Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 31 Seite 378 JÜDISCHE RUNDSCHAU zu wahren, die sie bisher ausgezeichnet, dieser Versammlung den hohen parlamentarischen Charakter zu erhalten, den Herzl Ihr von allem Anbeginn zu geben gewusst hat. Ich bitte Sie nur, mich darin zu unterstützen, wie Sie unsem toten Führer unterstützt haben. , Kein Kongress hat so grosse Aufgaben zu bewältigen gehabt wie ־ dieser. Ihren Beschlüssen vorzugreifen habe ich kein Recht. Ich überschreite aber meine Befugnis nicht, wenn Ich schon! fetzt auf ihre aussergewöhnliche Wichtigkeit hinweise. Herzls Tod hat über den Zionismus eine schwere Krisis heraufbeschworcn. Wir hatten uns alle daran gewöhnt, ihn allein für uns denken und handeln zu lassen, und als er uns plötzlich fehlte, waren wir wie enthauptet. Es rächte sich an uns, dass wir alle Arbeit und Verantwortlichkeit einem einzigen aufgehalst hatten. Aber es ist Zeit, dass wir uns fassen und zur Sclbsttätigkeit aufraffen. Die Gegner unserer Bewegung haben frohlockt, mit Herzl sei auch der Zionismus gestorben. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie Rieh geirrt haben. Wir müssen der Welt beweisen, dass der Zionismus nicht die Bewegung eines Mannes ist, dass er nicht auf zwei Augen steht. Sie werden die Organisation unserer Bewegung der durch Herzls Tod geschaffenen neuen I.age anzupassen haben. Im Innern unserer Gemeinschaft sind Spaltungen entstanden, die ihre Einheit schwer bedrohen. Selbst einig sind wir Ja ach! so schwach. Wenn wir nun auch noch zerklüftet sind und in unfruchtbarem Hader gegen einander unsere geringen Kräfte verbrauchen, sind wir zu vollkommener Ohnmacht" verurteilt. Feindliche Parteien innerhalb des Zionismus bedeuten seinen nahen Selbstmord, nicht mehr und nicht weniger. Seit dem letzten Kongress ist von Männern, die sich seihet als Zionisten bezeichnen, unser Programm in Frage gestellt worden. Sie werden sich unzweideutig zu äussern haben, ob das Baseler Programm noch immer der feststehende Boden Ist, auf dem wir sicher stehen, oder ob Sie sich anschicken, ihn mit einem Fusse oder beiden Füssen zu verlassen. Aufrichtigkeit gegen uns und gegen die anderen ist das ursprüngliebste Gebot der Rcchtsschaffenheit. Das jüdische Volk und die Weit dürfen nicht in Zweifel gelassen werden über das, was wir eigentlich wollen. lieber die Annahme oder Ablehnung des grossartigen Landangebots der Regierung Seiner britischen Majestät werden Sie sich in einer Sondersitzung zu entscheiden haben, der man in meines Erachtens vollkommen missverständlicher Dentung des Wortlautes und Sinnes eines Beschlusses des sechsten Kongresses den Namen eines ausserordentlichen Kongresses gegeben hat. Ich verweile deshalb jetzt nicht bei dieser hochbedeutsamen Angelegenheit. Das tiefe, doch besonnene Verlangen nach dem Lande unserer Väter, das zweifellos jeden Zionisten beseelt, das ihn erst zum Zionisten macht, hat bei einem Teil unserer Gesinnungsgenossen die Form einer nervösen Ungeduld angenommen, die nicht mehr warten zu können glaubt. Und da es nicht von uns abhängt, das Land unserer Selmsucht sofort unter den Bedingungen zu bekommen, unter denen allein die Rückkehr in die alte Heimat ein Segen für unser Volk und die Lösung der Judcniragc wäre, wollen sie auf die von der Erfahrung verurteilten Methoden der Kleinkolonisation ohne öffentlich-rechtliche Grundlage und ohne vorherige Schliessung eines zweiseitigen Vertrags mit der Regierung Sr. Majestät des Sultans zurückgreifen. Sie werden zu der Lebensfrage Stellung zu nehmen haben, ob der Zionismus zu seinen vor- Herzischen Ursprüngen umkehren, ob er wieder eilt sogenannter praktischer Chowcwc-Zionismus werden und mit »einer ' gewaltigen Anstrengung des ganzen Judcuvolks einige Dutzend Familien als subventionierte Trost- und Hofiiiungs-Kolonisten in Pa'üstina ans edeln, oder ob er auf der von Herzl eingeschlagcucn Bahn iortschrciten und eine grosse weltpolitische