Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 380 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 31 Nach stürmischen Debatten fand die denkwürdige Ab- Stimmung statt, welche ergab, dass sich der Kongress in seiner Majorität für die Aussendung einer Expedition zur Erforschung des angeboteneii Landes aussprach. Schliesslich kam es zwischen den beiden, durch diese Frage plötzlich gebildeten Parteien zu einer Einigung über die Art der Ausführung des genannten Beschlusses, so dass Dr. Hcrzl dem Kongresse in seiner Schlussrede einen harmonischen Ausklang geben konnte, in dem er die Einmütigkeit aller Zionisten in der Liebe für Palästina, in der Hoftnung aut* Wiedererlangung des Landes der Väter betonte und unter dem rauschenden Beifall aller Relegierten und des Auditoriums den uralten Treuschwur der Juden in der heiligen Sprache wiederholte: ״Wenn ich dein vergesse. Jerusalem, verdorre ׳meine Pochte!“ . ... . . Als wir wieder in alle Welt auseinander gingen, jeder in seine Heimat zuriiekkehrte, um in der neuen E-oche die alte Tätigkeit für den Zionismus wieder äufzunehmenv da ahnte keiner von uns. welchen schweren Kämpfen wir entgegengingen. welche grossen und bedeutungsvollen Schicksale deni Zionismus in der neuen V.erwaltungsperiode bevorständen. Zunächst war die erhoffte Beruhigung der Gemüter wegen der Ost-Afrikafrage nicht eingetreten. Missverständnisse über Missverständnisse hatten Platz gegriffen. Der Zionismus, dessen grösste Stärke in der Einheit und Einigkeit seiner Anhänger lag. wurde durch Zwietracht gespalten: statt die Kräfte für die grossen Aufgaben, die unserer harren, zu sammeln, wurden sie im Bruderkanipfe vegeudet. An Stelle sachlicher Diskussionen traten persönliche Verdächtigungen und Beschimpfungen; alte, im Zionismus grau gewordene Kämpfer wurden angegriffen, und der Welt ein sehr trauriges Schauspiel geboten, dessen sich die Feinde unserer nationalen Bewegung erfreuten. Mau redete sich in Erregungen hinein, man richtete Gegen- Sätze auf. die gar nicht bestanden. Es kam zur vielberufenen Konferenz zu Charkow, welche soviel Verwirrung anrichtetc. Ein Wahnsinniger verfiel auf die Idee, durch Beseitigung Dr. Max Nordau's die Ostafrikafrage radikal lösen zu wollen. Am 19. Dezember 1904 bei der Chanukafeier der Pariser Zionisten fand das Revolver-Attentat auf Dr. Nordau statt, ohne glücklicherweise unserem grossen Gesinnungsgenossen irgend welchen Schaden zu bringen. Erst als das grosse Aktions-Komitee im April 1904 7.u einer Tagung in Wien zusammentrat, in welcher Dr. Herzl und das engere A. C. Gelegenheit hatten, die Anklagen der opponierenden Mitglieder des grossen A. C. aus Russland, die Gründe ihrer Beunruhigung und ihre Forderungen in präziser Form kennen zu lernen, war ihnen die Möglichkeit geboten dokumentarisch nachzuweisen, dass die Befürchtungen, es könnte das engere A. C. Palästina durch Ostairika ersetzen, grundlos seien. Im Gegenteile erwies Dr .Herzl. dass er und das A. C. unentwegt und mit grösstem Eifer ihre Betrachtungen zur Hebung des jüdischen Einflusses und zur Erlangung des Endzieles in Palästina fortsetzten. Die Opposition musste angesichts der vorgelegten Dokumente einstimmig die Grundlosigkeit ihres Misstrauens zugeben und anerkennen, dass der bewährte Führer mit seinen Mitarbeitern den Prinzipien des Zionismus durchaus nicht untreu geworden war, sondern an dem Wege zum - klar festgesetzten Ziele unentwegt und beharrlich festhielt, wenn auch momentan der Weg verrammelt und ein Fortschritt nichJ bemerkbar war. In einet einstimmig angenommenen Resolution wurde dem engeren A. C. und seinem Präsidenten das volle Vertrauen des grossen A. C. auseesnrochen. und in geradezu rührenden ,Worten verlieh ein Teilnehmer der Charkower Konferenz dem Gedanken Ausdruck, wie glücklich alle wären, von dem Albdrucke des Misstrauens befreit zu sein, und sich in alter Einigkeit der zionistischen Tätigkeit weiter gemeinsam widmen zu können. So war denn diese Komödie der Irrungen in das Reich der Vergessenheit verwiesen, allein die einmal aufgeworfene prinzipielle Frage zog ihre weiten Wellen und ist bis heute Gegenstand lebhafter Agitation und schärfsten Gegensatzes, und unsere bis dahin vollkommen einige Bewegung dadurch aufs tiefste durclnviihlt und zerklüftet. Die Sitzung des grossen A.C. in Wien im April 1904 war die letzte öffentliche Betätigung unseres grossen Führers Dr., Herzl im Zionismus. Schon während der Tagung klagte er, der über sein persönliches Befinden sich nie zu äussern pflegte, über Herzbeschwerden. Die Konsultierung eines hervorragenden Arztes unmittelbar nach der Tagung des grossen A. C. Hessen Herzl und seine Umgebung erst den Ernst der Situation erkennen. Am 3. Mai. am Tage nach der Erreichung seines 44. Lehensjahres, reiste Herzl nach Franzensbad, wo ihm jedoch die Kur nicht Linderung, sondern Verschlimmerung seines Leidens brachte, und