit den Gegnern des Volksjudentums zu führen gehabt, um euch zu liebe uns unter einander zu zerfleischen. Es wird euch nicht gelingen, uns an einander zu hetzen; und wir wissen nur zu gut, dass der der schlechtere Zionist sein würde, der die trennenden Momente über die verbindenden setzen woiite. Der Zionismus hat die Brücke neu geschlagen zwischen den Juden des Ostens und des Westens. Er bringt die westeuropäischen Juden dem alten Stammesturne näher und die osteuropäischen Brüder ,der heutigen Kultur, beide aber dem Judcutume und einander. Da werden wir uns umsoweniger durch unsere Gegner in einen Gegensatz unter einander hineintreiben lassen, als wir dadurch das Band lockern würden, das uns hüben und drüben der Oder und Weichsel vereinigt. Wir werden uns ebenso wenig in einen Gegensatz gegen unsere russischen Brüder hineinhetzen lassen, wie in eine Feindschaft gegen einander. Mit welcher Unwissenheit man über Juden und Judentum schreiben darf, ist allbekannt. Um über den Zionismus zu schreiben, ihn anzugreifen und ihm gute politische Lehren zu erteile!!, dazu bedarf!' es offenbar noch weniger. Darf uns doch sogar in der Mosse- /