Bewegung bleiben soll, die nicht stille steht, ehe sie mit Zu- Stimmung und Mitwirkung der Mächte dem ganzen jüdischen Volke normale Daseinsbedingungen geschahen hat, ihm zum Heile und der Gesittung zum NVzen. Ich darf wohl die Hoffnung ausdrücken, dass Ihre Weisheit tjinen Mittelweg finden wird, der uns gestattet, die Ungeduldigen wenigstens teilweise zu befriedigen, ohne dass wir den Zionismus zu den Keimformen zusammenschrumpfen lassen, die er in den achtziger Jahren hatte. Wir haben es immer betont: die zionistische Organisation ist kein Wohltätigkcitsvercin; der Zionismus verteilt keine Almosen. Sein Ziel ist höher gesteckt. Er erkennt es als seine Aufgabe, die eriösungsbedürftigen Millionen des jüdischen Volkes in neue Lebensbedingungen zu versetzen, in denen sie kein Almosen mehr nötig haben sollen. Allein während er an dieser einen grossen Aufgabe arbeitet, vergisst er’niemals, dass er als der einzige organisierte Teil des jüdischen Volks gegen die Volksgesamtheit auch andere Pflichten hat. Die zionistische Organisation muss allen heimatlosen Juden die Anlehnung, die Fürsorge, den moralischen Schutz, die Verteidigung gewähren, die sie unter normalen Verhältnissen bei der eigenen Regierung finden würden. An uns ist es, mit allen Mitteln, die uns zu Gebote stehen ,ihr die Juden, sie seien Zionisten oder nicht, einzutreten, die Unrecht und Gewalt erleiden, die an Leben und Vermögen bedroht sind, die von ruchlosen Regierungen als Blitzableiter gegen das Gewitter des entfesselten Volkszornes benützt werden. Wir sind Zeugen ungeheurer Wcltercignissc und alle-treuen uns unmittelbar, weil wir durch alle Länder zerstreut sind. In den grossen poiitisehen Veränderungen, die sich vorbercitcn, kann das Judentum schweren, ja tätlichen Schaden erleiden oder eine rasche und hcchbcdeutsamc Besserung seiner Lage erfahren. Je;!achdem cs stumm, träge und furchtsam bleibt wie cs s&.nc unglückliche tausendjährige Gewohnheit ist, oder klug und .euergisch den Augenblick wahrzunehmen weiss, der vielleicht nie wiederkehrt. Unsere Pflicht ist es, wachsam den Vorgängen auf der Wcltbühnc zu folgen und bei jeder geeigneten Gelegenheit die Stimme des jüdischen Volkes an der richtigen Stelle hören zu lassen. Die tiefen Umgestaltungen, denen Russland entgegengeht, werden auf das Schicksal von sechs!Millionen Juden gewaltigen Einfluss üben. Der Zionismus, der Freiheit, Selbstbestimmungsrecht, Wiedergeburt und Aufstieg bedeutet, würde seinen eigenen Prinzipien widersprechen, wenn er nicht überzeugt und entschlossen für die Volkssouvcränität und die Aufklärung gegen den Absolutismus, den Geistesdruck und alle Mächte der Finsternis Partei nähme. Zw׳ar glaubten die Zionisten keinen Augerwück daran, dass mit der Erlangung der Freiheit und Gleichberechtigung der Juden in Russland die Judenfrage überhaupt oder auch nur die Judenfrage in Russland* endgiltig gelöst sein würde. Das Ideal der zionistischen Juden, iti Russland wie in allen Lfmdem, bleibt die nationale Wiedergeburt im Lande der Väter. Aber nichts wird die Juden in Russland davon abhalten, zusammen mit den besten Eiemenien des russischen Volkes für eine fortschrittliche Verfassung zu kämpfen, die auch ihnen die volle Gleichberechtigung gewährt. Denn mir freie Juden können sich ungehindert zu tüchtigen Bürgern des einstigen Judenlandes hcranbildom Wir wissen, dass an gewissen Stellen mit teuflischer Planmässigkeit Judcngemetzcl an gestiftet werden, in der zugleich nichtsw׳iirdigeu und törichten Annähme, durch neue Verbrechen einem verurteilten System noch eine Galgenfrist zu verschaffen. Dieser Anschlag wird nicht gelingen. Der Zionismus hat die Juden Mannhaftigkeit gelehrt. Sic werden siel! gegen feige Angriffe so nachdrücklich zur Wehre setzen, dass die vertierten Helfersholter der amtlichen fmpresarii von Raul» und Mord Pogroms als gefährliche Abenteuer zu fürchten lernen sollen. Die strengste Gesetzesachtung, deren der Zionismus