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Jüdische Rundschau · 1905-08-04 · Heft 31 (4.8.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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No. 31 Seite 374 JÜDISCHE RUNDSCHAU und schcihbar beachtet worden ist, beginnt seinen unterirdischen Weg unter der Schwelle des Bewusstseins, und geheime Kräfte der Vereinigung und Sonderung schaffen am Werke. Starker und stärker mahnt eine Regung der Vorsicht: Morgen beginnt der Kongress. Wie könnten wir miteinander leben? Die PalästBner sind die zweifellose Mehrheit Die knirschende Minderheit muss ihre Taktik bestimme״. Und da teilt sie sich. Ofien droht der Territoriaiismus. dass er zum Terrorismus der Obstruktion werden wird. Die ״Politischen4‘ versuchen noch, den Willen der Maiorität abzuschwächen und durch Verhandlungen abzulenken. Alle übrigen Richtungen tauchcln in diesen dreien unter. Jeder muss Stellung nehmen. Auch die ״Ziotte Zion“ (es ist traurig, dass wir diesen Namen haben erfinden müssen) sind nicht ganz in der Taktik einig. Viele wollen nur das Programm sickern. die Abrechnung mit dem Territorialismus aber um des lieben Friedens wegen verschieben. Die andern aber, an ihrer Spitze der unbeugsame Ussisd’kin. wclieh den Kongress säubern, bevor die sachtchen Beratungen beginnen. Wer nicht Palästina als Ziel anerkennt, der hat. sagen sie. kein Recht, über das Schicksal einer Zionsbewegung mitzuentsdieiden. Inzwischen hat auch der Deutsche Pclegicrtemag getagt. Dass unsere Leitung bis kurz vor dem Ko:1gress keine scharfe Stellung in den grossen Fraget! der letzten zwei Jahre genommen hat. erweist sich nunmehr als eine Unterlassungssünde. Denn die deutsch: Landsmannschaft ist tief gespalten, sie fällt auseiharider; ein Teil geht zu den Zionv-Zion. ein Teil zu den ״Politischen“. Damit hat sic ihre Bedeutung als geschlossenc Landsmannschaft verloren. Die Spanne-Zeit bis zum Kongress wird von allen Parteien benutzt, um Versammlungen zu veranstalten, die ihre Meinung klarlegen und verbreiten. Und in 'der Tat, bis zum Kongresstag ist alles krystallisiert. Die Spannung ist ungeheuer. Unter diesen Zeichen, bei schwüler Hitze in Natur nrfd Mensch, schicksalsschwer, aber ohne deutliche Erkenntnis seiner Schicksalsschwere, bricht der erste Tag des siebenten Zionistehkongresses an. Elias Auerbach. mm » * •* - Die Eröffnung des Kongresses Nach den letzten Tagen der Er artung endlich di*: Eröffnung des Kongresses am Donnerstag. Für 10 Uhr vormittags war sie bestimmt. Bereits um S Uhr früh war das Stadtkasino, wo bekanntlich die Kongress- Sitzungen5 stattfinden, von einer stetig wachsenden Menge umlagert. Man hatte, da zu diesem Kongresse nicht so wie bei den früheren je 100, sonderh erst je 200 Schekelzahler einen Delegierten zu wählen hatten, auf eine geringere Anzahl von Delegierten gerechnet. Trotz der schwierigen Verhältnisse in einzelnen Ländern waren aber über 800 Delegierte gewählt worden und über 600 Delegierte zur Eröffnung des Kongresses gekommen. An׳ zweihundert Journalisten, danintcr die Vertreter der grössten Pressassociationen Europas und Amerikas, mussten überdies untergebracht werden. Dazu waren über 3000 Gesuche um Pcrmar.enzkarten für die Galeriesitze der Gäste eingelaufen. Kein Wunder, dass die Diener und freiwilligen Ordner aus den Landsmannschäften dieser Riesenaufgabe nicht gewachsen waren. Schutzmannschaft musste mithelfcii, die Ordnung aufrecht zu erhalten, un'd nur der Besonnenheit der Ordnungsgruppe und der Nachsicht der Mannschaft ist es zu danken, dass die Eröffnung ohhe Störung vor sich ging. Freilich!milderte von Leuten, darunter solche, die aus weiter Ferne gekommen waren, konnten trotz aller Anstrengungen keinen Einlass finden. Im schwarz drapierten Saale hängt c(!1 lebensgrosses Gemälde Herzls, das mit melancholischem Herrscherblick irr. 