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Jüdische Rundschau · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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No. 34 Seite 432 JÜDISCHE RUNDSCHAU musste, ist bemerkenswert. Wie es eigentlich mit der Be-! teiligung der Juden an dem aktiven und passiven Wahl-; reckt steht, war noch nicht klar ersichtlich aus den bis* herigen Veröffentlichungen. Aber selbst wenn sie in dieser Hinsicht gleichberechtigt wären, so würde das absolut belanglos sein. Denn von den 412 Abgeordneten haben die Städte insgesamt nur'28 zu wählen. Und Wahlrecht habet! Obenhaupt nur Grundbesitzer und höchstbesteuerte Leute, sodass die weit fiherwiegendc Majorität unseres Volkes eo ipso vom Wahlrecht zusammen mit der Majorität der änderet! russischen*; ״Untertanen" gänzlich ausgeschlossen ist. Ob aber flbriccns nicht für die Juden noch besondere beschränkende Bestimmungen erlassen werden, steht noch dahin. Einstweilen verlautet nur. dass die Duma sich mit den Judengesetzen gleich in ihrer ersten Session wird zu beschäftgen haben. Was da herauskommen wird? Da die Duma lediglich beratende Stimme hat, so ist die Antwort nicht schwer. Denn an gut?11 Ratschlägen hätte es der russischen Regierung auch bis jetzt nicht gefehlt, wenn sie nur g ewollt ׳hätte! N*ue Metzeleien Berichten südrussischer Blätter zufolge hat in J e k a t e - rinoslaw am 2. August eine grosse Judenverfolgung stattgefunden. Das ״schwarze Hundert“ hat wieder einmal seine rohen Kräfte ungehindert wirken lassen um! Verwirrung und Schrecken über Jekaterinoslaw׳ gebracht. Zerstörte Häuser. Verwundete. Tote. Schrecken und Verzweiflung . . . das ist in kurzen Worten die Situation in dieser Stadt. Es war gegen 7 Uhr abends, so schrc-lbt das ״B. T.“. als eine Gruppe von Rowdies in der Karaimerstras.se. in der hauptsächlich Juden wohnen, die Fenster eines jüdischen Hauses cinzuwerfen begaun. Als Antwort oder Gegenwehr sollen aus dem Hause Schüsse gefallen sein, doch war das nur der Anfang, denn alsbald wuchs die demolierende »Menge auf einige hundert Menschen an: alle Läden wurden eiligst geschlossen, und de Menge zog zum Markt, wo eine furchtbare Judenmetzelei begann. Wer rvcht floh, wurde niedergeschlagen und verletzt. Die Zahl der Opfer liess sich nicht genau feststellen, da sich viele in die Häuser retteten. Schwer v e r ־ wund et sind gegen siebzehn Personen, ein Schüler namens Goldberg wurde durch einen Schuss in den Kopf getötet Am 3. August erschien eine Erklärung des Qou verneues an den Strasser.cckcn. worin er die Bevölkerung nach berühmten Mustern aufforderte. sich ruh'׳g zu verhaften, da alle Massnahmen getroffen worden seien, um eine Wiederholung der Unruhen in energischer Weise zu unterdrücken. Sonderbarerweise hatte aber das Militär wie die Polizei am Tage vorher nichts getan, uni d e Unruhen zu bekämpfen und die wehrlose Bevölkerung zu schützen. Kertsch. 14. August. Hier begehen seit drei Tagen Volkshäufen antisemitische Ausschreitungen; die Läden und Häuser vieler Juden werden geplündert. Als aus einem Hause. In dem sich ein jüdischer Klub befindet, auf die Soldaten geschossen und ein Soldat verwundet wurde, gaben auch die Soldaten Schüsse ah, durch die ein Jude getötet und einer verwundet wurde. Viele israelische FamiKen haben die Stadt verlassen. Schreckens**!»« In Biaiynto■* Dem BERLINER TAGEBLATT wird folgender Brief aus Bialystok zur Verfügung gestellt: ״Soeben erhielt ich Ihre werte Depesche, und kann ich zu meinem grössten Bedauern Ihnen telegraphisch nicht antworten, weil ich mich auf die Strasse hinaus nicht wage. Es ist geradezu haarsträubend. was wir alles gestern und heute hier in Bialystok durchlebt haben. Am hc'lcn Tage wurde gestern in eine Militürpatrouille eine Bombe geschleudert, weil dieselbe Patrouille eine Stunde vorher einen jungen Menschen erschossen hatte. Das ist noch das wenigste. An Bomben sind w i r schon derart gewöhnt, dass sie sogar die kleinen Kinder nicht erschrecken. Was gestern aber geschah, lässt sich weht beschreiben. Den ganzen Tag und die ganze Nacht marschierten Soldatcnscharcn und schossen jeden, dem sic auf der Strasse begegneten, oder der sich zum Fenster wagte, nieder. Das Leben der friedlichen .Bürger, das in Russland schon lünest keinen Wert mehr hat, wurde den langbärtigen, fürchterlich betrunkenen Reservisten preisgegeben, und diese Trunkenbolde führten die ihnen anvertraute Sache in glänzendster Weise aus. Die Zahl der Getöteten und Schwerverwundeten erreicht 300, abgesehen von den Zahllosen, die in ihren Wohnungen verwundet wurden und vom Arzte privatim behandelt werden. Eine Meldung der