Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 411 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 33 In einer Ausnahmestellung. Da liegt d:c Ursache der.spci־i- I fischen politischen Leiden, der spezifischen materiellen Judciv not. die unser Schicksal ausmacht. Neben dieser stcl.t die zweite. Das jiid sehe Volk hat einen starken, unbeugsamen O&st: es kann sich nicht assimilieren. יי Unsere Geschichte hat cs vollständig bewiesen, und da es in der Diaspora in n'let! Länden׳ mit fremden und oft starkeil Kulturen zu tun hat. so leidet es geistig in allen Ländern. Es ist nicht leicht, zu sagen, welche Leiden schwere: sind. Unser verehrter Präsident. Herr Dr.Nordau. hat in seiner Rede am ersten Kongress mit Recht gesagt, dass ״die sittliche J u d chn o t noch bitterer ist, als die I ei ס I i ch e. weil sie h ö 11 e r differenzierte, stolzere und!einer fühlende Menschen 11 e i 111 s u c 11 i.־’ Bedenken Sic diese Worte, dann werden Sic mit mir einverstanden sein. dass, wciui auch die Lage unseres Volkes sich in der I Diaspora bessern wird, die sittliche Judennot noch stärker werden wird. Je ‘freier wir werden, desto stolzer werden wir, desto mehr entwickelt sich das nationale Bewusstsein und desto mehr, werden wir leiden. Wie ist da zu heiien. Weint wir das jüdische Volk retten wollen, müssen wir in beiden Richtungen gleichzeitig arbeiten. Und was ist da zu machen? W־r müssen, aut Öffentlich-rechtlichen Grundlagen eine Heimstätte schaffen, welche, wenn auch nur von einem Teile bewohnt, die politischen Verhältnisse und das innere!.eben, die materielle und geistig־.־ Lage des ganzen Volkes :'indem wird.• Unser Volk stellt eine Reihe von K<!l<m'ep, die in allen Weltteilen zerstreut sind. vor. die aber keine Metropole hesitzen. Diese Metropole miissui wir dem iiidischen Volke schaffen. ..Dann, sagt Dr. Herz! in seinem .,Basler Kongress", «werden wir das odiose Privileg beseitigen, dass wir eine Ausnahmestellung ciniiehmen. weil wir als Juden gebereu sind." Penn wir werden dann keine Ausnahme zwisehen den Völkern machen. In dieser Metropole wird das Volk sich auch geist'g selbständig entwickeln können, da wird sein geistiges Leben frei gedeihe:', und das Bedürfnis nach nationalem Lehen erfüllt werden. Allen zerstreuten Teilen werden aus diesem Zentrum Hilfe und frische nationale Kräfte zuflicssen. Diese Metropole für einen Teil des Jüdischen Volkes zu gründen, das ist die nächste Aufgabe des Zionismus, das heisst, die Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen. Eine Zcitlang dachte man. und cs sind auch jetzt noch viele da, die so denken, dass man dazu nur ein Territorium braucht, ein Stück Land, und wenn wir das bekommen, dann werden wir schon alles!'ihrige lösen. Unser.verewigter Führer war in der ersten Zeit seiner Tätigkeit derselben Ueberzeugung. Hin Stück Land soll mau uns geben, alles übrige werden wir selbst besorgen, sagt er in seinem ״Judenstaat”. Wir aber. Zionisten, sagen: für unsere Aufgabe, für die Schaffung eines Zentrums, einer Metropole für das ganze Judenvolk, welche die politische Lage und das innere Leben des ganzen Volkes gründlich abäiidcrn könnte, gibt cs nur ein Lau d, und das Ist unser Palästina, unser histoUschcs Land (laug anhaltender Beifall). Ich kann dies liier nicht'mit vielen Worten begründen, muss aber kurz!folgendes sagen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir nur einen Teil 0״s jüdischen Volkes dort ansiedeln werden, so kamt unserem Zwecke nur er■ solches Land entsprechen, welches in den Augen des Judenvolkes. w ie auch der andern Völker d i c Autorität eines Zent r u m s des ganzen zerstreuten Judenvolkes besitzen wird. Primicru wir uns an Fsra. Er ist nur mit Iöim) Enmilicn nach Palästina zunickgekommei’ und das jüdische Reich wurde m't dieser kleinen Zahl hergestellt. In jedem andern Laude würde es nur eine Gruppe von Juden bilden, aber nie die Metropole, das Zentrum des Volkes. Und auch jetzt nirgends, ausser in diesem einen Lande, kann ein Teil d-.s Volkes die nötige Autorität 11׳ unsern und in fremden Augen bekommen. 2. Wir haben gesehen, dass neben der leibüchen Not die sittliche dastellt als der zweite Teil: das Bedürfnis des Judenvolkes nach sell!stäud:gcr, nationaler Entwicklung. Das können wir nur dort erreichen, wo wir nicht von starker Kultur umgeben sind, lind am leichtesten dort, wo unser Volksgeist seinen eigenen Boden findet, lebende Traditionen, wo die Gegenwart mit der Vergangenheit in harmonische Verbindung kommt. 