Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 34 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 425 ■ I zu bestehen hatte, nicht wohl ausfallen. Der grosse Moment fand ein kleines Geschlecht! Denn dieser formelle Missgrirn hatte mehr als ätisscrlichc Bedeutung; er muss den eben errungenen Respekt der Regierungen und vieler ernsten Politiker für unsere Bewegung aufs Schwerste schündigen. Schmerzlicher noch ist jedenfalls die inhaltliche Bedeutung des Beschlusses zur Ostafrikafrage. Damit ist — hoffentlich nur für die nächsten Jahre — im Prinzip jede Möglichkeit ausgeschlossen, für die jüdische Massennot vom zionistischen Standpunkte aus irgend eine Gegenwartsarbeit zu entfalten! Wir werden weiter mit verschränkten Armen Zusehen müssen, dass im Osten der Teil des Judentums, der unsere nationalen Traditionen a!n besten gewahrt hat, physisch, geisEg, moralisch, wirtschaftlich immer mehr verkümmert, dass sich Hunderttausende nach allen Richtungen der Windrose zerstreuen, um in den Einwanderungsländern einer immer steigenden Entjudung anhcinizufallcn oder — in ständig wachsender Zahl auch dort ztirfickgcwiesen und in ihre diversen ״Vaterländer“ zurücktransportiert zu werden. Einem Volkselend gegenüber, wie cs die Welt noch nicht gesehen, werden wir kühl bis ans Herz hinan erklären müssen, dass wir nach der neuen Auslegung, die das Baseler Programm auf dem VII. Kongress erfahren hat, uns auf eine bei den schwierigen Verhältnissen leider nur engbegrenzte Palästina-Arbeit zu beschränken haben. Es dürfte Becker schwer fallen nachzuweisen, dass der eben gekennzeichnete Standpunkt ״das von unserem Führer uns }unterlassene Erbe“ ist. Wenn man schon die alten Bahnen verlässt, so habe mau auch den Mut, es cinzugestchen! Aber mait nehme nicht Herz! für eine Politik in Anspruch, die zweifellos schien schärfsten Widerspruch hcrausgqfordert hätte. Wie wenig das der Herzische, oder, sagen wir unpersönlicher, der politische Zionismus noch ist, ergibt sich aus den weiteren Konsequenzen, die dieser Beschluss gezeitigt hat und noch zeitigen muss. Auch diejenigen, die auf dem Kongress nicht bloss nach Ussischkins Signal die Hand erhoben, sondern jedesmal wussten, wofür s:c stimmten, waren wohl darüber im Klaren — oder aber die Logik der Tatsachen muss sie in naher Zukunft darüber aufklären —, dass eine Massenbewegung auf die Dauer nicht mit vagen Hoffnungen, romantischen Plänen und z’ello-cn Idealen gefüttert werden kann. Da nun auf Gegenwartsarbeit ä Ja Uganda Verzicht geleistet worden ist und Palästina als Objekt einer grosszügigen zionistischen Politik bis auf weiteres leider nicht in Frage kommt, so muss die unausweichliche Konsequenz der Dinge darauf hindrängen, in Palästina schon jetzt an alles heratizugehen, was irgend eine Betätigung oder auch nur den Schein einer solchen gestattet. Allerdings hat man dem Landerwerb Schranken gezogen, und Becker reklamiert gerade den diesbezüglichen Be- Schluss mit Emphase als eine Absage an d:c unpolitischen Palästinisten. Aber bei näherem Zusehen zerrinnt die schöne Illusion; die Feststellung des Begriffes ״rcchtFchc Sicherungen“ bleibt nämlich im Einzelfalle der Leitung überlassen. Dass damit dem Landhunger Ussischkins Tür und Tor geöffnet ist, wird jeder verstehen, der seine Broschüre ״Unser Programm" gelesen; danach lässt sich, mit schwierigen Kniffen zwar und unter Anwendung des mit Rcaht so beliebten Bakschisch, immerhin eine Art Sicherung erreichen, die in seinen Augen genügt. Und ein sehr einflussreiches Mitglied unserer Leitung hat noch vor wenigen Monaten mit naiver Ruhe erklärt, das Stcohmamisystcm gebe auch dem NatiomH'or.ds beim Länderwerb hinreichende Sicherheit. Aber man w׳ird ja Land nur für die wisscnscnaftl'chen Institutionen kaufen, an Kolonisation unter solchen Rechtsverhältnissen denkt ja niemand — dringt man beruhigend in uns und verweist auf die Resolution gegen