Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651425--02629-2659522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 31 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 375 schäftigung mit jüdischen Fragen an, bis der Tag kam, vc die Lage des jüdischen Volkes ihm sein, eigenes Judentum mächtig ins Bewusstsein rief. Er lebte Mitte der Neunziger Jahre in Paris. Es *war der tragische Augenblick, wo der französische Völksorganismus von der Dreyiuskrankheii befallen *wurde. Die Strassen begannen widerzuhallen vom Schrei: ״Tod den Juden!“ Da horchte Herzl hoch auf. Eine der empfindlichsten Stellen seines Wesens wurde von einem rohen) Hieb getroffen — sein Stolz. Denn Herzl war ein stolzer Mann; nicht hochmütig, nicht eitel: stolz! Das heisst, er hatte das bestimmte Bewusstsein seines sittlichen Wertes und jene Selbstachtung adliger Naturen, die es in sich schliesst, dass man auch der Väter gern gedenkt. Er empfand sein Blut als ein kostbares Erbe, seine Herkunft als eine Aus- Zeichnung. Dieser durch und durch vornehme Jude, der «׳ als Vertreter der Neuen freien! Presse ia Paris von Berufs wegen alle Volksversammlungen besuchen, taglieh in die Kammer gehen und die antisemitischen Zei- Hingen und Schriften lesen musste, blickte schaudernd in den Abgrund antisemitischer Bestialität, der vor ihm anfklaffte. Er ertrug es nicht, dass man in ihm seine Vorfahre!ו beschimpfte und seine Nachkommen schmähte. Kr empörte sich mit der ganzen Leidenschaft seiner starke! Natur gegen die ruchlosen Lügner, die ihn mit allen Juden zusammen in dem Grundnetz einer Kollek.־ tivverläumdimg einfingen, um ihn zur moralischen Verniclnung zu schleppen, und er, nach Anlage und Ent- 'wickelutig bis dahin eine allseitig frei dastehende Eigen- Persönlichkeit, nahm sofort mit tapferm Trotze die Gemenbiirgschaft mit den Seinen vor dem Feinde an, der die Juden um ihrer Rasse willen aus der menschlichen Gemeinschaft stossen wollte. Er dachte über sein Verhältnis zum jüdischen Volke, über das Verhältnis des jüdischen Volkes zu den anderen Völkern nach, er gelangte zur Erkenntnis, dass dieses Verhältnis unleidlich sei, und da er ein starker und entschlosserer Charakter war, fasste er sofort den Vorsatz, die Verfassung und die Lage seines Volkes, dessen Schicksale er teilen musste und mm auch aus freier Ent- Schliessung teilen wollte, von Grund aus zu ändern. Niemand, auch er selbst nicht, hatte bis dahin in ihm die Eigenschaften geahnt, die er iür seine neue Aufgäbe mitbrachte. Herz! wuchs wirklich mit seindn grösseren Zwecken; c.r wuchs so gewaltig, dass seine Bekannten und Kollegen ihm mit dem gewohnten Massstab nicht mehr nachkonunen konnten und ihn mit alfiernem Hohn oder schimpflicher Nachrede anfeindetdn, weil er über ihre kurze Eile hinausgewachsen war. Aus dem anmutigen Plauderer, dem gemütvollen Erzähler, dem geistreich tändelnden Lustspieldichter wurde über Nacht ein Staatsmann mit weitem Umblick, der einem hohen Ziel auf nahezu ungangbaren Pfaden kiihir tnd beharrlich zustrebte. Nörgler haben nasenrümpfend herumgeredet, Herzl habe dch Zionismus nicht geschaffen, er habe ihn fertig vergefunden und sich das Werk seiner Vorgänger angeeignet, ohne sie auch nur zu nennen. Ich aber stelle aus sicherer Kenntnis der Tatsachen fest, dass er von Vorgängern schlechterdings nichts wusste. Er fand ddn Zionisnfms in seinem Herzen. Er baute ihn in seinem Geiste systematisch aus. Erst Jahre, nachdem er mit sich ganz fertig war, lernte er Pinsker und Moses Hess kennen. Es waren Begegnungdn, die ihn erfreuten. Aber sic kamen zu spät, um ihn etwas zu lehren. Es ist einmal scherzhaft gefragt wf0rden, was wohl aus Liszt und Paganini geworden sein würde, wenn