Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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9 No. 35 JÜDISCHE RUNDSCHAU Publikums hervorrufen“ könnte. Die Zettelvcrteiler werden gerichtliche Entscheidung beantragen. Auch wegen der eedruckten Rede ״Die Hyänei: des Schlachtfeldes“ ist die Polizei jetzt vergegangen. Vom Dreschgrafen Die FRANKFURTER ZEITUNG schreibt: Graf Püekler- Klein -Tschirne hat Glück gehabt. Wenn er gewusst hätte, wie glimpflich da^Glogaucr Gericht seinen groben Exzess gegen friedliche Landleute aburteilen würde, so würde er verniutlich sch dem Gericht längst gestellt haben. Seine Hauptfurcht scheint die vor einer Untersuchung auf seine Zurechiiangsfähigkcit gewesen zu sein. Dagegen wehrte er sich, und das Entgegenkommen des Gerichts und des ärztliehen Sachverständigen bewahrte ihn auch davor, obwohl sein Verhalten ernste Zweifel erweckte. Bei Annahme seiner Zurechnuugstahigke t hat sich das Gericht der gräflichen Dreistigkeit jedenfalls sehr nachsichtig gezeigt und cs ihm nicht einntal verübelt, dass er sagte, die Glogaucr Behörden befänden sich stets auf Seiten der Feinde des Vaterlandes. Die vom Gericht verhängte Strafe von J5U Mark wird der mit Glücksgütern gesegnete Graf wohl nicht schwer empfinden. Sie ist iür einen Mann von seiner Gewalttätigkeit und im Vergleich zu der Art seines Vergehe!« auffallend Inilde. Einen Mann, der Kim nie etwas getan hat. attackiert er mit seiner polnischen Horde — Deutsche beschäftigt er nicht mehr, weil sic für seine Backpfeiienbehandlung nicht das richtige Verständnis haben —. beschimpft ihn auf das Schmählichste und bedroht iiin mit gefährlichen \\ erkzeugen. zwingt ihn dadurch schüesslieh sogar zu e:!1er entwürdigenden Entschuldigung, immer von dem Gesichtspunkt ausgehend, dass ein Gutsvogt sich von einem Rittergutsbesitzer alles gefallen lassen müsse. Und alles das wird mit 35!י Mark Geldstrafe...gesühnt־;. wobei die vielem Vorstrafen noch als straiverschüriemi angeführt wurden. Es handelte sich um wörtliche und־ tätliche Beleidigung und um Bedrohung schhmmster Art. Vergehen, wegen deren Geldstrafen bis zu 1500 Mark und Gefängnisstrafen bis zu 2 Jahren verhängt werden können. Arbeiter sind wegen viel zahmerer Beleidigungen mtd Drohungen zu erheblichen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Graf Ptickler. hei dem vermutlich auch das Schwingen des Knittels nur als ein figürlicher Ausdruck seiner Empfindungen angesehen wird, bat es glücklicher gctroffen, dir zahlt eilte für ihn nicht sehr ins Gewicht tallende Gcldhusse und kann seine Attacken gegen das Landvolk weiter reiten, bis vielleicht doch einmal euer, seine JErzichungsmethode“ falsch versteht und den Knittel umdreht. — Letztercs wäre dem Herrn Grafen nur zu wünschen: denn neue Methoden erprobt man immer an sich selber zuerst am besten! Ein strenger Rabbiner ־ Aus Fulda berichtet die FRANKFURTER ZEITUNG: ״Der hiesige Rabbiner D r. C ah n .verlangt, dass allu Knaben vom schulpflichtigen Alter ab. jeden Morgen um U h r bei Androhung von Schulstrafen (Arrest usw.) den Gottesdienst besuchen. Einige Kinder müssen dabei die Aufpasser spielen. Um 7 und 8 Uhr beginnt dann die Schule. Mit welcher Hast infolgedessen das F'rfihstück eingenommen werden muss, bedarf keiner besonderen Worte. Gegen solche Zumutungen sollte im Interesse der Gesundheit der Kinder, von schulärztlicher Seite mit aller Entschiedenheit Einspruch erhoben werde!:• Die Religiosität \\ir_d bei der Jugend durch solche Frömmigkeit auf Kommando ganz gewiss nicht gefördert.“ — Das scheint allerdings auch uns ric. t:g. und der Herr Rabbiner wird gut tun. mit weniger drakonischen Massregeln die Gottesfurcht in die jugendlichen Herzen einzupflanzen. Sonst könnte er später vielleicht eine theologische Variation des Heintschen Liedes singen: uEs fiel‘ ein Reil in der Frühliugsnaclit.” _ Vom Territorium der Tagalen Von territorialistischer Seite wird oft auf die Philippinen als Eiiiwandcrimgsort für Juden hingewiesen. Demgegenüber verdient hervorgehoben zu werden, dass der FRANKFURTER ZEITUNG zufolge der amerikanische Kriegsminister Taft, der unlängst die Philippinen besuchte, die Inselpolitik auseinandergesetzt hat und dabei den Grundsatz aufstcllte: ..Die Philippinen den Philippiner n“. (WELT). Die Juden in China In China besteht eine alte fü'dische Kolonie, die gegenwürtig aber in Auflösung begriffen ist. Nun plant man in London die Gründung einer Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe machen soll, die Vergangen he>.H jdiesef Kolonie zu erforschen und gleichzeitig Umschau zu halten, ob das chinesische Reich• nicht