Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3! JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 379 י in Russland sich stets bcfleissigte. hat ihn nicht vor dem j Schicksal bewahrt, vom Beamtentum tirexisch verfolgt zu werden. Er lässt sich das nicht anfechten und geht unbeirrt seinen Weg, den Weg der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, der Brüderlichkeit mit allen, die Russland ein neues Leben bereiten wollen. Jüdische Volkspolitik zu machen ist schwerer als iede andere. Die Interessen der Völker stehen einander schroff gegenüber und wer sein Eigenes wahren will oder auf Erwerbuiige« ausgeht, der muss Bündnisse ׳suchen und Gruppen beitreten. Uns ist diese einfache und bewährte Methode versagt, denn jede Macht hat ihre Juden, die ihr gewissermassen als Geisel für das Judentum dienen, und wir können nicht für eine verbündete Gruppe oder Regierung Partei nehmen, ohne unsere Brüder, die in der Gewalt der gegnerischen Gruppe oder Regierung sind, zu gefährden. An! besten entgehen wir dieser schiefen Lage, wenn wir uns nicht etwa dem einen oder anderen Volke in internationalen Fragen anzubiedern suchen, sondern jedem VQlke gegenüber immer betonen, dass wir Juden sind, die Sache des jüdischen Volkes führen und an der Verwirklichung jüdischer Ideale arbeiten. Internationale Sympathien sind uns als einzelnen Menschen gewiss nicht verwehrt. Wenn wir sic aber als Volk aufdringlich hervorkehren, so begehen wir einen schweren politischen Fehler. Der Gegenstand dieser Sympathien weiss uns für sic keinen Dank und seine Gegner machen wir uns ohne Not zu Feinden. Die Judenwanderung nimmt von Tag zu Tag einen grösseren Umfang an. Sie bedeutet eine Summe von Entbehrungen und Leiden, von Angst und Verzweiflung, die kaum in Worte zu fassen ist. Dieser Massenerscheinung gegenüber müssen wir mit tiefem Schmerz und Beschämung unsere Ohnmacht bekennen. Wir haben den Wandernden weder ein Land zu bieten, wohin sie getrost ihre Schritte lenken könnten, noch können wir ihnen durch Unterstützung mit Geld die Reise und die Begründung eines neuen wirtschaftlichen Daseins in der Fremde erleichtern. Was wir aber könnten, das wäre, in Einschiffungs- und Landungsbätcn, an Grenzstationen und Verkehrsknotenpunkten zionistische Einrichtungen zu schaffen, die dem Wanderer Rat erteilen, Schutz gewähren, Auskünfte über die Rcisegelegenlieitcn und die Arbeits-Verhältnisse geben würden. Der moralische Wert solcher Einrichtungen ist hoch anzuschlageu. Die Fahrt Ins Unbekannte würde einer! Teil ihrer Schrecken verlieren, wenn der gedrückte, vor der Zukunft bangende Wanderer sich vom organisierten Teil seines Volkes an der lland genommen, geführt, behütet und betreut fühlen würde! Eine Bewegung, die einet! grossen Teil des arabischen Volkes ergrifieu hat, kann!eicht eine Richtung nehmen, die auch Palästna berühren würde. Dann würde das Land unserer Väter wieder einmal, wie so oft im Laufe der Geschichte, in den Mittelpunkt des politischen Weltinteresses gerückt sein. Die türkische Regierung würde. sich vielleicht in die Notwendigkeit versetzt sehen, ihre Herrschaft in Palästina und Syrien gegen ihre eigenen Untertanen mit der Watie in der Hand zu verteidigen. Die europäischen Mächte würden in ' die sciiwere Verlegenheit kommen, die jedesmal eintritt, wenn die bestehende Ordnung in einem Lande bedroht ist, an dessen Grenzen ihre gegenseitige Eifersucht Wache hält. Bei dieser Sachlage könnte cs dann der türkischen Regierung einleuchten, dass es für sie von ausserordentlichem Werte wäre, in Paliistina und Syrien ein zahlreiches, kräftiges und wohlorganisiertes Bevölkerungsc lerne nt zu besitzen, das bei votier Achtung der Recht.