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Jüdische Rundschau · 1905-08-04 · Heft 31 (4.8.1905) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 31 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 383 s'ch wohl nicht glänzender dokumentieren kann, als durch Erwähnungdep Umstandes, dass fast 100 Delegierte aus aussereuropäischen Ländern zum Kongress cir.gct rohen sind. Ganz besonders zahlreich ist wie immer die Delegation aus Russland. Auf welchem Gebiete man immer vom jüdischen Volke spricht, muss Russlands zuerst Erwähnung geschehen, leider steht es auch an erster Steile, wenn man von jüdischer Notvon jüdischem Elend spricht. Es ist charakteristisch für die geringen Hoffnungen, welche die Juden iür die Zukunft in Russland hegen dürfen, dass mit der elementaren Freiheitsbewegung, welche alle Geister ergriffen hat. parallel die schrecklichen Judenverfolgungen einhergehen. Kischinew ist kein ausserordentliches Ereignis mehr. Wer könnte sie aufzählen, diese Schlachtstätten, wo so viele namenlose Helden ihr Blut lassen mussten als Opfer ihrer Stammes* und Glaubcnstr.ue und des unausgesetzt geschürten Rassen- und Volkshasses. Hornel. Zitornir, Melitopol und viele, viele andere Namen werden traurige Erinnerungen ln der jüdischen Leidensgeschichte bilden. In einem Punkte jedoch haben sich doch die Zeiten ec* ändert, indem die Juden sich nicht mehr wehrlos und geduldig wie Schlachttiere hiurnordeu lassen, sondern mutig und kühn sich gegen die überwiegenden Angreifermassen zur Wehre setzen und ihr Lehen sehr teuer verkaufen und wie Dr. Tschlcnow in seinem Berichte an die russische Lands* mannschaft stolz hervorheht. ist es das Verdienst des Zionis* mus, dass hei der jetzigen Freiheitsbewegung in Russland unsere Brüder nicht dem Beispiele der westeuropäischen Juden iolgcn und Assimilation treiben, sondern überall als Na* tionaljuden auftreten und als solche am Befreiungskampf sich beteiligen. Die jüdische Auswanderung aus Russland hat im letzten Jahre erschreckende Dimensionen angenommen. Der Zunahme der zur Auswanderung treibenden Momente steht aber eine immer geringere und beschränktere Zahl der Länder gegenüber, denen sich die »Emigranten zuwenden können, und die Frage ״Wohin?״ wird immer aktueller und dringlicher. Die Auswandernngsfrage ist von allen den vielen Nöten momentan diejenige, die gewiss die grösste Aufmerksamkeit verdient Aller Mittel bar. nur um das nackte Leben zu retten, kommen die Flüchtlinge, zumeist Männer, aber auch viele Frauen und Kihder. über die Grenze, auf die Wohltätigkeit und Menschen* liebe vertrauend. Wo ist aber die allgemeine Nächstenliebe der n i ch t jüdischen Nationen für diese Elendesten der Elen* den? Vergebens haben die Assimilantcn sie erhofft und ersehnt als Zeichen der gleichen brüderlichen Behandlung ücr Juden durch die Nichtjudcu. Vergebens! Wirksam und allein tätig ist die jüdische Wohltätigkeit gewesen, die nie versagt, welchen Stammes und Glaubens immer die Bittenden auch seien, und die auch den flüchtenden Brüdern im reichsten Masse zu teil wird, Aber durch Wohltätigkeit allein kann einem ganzen Volke Hilfe nicht gebracht werden, und so säten sich die die zionistischen Ideen streng abweisenden assimilatorischen Kre*e in Deutschland und Österreich genötigt, die von den Zionisten gepredigte und durch Beispiele als wirksam dokumentierte Sammlung und Organisierung der Kräfte in ihr Programm aufzunehmcii. Die Grosslogc Bnei Brüh in Deutschland, bcräcf in Gemeinschaft ’•nt dem Hilfsvereine der dcut- Sehen Juden, im Dezember 100J eine Konferenz aller jüdischen philanthropischen Gesellschaften nach Frankfurt am Main zum Beliufe der Regelung der Auswanderungsfrage. Auch das zionistisch A. C. folgte gerne der Einladung, da wir es stets für unsere Pflicht halten, dort nicht zu fehlen, wo es girt, jüdisches Interesse wahrzunchmen. Die Seele des Hilfsvcrcincs der deutschen Juden ist ein Mann, der von glühendster Liebe zu seinem Volke erfüllt ist und ihm seine ganze energische Tätigkeit widmet. Sein Streben, die Auswanderung zu organisieren, verdient gewiss die Unterstützung aller Juden und wir stellten gerne unsere weitverzweigte Organisation dies- und jenseits der russischen Grenze für diesen Zweck zur Verfügung, obzwar wir uns von vornhereji darüber klar waren, dass mir einem springen Teile des Auswandcrerelends auf diese Weise Hilfe gebracht werden könne. Es war eigentlich das erste Mal. dass Zionisten mit Nichtziouisteu sich zu gemeinsamer Arbeit zusammenfanden, und es freut uns. konstatieren zu können, dass unsere A<־w.s- und Opfcrfrc-udigkcit sich selbst die Anerkennung der Nicht- Zionisten errang. Die errungene Position des Zionismus zeigt sich darin, dass sch bereits politische Parteiungen und Gruppierungen in ihm bilden. Warum soll denn unser intelligentes Volk den anderen Völkern in der Mannigfaltigkeit der Welt* und politischen