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Jüdische Rundschau · 1905-08-18 · Heft 33 (18.8.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ein Aufgeben des Erbes Theodor Hcrzls. Dass davon garnicht die Rede sein kann, sollte eigentlich auch bereit? der äussere Verlauf des Kongresses beweisen. Wenn es möglich war, dass so divergierende Elemente, wie sic der Majoritätsblock aufweist, sich zusammenschwersten zur Annahme dieser Resolutionen, die dann die Stimmen aller früheren Parteien erhielten mit Ausnahme von ganz wenigen, die ebenfalls wieder aut die verschiedensten Gruppen sich verteilten — so geht doch daraus genügend hervor, dass auf diesem Kongross einmal das eintrat, was unter anderen äusseren Verhältnissen mit Freuden begrübst worden wäre, das Aufgeben aller Parteistandpunkte zu Gunsten Parole: Erhaltung ‘der Organisation, Fortführung der Bewegung auf der Grundlage des Baseler Programms! Nichts anderes ist in der״ Reso 1 u־ tionen ausgesprochen! Sic sind eine glatte Absage nach 1 i nks: an den Territorialismus, der als Zweck nicht mehr Zionismus ist. und der als Mittel f4r untauglich erachtet wird. Und eine ebenso deutliche Absage nach rechts an die unpolitisehen Akteure der sogvnannten Kleinkolonisation. an alle Beförderer einer planlosen, unsystematischen Kolonientionstätigkeit, wie z. B. die Chowewc Zimt, deren Tun gleichennassen wie das der Territorialjstcn als flicht in den Rahmen des Baseler Programms gehörig abgelehnt wird. Ja sogar ein Beschluss des VI. Kongresses, mit dem Landankauf aus Nationalfondgddern sofort zu beginnen, wird von eben derselben Majorität dahin modifiziert, dass dieser Ankauf erst criolgcn dürfe, nachdem alle rechtlichdi Garantien vorhanden seien, die zur Sichenitig dieses Volkseigentums erforderlich sind. Dass der Territorialismus als Zweck abgelehnt wurde, ist so selbstverständlich, dass darüber in zionistischcn Kreisen auch kaum eine Meimingsverschiedenhcit bestehen dürfte. Und die rteugegründele ״Jüdiscl^territorialistische Organisation“ wird es wohl bald erfahren, dass unser Planet kein Warenhaus für Territorien ist, auf denen man so von heute auf morgen Hunderttausende v,d1 Juden kolonisieren könnte. Das ist in der Tat das ärgste Phantasma, mit dem je die Phantasie einer hungrigen Masse aufgestach-clt worden ist. das da von den Territorialisten gepredigt wird, dje sieh selbst natürlich für grosse Realpolitiker halten, Es ist schwer, keine Satire zu schreiben über Leute, die aus Tausenden und AbertausenÜen von grösstenteils elenden degenerierten Stadtiuenschen von heute aut' morgen gedeihlich sich entwickelnde Ackerbau-Kolonisten machen wollen, in Texas vielleicht, aber auch In Südafrika, in Nordamerika ebensogut wie im Süden Australiens — was kommt's auf Bodenart, aut sonstige Kultur des Landes, auf Klima usw. an‘! Leute, die — wie die SyrkÜnsche Gruppe — sich Sozialisten nennen und ,dabei sich ein Programm zusammengezimmert haben, über dessen politisch-ökonomische Tollheiten jedem Sozialisten die Haare sich sträuben würden — wahrhaftig, all das wäre einfach lächerlich, wenn nicht die traurige Tatsache bestände, dass diese närrischen Utopisten nun hhatHgehen und Verwirrung in unsere Reihen bringen werden. Der Territorialismns als politische Bewegung ist eine im höchsten Masse gefährliche - weil verlockende und doch durchaus utopische — V 0 l k s v e r ז ii h r u n sr Und der Territorialismus als Mittel zur Erreichung des Zieles des Zionistm:<5 ist zwar weniger gefährlich, weil seine Propagierung — wenn sie die Territorien wirklich nur als Mittel auffasst! — die gleichzeitige Verbreitung der zionistischer{ IfJ.een erfordert, aber utopisch bleibt er darum nicht minder. Dehn es bleibt eine absolut nicht w cgzuleugnende Wahrheit, dass die Masscnkolonisatio 1 eine? Mcnschemuaterials wie des unserigen in fremden, unbekannten, mangelhaft erforschten und erprobten Gebieten, wenn sie als eine ״Atigenblickshilfv“, also als eine rasche. Aktion gedacht ist, ei,ne absolute Unmöglichkeit 'darstellt. Allein die Vorarbeiten zu einer solchen Aktion müssten viele Jahre erfordern, und bcstcnfal!.; könnte nach Jahrzehnten eine Zahl von Kolonisten dort sein, die unsere ..Hunderttausende“־Sch\vürnier arg enttäuschen würde. Dieser Plan hat zwei edle schöne Gedanken — nur passen sic nicht zu einander. Unseren verelendeten Massen rasch irgendwie zu helfen — zwar ist das nicht das unmittelbare Ziel des Zionismus, aber wir würden gewiss alle ,dabei sein, wenn es das gälte; allein diesen Massen kann nur kt einem Lande mit hoher Kultur geholten werden, in dessen industriellen Betrieben sie bald Arbeit und Verdienst finden können: und Tausenden tüchtigerer, kräftigerer Elemente kann eine!andwirtschaftliche Existenz all »näh lieh eröffnet werden, aber nur in solchen Gebieten, die einigerma-sen bekannt und ausgeprobt sind und sonst in jeder Hinsicht günstige Verhältnisse aufweisen. Diese letztere Bedingung macht den zweiten schönen Gedanken zur Unmöglichkeit, nämlieh bis zur Erlangung Palästinas inzwischen irgendw o eim.lt Judenstaat zu etablieren. Dass dieses ..irgendwo" überhaupt irgendwie in den Rahmen des Baseler Programms falle, ist in der vom Kongress angenommcneu Resolution — unseres Erachtens durchaus mit Recht! — scharf negiert worden. Ebenso wie wir keine Kolonisation in Palästina ohne öffentlich-rechtliche Grundlagen bezwecken, so lehhen wir auch Kolonisation, selbst auf dieser Grundlage, ab, wenn sie ausserhalb Palästinas und seiner nächsten Nachbarländer erfolgen soll.' Wäre ersteres nicht politisch, so wäre das letztere nicht zio!ns tisch! Da wir aber politische Zionisten sind, so aollcn wir Bis deutlich die Gefahr vor Augen halten, dass, wenn wir Kolonisation ausserhalb Palästinas und seiner Nachbarländer zulassen — als zweckdienliches Mittel zur Erreichung unseres Zieles — dass dann mit genau demselben Recht, oder richtiger Unrecht, auch die planlose Kleinkolonisation in Palästina uns als ein Mittel zur Erreichung des zionistischen Endzieles aufgedrängt werden könnte. Und die logische, Folge der Begriindtmg einer Gruppe, die jenes fordert, würde die Entstehung einer anderen Gruppe sein, die dieses!Mittel propagierte, womit dann der Zionismus definitiv gespalten wäre. Dieser Kongress hat in klarer Erkenntnis der Dinge beide Mittel verpönt, beide als unzweckmässig, als nicht im Sinne des Baseler Programms liegend abgelehnt. Damit hat er den p0litischen Zionisni u s intakt n a c 11 beiden Seiten hin erhalt ei.i. Für diesen unseren alten politischen Zionismus, für das uns von unserem verstorbenen Führer!unterlassene Erbe gilt es nun weiter zu arbeiten und zu kämpfen, damit wir die Verwirrung von 'den eigene! 1 Reihen fernhalten, die von guten Leuten mit unklaren Absichten hineingetragen wird, und damit w ir die breiten Schichten des Judentums gewinnen, die uns noch fernstehen. Wir hatten an diesem VII. Kongress Sammlung zur Kritik. Die Entscheidung ist gefallen. Und nun von nettem: An die Gewehre! Julius Becker.

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