Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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No. .י.י Seite 400 JÜD ISCHE RUN DSC HA U Mail muss aber auch gerecht sein, und die ungeheure Schwierigkeit «1er Verhandlung in Betracht ziehen. Da sollen Russen, Deutsche, Engländer und Fra!; sich verständigen. Wir bewundern die Sprachkenntniisse. u! : insbesondere bei den Russen vorhahnden sind. Gleichwohl erzeugt «1er Unterschied der Sprache Hemmungen und Störungen, denen kaum ein an* derer Kongress in gleichem Masse ausgesetzt ist. Man kann .sich keinen grösseren Gegensatz denken als diesen Kongress und eine Landsgemeinde in einem der schwelzerischcn Kantone. In Trogen und Hundwil sind zehntausend, in Glarus 5000 stimmberechtigte Bürger zur Landsgemeinde versammelt, um di© Geschicke der Heimat zu bestimmen und wichtige Gesetze gutzuheisseu oder zu verwerten. Aber alles vollzieht sich m!t bewundernswerter Ruhe und Ordnung. In wenig Stunden werden zahlreiche wichtige Geschälte abgewickelt. Das ist nur möglich infolge einer vielhundertjährigcn Tradition, infolge einer langen Gewöhnung zur Demokratie und einer in Fleisch und Blut übergegangenen, guten parlamentarisehen Sitte. Am Basler Kongresse aber ist alles Unruhe und Erregung und die Gemüter sind erhitzt und beweglich wie Quecksilber. Noch haben die Zionisten viel zu lernen. Aber sie sind auf dem rechten Wege, und wer gerecht und billig denkt, der kann ihnen zu dem weit ausschauenden Plane, das armejüdsche Volk aus aller Welt in einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte zn sammeln, nur Erfolg wünschen. ן Aus der Beweguijg ן• Berlin. Mittwoch, den 26. Juli, fand eine sehr stark besuchte Trauerfeier des Jüdischen V 01 k s v e r e i 11 s für den verewigten Dr. HerzI statt. Diese wurde mit einer kurzen Ansprache des zweiten Vorsitzenden, Herrn Isidor Wolii, eröffnet.!Nach einem von Herrn Alexander Levy gesprochenen Prolog hielt Herr Dr. Theodor Z l ״ c i s t i die eindrucksvolle, zu Herzen gehende Gedenkrede. Dann sang mit H3rmoniumbo,«Jeitu11g Herr Kantor L u b o w s k ־ל das ״El mole rachamim** und mit allgemeinem Gesang der Hatikwah schloss die Feier. Berlin. Am Donnerstag, dem 27. Juli, 24. Tamnuis, veraustaltete der Verein Zionistischer Kaufleute Theodor HerzI, anlässlich des ersten Jahrzeitstages eine Gedenkfcier für unseren Verewigten Führer, die zwar in bescheidenen Grenzen sich hielt, aber sehr würdig verlief. Herr Eugen Wiener sprach einen von ihm verfassten Prolog, Herr Max Driesen trug einige hebräische Lieder recht stimmungsvoll vor. während Herr Translateur in kurzen markigen Worten ein Lebensbild Herzls entrollte, sowie sein Wirken und Schaffen als Zionist würdigte. Nachdem das Lied ״Dort wo die Zeder“ iemeinsam gesungen worden war, endigte die Feier mit einer Nationalfond-Sammlung. Berlin. Der Verein Zionistischer Kaufleute Theodor HerzI hielt während der Kongresstage allabendlich Diskussionsabende ab. an denen der stellvertretende Vorsitzende. Herr Translateur. regelmässig über die Verhandlungen referierte. Hieran schlosssen sich gewöhnlich sehr interessante Debatten, die oft bis in die späte Nacht hinein währten. Der Verein hält nunmehr wieder regelmässig £ine Vereinsabende hei Simon, Gipsstrasse 12a. ab. Der geistigen Ausbildung dienten Vortrags* und Diskussionsahende, sowie der glanzend geleitete Fuchsenunterricht, während di© körperliche Ausbildung durch Turnen, Fechte!! und Ausflüge in den herrlichen Schwarzwald gepflegt wurde. Auf der Schlusskneipe hatten wir das Vergnügen, zahlreiche ..Alte Herren“ bei uns zu sehen, die gern ihre Reise zum Baseler ' Zionisten-Kongress unterbrachen, um in dem fröhlichen Kreise ihrer jüngeren ßuirdesbrfidcr sich an ihre eigene Studentenzeit zu erinnern. Den Glanzpunkt der Kneipe bildete die Weiht: der von der Freiburger Bürgerschaft gespendeten Fahne. ־— Rundschau Aus Russland Judenmassakres in Tscherkassy Ober die Judenmassakres. die in den ersten Tagen des Juli in Tscherkassy (Gouvernement K i c w) stattgefunden haben, werden jetzt Einzelheiten bekannt: Zur Beförderung auf den Kriegsschauplatz sollten das J73. und 177. Infanterieregiment formiert werden. Die Zusammen- Stellung der Reservisten gab dem ״Schwarzen Hundert“ Xlas sich vor einigen Monaten hei uns organisierte, willkommene Gelegenheit, um. unterstützt