Anschauungen nachstehen. Das A. C. hat den Frak- * tionierungen die möglichste Freiheit und Unterstützung angcdeihen lassen, unter der Voraussetzung, dass das Baseler Programm das gemeinsame feste und unwandelbare Fundament sei. auf denen sich Sondereinrichtungen aufbauen können, weiche nicht vergessen dürfen, dass sie nur Teile sind des grossen Ganzen, das sie in ihrer Art mitzufördern. aber nicht zu zerstören berechtigt sind. Wir haben von diesem Gesichtspunkte ausgehend, der Bildung einer Misrachi-Partci alle Förderung angcdeihen lassen, dem Versuch derselben aber, neben den Landes- Organisationen sich als Organisation in der Gesamt-Organisation zu bilden, unser Veto entgegengestellt. Über unsere zionistischen Institutionen, die Jüdische Koionial-Bank. die Anglo-Palestine Company und dzn Nationalfonds werden noch Spezial-Referate Ihnen Gelegenheit zur Diskussion geben. Auf der diesjährigen General-Versammlung der Bank werden die seit längerer Zeit von den Aktionären gewünschten und von dem A. C. verbreiteten Statuten-Anderungcn zur Beschlussfassung kommen. Sie werden auch Gelegenheit haben, von den erfreulichen Fortschritten zu hören, welche die Tochtergründung der Bank, die Angio-Palestine-Company macht Neben der Zentrale in Jaffa ist eine Filiale in Jerusalem gegründet, eine zweite Filiale in Kaiffa in Vorbcrcituug. Mehr als der materielle »Erfolg ist der moralische dieser Gründung eürzuscliätzen. indem die A. P. C. sich in Palästina eines grossen Ansehens erfreut und in jeder Be- Ziehung der Lage der palästinensischen Juden stärkt. Der Nationalfonds hat zwar in den wenigen Jahren Bestehens eine bedeutende Grösse angenommen, aber noch immer ist das Verständnis für diese nationale Institution nicht so populär wie es sein sollte. Insbesondere bähen sieh die wohlhabenden Klassen unserer Bevölkerung noch zu sehr dem N. F. ferne. Welcher Gesinnung die Juden nach sein mögen, iür den N.F. sollt jeder Jude, bei jeder Gelegenheit beisteuern. Wenn nur das Vorbild der Schweizer Juden nachgeahmt werden würde, welche i!1 diesem Jahre im Durchschnitte •für jeden jüdischen Einwohner einen Fr. per Kopf dem N.F. zuwandten, müsste <ler N. F. schon das Zehnfache seines jetzigen Besitzes aurweisen! Die alte Lehre, dass zur Erreichung eines Erfolges vor allem Geld, Geld und wieder Geld gehöre, hat auch für uns Juden seine Wahrheit nicht verloren, und eine erhöhte Propagauda für die finanziellen Institutionen der Bewegung ist eine der wichtigste Mahnungen, welche die Delegierten dieses Kon- י grosses mit nach Hause nehmen sollen. Der Kongress wird sich ferner mit der Legalisierung des Nationalfonds zu bcschattigen haben. Über das Ergebnis der nach Ostafrika gesendeten Forschungskommission wird in dem eigens hierzu berufenen Kongresse verhandelt werden. Wir glauben aber, dass es unsere Pflicht ist, schon jetzt jenen Personen, welche die Aussendung der genannten Kommission durch ihre Munifizcnz ermöglicht haben, unseren wärmsten Dank auszusprechen. Wohip man im Zionismus blickt, findet mau Leben, ein so reges Leben, dass es fast zu Auswüchsen führt. Eine täglich wachsende Presse beleuchtet den Zionismus nach allen Riehtungen. führt aber auch zu Polemikern die das Persönliche dem allgemeinen oft voranstclicn. Das sollte anders werden und dann wird man sich der Lebhaftigkeit und Vielseitigkeit in unserem Lager wahrhaft freuen können. Eine der wichtigsten Aufgaben dieses Kongresses ist cs, die durch geänderte Verhältnisse und auf Grund der gemachten Erfahrungen als notwendig erkannten Reformen unserer Organisation durchzuführen. Auf Grund dieses neuen Organisations-Statuts soll die neue Leitung gewählt werden, welche berufen sein wird, von nun an die Geschicke des Zionismus im Geiste unseres verstorbenen grossen Führers und der nunmehr Sjätiri׳ cn Tradition fortzusetzen. Wir aber, die wir fast seit dem Beginne der Bewegung neben dem Gründer derselben ihr unsere Dienste widmen zu können so glücklich waren, wir legen unser Amt in ihre Hände zurück im Bewusstsein, wenn auch nicht so Grosses, als wir gewollt, erreicht zu haben, wir doch immer bemüht gewesen sind, unsere Pflicht aufs Gewissenhafteste zu erfüllen. Prüfen Sie auch diesen unseren letzten Bericht über unsere Tätigkeit, der in wenigen Worten eine Summe vteWr Arbeit enthält, prüfen Sic die Bilanz über unsere finanzielle Gebahrtmg. die in Ihren Händen sich befindet, und erteilen Sie uns das Absolutoriunt. Architekt O. Marmo rek. Gestatten Sie mir noch zur Bilanz, die Sie in Händen haben, eine Bemerkung zu machen. Unsere Bücher müssen statutengemäss am 30. Juni abgeschlossen werden. Leider ist ein grosser Teil des Schekels erst nach diesem Datum cingetroffen. so in den letzten Tagen in Basel zirka 30 000 Franken. Es bietet also diese Bilanz, die Sie hier haben, nicht das präzise Bild des Standes am

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