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Jüdische Rundschau · 1905-08-11 · Heft 32 (11.8.1905) · page 17

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 401 gleich eine Art Absage an den prinztichcu Gouverneur, denn in Persien pflegt der Klerus die Läden schlicsscn zu lassen, wenn er aus irgend einem Grunde eine Volkserhebung plant. Herr Schouker sandte an diesem Tage eine Depesche an das Zentral-Komitee der Alliance Israelite Universelle und' begab sich mit seinem Gehilfen und einigen Soldnern bis. JudeiKjuarticr, wo er auch die Nacht zubrachte, um den Unglücklichen Mut cinzuflossen. Schon bestürmten Tausende den Grossniolla, das Zeichen zum Glaubenskrieg gegen die Juden zu geben, da schickte Se. Kais. Hoheit, der Gouverneur, der für sich selbst ärgerliche Folgen fürchtete, den einflussreichsten Würdenträger, Kauvftm El Mu'.k. nach dem Bazar u!:d licss zur Öffnung der Läden auh'ordern. Nene Gerüchte wurden verbreitet:'Man lehre in den neuen jfidichcn Schulen den Koran. Um diese Lüge zu widerlegen, musste der Gouverneur durch seinen Chefsekretär, obwohl dieser eist zehn Tage vorher dem gesamten Unterricht beigewohnt und ihm einen genauen Bericht darüber־ erstattet hatte, die Schulen nach Korancxcntplaren durchsuchen lassen, natürlich vergebens. Die Verfolgungen Hessen jedoch nicht nach. Am Abend vor dem Wochenfest Hess Aglm Mirza Ibrahim im Judeuquartier durch Anschlag bekannt machen, dass die Juden anstatt der Hüte von schwarzem Eilz türkisch.־ Eeze oder eine Art Mützen, die denen der Clow ns »ganz ähnlich sind, tragen sollten. Zugleich erhielt Herr Schouker den Besuch eines der fanatischsten Geistlichen, dcl־ ihn auf forderte, seinen Glaubensgenossen die Änderung der Hüte zu befehlen. Auch redete der Besucher von dem angeblichen Koranunterricht und hatte es überhaupt darauf abgesehen, auf der Stelle Händel anzufangen, wurde aber so höflich behandelt, dass er sich unverrichteter Sache zurückziehen musst״ Der Direktor sandte eine Abschrift der Bekanntmachung an den Gouverneur und an den englischen Konsul. Unter solchen Verhältnissen stockte jegliche Erwerbstütigkeit der Juden, die vielfach aus geschäftlichen Gründen die Umgegend atifzusuchen pflegen, stell aber aus ihren Wohnungen nicht zu entfernen wagten. Not und Elend nahmen zu. Soweit der Bericht. Das Zentral-Komitec der Alliance licss aui die erwähnte Depesche hin eine Unterstützungssumme von IOuO Ers. nach Schiras telegraphisch anweisen und wandte sich an das französische Ministerium des Äusseren mit der Bitte, durch Vermittelung des Vertreters in Teheran bei der persisehen Regierung vorstellig zu werden, was auch telegraphisch geschah. Die Antwort des französischen Botschafters in Teheran wurde in diesen Tagen dem Zentral-Komitec mitgeteilt. Sie lautet: Die Juden in Schiras hätten unter der Roheit der Fanatiker viel zu leiden gehabt, nun aber sei die Ordnung wiederhergestellt. Der Botschafter aussert seme Sympathie gegenüber den dortigen Juden und gibt seinem Bedauern Ausdruck, dass sie so ungerechterweise der Wut eines unwissenden und ge.cn sie aufgehetzten Pöbels anlieimgefallen wären. Er gibt sich der Honuung hin, dass dank seiner Intervention und derjenigen der andern europäischen Bevollmächtigten, die sich ihm anscl.Iossen (u. a. der englische und der italienische Botschafter), derartige Ausschreitungen nicht mehr stattfinden würden. Die Juden in Spanien Seit zwei Jahren bemüht sich der spanische Senator Angelo Pulido in Wort und Schrift für eine Aussöhnung der Juden mit Spanien, das sie kurz nach der Entdecktuig Amerikas vertrieben hat. Die Bemühungen des Scnators wurden am skeptischsten von den Juden selbst aut'genonmic״. Als neulich der König von Spanien auf ein Schreiben des Kardinal-Erzbischofs Salvador Casanas. der um die Verhinderung der Einweihung einer protestantischen Kirche in Barcelona bat, antwortete, dass er sehr betrübt sei über den neuen Angriff auf den Glauben der Väter und auf die Staatsreligion. und dass er allo. was in seiner Macht liege, tun werde, um diesen zum Scheitern zu bringen, bemerkte der in Paris erscheinende UNIVERS ISRAELITE. dass, wenn das schon Protestanten gegenüber geschehe, man sich leicht denken könne, wie wenig Aussicht auf Erfüllung die Pläne de:; Senators Pulido bezüglich der Juden haben können. Darauf hat nun der Senator Pulido ein langes Schreiben an die Redaktion des genannten Blattes gerichtet, in welchem er zu* nächst betont, dass der Briet des Königs keinen anderen Wert habe