durch den Pöbel, eine Judenhetze ins Werk zu •setzen. Die Polizei ergriff zwar ihre Massnahmen, jedoch in der bekannten Art. Sie liess die zu־׳ Verteidi »uiig herbeieilendcn Leute nicht zu den! Schauplatz der Zerstörung gelangen, der Pöbel und betrunkene Reservisten konnten ungehindert ihr Werk fortsetzen. Dem Gehilien des Isprawnik (Kreische!) Koltschewski hat die Judenschaft Tscherkassys diese neuen Ausschreitungen zu verdanken. Infolge der polizeiliehen Fernhaltung der ״Sclbtsvcrteidiger“ konnte der Pöbel in den ersten 3 bis -I Stunden ungehindert siel! austoben. Erst nach dieser Ze׳t, und nachdem sic!! die Sclbstverteidiger durch C'herspririgew von Gartenzäunen und Durchschreiten von SeitengasseIten Bahn zu dem Ort der Zerstörung gebrochen hatten und einige Schüsse abfeuerten, wurde dem Krawall ein Ende gemacht..Frauen und Kinder schlossen sich eifrig den Zerstörern an, ebenso waren die Puli/eipairoail'.cu tätige Mithelfer. Der Pöbel misshandelte seine Opfer unter den Augen der Polizei und unterwarf sie einer Leibesvisitation. W enn er hierbei Waffen voriand, übergab er diese und die Besitzer der U’affer triumphierend der Polizeipatrouille, die unter Puffen und Schlagen die Verhafteten zur Wache transportierte. Hier erging es den Unglücklichen nicht besser. Allen verhafteten Juden ist das Geld aus den Taschen ver- S-C h w u n d e n. Es sind iin ganzen ungefähr 200 Häuser und zirka 15t) kleine Läden und Verkaufsstände zerstört worden: 300 Familien sind dadurch ins Elend gestürzt worden. Man schätzt den Schaden auf 30—40000 Rubel. Da nur die Armen betroffen sind, ist die Not furchtbar, und der Jammer der Ärmsten nicht zu beschreiben. Neue Judenverfolgung Taefcr'.s, 23. Juli. Aus Urania wird vom 20. d. Mts. eine Juden hetze gemeldet; über 2u Läden wurden zerstört und über 50 Personen verwundet. Ein Manu wurde getötet. Die Christen haben unter den Tumulten nicht gelitten. Aus Persien München. Die .Ferienkommission des Vereins Jüdische: Studenten an der Universität München für de Dauer der Sommerferien besteht aus den Bhr. Bbr. Theilheimer, Nathan und Lehmann. Briefe sind vom 15. August ab au cand. iur Albert Theilheimer, München, Petteukoferstr. 10. zu richten, bis dahin beliebe man sie an cand. iur. Oskar Nathan. Hambürg 13, Grindelaliee 176, zu senden, an den man sich auch in Kassenaiigelegeuheitcn wenden möge. Freiburg L B. Am 24. Juli schloss der ״Verein Jüdischer Studenten” an der Universität FreJiur״ sein IV. Semester, dessen schöner Verlauf angesichts der kurzen Zeit seines Be- Stehens als der beste Beweis seiner Existenzberechtigung angesehen־ werden kann. Die starke Präsenz dos Vereins beweist deutlich. w׳ip sehr seine Bestrebungen von der akademischen Jugend allmählich verstanden und gewürdigt werden. Aber auch bei der Bürgerschaft wusste sich der Verein Jüdischer Studenten volles Verständnis für seine Ziele zu erringen, die ihr Interesse am Vereine sowohl durch zahlreichen Besuch der Vortrags- und Diskussionsabende. als auch durch Überreichung einer schönen Fahne an den Verein bekundete. Die Judgn.in S c h 1 r a s hatten in den letzten Wochen unter heftigen Ausbrüchen des müharnmedanischen Glaubensfanatismus zu leiden. Aus ganz unbedeutendem Anlass entfesselten mehrere Mollas (Geistliche) eine arge Hetze gegen sie und versuch!כ», sic durch ׳.Einschüchterung und offene Gewalttaten zur Annahme einer schimpflichen, sie kennzeichnenden Kleidertraclu zu zwingen. Nach einem Bericht des Herrn Sch ouker, des Direktors der Aliiauceschnlcn in Schiras, vorn 1p. Juni, erfolgte am Sonntag Morgen, den 4. Juni, ein Überfall*auf die friedlich im Bazar ihrer Beschäftigung nach .lebenden jüdischen Händler. Ein Ted von ihnen wurde verwundet, vielen wurden die Hüte zerschnitten, die Kleider zerfetzt. Trotz des sofortigen Eingreifens des englischen Konsuls, der sich, begleitet von seinen sechs bewaffnete» Indern, mit Herrn Schouker in das Judenquartier begab und trotz des Versprechens des Cumverneuns, die Schuldigen zu bestrafen, kam es an den folgenden Tagen zu noch schlimmeren Auiruhrszencn. Am 6. Juni gegen 3 Uhr nachmittag? w urden die Lade!׳ der Muhammedaner auf Oeheiss d*־s Grossmolla A■.Tia Mirza Ibrahim geschlossen. Den Gläubigen wurden alle Arbeiten untersagt, sie sollten also nur an die angeiangene ״heilige Sache” denken. Das war zu-