auch noch andere jüdische Seite 445 Kolonieen beherbergt. Bisher ist nur soviel bekannt geworden, dass jene Kolonie, die in der Stadt Kain-fön g-su ihren Sitz hat. von einer Jesuitcnmission, welche im 17. Jahrhundert nach China kam, entdeckt wurde und dass in deren Forschungsbcricht die Mitteilung enthalten war. die jüdische Kolonie in China thabc einstmals in grosser Blüte gestanden, von der die prächtigen Synagogen bauten Zeugnis gäben. Diese sollen noch aus den Tagen Alexanders des Grossen stammen. Aus der Entstehungszeit der Synagogen, sowie aus dem Umstande, dass die chinesischen Juden weder etwas von der Zerstörung des .Tempels in Jerusalem, noch von der Geburt Christi .wussten, zog die Jesuitenmission den Schluss, dass die Juden in China lange vor Christi Geburt schon ins ..Reich der Mitte” cingew'andert seien. Die heutigen Mitglieder der jüdischen Kolonie in China, die keine Rabbiner haben und bloss eine Art voji Laiengottesdienst pflegen, tragen unverkennbar die Merkmale ihrer Rasse an sich. Die neuere Forschung nimmt an, dass sic in der Zeit der Arsakidcn und der ersten Sassaniden aus Persien und Turkcstän in Chili?, e-ngewandert sind. Der Schub nach Rnmänien Unter dieser Spitzmarke schreibt die FRANKFURTER ZEITUNG: ..Wie wir erfahren, sitzt im hiesigen Klapperfeld- Gefängnisse wieder eine Anzahl rumänischer Juden, d i e aus Bingerbrück per Schub nach Rumänien zurückgesandt werden sollen. Die Leute — mit Frauen und Kindern, mehr als zwanzig Personen — haben regelrechte Pässe und sind auch mit Geid genügend vc; sehen, um bis nach Rotterdam .zu. kommen, von wo sie Fahrkarten nach Amerika haben. Diese Fahrkarten haben sie von Verwandten in Amerika zugeschickt erhalten. Es ist bezeidtnend für das gegenüber diesen Auswanderern geübte Verfahren, dass sie ruhig die bayerische Grenze haben pas- Sicren können und nun von den preussi sehen Behörden in Bingerbrück ungehalten und wie gewöhnliche Verbrecher per Schub — die Leiden auf einem solchen Transport haben wir vor einiger Zeit ausführlich geschiÜrt — zuruckgeschickt werden. Und weshalb? Weil sie. wie es heisst, niefit die vielgenannten 400 Mark Reisegeld besitzen: dazu kommt das schreckliche Verbrechen, dass sic keine Fahrkarten für die in Preussen konzessionierten Schiffahrtslinien des Norddeutsehen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie haben! Das mag ..gesetzlich” sein, bleibt aber trotzdem eine völlig un- ו gerechtfertigte Harte ubnd es wäre zu wünschen, dass die in Baracht kommenden englischen Linien -- Anchor. . Allan, Dominion — veranlasst werden könnten, nicht mehr solche Fahrkarten auszugeben, damit die unglücklichen Leute nicht einer solchen Behandlung ausgesetzt werden können. Wenn nun aber einmal diese ..Gesetzlichkeit" so strenge gehandhabt wird, warum lässt man die Unglücklichen die Grenze passieren? Was in Bingerbrück geschieht, sollte schon dort eintreten. Dann wurden die Behörden sich selbst manche Arbeit ersparen, den armen Ausw'andercrn aber viel Not und Pein. Diese Rücksendungen per Schub sind übrigens an der Tagesordnung; erst vor kurzem sind wieder zwanzig Persoiien abgeschoben worden.” Dass das Frankfurter Blatt das nicht begreift, wundert uns sehr. Die prc-ussischen Behörden müssen doch für ihren Vorrat an S c h 11 e i d i g k e i t' Sie entsprechende Ver- Wendung haben, und da die eigenen ..Untertanen” dagegen manchmal in unangenehmer Weise mobil machen, so 'bekammen eben die armen wandernden Juden diese Christlichkeit preussi sc her Kultur zu spüren. Das ist doch durchaus in Ordnung. \ Emanzipationsfrage Die Unterredung, welche, die Herren St rauss. Seligmann. Lewinsohn. Schiff und K r a u s s am Montag mit Herrn Witte in Gegenwart des Baron von Rosen und des Finanz-Attaches Wilenski hatten, dauerte zwei Stunden. Ich suracn bei dem Staatsmanne vor, sazt ein Spezialkorrespondent des DAILY TELEGRAPH, ehe noch die Konferenz ganz beendigt war. und fand ihn heiser. Er hatte den jüdischen Repräsentanten seine Stellung den Emauzioatkmsiragen gegenüber in allen •Einzelheiten auseinandergesetzt. Er betonte die Schwierigkeiten, die zu überwinden seien. Nach der Konferenz erklärten die Repräsentanten, dass die Unterredung mit den russischen Bevollmächtigten sich nur aut die Emanzipation der Juden erstreckte, die eine Internationale Frage ist. Wird sie acht bald an befriedigender Weise zum Austrag gebracht so werden die Amerikaner wanrscheinlich ihre Haltung Russland gegenüber demgemäss einrichteu. Wenn Herr Witte permanent freundliche Beziehungen zwischen den beiden Nationen wünscht, so müssen vor allen Dingen die luimenseliLchen Ver- » }