3. Schliesslich und hauptsächlich muss das Land eine solche Attraktionskraft besitzen, dass die kolossal schwierige Aufgabe, die w.'r übernommen haben, genügen könnte. Die Gesclvchtc hat solche Präzedcnzien nicht aufzuweisen. Und bei unserer Lage, unserem Mangel an Mitteln und Kräften müssen wir mehr, als alle andern auf ,solche Imponderabilia rechnen. Hören Sie. was unser verstorbener Führer Herz! darüber in einem Briefe an Baron Hirsch geschrieben hat: .,Glauben Sie mir. die Politik eines ganzen Volkes ״־ besonders wenn es so in aller Welt zerstreut ist — macht man nur mit Imponderabilien, die hoch In der Luft schweben — Und wer damit nichts anzufangen w׳ei$s״ der mag ein vortrefflicher und nüchterner Manu sein und selbst ein Wohltäter in grossen! Stil. Führen wird er die Menschen!־teilt, und es w:;rd keine Spur von ihm bleiben.” — Wie prophetisch klingen diese Worte! Denken Sic, dass Baron Hirsch einen solchen Kongress wie den utisrigen hätte Zusammenhängen können? Nein! Herzl hat ihn zusammengebracht, weil er den Weg zum Herzen des jüdischen Volkes gefunden hat. (Lebhafter Beifall.) Alle diese Bedingungen zusammen haben wir nur und ausschliesslicli in einem Lande, in unserem, historisch uns gehörenden Lande! Hier ist es möglch, diese Metropole zu schaffen, von hier wird die Laue des ganzen Volke? becinflusst. das Aufheben der Ausnahmestellung in allen Ländern und die Erfüllung des Bedürfnisses nach nationalem Leben und nationaler Entwicklung. Viele, die zuerst mit dem Judenstaate begonnen haben, sind nachher zu d.eser Ueber/.eugung gekommen, datunter Dr. Herzl. Als w ir das letzte Mal im April 190-f in Wien zusammen waren, hat er sich an uns mit folgenden Worten, die ich nie vergessen werde, gewandt: ..Als Judenstaatler”. sagte er. ..bin ich zu Euch gekommen: ich habe Euch meine Vsitkarte überreicht: Herzl •— Judenstaatler! Im Laute der Jahre, im Laute meiner Arbeit, als ich näher mit meinem Volke in Berührung gekommen bin, habe ich vieles gelernt, und jetzt sage ich Euch: Das Problem des jüdischen Volkes ist nur in Palästina zu löse n.” Dies war das Testament unseres Führers, welches er in der letzten Sitzung, die er in Wien noch geleitet hat, in unserer Gegenwart ahgab. Nun kommt man imd sagt uns: das was ihr wollt, ist aber ungeheuer schwer. Zangwill und Chasau haben h!er sehr schwarze Bilder gemalt. Ja, dass unsere Aufgabe von kolossaler Schwierigkeit ist. das wissen wir und wussten w:r früher. Wir sagen aber: ein Volk kann, wenn cs will. Die Frage war nur. ob das Volk wirktteli will. Und das haben diese zwei Jahre bewiesen. Denken Sie nicht, dass die Chasans nur hier unser Land so beschimpfen und beschmutzen wollten, dass wir die grösste Kraft anwenden musstcn. um ihn ruhig anzuhören. D e Chasans haben dies in sehr vielen Städten Russlands mit Eifer getrieben. Und mm scheu Sie rechts und links, und Sie werden jeden Zweifel aufgebeu. ob das Volk will und was es will. Und wenn cs wirklich w ll. — dann l’owdo tikwossenu! (l'renctischer Beifall.) Nicht alle teilen unsere Hofimmg und Sicherheit. Die Territorialisten sagen nein, sie wollen und können nicht nach Palästina gehen. Wir zwingen!Fernanden, mit uns mitzugehen. Uganda stellt ihnen frei.. W'ir hoffen, das wir weiter arbeiten werden und haben Geduld. Ich zitiere die Worte unseres jetzigen geehrten Präsidenten. d e er am VI. Kongresse gesprochen hat: ..Sollte sich gleichwohl die Unmöglichkeit herausstelleii, mit Seiner Maiestät dem Sultan zu einer Verständigung zu gelangen, sollte sein unbeugsamer Wille uns Palästina verschüessen. daun müssen w'r eben, unter feierlicher Aufrcchterhaltung unserer uuverfahrbaren geschichtlichen Ansprüche auf das Land unserer Väter mit beiden Füssen unerschütterlich a u!! dem Boden des Basler Programms beharren, uns in Geduld fassen und warten.” Wir können warten. Aber warten heisst nicht jede Arbeit aufgeben. Hier muss ich ein Missverständu s zerstreuen. Man behauptet hier, wir Zioue-Zioii scUmi Chowewei Zion. Ich halte es Geht für eine SchanJe. ein Chowew Zion zu sein. Wir waren solche noch lange, bevor der politische Zionismus bcgönnen hat. W'cuit wir aber von dort!verlier gekommen sind, so .;st cs nicht, weil wir ein neues Ziel gefunden, sondern weil wir ciiigcsehcn haben, dass dieser Weg der richtigere ist. Seither srnd wir aufrichtige politische Zionisten. Und das bleiben wir bis jetzt. W'ir wollen den Weg gehen, den unser verewigter Führer in den letzten Lebenszeiten gegangen war.. Zuerst hat er gedacht, dass man nur f ii r Palästina arbeiten soll. Nachher ist er zur Ucher/.cugung gekommen, dass man gleichzeitig auch i 11 Palästina in gewissen Grenzen arbeiten kann. Und das wollen wir fortsetzen. Politische Schritte zur Erreichung Palästinas und gleichzeitig dasjenige, was m't diesen Schritten im Einklang steht, in Palästina zu tun — so wollen wir fiir die Verwirklichung des Zmuisttms arbeiten. Diesen Weg wollen wir weiter gehen. (Lebhafter Beifall.) Wir täuschen uns nicht: richtig, unsere Sache ist sehr schwer. Darum eben müssen w׳ir alle, ja alle *׳־räfte an-