und haben könne, als den eines privaten Katholiken, und daher in einem konstitutionellen Lande, das Glaubensfreiheit garantiere, nicht den geringsten Einfluss haben könne. Ausserdem kenne man nicht die Entstehung des Schreibens, dessen Inhalt in Erstaunen setze, da es in W iderspruch stehe mit allem, was man von der Denkweise des jungen Königs wisse, der beständig sein Verlangen kundgebe, das Spanien frei und fortschrittlich sei. Der Brief, führt der Senator fort, hat dis Liberalen Spaniens zu .der energischen Erklärung veraniasst, dass sic emen Rückfall in religiöse Intoleranz nicht duiden werden, sondern irn Gegenteil den Artikel der Veriassuug. der von der Glaubensfreiheit handelt, weitherziger angewendet wissen wollen. Wenn die Cortes ihre Sitzungen wieder auinchmc» werden, dann werde die Regierung wegen des königlichen Briefes interpelliert werden und man könne int Voraus versichert sein, diese werden unzweideutig erklären, dass Spanien nicht plötzlich wiedejr umkehren werde auf seinem Wege zur Zivilisation und Freiheit, die durch Revolutionen und Opfer erworben seien. — Dabei wollen wir nur hoffen, dass d.e Liberalen Spaniens liberaler seien, als die bei uns sich so nennen. Antisemitisches Bubenstück Aus P r.-E r i e d 1 a nd 1 wird gemeldet: Auf dem hiesigen jüdischen Friedhof sind von ruchloser Hand in der Leichenhalle sämtliche Fensterscheiben zertrümmert, der Zaun d e nt o I i e r t und der eiserne Pumpen- Schwengel abgebrochen worden. Der Vorstand der Synagogengemeinde sichert eine hohe Belohnuu,• demjenigen zu, welcher den oder die Täter so nachweist, dass die gerichtliche Besträhnig erfolgen kann. — Diesmal sind drei Wochen ins Land gegangen, ohne dass eine antisemitische Fricdhofsschändüng zu melden war, während doch sonst jede Woche eine solche ״christliche“ Kulturtat fällig ist — unter diesen Umständen ist es freilich kein Wunder, dass die Liberalen den Zion sruus für absolut unberechtigt erklären. Wenn sich die Zeiten bereits so weit gebessert haben, dann sind wir der allgemeinen Menschenverbrüderung wohl nicht mehr ■׳״ar zu fern! Ein Volksvertreter Aus einer der letzten Sitzungen des Wiener üewerbeaus- Schusses erzählt die ARBEITER-ZEITUNG folgende nterkwiird«c Szene: ״Abgeordneter Schneider kam vollständig besoffen zur Sitzmig. Zuerst versuchte er mit lallender Stimme verschiedene Abgeordnete in ein Gespräch zu ziehen: als sich aber niemand mit ihm einlassen wollte, setzte er sich nieder und schlief sofort ein. Dann schlief und schnarchte er durch die ganzen zweieinhalb Stunden, die die Sitzung dauerte. Einmal kam ein Diener und überbrachte ihm einen Zettel. Schneider war aber so volltrunken, dass er nicht imstande war. seine Brille aufzusetzen. Mitten in dem Versuche, den Zettel ohne Brille zu lesen, wuFde er wieder vom Schlafe übermannt ur:d schnarchte dann ztitn Entsetzen der Redner nur noch lauter.״ — Der Mann Ist aber ein Antisemit und kämpft gegen die völkervergiftend; Macht des Judentums. Uns scheint, er habe den Kampf gegen andere Gifte nötiger׳ Kleine Mitteilungen Alliance Israelite Universelle. Am •1. Juni haben die W a h l e n zur * Erneuerung eines Drittels des Zentral- Komitees der Alliance stattgefuuden. An dem Wahlakt, der bei dem weiten Auseinanderliegen der Wahlorte erst nach 40 Tagen geschlossen wurde, beteiligten sich 3290 Mitjieder. Die durch das Zentral-Komitcc iiir die Wiederbezw. Neuwähl vorgeschlagcucn 25 Herren wurden sämtlich, und zwar mit 23S7 bis 328-1 Stimmen gewählt. Diese Zahlen würden sich durch die verspätet eingesandten Wahlprotokolle um 255 erhöhen. Die Gesa tut voten mehrerer Lokal- Komitees konnten nicht beriiccksichtigt werden. Von׳ den Gewählten gehörten 17 bereits dem Zentral-Komitec an. Nengcw’ählt wurden die Herren Edouard Masse-Paris. Eugen Fellheim-Stuttgart. Sally Flörsheim-Dortmund. Philipp Schiff- Frankfurt a. M., B. Drcyfus-Brettauer - Basel. Moritz Philippson-Brirssel. Rabb. Dr. Marguiics-Floretiz und I.«uj$ MarshaU- New-York. Eine nennenswerte Anzahl von Stimmen, ca. 900. e/hiclt mir noch Herr Adolph Salomo״ in Bukarest, dem die rumänischen Mitjieder der Alliance hierdurch ihre Anerkennung fiir verdienstvolle gemeinnützige Tätigkeit ausdriiekten. Essen. Auf Antrag der jüdischen Kultusgemeinde hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, die jüdische Volksschule auf den städtischen Etat zu übernehmen und der jüdi- 6chen Gemeinde ein Schullokal zur Verfügung zu stellen.

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