Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1905-08-25 · Heft 34 (25.8.1905) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651394-2651428--02710-2659606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 34 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 429 und den Fluch Oottes? Wo ist Deine Barmherzigkdit. Dein 1 Mitleid, das Mitleid des Samariters zu dem gepeinigten, beraubien, jüdischen Volke, das wie lener Hebräer im Evangelium, der in die Hände öer grausamen Räuber geriet, in seinem eigenen Blute schwimmt? Warum zeigst Du bei Deinem angeborenen Mitgefühl eine solche Grausamkeit gegen das von seiner Heimat verbannte Volk. ' Ich will Dir, mein russisches Volk, offen und ehrlich darauf antworten, da ich Dich mehr als mein Leben liebe und bedauere. Vernimm also die Wahrheit, die ich Dir sagen werde. Deshalb bist Du, mein armes Volk, anstatt ein barmherziger Samariter zu sein, häufig gegen das jüdische Volk nicht nur schlechter als der Lcvit und der Priester, sondern sogar schlechter als die wilden Räuber, weil Du in finsterer Unwissenheit, Rechtlosigkeit und drückender Armut schmachtest, und weil Du auf keine Weise Dich aus Deiner Not befreien kannst. Sie halt Dich umklammert, heftet sich an Deine Fersen und treibt Dich dazu die letzten Kopeken zu vertrinken. Dein Weib und Deine Kinder zu misshandeln: sie treibt Dich ins Joch der Blutsauger — der. Fabrikanten und Gutsbesitzer. Die Rechtlosigkeit fesselt Deine Hände, unterdrückt jedes freie Wort und bringt Dioh zum Äussersten. Wie arglistige Schlangen winden sich die Unwissenheit. Rechtlosigkeit und Armut um Dein Herz, saugen jedes gute Gefühl aus ihm. verdrängen die Worte des Evangeliums, die Worte des Heilands aus Deiner Seele und hindern Dich daran, bei Deinen Taten ihrer zu gedenken. Diese Schlangen speien ihr Giit in Dein schlich- * tes Menschenherz und füllen Dein Hirn mit bösen und finsteren Gedanken. Und mancher Bauer und Arbeiter vernimmt nicht mehr die Stimme des gesunden Menschenverstandes, er kann die Wahrheit nicht finden, die Lüge von der Wahrheit nicht unterscheiden, er weiss nicht sicher, woher diese Schlangen kommen, wie sic sich vermehren und wer die Schlangenbrut über die ganze russische Erde, zum Wehe des Volkes, ausgestreut hat. Aber die treuen Diener des ..grossen Drachen“ *) die Vampyre, die kaiserlichen Beamten und ihre Anhänger, diese Voiksverräter missbrauchen voll boshafter Freude die Blindheit des Volkes, indem sie so den fürchterlichen Volkszorn von sich abwehre!:. Mit Aufbietung aller Kräfte streuen sic mit Sclilangenlist ihre teuflischen Schmähungen und Verieumdangen über die russischen Fluren, damit sic selbst um so sicherer und gefahrloser das Blut des russischen Volkes saugen können; diese unersättlichen Vampyre verbreiten überall ihre schwarzen Lügen, dass alles Leid des russischen Volkes von den Antichristen, den Juden, herstamme, dass auch die Rechtlosigkeit. Unwissenheit urd bittere Not durch sic verursacht sei, und dass sie unsere wahren Feinde sind, die überall Unruhen und Aufruhr stiften. Daher kommt also der b'indc Hass des russischen Volkes gegen das jüdische. Hierin liegt also die wahre Ursache der unerhörten, kaum tilgbaren Schmach, die Deine unwürdigen Söhne Dir autun, indem sic ihre wilden Exzesse gegen das jüdische Elend begehen. Damit