״ der Vorgefundenen Einwohnerschaft keine Angriffe auf die Autorität des Sultans dulden, sie vielmehr mit dem Aufgebot aller Kräüe verteidigen'würde. Auch Europa würde es wohl als einen ihm geleisteten Dienst anselien, wenn das jüdische Volk durch seine friedliche, doch energische Be- Setzung Palästinas gewaltsame Änderungen der dortigen Souveränetatsverlüiltnisse verhüten und eine Intervention der Mächte überflüssig machen würde, deren Gefahren der Diplomatie nur zu bekannt sind. Aber damit das jüdische Volk die hier angedcutcte Rolle spielen könne, muss es der Türkei und Europa Vertrauen zu seinem Willen und seinen Fähigkeiten cinflössen. Dieses Vertrauen müssen wir uns verdienen, indem wir einig bleiben, unbeirrt und stramm auf unser unverrückbares Ziel zuschreiten, unsere Organisation stärken und ausbauen. Niemand kann der Vorsehung in die Karten schauen. Unversehens kann .die Weltgeschichte eine Gelegenheit darbieten ,die sofort ergriffen werden muss. Sind wir dann nicht vorbereitet und fertig, so verpassen wir sic und sie kehrt vielleicht nie wieder. Wehe uns. wenn dann von uns gesagt werden muss: ״Aber der grosse Moment Findet ein kleines Geschlecht.“ Sic sehen, geehrte Versammlung, wie gross die Ihnen gestellten Aufgaben sind, wie schwer Ihre Verantwortlichkeit ist. Ihre Beschlüsse werden für die weitere Entwicklung unserer Bewegung entscheidend sein. Von ihnen hängt cs ab, ob sic mäghtiger anscliwellen und breiter dahinfluten oder kläglich im Sande verlaufen wird. Das Schicksal des Zionismus ist in Ihre Hand gelegt. Sie werden beweisen wollen, dass es bei Ihnen in guter Hut ist. Mögen aus Ihren Beratungen dem jüdischen Volke neuer Trost und frohere Hoffnung erspriessen. (Stürmischer Beifall.) Dr. N’ordau verliest hierauf aus den! Einlaufe. Basel, den 22. Juli 1905. Der Regierungsrat tfes Kantons Basel-Stadt an das Bureau des Zlonlstenkongresses in Basel. Hochgeachtete Herren! Die freundliche Einladung zum Besuche der Verband- (ungen des VII. Zionistenkongresses beehren wir uns Ihnen mit der Mitte.lung auf das verbindlichste zu verdanken, dass wir unsern Mitgliedern die Teilnahme an dem Kongresse freigestellt haben. Wir benutzen den Anlass, auch dem VII. Zionisteukongress unsern aufrichtigen Wiiikommgruss zu entbieten und ihm die besten Wünsche für eine erspriessliche Tagung zu übermitteln. Dabei gedenken wir mit herzlicher Teilnahme des Verlustes, den Ihre Bewegung seit dem letzten Kongresse durch den Tod des Dr. Herzl erlitten hat, und sprechen es hier gerne nochnials aus. wie viele Sympathien sich die hervorragende PersönFckke t Ihres verstorbenen Präsidenten in unserer Stadt erworben hat. Mit vorzüglicher Hochachtung. Der Präsident des Regierungsrates: Alb. Buickha rdt. Der Sekretär: Dr. A. Im Hof. Stürmischer Beifall Dr. Nordau erklärt, dem Regierungsrat den Dank des Kongresses ausdriieken zu wollen. ״Vom mandschurischen Kriegsschauplatz aus dem Hauptquartier des Oerbstkommandierendcii Linewitsch ist uns von den dort anwesenden Mitgliedern des A.C. Dr. Sapir und Dr. Schlaposclmikow-Tscliita (Beifall) eine Depesche eingetroffen, in der uns die Grösse d£r gegenwärtig auf dem Kriegs- Schauplatz dienenden Zionisten übermittelt werden. Inmitten der Gefahr, imn tten der Not. inpiitten einer Tätigkeit, in der der Tod ihnen fortwährend vor Augen ist. gedenken sie der Bewegung, gedenken sic des Ideals, dem auch sie Treue geschworen haben und entbieten uns ihren Gruss vielleicht in einem Augenblicke schwerster Todesgefahr. (Anh. Beifall.) Ich erteile mm dem Mitglied des engem A.C.. Herrn Areh. Oskar Marmorek das Wort zur Berichterstattung über die Tätigkeit des Aktionskomitees.“ Dr. Oskar Marmorek verliest seine Rede: Der VI. Kongress hatte einen sehr erregten Verlauf getiommen. Diese Erregung war durch eine Mitteilung des Kongress- und Aktioiis-Komitce-Prüsidenten Dr. H e r z l hervorgerufen worden, dass die englische Regierung dem Kongresse als der Vertretung des jüdischen Volkes das Angebot gemacht habe, ein noch naher zu bestimmendes Gebiet in Britisch- Ostafrika durch .lüden besiedeln zu lassen, welchen eine autonome Verwaltung eingeräunit werden sollte.