Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 442' _ JÜDISCHE RUNDSCHAU_ . ..... No. 35 und ihm sonst feindlicher Seite gegen ihn persönlich auf den Kongress gerichteten Angriffe jeder Art nicht erngiug und soweit es an Ihm lag, dafür sorgte, dass die ihn! nahe stehende grosse Mehrheit des Kongresses sich nicht auch ihrerseits zur Ausübung eines solchen Druckes verleiten liess. Dabei verstand man. dass HerzB trotz der eine Ze't lang schier unüberbrückbaren Differenzen noch die Brücke hat schlagen helfen, de Ussischkin die weitere Arbeit in der Partei ermöglichte. Ussischkin und Grecnberg, der seiner reinen Palästinatreue öffentlich und privatim ungcheuchelten Ansdruck ver- Helten, sind neben Wolffsohn Bürgen dafür, dass der grosse politische Zug n der Bewegung, der von Herzl ausgeht, nicht erlahmen so!!. Freilich gehört zu einer grossen Politik nicht das Schreien nach ihr. sondern das Handeln. Der jetzige deutsche Reichskanzler rede viel mehr von grossen politischen Zielen und Aufgaben als Bismarck je getan hat. und doch will uns seine Politik viel kleiner bediinken, ohne dass wir ihn hcrabsetzen wollen. Aber wir haben Gneenberg, der wenigstens zum Teil Hcrzls Politik fortsetzen wird, die freilich eine ganz andere war, als die mancher Politiker unter den Z onisten, die auf dem Boden zu stehen glauben fest mit beide•’ Füssen, in Wahrheit aber zwischen ״zwei Zweigen zappeln.“ Herzl redete nicht von der Politik, er tat sic. Und das hoffen wir, hat unser Grecnberg 1> seiner Schule gelernt. Darum erwarten wir Gutes iiir den achten Kongress von der getroffenen Zusammensetzung des Fngeren Aktionskomitees. Vor allem müssen wir erst einmal iiir einige Monate authören, uns gegenseitig anzugreiien und den Blick nach dortbin zu richten, von wo der Z'onismus und das Judentum in scjnem Bestände angegriffen werden. Darum sollte man authonen, auf die Chowewe-Ziou zu schimpfen, die ja in Deutschland nur durch den Verein "F. sra“ als Organisation vertreten werden, aus dem alle die ausgcschieden sind, die nicht beteiligt sein wollten an dem Feldzüge, der von dort aus bis vor ganz kurzem gegen Herzls politischen Z'onismus organisiert werden sollte. Die russischen Chowewe-Zion aber sind die Gründer des politischen Zynismus, die mit Herz!! den Kongress geschaffen haben. Deshalb soll man unter Ablehnung' ihrer veralteten und von ihnen selbst als solcher anerkannten Methode, unangebrachtes Tadeln unterlassen. Die Methode der Chowewe-Zion darf nie wieder angewendet werden, aber es sofllte im Zionismus ein Khrentitel sein, zu den ersten gehört zu haben, die poetische Zionisten wurden. Und das waren die Chowewe-Zion. Wenn wir aber ihre Tätigkeit als untunlich und untauglich verwerfen, so schJesst das nicht aus, dass wir irn engsten Anschluss an Hcrzls letzte Tätigkeit die Positionen ausbauen, die der Zionismus bereits in Palästina geschaffen hat. Es war kein Herzisches Dogma, in Palästina nichts zu tun. Er verwarf nur die falsche und die schädliche Arbeit. Daher muss unser erstes Augenmerk darauf ger'chtet sein, festzustellen, welche zionistische, politischkulturc’l-zionistischc Arbeit schon heute in Palästina nicht bloss getan werden kann, sondern getan werden muss. Dabei sollen uns nicht etwa Unkundige die Autoritäten über Palästina sein, sondern die Männer, die wir aEs Fachleute hierfür erkannt haben, vor allem Warburg der In so kurzer Zeit sich so viel L:ebc und Achtung zu erringen wusste. Dabei ist cs v'etleicht nicht zu übersehen, dass die erste Unterschr ft unter den Aufruf der Geulah die als eine Ussischkinsche Mache angesehen wird, die Warburgs war, die er wolfl geben konnte, da Herzl d e Gründung und die Tätigkeit grade der Odulah durchaus biiiigie. Aber die Palästinaarbeit ist so unendlich wichtig s:e ist, natürlich soweit von Nutzen und Vorteil, als sie :111 Einklänge steht mit der ganzen grossen Polit'k, die unser neues Aktianskomitee 11111 