sie mit ihrem spezifischer[ Genie zur Welt gekommen w׳ären, ehe das Klavier und die Geige erfunden waren. Die Alntw'ort auf diese Frage gibt Herzls Erscheinung. Er w'ar tatsächlich der Liszt oder Paganini, der vor der Erfindung ,des Instruments geboren wrar, auf dem allein sein Genie sich offenbaren konnte. Herzl war ein geborener Staatsmann ersten Ranges ohne Staat, ohrJe organisiertes Volk, ohne efa einziges der Machtmittel, wromit man praktische Politik machen kann. Sein Fall steht nicht einzig da. Immer noch bringt das alte Judenvolk von Zeit zu Zeit staatsmämiische Talebte hervor, iür die es keine Verwendung hat. Manche schaffen sich gleichwohl ein Tätigkeifsgebiet, aber es liegt ausserhalb ihres Volkes. Denken Sic an Disraell, für den eine Judengemeinde sicher zu eng gewesen wäre, da ja das britische Weltreich ihm kaum weit genug war. Herzl, ich sage das ruliig, im Bewusstsein, mich nicht zu Uebersclnvang iortreissen. zu lassen, Herzl hatte das Zeug zu einem andern Disraeli. Er hätte einer werden kamen, wenn er getan hätte, was Lord Beaconsfield tat. Aber er wollte es nicht tun und beschied sich zu dem Martyrium, mit leerer Hand grosse Politik machen zu wollen, grosse Politik für das jüdische Volk, dessen amtliche Vertreter und Wortführer leugneten, dass es ein Volk, sei Herzl ging kaltblütig daran, aus einem Menschenstaub ohne gemeinsamen Willen und Ziele ein Volk zu schmieden, diesem Volk eih Land zu gewinnen, ohne Heer, ohne Flotte, ohne Finanzen von Regierungen, die nur mit diesen Faktoren rechnen, Zugeständnisse zu erlangen. Das war ein Unternehmen, vor dem der Kühnste zurückgeschreckt würe. Es war ein vollkommen aussichtsloses Unternehmen, sagten die Gegner des Zionisinus. Herzl aber war von seiner Ausführbarkeit überzeugt und liess sich nicht irre machen, wenn andere eine Utopie nannten, was ׳er als nötiges und mögliches Werk vor Augen hatte. Es würe eine grosse Ungerechtigkeit, Herzl Urteil abzusprechen. Er hatte, im Gegenteil einen, scharfen kritische!! Sinrf und fand früher als andere alle Schwächen eines Plans heraus. Wenn er gleichwohl ohne Zögern unternahm, was anderen unmöglich bis zur Verrücktheit schien, so erklärt sich dies aus der Geschichte seiner Sendung. Als er den Gedanken fasste, dem jüdischen Volk den* Weg zur Erlösung aus tausendjähriger Schmach zu weisen, da kannte er genau, von seinen Eltern abgesehen, eigentlich nur einen einzigen Juden — sich selbst. Zum wirklichen, lebendigen Judentum hatte er bis dahin keine Beziehuhgen gehabt Es lebte in seiner Vor- Stellung nur in der Verkörperung eines Judas Makkabäus, Bar Kochba, Juda Halcvy, Spinoza, Heine. Die Eigenschaften dieser Männer, seine eigenen Eigenschäften, setzte er ohne weiteres bei allen oder doch den meisten Stammcsgc.nosscn voraus. Er nahm an, alle oder sehr viele Juden seien wie er entschlossen, nicht länger Erniedrigung zu ertragen, sie hätten seinen stahlernen Willen, seinen sittlichen Ernst, seine ideale Begeisterung, seine unbegrenzte Selbstlosigkeit, seinen Opfermut, n|nd er urteilte, dass auch dieses Machtmittel seien, mit denen ein Staatsmann arbeiten kann, auch wenni er noch kein Land, kein Heer, keine Flotte, keine Finanzen zur Verfügung hat. Die Tragik seines Lebens w׳ar, dass er sich in dieser Grundrechnung irrte. Seine Eigenschaften wiederholten sich vielleicht virtuell bei allen oder vielcb Juden, aber sic blieben jedenfalls verborgen. Das Harz krampft sich mir zusammen, wenn ich ihm auf seinem neunjährigen Leidenswege folge, w׳ie er sich, in seinem schönen Vertrauen zum Judentum wie in einem Nebel befangen, 'durch die Dornen! und Nesseln der Wirklichkeit mit w unden Händen tastete. Er zw eifelte nicht daran, dass 1 i