Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651425--02630-2659523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 376 No. 31 JÜDISCHE RUNDSCHAU die Reichen und Geistesadligcn seines Volkes dieselbe Entrüstung über die Lage des Judentums, dieselbe Sohnsucht nach neuere, stolzen Geschicken empfanden wie er selbst. Er schrieb seinen ״Judenstaat*‘, zeigte darin mit Scharfsinn und weiser Voraussicht, wie der Auszug der besitzenden Juden aus den Ländern der Verfolgung sich mit dem geringsten Schaden für sie und die Länder vollziehen könne, liess das Buch auf eigene Kosten in mehrere Sprachen übersetzen und drucken, schickte es den angesehensten Rabbinern, Gemeindevorstehern, Ei• nanzmännern, und wartete. Jetzt musste ja die grosse Zeit der Erlösung'und Wiedergeburt beginnen! Einige Wochen hoher Hoffnung und banger Ahnung vergingen, dann wusste er es: die meisten Empfänger seines Buches hatten es nicht aiifgeschnittefr, einige cs nach den ersten Seiten ärgerlich in den Papierkorb geworfen, manche aber, die es durchflogen hatten, fielen in Zcitungen, Broschüren und Kanzelreden über ihn hör, und nannten Hihi einen neuen Sabbatai Zevi, wenn sie ihn nicht einfach einen feigen, Ausreisser, oder gar einen Antisemiten schimpften. Jeder andere hätte an dieser ersten Erfahrung genug gehabt. Nicht Herzt. Er stutzte nur, sammelte sich aber bald. Sein fruchtbares Hirja trieb sofort einen, neuen Plan hervor. Mit der Finanzmacht. den geistigen Kräften, dem mannigfaltigen Einfluss der jüdischen Ober- Schicht konnte selbst ein‘ mittelmässiges Organisationstalent das zionistische Befreiungswerk ohne besondere Schwierigkeiten verwirklichen. Da diese Schicht aut Herzls Anruf taub blieb, da sie ihm ihr Geld vorenthielt, ihren Geist gebrauchte, tun ihn zu verspotten, ihren Einfluss benutzte, um ihn überall zu hemmen und seine Bemühungen zu vernichten, sollte der hartkämpfende Mittelstei id und die notleidende Masse die Mittel zum weltgeschichtlichen Unternehmen liefern. Er trat mit dem Entwurf der jüdischen Kolonialbank hervor und panzerte seine Empfindlichkeit eines hermelinrcinen Goldverächters gegen die giftigen Verleumder, die ihn einen Gründer schalten und unterstelltda, er habe den ganzen Zionismus nur ins Werk gesetzt, um sich an einer Judenbank zu bereichern. Er verlangte vom jüdischen Volke 50 Millionen Franken, den kleinsten Betrag, mit dem majn an ernste finanzielle Verhandlungen mit der Türkei denken durfte. Es gab ihm noch nicht ein Achtel der Summe und dabei ist es nach sechs Jahren bis zum heutigen Tage geblieben. Er versuchte ein anderes Werkzeug der Erlösung zu schmieden, ein we•! schwächeres, weit dürftigeres; er regte die Schaffung des Nationalfonds an, der 200,000 Pfund betragen sollte. In fünf Jahren ist noch nicht die Hälfte vereinigt worden. Die eüicn wollten nicht, die andern konnten nicht, kurz, es kam bei übermenschlichen Anstrengungen blutwenig heraus. Wo immer er mit seiner tapfere! Faust zufassfe, da griff er ins Leere. Wo immer er den Fuss.hinsetzen wollte, da schwand ihm' der Boden unter der Sohle. Er baute auf sein Volk wie auf einen Urieis und sein Volk erwies sich als Flugsand. Ich muss, so schwer es mir wird, auch seiner letzten Enttäuschung gedenken, ‘die vor der Geschichte unsere Schande bleiben wird. Für die Sache, die er zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte, gab Herz! ohne zu zählen. Er verzichtete üi den wirrschaftlich ergiebigsten Lebensjahren fast .ganz auf Erwerb, utn sich dem Zionismus vollständig widmen zu können; er brächte mit der ihm eigentümlichen Grossartigkeit vom ersten! bis zum letzten Tage die schwersten Opfer für sein Ideal; er bestritt aus der eigenen lasche die ersten Erfordernisse der Organisation, die Afifangsgehälter der Beamten, die Kosten der frühen Reisen für den Zionismus; er schuf und unterhielt jahrelang mit seinem Gelde das als notwendig erkannte. Hauptorgan der Bewegung. Als er ircun Jahre später starb, hinterliess er fast *nichts als seine.Aktien der jüdischen Kolonialbank. Wenn ihm seine Nächsten wegen des Vcr- Brauches des Vermögens seiner Kinder Vorstellungen machten, beruhigte er sie lächelnd mit der Bemerkung: ״Ich habe zu meinem Volke das Vertrauen, dass es meine Frau uhd Kinder nicht hungern lassen wird.