Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 430 JÜDISCHE RUNDSCHAU No34 ׳ auf beiden Seiten vergossen. Halte ein. o, russisches Volk, mit Deinen Exzessen gegen die unglücklichen, jüdischen Armen! . . Du weisst. mein russisches Volk, dass bei den .luden auf einen reichen Ausbeuter, der vielleicht nicht besser ist als unser rechtgläubiger, tausend Anne kommen, die ebenso wie Du rechtlos und unglücklich s11׳d. Diese Armen führen ein elendes, kiiii iticrlichcs Leben. Sie erdulden Unterdrückungen und Schmähungen, von denen unsere Bauern und Arbeiter garnicitts wissen. Aber ihr Hoffen nml Streben ist das (Leiche wie das Deine: den Druck der eh'enmäclr.igen. selbstherrschenden Regierung und das schwere Joch der Reichen abzuwerfen und in friedlcher Eintracht und gemeinsamer Arbeit nxt Dir zu leben. Zögere also n!cht. mein russisches Volk. Deine schwieligen Hf-.de dem unschuldig verfolgten, jüdischen Arbeitervolke zu reichen! Vereinige Dell mit ihm gegen den gemeinschaftlichen KcineJ. gegen die verdammten Beamten und Minister, gegen Nicolai II. samt seinen erhaltenen Selilangcnsippschaft! Seid barmherzige Samariter gegen einander zur Freude Eures Heilandes! Verteidigt Euch einig rni* der Macht der Waffen gegen die wilden Räuber: die K״sakcn. Soldaten und die ..schwarzen Hundert“, gebt Euer Leiten für eirander hin nach dem (leimte unseres grossen Lehrers! (]‘.*liebte Brüder und Schwestern. lebt in voller E 11tracht mit den Juden, hört meinen aufrichtigen, freimdsch utliehen Rat! . . . Zögere nicht und zcrsn’ittcrc nicht Deine Kraft, beraube nicht )Deine eigeiie.11 Freunde im blindem Kamrfe: schwäche nicht De ne Macht durch Deine Feuid- Seligkeiten gegen das jüdische Volk und die Macht Den er Freunde in ihrem grossen Kampfe um das (iliiek und die Freiheit des Volkes! (lebe nicht blind i:1 die Ealle der boshait-schlauen. gottlosen Reg.erung. die Dich gegen die jüdischen Arbeiteruiassen;!!!!:letzt. Glaube nicht, dass die Juden den Cl.rsten nur leblos zufügen. G'au! 1 cs nicht! Das ist eine verbrecherische Liigc. Du weisst es selbst, dass aus dem Stamme der Juden Jesus Christus, die Mutter Gottes, die Apostel und auch einige Verkünder der rechtgläubigen Lehre hervorgegangen sind. Vernimm auch die Wahrheit, dass auch jetzt noch von den Juden Apostel der Auf- Klärung. Genien der Menschheit. Märtyrer, die ihr Leben für das Wohl des russischen Volkes hingehen, l.crvorgehen. Und wenn man sagt, dass die Juden Christus gekreuzigt haben, so fällt die Sünde und die Schuld dafür auf unsere Bischöfe und Popen, die das Volk ausplündern, aber die Wahrheit verschweigen und sic nicht dem Volke, das von den Glaubens- Sache!» nichts versteht, im Tempel Gottes verkündigen und Dich, russisches Volk, nicht von der grossen Sünde gegen die Juden fcrnhalten. Demi es ist wahr, dass erstens nicht das Volk den Heiland gekreuzigt hat, sondern die Bischöfe, Priester. die Pharisäer und Schriftgclehrtei! — alles Vorgesetzte, oder mit anJcren Worten. Regenten und Beamte. Zweiteis sollen für ein Verbrechen, das vor 2000 Jahren begangen wurde, die Nachkommen nicht bestraft werden. Drittens weist Du. dass Christus, unser Heiland, am Kreuze noch seiften Verfolgern vergeben hat und auch Gott, seinen barmherzigen Vater, gebeten hat: .,Vater, vergicb ihnen.” Das sind de Worte unseres grossen Lehrters. Aber