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Jüdische Rundschau · 1905-08-18 · Heft 33 (18.8.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 409 sehen Lebensfrage verstehe ich die Landfrage. Ich gehe über von den Prinzipien zu dem Praktischen und sage, das Uganda- Projekt ist bei uns keine zuffilüge Erscheinung, sondern ganz natürlich, (Vorsitzender Marmorek bittet den Redner, sich kurz zu fassen, da noch andere Herren sprechen wollen.) Herr Prof. W a r b u r g hat uns in seinem heutigen Berichte vorgdesen, dass man eine Expedition nach Uganda geschickt hat und das Land sich für uns nicht eigne. Es wird aucn Niel Schwindel dabei sein. (Ruf: Sie sind ein Schwindler! (Grosser Lärm.) Dr. Marmor ck: Ich muss den Redner ersuchen, das zurückzu/.ichcn. (Geschieht). Also ist der Zwischenfall erledigt. CKasan fährt weiter: Die Expedition hat das Land nicht erforschen können in der kurzen Zeit, sie hat sich beeilt,, zurfickzukonmicn. um dem Kongress Bericht zu erstatten. I n Uganda haben wir die Möglichkeit, das Ziel des Zionismus zu verwirklichen. (Stürmische Zurufe: Schluss! Man soll ihm das Wort entziehen! Grosse Unruhe.) Vorsitzender Dr. Marmorek bittet, den Redner anzuhörcu. da er bald fertig sei. CKasan: Ich stelle also den Antrag: Der VII. Kongress drückt seine Zufriedenheit aus mit dem, was das A.-K. getan hat. aber die Unterhandlungen sollen weiter fortgesetzt werden. (Grosse Unruhe.) Vorstzcudcr Dr. Marmorek: Es liegt der Antrag vor, hier abzubrechen und die Sitzung morgen abends um halb neun Uhr fortzusetzen. Es iiegt ferner ein Antrag .der Herren Dr. H a n t k e und Dr. Kalmus vor. Sic beantragen die Wahl von je vier (jeneralrcdnern für beide Parteien. Diese Wahl kann noch heute dureligefiihrt werden. Ich werde die Sitzung auf 10 Minuten unterbrechen und die Herren bitten, sich zur Wald in zwei Säle zu begeben. Vizepräsident Dr. Marmorek verliest noch einmal die verschiedenen Anträge. Der Antrag Hantkc-Kaimus (Wahl von je vier Generalrednem bc\!cr Parteien) wird mit grosser Majorität angcnomnien. (Beifall.) Vizepräsident Dr. Marmorek: Es liegt noch ein Antrag des Herrn Dr. S o s k i n zur Geschäftsordnung vor, dass jeder Redner bloss 15 Minuten sprechen dürfe (Prüfe, auf der Reellten Proteste.) Dr. Soskiu: Ich erinnere zur Begründung meines Anträges daran, dass am letzten Kongress bei der Generaldebatte über das Ostafrikaprojekt ebenfalls bloss 15 Minuten Redezeit angenommen wurden. Vizepräsident Dr. Marmorek: Ich spreche nochmals den schwersten Tadel aus gegen denjenigen, der trotz der Warnung des verehrten Herrn Präsidenten Nordau wiederum gepfiffen hat. Abramowitsch: Ich erkläre mich gegen den Antrag. Eine Beschränkung der Redezeit ist eine Brutalität. Und eine Brutalität soll sich das jüdische Parlament nicht gefallen lassen, wenn cs auch die Majorität so will. Vizepräsident Dr. Marmorek: Gestatten Sie mir eine Bitte. Es ist das erste Mal, dass ich wage, etwas von Ihnen zu verlangen. Ich glaube, es ist im Interesse der Redefreiheit, dass man den Antrag Soskin ablehnt. — Herr Dr. Soskin hat soeben seinen Antrag von 15 Minuten auf eine halbe Stunde modifiziert. Ich wiederhole meine Bitte, den Antrag Soskin abzulehncu. Be; der nun folgenden Abstimmung ist das Resultat ncht sicher. (Grosse Unruhe.) Es wird eine zweite Ab- Stimmung vorgenommui. wobei die Rechte sich ostentativ der Stimmabgabe c n t h U 11. Vizepräsident Dr. Marmorek: Ich bedaure, dass die Herren auf der Rechten nicht von ihrer Stimme Gebrauch gemacht haben. Der Antrag Soskin ist somit angenommen worden. (»Erneute Pfiffe, grosser anhaltender Lärm, heftige Aufregung.) Vizepräsident Mar m 0 r c k: Sic haben gesehen, dass ich bestrebt,war. das Recht der Minorität zu wahren. (Sy rkin ruft: das ist nicht wahr!) Wenn die Herren auf der Rechten mitgestinuut hätten, so wäre der Antrag Soskin gefallen. Sie haben nicht mitgestimmt. Ich stelle den Antrag und bitte Sie. ihn anzunchmen, dass die Herren der Zionc- Zion je eine halbe Stunde tind die Herren der Gegen- Partei eine bis anderthalb Stunden sprechen sollen. (Rurc: Sehr richtig! Grosser Lärm!) Dr. Marmorek macht noch verschiedene Mitteilungen über abends und morgen stattfindcndc Versammlungen und Zusammenkünfte. III. Vcrhantfungstag — Sonntag, 30. Juli 1905 (Ausserordentlicher Kongress) Nacht - Sitzung Die Sitzung beginnt Sonnabends um 9^ Uhr abends. Dr. Nordau: Das