Du. unglückliches russisches Volk, klar erkennst, dass alles, was ich gesagt habe, Wahrheit ist, und damit Du zu Deinem Wolilc das ganze falsche, boshafte Getriebe der kaiserlichen Bcamtenwirtschaft auf's deutlichste durchschaust, will ich Dir einige direkte und genaue Fragen vorlegen, und Du berate Dich mit Deinem Verstand und Gewissen, bevor Du mir antwortest ... Urteilt selbst. Ihr Bauern und Arbeiter, und überzeugt F.uch cndlidh genau, ob die Juden in der Tat Eure bittersten Feinde sind, und ob Euer qualvolles Leben sich ändern würde, wenn sie vom russischen Boden verschwinden würden! Wer hat den Bauern an Stelle von Land. Freiheit und Gleichheit nur kleine Landstücke mit grossen Einlösungszahlungcn gegeben, wer hat de Bauern mit grossen Steuern und Abgaben, ohne ihre Einwilligung, belegt, wer ihre Rechte durch verschiedene Verordnungen beschränkt, sodass ihre Freiheit nur eine lächerliche, verstümmelte ist. ohne gleiche Verteilung des Bodens? Die Gutsbesitzer aber, die Popen und Beamten führen, wie früher, ihr freies, zügelloses Leben. Wer trägt die Schuld daran? Die Juden? Nein, nicht die Juden, sondem Kaiser Alexander II.. den Du russisches Volk, mit Unrecht Deinen Befreier nennst, und dessen räuberische Beamte und stolze Höflmgc — alles rechtgläubige Christen — ihm das unwissende» vertrauensvolle Volk betrügen halfen. In wessen Händen befindet sich noch bis jetzt nach dieser trügerischen Befreiung unser ganzes Land, unsere Ernährerin, unser mit Deinem Blut und Sclnvciss getränkter russischer Boden? Wer ist es. der Dich, arbeitendes Volk־., daran hindert, das Land zu benutzen? Sind cs die Juden? Nein! Der Zar mit seinen Verwandten, der Staat, die Gutsbesitzer •) Der Gebirgsdrache im russischen Märchen. (Amt!, d. Ubers.) und andere Blutsauger — alles rechtgläubige Christen. Von allen Seiten haben sie die armen Landstücke der Bauern mit ihren Wäldern und Weideplätzen umgeben, wie mit Fallen umstellt, sodass der arme Bauer nicht einmal seine Hühner hcrauslasscn. geschweige denn sein elendes Vieh, wenn er solches besitzt, auf die Weide treiben kann. Ucberall drohen die unbarmherzigen Gutsbesitzer mit ihren Straicn. Wer befindet sich im Besitz der Fabriken? Wem verdingen sich die Arbeiter als Leibeigene? Für wen arbeiten sie ohne Rast und Ruhe für geringen Lohn? Für die Juden? Nein, für die Kapitalisten Kauflcutc und dickbauchigen Fabrikanten, für die Gutsbesitzer christlicher Abstammung. Freilieh gibt es unter den Kauflcuten und Fabrikanten auch Juden, aber sie alle haben nur einen Glauben: Lebende und Tote zu berauben. Wer hat aus den Junkern Semstwo-Vorsteher gemacht, die den Bauern wie ein lebloses Spielzeug behandeln? Wer lässt sie unabhängig .bewachen? Ist es nicht der Zar und seine Minister? Wer erpresst aus dem Volke schonungslos Steuern. Abgaben und Bestechungen verschiedener Art: wer reisst die Bauern von ihrer Landarbeit los und wirft sic wegen Armut ins Gefängnis, wer schlägt sic mit Ruten und Peitschen, versetzt ihnen Maulschellen, belegt sic mit unanständigen Schimpfwörtern und verspottet sie schlimmer als der schlimmsie Tartar? Sind es die Juden? Nein, nicht die Juden tun dies, sondern die Minister. Gouverneure. Polizeikommissare, die Bischöfe mit ihren Priestern, diesen falschen Dienern Gottes, die das russische Volk ausrauben und ihm nichts Gutes