unsere schlauen und •feigen Priester, die niedrigen Schme'ehler des Zaren, wie Johann von Kronstadt, machen die Bauern und Arbeiter nicht auf die Worte aufmerksam, sie verkünden ihnen nicht, dass Christus, wie sehr er auch die Schmeichler und Pharisäer, die Ausbeuter des Volkes, gehasst hat. sein zu jener Zeit schon unterdrücktes jüdisches Volk so sehr geliebt hat. wie Du zu liehen nicht fällig hist.” Zur Judenfrage in Russland Die russische Regierung hat dieser Tage ein neues Gesetz zur Erleichterung des Daseins der Untertanen mosaischen Glaubens veröffentlicht. Bei uiilierni Zusehen stellt sich das Gesetz mehr als eine Atisfuhnitigsbestimmmig zu dem |m vorigen Jahre veröffentlichten Gesetz dar. Das Gesetz bringt aber auch einige Erweiterungen, die im Auslände leicht als eine Besserung der Lage der Juden aufgdasst werden könnten, ohne dass es der Fall ist. Nach § 2 des neuesten .Gesetzes dürfen Apotliekergeliilfeu. Zalmkünstler. Feldschere und Geburtshelferinnen. Maurer. Siciuliaiier, Baiihandw erker, Stuckateuere, Gärtner, Pflasterer und Erdarbeiter, wenn sie die entsprechenden Zeugnisse über ihren Beruf beizubringen vermögen, auch ausserhalb der der Judenbesicdeluiig freigegebenen Ortschäften im Ansiedeliingsbczirk ihrem Beruf naeligelien. Für den Kenner der Verhältnisse bedeutet das Gesetz nichts anderes ars eine Reglementierung und Erweiterung der Bestechung der niedern Polizcibeamteu. Es heisst uichtj Der Zalmkünstler X. : kamt im Dorfe Stepankowice seinem Gewerbe nachgehen, sondern cs heisst, der Gemeindeschreiber von Stepankowice kam von X. für die Ausstellung des Zeugnisses, dass er wirk- : lieh Zahnkünstler sei. circ entsprechende Belohnung fordern. Das ist keine Übertreibung. Je nach den örtlichen Verhältnissen ׳ finden sieb der Dorfälteste, der Kreispolizist oder andere : W iird;n*räger noch |j׳nzu. die gleichfalls vom jüdischen Zahni Künstler leiten wollen. An diesen Dingern werden auch die; besten Absichten der Regierung in Petersburg, die letzthin durch einen Senatshcsehhiss zutage getreten sind, nichts ändern. Der Beschluss sagt: ..Schriftlich oder müudüch abgeschlossene Pachtverträge auf Land zur Ackcrbestellimg. die den Gesetzen über das Wohnrecht der Juden aui dem; flachen Lande zuwiderlaufeu. berechtigen d!e administrative!! Verwaltungsbehörden nicht, den jüdischen Pächter gcwalts *..*• , von der Pachtung zu entfernen; cs ist ei!: Gerichtsbeschluss | notwendig." Dieser Beschluss würde, wenn siel! d׳c nieder!! Provinzbehöruen daran kehren wollten, die gesamten gegen ׳ die Juden erlassenen Gesetze umwerfen, da die Gese tzesiibertretung ja nicht mehr v.-rhindert werden kann! Ein tüchtiger ' Rechtsanwalt wird es stets möglich machen■, einen deswegen anhängig gemachten Prozess in die Länge zu ziehen und in den i Senat zu retten. Ist das aber gelungen, dann ׳'!at d:!s!:־!.׳ ־• treffen der Entscheidung gute Weile. Der Pächter hätte Jahre; Zeit. Die praktische 1 olge des Suiatsbeschhisscs wird sei•. i dass die .luden aus den schon eng werdenden Kolonien z■: Tausenden!.and bei den angrenzenden Grossgrundbesitze!