Präsidium ist aufmerksam gemacht worden, dass im Saale viele Nlchtdclegierte sich befinden Im Laufe der Sitzung werden Abstimmungen stattfinden. Es ist wichtig, dass an ־der Abstimmung nur Delcgierte teilnehmcn. Es wird aber nicht möglich sein, dies zu kontrollieren, wenn zwischen den Delegierten sich viele Nichtdelegierte befinden. Ich fordere alle Nicl1tdelcg׳erten, die sich im Saale befinden, auf. den Saal zu verlassen, damit eine Abstimmung kontrolliert werden kann, und die Abstimmung als Ausdruck des Kongresses wirklich genau ist. Wir setzen die Verhandlungen über das Ost-Afrika-Projekt fort. Lew׳kow itsch (spricht russisch während 15 Minuten). Briskmann: Zum dritten Male habe ich die Ehre, auf dem Zionistcnkongrcss als Delegierter zu erscheinen. Zum ersten Male aber betrete ich die Tribüne. Ich habe mich gewöhut. an diese Tribüne immer mit Achtung und Verehrung zu denken. Ich we'ss ja. dass das die einzige Tribüne ist, die bis jetzt das jüdische Volk sicli geschaffen hat Ich wclss auch, dass von dieser Tribüne grosse und erhabene Reden, historische Reden au das jüdische Volk und zum ersten Mal an die Ausscnwelt im Namen des jüdischen Volkes gerichtet worden sind. Die Ugan da-Frage hat im jüdischen und zionistischen Leben eine grosse Bedeutung bekommen. Zwei Jahre wurde über diese krage diskutiert. Vor zwei Jahren hat sich der Basler Kongress mit dieser Frage beschäftigt und beschlossen, dass diese Frageuntersucht und auf Grund von Dokumenten zur Beschlussfassung vorgelcgt werden müsse. Zwei Jahre haben w:r geschwiegen im Vertrauen, dass alles getan werde. 11m den Beschluss des Kongresses auszuführen. Endlich fingen wir zu zweifeln an. Nach einiger Zeit wurde es uns zur Gewissheit, dass dieser Beschluss nicht so genommen •worden ist. wie er genommen werden sollte von Leuten, die von demokratischem Prinzip und Geist durchdrangen sind. Heute stehe ich hier, um von diesen Leuten Rechenschaft zu fordern, um gegen diese Leute' eine grosse Anklage zu erheben. Redner polemisiert hierauf gegen das A.-K.. dem er vorwirit, dass man sich niemals an das jüdische Volk gewendet habe, um Geld für d:c Expedition zu sammeln. Das A.-K. habe nach dem Beschlüsse des ■letzten Kongresses nicht seine Demission cingereicht. dadurch habe cs vor der ganzen Welt die Verpflichtung auf sich genommen, diesen Beschluss auszuführen. (Beifall.) Das habe cs aber nicht getan. Das sei eine grosse historische Beschuldigung, eine Beschuldigung im Namen der nationalen Ehre, dieses Kongresses, vor dem das A.-K. doch Achtung haben müsste. Es hätte es nicht zugeben sollen, dass Greenbere alles auf seine eigene Verantwortlichkeit ausgefiihrt hat- Die Schande falle nicht auf das jüdische Volk, sic falle auf das A.-K. (Beifallsrufe.) Redner fährt dann fort: W!r sind hier auf dem Kongress in einer Minderheit erschienen. Das w issen wir. Vielleicht war es unser*. Schuld, zum mindesten teilweise. Wir haben nicht daran gedacht, das Volk genügend aufz.uklüren: wir haben keine genügende Agitation gemacht. Wir haben nicht daran gedacht, dass für unsere Gegner die Tradition sprach, während für uns etwas Neues, etwas Grosses, noch nie Dagewesencs. etw^as Revolutionäres sprechen musste. Wir hahen nicht daran gemacht: wir waren noch zu jung; wir sind eben im jüdschen Leben erschienen. Wir haben auch — wenigstens viele von uns — noch anderes zu tun. Sie wissen, welche gewaftige Bewegung das Land erweckt hat und wie viele von uns gerade diese Bewegung angezogen hat. Sie wessen, dass wir Versamniluncen ciitberufen haben, dass wir in Synagogen gegangen sind, aber auch von dieser Tribüne aus müssen wir das Volk zürn Selbstschutz und zur Selbsthilfe aufrufer." Redner bespricht sodann den Territorialismus, dem er eine grosse Zukunft voraussagt und erklärt schhcsslich: ..Die zionistische Bewegung bedeutet einen Aufschrei." Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes, seitdem es die Unabhüngigkeit verloren hatte, war eine abnorme. Im Verlauf dieser Geschichte־- wurde', der Gedanke gestärkt, dass ein freies Leben nur auf einem eigenen Territorium möglich sei. Dieses Territorium war Palästina. An eine Ausführung dieser Idee aber konnte nicht gedacht werden. D.c kulturellen Verhältnissc in der die Juden umgebenden Welt waren der Befreiungsbcw'Cginig nicht günstig, die technischen Mittel waren

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