zuteil werden lassen. Und was geschieht mit dem blutigen Geld des Volkes ohne sein Wissen und seine Kontrolle? Wird cs für die Bedürfnisse des Volkes, für seine Aufklärung, für das Wohl und den Ruhm unseres russischen Vaterlandes verwendet? In wessen Hünden befindet es sich und wer verfügt darüber? Die Juden? Nein, nicht die Juden, sondern der Zar und seine liderliche Sippschaft, seine Minister und die ganze Bande ihrer Anhänger weltlichen und geistlichen Standes . . . Diese Volksfeinde verschwendeten schonungslos die Ersparnisse der Bauern und Arbeiter, befestigten Port-Arthur und machten es. wie sie sagten, uneinnehmbar: sic bauten, wie sic sagten, unbesiegbare Panzer- und Kriegsschiffe und eine Eisenbahn in der fremden fernen Mandschurei, die niemand brauchte. Sie verbrauchten, wie sie sagten. Millionen von Rubel zum Ankauf von gutem und reichlichen! Proviant, von Waffen und versclnedeuem Kriegsmaterial ffir unsere armen Soldaten. Das alles taten unsere rechtgläubigen, christlichen Missetäter und ncht die Juden. Den Juden ist in Port Arthur und der Mandschurei das Leben und der Aufenthalt sogar verboten, und nur ihr Blut für die fremde, überflüssige Mandschurei zu vergiessen, ist .ihnen erlaubt .... Um Dich von der Wahrheit abzuienkau damit Du nicht die wahren Ursachen Deiner schweren Leiden erkennest. sch:ckte die Regierung gemietete Böscwichter; Kaine.!:ach allen Richtungen des russischen Reiches aus. damit sic Dir unerhörte Lügen über die Juden erzählen und die verschiedenen Nationen, die russisch-rechtgläubige auf die jüdische, und <fe muhamedanische auf die armenisch-christliche hetzen sollten. Böscwichter verbreiten über die Juden die furchtbare Verleumdung, dass sie christliche Kinder schlachteten und ihr Blut tränken. Das aber vergessen sie. dass die Juden an Gott den Vater glauben, uud dass die Bibel ihnen heilig ist. wie auch den Christen. Und erlaubt denn die Bibel menschliches Blut zu trinken? Dort wird sogar, geboten, überhaupt kein Blut zu trinken. Das unwissende Volk aber glaubt zuweilen diesen gemeinen, dummen Fabeln. Und an vielen Stellen gelang die tcufi sche List der Blutsauger-Beamten. Viele gingen in di״ Fa’le. Und es erhoben sich gegeneinander voll Hass und blinder Wut diejenigen. die von dem gleichen grausamen Räuber, der kaiserlichen Regicrun'g. gepeinigt wurden urnl dachten nicht mehr an den barmherzigen Samariter. Blut floss auf beiden Seiten in Strömen, das Blut der Erniedrigten und Bedrängten tränkte die!feuchte Erde zur ״rossen Freude der wilden, unersättlichen, blutdürstigen Vampyre. Unerhörte Missetaten wurden vollbracht. Vor zwei Jahren plünderten die Böscwichter die ganze arme jüdische Bevölkerung in Kischinew aus und erschlugen auf die grausamste Weise 50 Mensehen und verwundeten 200; darauf beschlossen die Juden in den anderen Städten, sich nicht mehr wie Lämmer hinschlacht״n zu fassen, sondern sich zu verteidigen. Sobald nur ein Pogrom beginnt, tritt die Selbstwchr. mit Revolvern und Wurfkugelu bewaffnet, in Tätigkeit und verteidigt mit Gefahr ihres cigoncii Lebens ihre Brüder und Kinder. Greise und Frauen. In Hornel und Shitoiiar wurden einige aus dieser Selbstwehr getötet aber auch sie töteten einige Raubmörder und verwundeten viele von ihnen. So wurde also das Blut

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.