am 3. Juli 1904 um 5 Uhr nachj mittags hauchte Theodor Herzl in Edlach bei Reichenau seine grosse Seele aus. , Bis zum letzten Augenblick war er bei vollem Bewusstsein, "bis zum letzten Augenblick war er, trotz der schweren Krankheit, für den Zionismus tätig gewesen. Noch sehen wir ihn im Geiste vor uns. wie er von dieser Stelle auf dem Kongresse, von dem er selbst sagte: ״er ist unsere ertse Institution, und ich wünsche, d־"׳ er immer unsere höchste, beste und, würdigste sein solle, bis wir ihn hinübernehmen in das schöne Land unserer Väter“ — wie er durch seine begeisterten Worte alle Anwesenden hinriss und begeisterte; noch sehen wir ihn in dem historischen Momente, wie er in der Sprache der Ahnen den Treuschwur in Bezug auf Jerusalem schwor. Wie schön war er da zu schauen, ein Bild edler Männlichkeit, ja ein neuer Typus — ein Bild jüdischer Männlichkeit. Wie leuchtete sein Auge, wie stolz hielt er sein Haupt, wie hinreissend war seine Sprache. Wer hat da geahnt, dass er ihn zum letzten Male in der Öffentlichkeit sehen werde, dass Herzl mit diesen Worten sein irdisches öffentliches Tun zum Heile und Wühle seines Volkes beschlossen habe! Sein Verlust in diesen jungen Jahren war der herbste, schwerste und unerwartetste Schlag, der den Zionismus hatte treffen können. W ie vertrauten wir alle auf ihn — was hatten wir ihm aufgeladen — was hatten wir von ihm noch erhofft und erwartet! Und nun musste er seine Schöpfung, seine ׳Idee, die er so gross erfasste, die er so begeistert der erstaunt authorchenden Judenheit verkündet hatte. lassen — wahrlich das jüdische Volk hat kein Glück! Zweitausend Jahre hatte cs darauf warten müssen, bis der Mann komme, der mit dem glühendsten Idealismus aticii die praktische Tatkraft verband — der nicht bloss aneiferte, nicht bloss begeisterte, sondern auch in vollster Nüchternheit, mit kühler Berechnung, mit weitausschauender Voraussicht, mit unermüdlicher Ausdauer und mit einem die Persönlichkeit vernichtenden Fleissc die Übersetzung des Idealen in das Praktische anstrebte. Und als der Mann da war. da wurde er uns in der Blüte seiner Jahre entrissen — | lauge bevor er die biblische Altersgrenze erreicht, lange bevor \ er sein Lebenswerk vollendet hatte! Ihn preisen .tausend Zungen und die Erkenntnis dieses reichen Lebens wird seihst in der Zeile״ Laui nicht untergehen. Fiir alle Zeiten hat er sich in das Herz seines Volkes eingegrabeu, das ihn den grössten unter seinen vielen grossen Söhnen angereiht hat und seiner n i e vergessen wird, so lange es noch wert ist, den trotz aller Bedrückungen und Erniedrigutigen immer makellos gebliebenen Ehrennamen der Juden zu tragen. Unbeschreiblich war dk: Trauer des ganzen Volkes. Hcrzls Andenken wurde gefeiert nicht bloss von den Zionisten, sondern auch — dies sei zur Ehre des jüdischen Volkes betont — von den Nichzionisten und Zionsgcgpprn. Es war das ganze Judentum darin einig, dass Juda mit Herzl einen seiner grössten Patrioten, die Menschheit einer ihrer edelsten Söhne, die Geschichte eine ihrer hervorragendsten Gestalten verloren hat. Dabei bekundete sich aber wieder einmal, dass ein grosser Teil der Juden den Zionismus noch immer nicht richtig erfasst und begriffen hat. ■Es glaubten viele, nunmehr dem Zionismus die Grabrede halten zu dürfen: sie meinten, der Zionismus sei. nur Strohfcucr gewesen, das mit dem Heimwege seines Er- Weckers rasch verlöschen werde, wie es emporgelodert ist. Sie erkannten eben nicht Herzls wahre Grösse und Bedeutung, die darin besteht, dass sein Werk nicht bloss das' Geistes- Produkt eines noch so hellen und grossen Kopfes ist, sondern nur die Wiedererweckung, die inoJcrnc Gestaltung einer im Gefühls- und Geistesleben der Juden tief wurzelnden Sehnsucht, die unterdrückt, zurückgchaltcu geblieben war. bis der zündende Funke Herzls das vorhandene Pulver zu hellen Flammen anfachte. Sein Werk wird dauernder sein als sein Leib, und wenn dieser auch in fremder Hrdo vermodert, der Moment wird kommen, in dem das jüdische Volk Herzls Asche auf seinem Zuge zur Wiedcrbesiedluiig des Landes seiner Hoffnung vorantragen wird. Unser Organisationssutut. die Verfassung, die wir uns selbst gegeben haben, hatte für den Füll des Todes eines Mitgliedes der Leitung der Bewegung nichts vorgesehen. Waren doch die meisten, die an der Schaffung dieser Verfassung teilnahmen. Männer in voller Manneskrait. in einem Alter, in dein man noch nicht ernstlich an den Tod denkt. Und wer Von uns hätte es vermutet, dass unser Präsident, der ein Bild strotzender Gesundheit schien, der erste sein würde, der auf diese Lücke hinwies? Die übrig gebliebenen Mitglieder des A.C. hatten es als selbstverständliche Pflicht erachtet, die Leitung der Partei, die sie schon seit der Krankheit Hcrzls selbständig inne hatten, fortzunihren, bis das grosse A.C. einberufen sein und weitere Verfügungen getroffen haben würde. Da zur Bestattung Herzls