‘־ Auch dieses Vertrauen hat das jüdische, Volk niclrt gerechtfertigt. Seit einem Jahre demütigen wir uns und das Andenken Herzls, das uns heilig ist, und sammeln iiir seine Familie. Und mit welchem Erfolg? Es ist bei seinem Tode viel geweint worden, man hat in Tra 1erreden viele Worte gemacht, aber das jüdische Volk hat bis heute der Familie Herzls noch nicht ein Drittel des Barvermögens ersetzt, das Herzl ihm geopfert hat, ausser neunjähriger übermenschlicher Arbeit und ausser seinem Leben. Als er seinen Weckruf an das jüdische Volk ertönen liess, da sammelte sich statt der bestimmt erwarteten Millionen, mir ein kleines Häuflein um ihn: dieses Häuflein ist ihm bis zu seinem letzten Atemzuge treu geblieben, es hat sich im Laufe der Jahre auch stattlich vcr• mehrt, aber selbst jetzt, nach neun Jahren leidenschaftlieber Propaganda, macht es erst etwa ein Sechzigstel der gesamten Judenlteit aus. Ein Sechzigstel! l'ud mit der Arbeit und den Opier/i dieses armen winzigen Sechzigsteis sollte das Garze, das reiche, grosse, teilnalmilos bei Seite stehende Ganze beireit werden. Herzl wollte das Missverhältnis zwischen der Kraft und der Aufgabe nicht sehen. Er wollte nicht an die dauernde Gleichgiltigkeit des jüdischen Volkes glauben. In seinen Plänen und Berechnungen setzte er immer das ganze jüdische Volk als Haben oh. Das war die Ursache des Fehl- Schlagens seiner Unternehmungen: das war seine Schwäche, sagen seine kaltherzigen Kritiker; das war •seine Stärke, das war seine Grösse, sagen wir, die ihn verstanden haben. Nichts konnte seinen Glauben an sein Volk, nichts konnte sein Vertrauen zu seinem Volke erschüttern. Er verschloss zuletzt absichtlich die Augen vor der Wirk’ichkeit und sali im Geiste immer nur ein ideales Volk von zwölf Millionen Herzl vor sich, das ihn zu .seinem Sachwalter berufen haue. Wenn er erhobenen Hauptes vor den grössten Herrschern der Erde stand und ruhig mit ihnen sprach, so war dies weder Dreistigkeit noch Mangel an Verständnis für Proportion, sondern die Wirkung der ihn beherrschende» Vorstellung, dass zwölf Millk.hcn Adelsmcnwhen hinter ihm standen, die ihm ihre Vertretung anvertrauten und iiir die er sich nichts vergeben durfte. Wie sehr dieser Stolz für seine Auftraggeber mit persönlicher Bescheidenheit Zusammengehen konnte, beweist die beredte Tatsache, dass er von einer hochpolitischen Unterredung mit einem ־Papst, Kaiser oder König schlicht in seiner Wiener Redaktionsstuhc zurückkehrte und pflichttreu seine jumpaüstischc Tagesarbeit, manchmal eine recht untergeordnete Routinearbeit, verrichtete, während in seiner Seele noch die Worte nächkiaugc», die er mit den Mächtigsten der Zeit über die Zukunft seines Volks, über die Geschicke von Nationen und Länder׳.;! aiisgetauseht hatte. Es ist anscheinend das Los unseres Volkes, dass seine Spinozas immer Brillengläser Addeiten, seine Ciucinnatus immer den Pflug führet! müssen, und nicht einmal den eigenen. Wenn Herzl sich unterfing, Geschichte machen zu wollen, so war cs, weil er überzeugt war, dass 12 Millionen Menschen, seihe zwölf Millionen eir/er unvergleichliclien Auslese, das Recht und die Macht hatten, Geschichte zu machen. Diese Ueberzeugung hielt ihn t." 1