Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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I i ir. 1 No. 32 für jüdische Auswa!1deru1:gsan idegenheiten Berlin, mit dem | Verband deutscher Juden u.a., ferner mit der in diesem Jahr gegründeten Misrachi-Gruppc. mit dem Aktionskomitee Wien, mit der. Kolonialbank London, und mit einer ganzen ' Reihe inländischer und ausländischer Gesinnungsgenossen. Bet der grossen Zahl von Briefen, welche auf dem Cölticr Bureau eiulaufeu. urri welche an den Vorsitzenden des Zentralkomitees, oder an diesen als Mitglied des Drciz.ehner-Ausschusses einlieien. ist es nicht möglich, eine eenaue Trennung der Korrespondc::* zen durchzuführen. Die im November vorigen Jahres statUehabtc Abrechnung der Schekelblocks mit Wien hat auch dem hiesigen Bureau manche Arbeit gekostet und es wurde von hier aus zum grossten Teil die Versendung und Nummerierung der neue,!! Blocks besorgt. Schliessüeh hat das Zentralkomitee im Laufe dieses Jahres verschiedenen Krossere Rundschreiben erlassen und die Ausführung einer an seine Königliche und Kaiserliche Hoheit bei Gelegenheit seiner Hochzeit gerichtete Adresse durch einen unserer hervorragendsten jüdischen Künstler bewirkt. Diese Aufmerksamkeit haben die hohen Herrschaften huldvoll und mit freundlichem Dank entgegengenommcii. überblickt man die gesamte Tätigkeit des Zentralkomitees, so \v!rd man finden, dass dieselbe nach aussen hin zwar weniger in die Erscheinung tritt, als die des Zentralbureaus. Jeder.־!falls ist die Entwicklung unserer Bewegung in Deutschland auf das gedeihliche Zusammenwirken dieser beiden Faktoren zurück zuführen. Dieser Delegicrtentag dürfte daher weniger dazu berufen sein, eine neue Ordnung unserer deutschen Verhältnisse zu bewirken, sondern sein Teil beizutragen, dass unsere Gesamtbewegung. die ihr auf dem Kongress gestellten Rieseiiaufgaben in zwickmässiger Weise löse. Wir müssen uns vor allem darüber schlüssig werden, ob wir zu einer Änderung des Proiiranmis der Bewegung die Hände bieten sollen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass unser Programm aus zwei gesonderten Teilen besteht, aus dem Hauptsatz. ..Der Zionismus erstreb: die ScJiaffung einer öffeiitlich-rechtlieh gesicherten Heim- Stätte für das jüdische Volk in Palästina“, der vielfach allein als das Rgseler Programm bezeichnet wird und den Mitteln, welche für die Erreichung dieses Zieles in Aussicht 1; pnomnic״ sjn׳J. Diesen ersten Satz möchte ich als das Programm der Idee, die 2. Hälfte als das Programm der Politik bezeichnen. Es liegt mir fern, der Meinung des Dclegiertcntags vorgreifen zu wollen. Ich glaube aber doch die Ansicht aussprechen zu dürfen, dass die deutsche Organisation in ihrer überwiegenden Mehrheit jede Aenderut g des Programms der Idee grundsätzlich ablehncn wird. Dieser Satz muss das eherne Fundament bilden, auf das wir bauen können, wie auf einen aus dem Meere ragenden Felsen. Die 2. Frage, die unser Herz bewegt, ist die Wahl unserer Führer. In dieser Hinsicht möchte ich von dieser Stelle ein Wort sagen, das auch anderwärts Gehör finden sollte. Bei den Männern, denen wir jetzt die Führung unserer Bewegung anvertrauen, müssen wir abschen von der Meinung der Welt. Wir dürfen uns nicht leiten lassen von dem Glanz eines bedeutenden Namens. Wir dürfen nur solche Männer wählen und an diesen Platz stellen, von denen wir durch ihre bisherige Tätigkeit überzeugt sind, dass sie etwas eispriessliches für d e Sache leisten werden. Wenn wir uns hierin nicht •.«:täuscht, so werden diese Männer bald Klang und Namen in der Mit- und Umwelt gewinnen, denn der Platz, an den wir sie stellen. Ist heute schon hoch genug, dass ihre Wirksamkeit nicht unbeachtet bleiben kann. Wann unsere Bewegung wächst, wenn wir uns sichtbar unserem hohen Ziele nähern, dann werden die Namen mit Ehrfurcht genannt werden, die utts den Weg zur Höhe führen. Drum lasst unsere Fahne hoch im Winde flattern, noch gib: es Männer in Israel, die sie mit starker Hand unserem Volke vorantragen können. (Lebhafter Beifall.) Bei den Zionisten Unter dieser Spitzmarke veröffentlichte die BASELER ZEITUNG aus der Feder ihres Leiters. Dr. Zoller, einen längeren Artikel, der uns gegenüber anderen Publikationen dm Vorzug der strengen Unparteilichkeit zu haben scheint, und der ausserdem ein hfibsches Stimmungsbild bietet, dem wir deshalb die folgenden Stücke entnehmen: Es gibt heute unter Juden und Christen noch viele, die den Zionismus belächeln, wie überhaupt jede neue Idee von ihnen mit überlegener Skepsis atitgenommen wird. Wer aber mit offenem Auge dem Gang der Verhandlungen folgt, die sich gegenwärtig im Musiksaalc der Stadt Basel abspiclen, der wird staunen über die gewaltige Kraft des Gedankens, der diese Seite 399 Massai aus aller Herren Länder in die