Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 31 JÜDISCHE RUNDSCHAU die Mehrzahl der Mitglieder des grossen A. C. In Wien ein- | getroffen waren, so fanden schon damals Besprechungen und Beratungen über die künftige Gestaltung und Führung der Bewegung statt, die ihren gesetztnässigen Ausdruck in den Be- Schlüssen der im August 190-1 tagenden Sitzung des grossen A. C. fanden. Darnach wurde dem engeren A. C. die Geschäftsleitung überlassen, demselben jedoch ein aus 9 bewährten Mitgliedern zusammengesetzter Ausschuss zur Beratung und Be- Schlussfassung wichtiger politischer oder sonst weittragender Angelegenheiten zur Seite gestellt. Da diese Institution ju unserem Organisationsstatut nicht vorgesehen ist. bittet Sie das grosse A. C. um nachträgliche Genehmigung dieser Vorfiigung. Das grosse A. C. tagte noch zweimal im Jahre 1901־. in den Monaten Januar und Mai. das letzte Mal. um den Bericht der aus Ostafrika zurückgekehrten Eriorschungskommission eiiLgegenzunchmen und denselben — entsprechend der Weisung des VI. Kongresses — einem eigens zur Beratung der Ostairikairage cinberufencn Kongresse zur Beschlussfassung zu unterbreiten. Die Aufgabe der Parteileitung war eine ausserordentlich schwierige. Es galt, ohne mit der gross«־!! Autorität Ffcrzls ausgesiattet zu sein, das Erworbene zu bewahren, die Partei zusanmienzuhaltcn und insbesondere die durch das Ostafrika- Projekt gelockerten Bande der Parteidisziphn wieder straffer zu .'rannen. Dank der Unterstützung der Laudcs/.entralen und der Hinsicht der Gcsip״ungsgenosse•! ist uns die Erreiiiting dieses Zieles fast deren wegs gelungen und die wenigen Ausnahmen kommen bei den f/erwältigendeu Kundgebungen iiir die Einigkeit gar nicht in Betracht. Tro*z der Ungunst der Verhältnisse dürfen wir das fortwährend;.־ Wachstum unserer Bewegung konstatieren: Im Westen das steigende Zuströmen der Intellektuellen und der Jugend. Die Satten und GeJankenträgen bleiben uns nach wie vor fern, aber die denkenden Juden gliedern sich in immer grösserer Zahl wieder dem Stamme an. den sie schon zu verlassen im Begriffe waren, während die Feigen und Selbstsüchtigen sich massenhaft ins feindliche Lager flüchten, gewiss nicht zum Schaden unserer innern Kraft. Unsere Bewegung hat sicli eine derart achtunggebietende Stellung in der jüdischen und nichtiüdischcn Weit errungen, unsere Ziele sind so unverrückbar fest, unsere Mittel und Wege aller Welt so bekannt und als integer anerkannt, dass die Verdächtigungen des Zionismus, die früher unserer Bewegung die grössten Schwierigkeiten bereiteten, gegenwärtig ganz uttbcachtet abprallen und darum allmählich ganz verstummen. Ehrliche Gegner oder Bezweiflcr des Zionismus geben doch schon zu. dass der Zionismus schon dadurch allein, dass er ist, grosse Bedeutung für das jüdische Volk erlangt habe. Die glänzende Organisierung des Volkes auf der ganzen Welt, die Sammlung der einzelnen Splitter, die früher ganz wehr־. Widerstands- und hilflos dastanden, das sei des Zionismus unleugbares Verdienst, und dass derselbe für so viele unserer armen, im schwierigsten Kampfe um das Leben stehenden ßrii.der den einzigen Hoffnungsstrahl iiir die Zukunft darstelle, das sei ebenfalls eine unbestreitbare Tatsache. Zieht man die furchtbare Situation unseres Volkes in Russland in Erwägung: den Krieg, der dem Judentume so enorme Opfer an Leib und Gut auferlegt (es sind tausende unserer Stammes- und Gesinnungsgenossen im Felde, darunter auch ׳.-in Mitglied des A. C., das im Angesichte des Feindes seine zionistische Tätigkeit erfolgreich fortsetzt), die veryorrenen inneren Zustände, die grausamen Judenverfolgungen und die grosse wirtschaftliche Not im Reiche, unter der wiederum die Juden vor allem zu leiden haben, in Betracht, so muss die Zahl der cingcgaugetien Schekel aus Russland unsere Bewunderung für die Opferwilligkeit der russischen Brüder erwecken. Alter mau kann die Zahl der Zionisten in Russland^ nicht nach dem Schekel messen, sic ist weit grösser als die Zahl der Schekelzahler. Mi: aufrichtiger Genugtuung begrüssen wir insbesondere den Anschluss der Arbeiter an unsere Bewegung. Nur inmitten ihres Volkes werden die jiidisehen Arbeiter ihre sozialen Aspirationen verwirklichen, freihell dürfen die Klasscuiutcrcssen und -Fragen die nationalen Interessen nicht unterdrücken und der Zionismus darf nicht als Mittel für andere Zwecke benutzt werden. Das Stieben nach der eigen,?11 Heimstätte für unser Volk muss das DominiereuJe bleiben. In R u m ä 11 i e n war 190-1 ein Jahr der Missernte, woaurch die wirtschaftliche Lage dieses agrikolen Landes eine sehr prekäre wurde und die Juden von allem darunter litten. Mehr als 15 000 Juden sahen sich genötigt, in den letzten zwei Jaur-.