die ״planlose, unsystematische und philanthropische Klcinkolonisation im Sinne des Chowcwe-Z:;onismus“. Und Becker Ist so glücklich zu glauben, dass damit das Gespenst •des Rückfalls m die alte Kolonialpolitik zerstoben sei. Ja, wenn dein so wäre, so hätten auch wir mit ruhigeren Gemütern den Kongress verlassen; die schmerzlichen und peinlichen Eindrücke von den Uganda-Verhandlungen hätten zwar noch lange nachgewirkt, aber sie wären kaum die ausreichende Basis für die Organi- Sprung einer programmtrcucn Opposition gewesen, und man hätte sich schliesslich damit wohl abgefunden. Was uns so sorgenvoll macht, was uns zwingt, schon jetzt für den nächsten Kongress zu rüsten, ist eben die Überzeugung, dass der Aus- Schluss jeder anderen Tätigkeit als der Palästina-Arbeit über kurz oder lang uns in die Chowcwe-Strömun״ h'ineir.treiben muss. Leider bedarf es nicht erst der Mahnung Beckers, um uns die Gefahr vor Augen zu führen, dass ״die planlose Kleinkolonisation uns als ein Mittel zur Erreichung des zionistischen Endz’elcs aufgedrängt werden könnte.“ Die Gefahr kt bereits in nächste Nähe gerückt; in der Broschüre Ussischkins, in dem Aufruf der deutschen Palästinisten vom März d. J., in den Nossfgschen Publikationen, in der ersten Fassung der Freiburger Resolutionen ist ja diese Gefahr mit Händen zu greifen. Jedes Stück erworbenen Landes, jeder Kolonist, jede Fabrik oder Schule, kurz alles, was sich eben machen lässt, soll planvoll und systematisch die Grosskolonisatiön und Autonomie vorbcreitcn helfen. Kolonisiert werden soll auf der Basis -7rechtlicher Garantieen zwar nicht, aber — einer Theorie, die steigende rechtliche Garantieen parallel der wirtschaftlichen Tätigkeit verheisst. Wo da die Reise hingeht, muss jeder sehen, der Augen hat. Noch schlimmer fast als diese praktischen Bes’rebungen ist der Geist, in dem sic betrieben werden, der theoretische Unterbau, den man ׳Tinen nachträglich gegeben hat. Man konnte es vor dem Kongress hin und wieder lesen, am Kongress selbst aber bereits als Binsenwahrheit verkünden hören, dass die Erreichung eines Charters zum Zwecke der Grosskolonisation Palästinas überhaupt eine Chimäre se:, dass wir aber selbst mit dem Charter in der Hand niemals einen Grosskolonisationsplan realisieren, sondern auch darn infiltrativ würden Vorgehen müssen. Also wäre den jüdischen Massen auch bei Erreichung eines Charters nicht zu helfen. — fragten wir verdutzt und erhielten darauf die Antwort, dass der Zionismus ja garnichts mit der Judennot zu schaffen habe, weder in dem Sinne, dass diese ihn geboren oder auch nur gross gemacht habe, noch io dem Sinne, dass er die Linderung oder gar die Beseitigung der Judennot zum Ziel haben könne. Und das soll ״alter, politischer Zionismus“ sein?! Mit solchen Auffassungen und Theoremen will man ״die breiten Schichten des Judentums gewinnen,“ Unser Präsident war Optimist, als er erklärte, die Krisis im Zionismus sei vorüber. Nein, sie beginnt erst, und dass s:c einen guten Ausgang nehme, dazu wollen wir mit allen loyalen Mitteln und mit der ganzen Kraft unserer zionistischen Überzeugung helfen. In aller Ruhe und Loyalität, aber laut und vernehmlich rufen darum auch wir von neuem: An die Gewehr e! Der Verband der politischen Zionisten Deutschlands. I. A.: Dr. Jeremias, Posen. * Den vorstehenden Ausführungen des Herrn Dr. Je remias*) muss ich — zugleich im Namen der Redaktion der •) Ein ״Verband der politischen Zionisten Deutschlands“ ist uns bis heute noch unbekannt und erscheint uns überflüssig, da die ״Zionistische Vereinigung für Deutschland“ ja ein derartiger Verband ist. Sollte sich aber wirklich׳ ern Verband mit diesem Namen konstituiert haben, so hielten wir diese Bezeichnung für eine grobe Ungeliörigkcit, da die Herren in keiner Weise das Recht hätten, ihren!früheren Gesinnungsgenossen gegenüber nunmehr ein Patent auf ״politischen Zionismus" zu nehmen. Die Red.