•: . pachten werde,11. natürlich mittels mimdlicher Vereinbarung.; Die gew!sseuhauen Behörden werde*;! <!,e Pächter verklage:.; Durch Kollektiv-Fechten der jüdischen Ackerhaukolonic:; j werden die Vertragsobjekte* in den meisten f־allen so.gross sei;. . dass die Anruumg des Senats möilleh wird. DK• Pro/essknste:: trägt das sehr bemittelte Zentralkomitee der jüdischen K<*l•־•-; nisat onsgcselksciiaft. I״:;׳!gcdess.11 w ird entw eder der Sen .: : von einer Flut von Kassationsklagen überschwemmt werde:, j oder die Regierung wird die In־.scl!eidt1ng wie bisher den! Er- messen der Ortsbehörde überlassen müssen. 11: hiesigen Verwalamgsk reisen. die den Scnatsbvscliluss nicht billigen, beste!.־ d.e Annahme, der Senat wolle einen Aiisgarispunkt scharen, v׳!;: j dem aus :die Beschränkungen, gegen die Juden beseitigt Werde:: j könnten. In der Tat wird es schwerlich eine ׳günstigere Ge* I leg-.nbeit gehen, die Unvernunft der Judengeset/gebun;: nachj zuweisen, als i!11 Anschluss an die zu erwartenden Prozesse, j N'ehmen wir einen bei den jüdischen Bauern häufigen Fall. 1 Jemand hat sechs Dcssjatine!: (d’>c Pessjatine 1,09 ד־ ha י; Land, fünf Söhne und drei Töchter, von denen alle je 36 Rubel bares Geld mitbekommen. Die Töchter heiraten. Die Söhne haben, da das russische Gesetz, es ihnen unmöglich machte. I nichts anderes gelernt als AckerwJrtsehau. Der der Kolo:!:. benachbarte Orossgriiudbcsitzcr. bei dem wieder nach de::! russischen Gesetz die überschüssigen Arbcitskräiie aus d׳.r Kolonie nicht als Scharwerker, Knechte usw. in Dienst treu:, dürfen, will, um sein Land nutzen zu können. Teile verpachten. Vier von den fünf Söhnen des jüdischen Kolonisten sind bereit. Land zu übernehmen. Im Gouvernement Will a kostet z. B. die ן Dacht für die Dcssiatüe 7 Rubel: jeder könnte also 2 bis I 3 Pessjatincn. zusammen 10 bis 12 Dissjatiuen pachten. Die ( vier Arbeitskräfte fänden uiitzlief.e Betätigung, der örossgrimd- . bcsltzcr könnte sein Land verwerten, die Zahl der Verbraucher j im Lande wäre gehoben usw. Da kommt der gewissenhafte I Kreiseln!: Das Gesetz verbietet Jude!•. Land zu pachte:־. Was wird aus den vier Juden, die der Vater nicht mehr hehalten kann? Auswandern können sie nicht, weil sie nie!!: reich genug dazu sind. Die jungen Leute kommen nach Wilna. Dort unterbieten sie. solange sie noch eigenes Geld haben, d c andern Arbeiter, um später von neuen Zuzüglern unterböte*! zu werden. Gesund, kräftig und voll Energie zum Lehen, sehe:׳ sie sich plötzlich vor die Alternative gestellt, langsam hinz> siechen oder sich den Lebensunterhalt auf verbrecherischem Wege zu verschaffen. Die schwächeren Elemente werden z:1 Dieben. Mädcheiihäudlern. die stärkeren, glücklicheren, sind : einem politischen Agitator in die Hände geiallen. Fs gibt auf ן der ganzen Welt keine Grossstadt, in der das Eiend tiefer | und gemeiner wäre, als in dem russischen Ghetto, in den 1 kleinsten Städtchen des Ausicdlungsbezirkes; aber in gar/ Russland gibt es auch keine ('!nippe in der Gesellschaft, die bewusster die Revolution schürte, als das organisierte jüdische Proletariat! Dass die Zustände so sind, wie ich eben andeutete, daiiir wird aber Kein rechtlich denkender Mensch die Juden verantwortlich machen können. Die Anuiassung, stark pulsierendes Leben durch geschriebene Gesetze Hinhalten zu wollen, hat sie bewirkt. Möchte doch die russische Re- ׳•.erung einsehtii. dass sic nicht eher Herr der Revolution .־׳! werden vermag, als bis sie alle gesunden Kräfte der russischen Staatsbürger zu gesunder Betätigung frei lässt. (KÖLNISCHE ZEITUNG).