-n das Land zu verlassen. Es kam vor. dass die durch den Zionismus geschaffenen Organisationen die Basis für die ■Organisation der Auswanderung bildeten und ganze Vereine Seite 381 I mit ihrem Vorstande an der Spitze korporativ übers Meer gingen und im neuen Wohnsitze die teuer gewordene zionistische Tätigkeit sofort wieder aufnahmen. Dadurch wurde jedoch die rumänische Landcsorganisation sehr gelockert, wenn auch nicht unterbrochen. Da inzwischen die wirtschaftlichen Verhältnisse sich gebessert haben, so ist zu hoffen, dass bei der treuen Anhänglichkeit und dem ernsten Arbeitseifer unserer ruinänischen Gesinnungsgenossen die Organisation sich bald in n£uer Blüte zeigen wird. Was wir von den rumänischen Juden in normalen Zeiten erwarten können, zeigen die Leistungen derselben in den verflossenen, durchaus nicht normalen, aber gegen das Vorjahr doch ein wenig günstigeren Jahren 190-1/5: Bis zum VI. Kongresse betrug der Beitrag Rumäniens für den Nationalfonds 25 000 Fr., das ist 5 pCt des damaligen Gesamteinganges. Seither wurden wieder 25 000 Fr. oder ebenfalls 5 pCt des Totatbeitrages des Nationalionds demselben zugeführt. Der Schekel des letzten Jahres hat sich gegen das Vorjahr um 50 pCt. erhöht. * In Oesterreich sind leider die Zustände in der Leitung unserer Organisation nicht ganz günstig. Das Landeskomitce hat seine Aufgabe nicht voll aufgefasst. Weil in seiner Mitte die Zentrale ihren Sitz hat glaubte das L. K. seinen vornehmsten Beruf darin sehen zu sollen, jeden Gedanken und jede Handlung des A. C. seiner Kritik zu unterziehen, wodurch ihm wenig Zeit übrig blieb, seiner Aufgabe, die Agitation und Pronaganda in diesem noch sehr empfänglichen Land«, im grossen Stile zu betreiben, gerecht zu werden. Die Folge davon war. dass die einzelnen Distriktskomitees, die wirklich arbeiten wollten, sich vom Landeskomitee mehr und mehr emanzipierten und der letzte österreichische Parteitag ihre fast vollständige Selbständigkeit anerkannte und damit das Verhalten des L. K. nach Gebühr beurteilte. Von den österreichischen Distriktskomitees sind insbesondere die von Böhmen lind Galizien als hervorragend tätig hervorzuheben. In Böhmen ist es endlich gelungen, die Lethargie der zumeist wohlhabenden und inteüigenteu Bevölkerung für jüdische Interessen zu brechen und die Juden dahin zu bringen, die unwürdige Nachlaufpoütik gufzugeben und ihre Arbeit und MitteL-dem eigenen Volke zuzuwenden. In Galizien hat endlich die Organisation feste Gestalt angenommen und verspricht auf diesem Boden, der so aufnalmictühig ist, für den Zionismus die reichste Frnte zu bringen. Die Zionisten sind heute ein Faktor im öffentlichen Leben in Galizien geworden: es gibt fast keinen Kuitusvorstand, in dessen Mitte nicht bereits Zionisten sä^en. Und die zionistischeu Fotdcrungen müssen schon überall berücksichtigt werden. In Ungarn ist zwar noch nicht jene Verbreitung des Zionismus erzielt worden, wie sie bei der grossen Zahl der dort wohnhaften und dem Judentume noch treu ergebenen Volksgenossen zu erhoffen wäre, allein die Zahl der zionistisehen Vereine nimmt von Jahr zu Jahr zu und die Organisation ist bereits ziemlich verbreitet. Eine Zahl orthodoxer Rabbiner hat sich neuerlich veranlasst gesehen, gegen den Zionismus eine Kundgebung zu erlassen. D׳cscs traurige Dokument ist aber nur das Werk des unglaublichen Terrorismus einiger Fanatiker, denen cs gelungen ist. sogar notorischen Freunden der nationalen Bewegung die Unterschrift abzuzwingen. Die grosse Masse der ungarischen Orthodoxie ist dem Zionismus zugetan und wird in kürzester Zeit wohl auch formell seinen Reihen sich anschliess.nl. Vielleicht kommt auch einmal den Kreisen der Assiniilanten, insbesondere jenen, welche vermeinen, die Assimilation mit der Treue zum Judentum vereinigen zu können, die Erkenntnis, auf welcher abschüssigen Bahn sie sich befinden, wenn sie die Taufseuche in Betracht ziehen, die um sie herum in Budapest wie in Wien in geradezu epidemischer Weise grassiert. In den Nebenländern der ungarischen Krone, in K r 0 a - t i c n und S1 a v o n i e 11, hat der Zionismus bereits so testen Fuss gefasst, dass ein zionistischer Landeskongress nach Fssegg einherufen werden konnte, übereifrige ..j ü d i s c h e Kroate 11” versuchten zwar ihn zu sprengen, um sich bei ihrer Adoptivnation damit einzusehmeichelu, waren aber nicht wenig erstaunt, als die öffentliche Meinung der Nichtjuden nicht ihnen, den Verrätern ihres Volkes, sondern den freien Bekennen! desselben sich zuwandte. In Bosnien und der Herzegowina, in Serbien und Bulgarien haben sieb auf dem Boden •des Zionismus die seit fast tausend Jahren einander entfremdeten jüdischen Volksteile, die Sephardim und Aschkenasim. zu gemeinsamer nationaler Arbeit wieder zusammeugefunden. und es gibt in diesen Ländern, wenigstens soweit es die eingeborene jüdische Bevölkerung betrifft, wenig Nichtzionisten. In Griechenland hat sich unter den grössten Schwierigkeiten ein zionistischer Verein gebildet, der seine