alte Konziliumstadt zuzusanimcngenihrt hat. Für viele Teilnehmer des Kongresses bedeutet die Reise nach Basel eine grosse Auslage und gewiss sind manche unter ihnen, die darben müssen, um diesen vorhültnisnuissig grossen Aufwand bestreiten zu können. Es sind nicht die reichen und vornehmen Juden, die' s!ch hier ein Stelldichein gegeben. Es sind die ,.Intellektuellen“ der jüxlisehen Nation: Advokaten. Doktoren, Schriftsteller und Journalisteu. Rabbiner, und unter ihnen in hellen Haufen die studierende Jugend. Besonders stark ist das russische Idiom vertreten. Viele Abgeordnete sind von ihren Frauen begleitet und so erhält dena Basel mitten währen der sonst üblichen Ferienrulic des Hochsommers das Aussehen einer interuationalen Gressstadt und im Kasino wiederholt sich das Sprachwunder des Turmbaues zu Babel. Hinten im Saal, auf dem Podium, wo sonst das Orchester seinen Platz findet, erheben sich vor der mit grünem Tuch beschlagenen Wand die zwei Tische mit den Sitzen der Präsideuten und der Mi*» *Feder des grossen Aktionskomitees. Auf jener Ehrenstelle sass trüber die hochragende, imponierende Gestalt des Dr. H e r z I. ein Bild kraftvoller Männlichkeit. Sein Nachfolger ist Dr. Max Nord au. der bekannte Schriftsteiler, der auch inmitten der grössten Lärmszenen stets die ieingcwählte Form findet, um ungezogene Elemente Gs gibt leider auch solche) zur Ruhe zu weisen. Unmittelbar vor dem Komitee, im Saale unten, sind die Plätze d<;r Journalisten. Nicht weniger als 250 sollen siel, eingefunden haben. Sie 1:el1mcn wohl ein Viertel des Saales in Anspruch. Unter den Leuten finden sich gewiss sehr viele, die keine Zeitung bedienen, überhaupt mit der Publizistik nichts zu schaffen haben und nur eines bequemen Vorwandes bedurften, um einen guten Platz im Saale zu erlangen. Vor allem Killt auf. dass im Judentum ein so überaus starker Prozentsatz von Damen sich dem schweren Berufe der Tagesschriitstellcre’i widmet. Sind vielleicht auch solche darunter, die nur ausnahmsweise den Stift führen, um. da sic kein Mandat als Delegierte erhalten haben, gleichwohl aus nächster Nähe dem Gang der Verhandlungen folgen zu können?. Auch im Saale sieht man zahlreiche Damen in sommerliehen Toiletten. M!t nicht weniger Eifer als die Herren verfolgen sic den Gang der Debatte: selten oder nie melden sie sich zum Worte. Auf der Galerie drängt sich Kopf an Kopf. Helle Gewänder, schimmernde Blusen. Damenhüte von den bizarrsten Formen und Dimensionen bilden einen lebhaften Kontrast zu dem feierliehen Schwarz, das unter: vorherrscht. Vorsäle. Vestibül und Treppengebäude bieten das Bild emes Jahrmarktes. Da sind namentlich Auslagen von Buch- Ländlern, die zumeist zionistsche Schriften ausbieten. Das Bild Herzls »st in hundert Variationen und Grössen vorhanden. Ansichtspostkarten, kleine AndenKcn, Abzeichen, Schnitzereien, Stöcke waren aut Liebhaber. Ein Büffet mit Erfrischungen findet lebhaften Zuspruch. Hinter starken Schranken hat die eidgenössische Post ein besonderes Bureau für den Kongressdienst eingerichtet. Die Verhandlungen im Saale bieten, äusserlich betrachtet, kein erfreuliches BIJ. Es fehlt vielen Kongressteilnehmern an Selbstzucht, an parlamentarischer Gewohnheit, an VerträglichkeiL Die Redefreiheit, die sie in ihrem Heimatlaude vollständig entbehren, verlangen sie hier wohl für sich selbst, wollen sie aber atujers Denkenden nicht gewähren. Oft werden die Redner von lautem Widerspruch, ja selbst von Lärmen, Gröbst und Pfeifen unterbrochen und wiederholt muss die Verhandlung wegen der überlauten Störungen viertelstundenlang sistiert werden und der Präsident muss mit Mahnungen. Bitten und Drohungen cirschreitcn. Besonders erregt geberden sich d:e Territorialisten. Dann wieder wird in einer geradezu sinnlosen Weise das Wort verlangt. Zu der British-Ostafrikadebattc hatten sich mehr als!20 Redner eingeschrieben. Was wollen aber nach den ersten 20 die am Schluss überschiesscnden 100 noch Neues Vorbringen? Es bleibt ihnen gewiss auch nicht der Schatten eines neuen Arguments mehr übrig. Gerade bei diesem Gegenstand verschlingen die Ordmmgsanträge einen schönen Teil der kostbaren Zeit und können nur unter den grössten Lärmszenen erledigt werden. Während von den Vernünuigeren vorgeschlagen wird, dass van jeder Seite nur 4 Genc.ralrcdncr zum Worte kommen sollen, bestehen andere auf der vollen und unbeschränkten Redefreiheit und es kommt zu wilden Tumulten, bis die allein mögliche Lösung sich Bahn bricht, zu Szenen, bei denen nicht bloss lautes Schreien, sottdem auch lebhafte Gestikulationen und drohend erhobene Fäuste sich Gcitung zu verschaffen suchen. Es dauert lange, bis dieses Meer der Aufregung unter dem Friedensöl der versöhnenden Worte des Vorsitzenden sich glättet. JÜDISCHE RUNDSCHAU I 1 # I 1 I 3 1 •׳ I י V I . t il «