Russischen Korrespondenz bringt fo|- eende Einzelheiten des ersten Tages der Bialy Stoker Schlächterei: Der 12. August war einer der schrecklichsten Tage in Balystok. Nachmittags um 3 Uhr hatte sich auf einer Strasse eine Arbeitermenge angcsammclt, um zu demonstrieren. Kaum hatte ein Redner begonnen, als Patrouillen herbeistiirzten und die Polizei in Kenntnis gesetzt wurde. Beim Herannahen der Polizei stob die Menge auseinander. Als aber ein Soldat vor ihren Augen einen sehr angesehenen Arbcitcrvcrtrcter niedergestreckt hatte, sammelte sich der Volkshaufe von neuem und begann, die Patrouillen mit Steinen zu bewerfen. Es wurde auch eine Bombe geworfen, die indes keinen Schaden verursachte. Die Kosaken sprengten herbei, und cs begann eine regelrechte Schlächterei, die bis spät in die Nacht hinein fortdauerte. Die Einwohuer behaupten, dass das Militär von oben den Befahl erhalten hätte, nach Gutdünken zu verfahren. Jedenfalls hat es von diesem Rechte den weitgehendstett Gebrauch gemacht. Die Soldaten trieben eine formliehe Jagd und schossen mit Absicht auf u n - bewaffnete Passanten, auf Frauen und Kinder. Die Strassen Lapischanskaja und Suraschskaja sind mit Blut besudelt. Durch die geöffneten Fenster wurde in die Häuser hineingeschossen, ln einem Hause wurde ein völlig unschuldiger Greis, ein Jude, beim Beten getötet. Es ״ab. wie mau sagt, gegen 80 Tote und 200 Verwundete. Die meisten sind Juden, aber auch nicht wenige christliche Arbeiter sind darunter. Die meisten Toten und Verwundeten haben an der Manifestation nicht teilgcnonmien. 1,-Jud«n werden «־׳schossen** Ein document hutnain. \v:e es selbst Russland noch nicht auizuweisen hat. lieferte in voriger Woche der stellvertretende Polizcimeister von H 0 m c l. Er erliess folgende Bekanntmachung. die als Flugblatt verteilt wurde und natürlich das Volk gegen die Juden ..beruhigen“ sollte. Bekanntmachung, Während meines viertägigen Aufenthaltes in Hornel snd zwei Bombenattentate gegen mich versucht worden, und zwar von niederträchtigen Juden. Hiermit teile icl! zur Warnung mit. dass jeder Jude, der zum Auswurf der jüdischen Gesellschaft gehört und sfeh Denuikra't (Soziaüst) nennt und sich während meiner Fahrten durch de Stadt meinem Wagen auf mehr als 50 Schritt nähert, von den mic 11 begleitenden Kosaken niedergeschossen werden wird. In diesen 4 Tagen ist auf die Patrouillen, welche die Stadt durchstreifen, von vielen Häusern aus geschossen worden, und bei den Nachforschungen bei den betreffenden Hauseigentümern leugnen letztere und geben an. dass die betreffenden Wohnungen unvermietet seien, weshalb sie für die betreffenden Wohnungen rieht verantwortlieh seien. Es stellte sich aber (?) heraus, dass die Wohnungen nicht bewohnt waren. Ich mache daher bekannt, dass in diesen Fällen die Garwsoncu den Befehl erhalten haben, diejenigen, die die Soldaten beleidigen, zu erschlossen, welcher Befehl auf die betreffenden Häuser Anwendung fird־׳n wird, unabhängig davon, wer dort wohnt, weshalb die Hauseigentümer verpflichtet sind, dafür zu sorgen, dass die Demokraten bei ihnen keinen JE * n 1 a s s finden. Das zweimalige Attentat auf mein!,eben wird mich nicht hindern, die energischsten Massnahmen zur Unschädlichmachung der Nicd°rträchtigkcilcn zu ergreifen, und ich wende mich an d'c Homefer Gesellschaft mit der Aufforderung, zum Frieden und zur Ordnung zurückzukehren, denn auch eine friedfertige Menschenmenge, welche den freien Verkehr des Publikums hindert. w־;rd vom Gesetze, bestraft. Die letz‘crc Erscheinung hohe ich auf der Rumian^ew- Strasse bemerkt, wo ich eine Anzahl von J u d ״ ״ . nach ihrem Alter und Stand ordentliche Bürger sab. Auch hiergegen werden von mir Massregeln ergriffen werden. Der stell vertrefande Polizcimcster Chlebnikow. Herrn Chlebnikow* scheint seine ..Stellvertretung“ zu Kopf gestiegen zu sein. Sonstige Folgerungen an dieses Produkt des Grossen Wahnsinns zu knüpfen, scheint uns unberechtigt: cs ist nur charakteristisch, in wie massioscr Weise das Tschinown'ktum sich noch austobt, bevor ihm definitiv der Hals gebrochen wird. Passfrage Die jüngst durch die Presse gegangene Mitteilung, wonach die Passfrage für jüdische Reisende nach Russland, soweit sie amerikanische Bürger sind, zur Zu-!riedenheit der amerikanischen Geschäftswelt geregelt sei. beruht, wie uns mitgeteilt wird, auf einem Irrtum, obwohl der Nachricht in der Tat enc entsprechende »Mitteilung des PETERSBURGER HEROLD zu gründe gelegen hat. Die Passfrage ist keineswegs geregelt. Die Regelung ist erst etwa so wie die russische Volksvertretung in Aussicht gestellt, und

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