'den Saal .hinabschaut. I. Sitzung (Vormittags) D o n n e r s t a g 27. J111 i, 24. T a m m ü 7. 5665. Bereits um 9 Uhr war der Kongrcsssa!.• di•: Galerie und der Joümalistenplatz gänzlich gefüllt. In das düstere Bild der Traue rvcrsammlung. auf die das umflorte Bild des toten Führers über der Kongresstribiinc ernst herabsah. brachten nur die heilereri Toiletten einiger Damen einen! freundlicheren Ton. Da ertönten kurz vor *״hl Uhr drei Hannnerscliläg•:. Es erfolgte eine Aufforderung, bei dieser Trauerfeier jede Bciralisbczcugung zu unterlassen, und dann nahm das grosse A.-K. seine Plätze ein. Noch citte kleine Pause, dann betritt N'orda!1. trotz der früheren Aufiorderiing von Beifall empfangen, die Trihür.*:, und hält seinem toten Freunde und Füll rer die Trauerrede. Max Nordaus Rede Geehrte Versammlung! Der zionistische Kongress tritt zum erstenmal ohne den zusammen, der ihn gcschaffen bat. Den siebenten: Kongress, den Sabbatkongress. sollte sein Schöpfer ־nicht erleben. Diese Estrade bietet nicht mehr das Ihhen vertraute Bild. Fs fehlt die ragend•: Mittclpunktgestalt mit dem schwarzbärtigen Assyrerkopfe. die alle Blicke auf sich zog. Mir, seinem ergebenen Mitarbeiter von der ersten Stunde an, ist die schmcrzenreiehe Aufgabe geworden, unserem toten Fiilirer Dr. Theodor Herz! den Nach,ruf von der Bühne zu richten, deren Aufrichtung eines seiner msterblichen Verdienste ist. Was ich persönlich empfunden, als wir ihn verloren, braucht nicht vor Aller Blicken ausgebreitet zu werden. Hier will ich mich zwingen, von ihm zu sprechen, wie er es gern gehört hätte, ohne Schwulst und Uebertreibung, die dem feinen Stilisten, dem vornehm massvollcn Geist׳:, dem Künstler der gedämpften Halbfarben tief widerstrebt haben wurden. Ich will versuchen, ihn zu sehen und zu zeigen, wie er wohl einst dem Geschichtsschreiber erscheinen dürfte, der ihn. unbeeinflusst von der strahlenden Wärme der Persör.üchkcit, kühl nach seinen Taten beurteilen wird. Am 3. Juli, d*:m 20. Tatmuus, des vorigen Jahres hat Theodor Herz! für immer die Augen geschlossen. An seinem Todestage hatte er sein 44. Lebensjahr nur tun zwei Monate überschritten. Der laute Aufschrei des Entsetzens, die lange Wehklage, die der tausendfache Widerhall der Nachricht von seinem Hinscheiden waren. Hessen ermessen, was er seinem Volke gewesen. Mit 35 Jahren dem jüdischen Volke ganz unbekannt, war er neun Jahre später sein Stolz und seine Hoffnung geworden. Dass er sich diesen Platz im jüdischen Denken und Fühlen hat erringen können, ist eins der Wunder seines wannen Lehens. Er war eine weite Strecke durch das Wasser der Assimilation gewatet, auch durch tiefe Stellen, wo es ihm fast über den Scheitel schlug: in den sonnigsten Jahren seines Daseins war er ganz von Interessen eingenommen, die keinen Schimmer jüdischen Charakters zeigten; er ging ganz auf in den künstlerischen Aufgaben; er lebte sich restlos aus in schriftstellerischer Arbeit; er hatte keinen anderen Elirgeiz. als die Bühne zu erobern und sich im erkämpften Gebiete zu beliaupten. Nichts lenkte ihn in die Richtung seiner *:igentliehen Lebensarbeit; nichts regte seinen Geist zur Be-

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