engsten Zusammenhänge mit Herzls grossen Entwürfen leisten wird. Wir sind und hieben eine politische Partei in unserer Gesamtheit und lassen uns von keiner Seite cinreden, dass der pof tische Sinn auf eilige wenige allein über gegangen ist. die am meisten davon reden. Aber wir halten jede Parteibilduug im Zionismus für einen schweren, mcfit wieder gut zu machenden Fehler am Zionismus, den wir trotz aller Angriffe, die deswegen auf uns erfolgen werden, weiter zu bekämpfen für unsere unabweisbare Pflicht halten. Denn es ist selbst verständlich, dass ebenso wie der Misrachi und die Demokatische Fraktion sich gegenseitig bedingt haben so die etwa erfolgende Gründung e ner ,politischen“ Sondergruppe ihrerseits den gewiss von;nr nicht gewünschten Zusammen- Schluss der zionistischen Zionisten bervorrincn würde. Solche Parteien!) Idung würde mir den einen Vorteil haben dass hüben und drüben der Ehrgeiz der Männer etwas beiriedigt würde, die weniger im Fortgang der grossen zioiistischen Volksbewegung als im Inuebahei! der Führerstellc in einer Fraktio: ihr persönliches Ideal finden. Wir glauben nicht, dass es solche Männer im Zionismus gibt und deshalb erheben wir warnend unsere Stimme in letzter Stunde, n'cht zu den Spaltungen und Fraktionen im Zionismus neue h'nzuzufiigen. Der Zionismus ist gross genug, um allen Raum zu gewähren, die erst einmal ihr Volk lieben, erst einmal national sind, und dann nach dem grossen untonalen Pa'astinagedariken auch Sonderbestrebungen Raum geben können, d.e nicht trennend wirken dürfen. Genug der Worte von!!üben und drüben! Wir wollen nun wieder einmal anstelle des Gezänkes Taten sehen. Taten, die sich nicht gegen die Parteigenossen richien, sondern Taten, die zur Ausbreitung und Vertiefung des Zirmismus beitragen. Genug der Debatten von hüben und drüben, der Feind;st im Anmarsch, der Feind dem cs gle'cn ■ist. ob er , politische״ oder ״zionistische“ Zionisten bekämpft. l:s gilt den achten Kongres:: vorznbereiten, nicht durch Streit und Fhrgeiz. Sondern durch Innigkeit und freiwilligen Gehorsam gegen die seihst gegebenen Gesetze, gegen die selbst gewählten Führer. Wer sch der Majorität nicht fügen kann, trete beiseite! Er hat noch nicht gelernt, was das höchste Gesetz im Volksleben ist. Aber er trete nicht grollend beiseite, sondern schweigsam, bis sich ihm Gelegenheit bietet, in besserer Arbeit nach aussen 7,1t zc'gcu. dass er wirklich besser als die Majorität gedacht hat. Der Feind steht nicht in unsern Reihen, er steht drüben, wo man dem Judentume den Garaus machen will. Er steht dort, wo man das Volkstum der Juden leugnet, wo man die Axt au die Wurzel unserer Nation legt. Der Feind steht dort, wo man behauptet, dass der achte Kongress nicht sein w'rd. Der Feind steht dort, wo man einen Teil von uns lobt, um uns alle beschimpfen zu können. Martin Luther hat uns da eine schöne kleine Kindcrgeschichtc erzählt, die wir hier gern zum besten geben: ..Ein alter Hirtennund, der seines Herrn Vieh treulich hewachte, geht abends heim. Da kläffen 1111־ die Polstcrhündlein auf der Gasse an. Er trabt vor sich hin und sieht sich nicht um: Als er vor die Fleischbank kommt, fragt ihn ein Falscherhund, wie er das Gebell leiden könne, und warum er nicht einen beim Kamm nehme. ,.Nein.״ sagte der Hirtcnhimd. .es zwackt und heisst mich ja keiner; ich muss meine Zähne für die Wölfe haben." Zionisten! Wir dürfen uns nicht selbst zerfleischen: wir gebrauchen unsere Zähne noch genug fiir die Wölfe, für die Feinde unseres Volkstums, die frohlocken, wenn sie Uneinigkeit bei uns sehen. Eiligkeit allein ist imstande, uns stark zu machen. Seien wir einig im Andenken au Theodor Herzl. einig in der Liebe zu uuserrn Volke, einig in freiwilliger Unter- Ordnung gegen die selbstgewäiiUe Leitung. ei:?'g im Kampfe gegen unsere Gegner, einig in der positiven Arbeit. Dann wird mehr als alle früheren Kongresse 1ms der achte Kongress sein. Heinrich Sachse.