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Jüdische Rundschau · 1905-07-28 · Heft 30 (28.7.1905) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 30 Seite 368 daift den! Umstande, dass eine jüdische Btirgerwchr in diesen transkaukasischen, ursprünglich persischen Laiidcsteilen nicht existiert. Territorialisten und Palästinophilen In Philippopel (Bulgarien) verlief die Delegiertenwähl zum Kongress sehr stürmisch. Lange vorher eiferten Tcrritorialisien und Palästinophilen miteinander in der Agitation für ihre Idee. Schliesslich siegten die Palästinophilen. und Herr Dr. Marco Romano wurde mit grosser Mchrlieit gewählt. Auch in den anderen Städten Bulgariens hatten die Palästinophilen grosses Glück. Nur in Pasardsehik wurde ein Ugandist, der bekannte Literat Dr. Nacltum SI u c h z - Paris, gewählt. Die j'üngste Rede Zangwills Am 10. d. fand in London ein Massenmeeting statt, das von dem ZcnUalkomitee der politischen Zionisten in London cinberufen worden war. Der grosse Saal des ״Jcwish Workincn’s Club", der für 2000 Personen Raum hat. war überfüllt. Die Hauptredner an diesem Abende waren Herr und Frau Zangwill, deren Redwi mit grosser Begeisterung aufgenommen wurden. Den Vorsitz führte Herr L. J. Grecnbcrg. der in einer längeren Rede die Haltung der ״Zionc Zion*׳ und der Klcinkolou'sationsfreu'ndc kritisierte und einige interessante, bisher unbekannte Tatsachen der Geschichte des Ugandaangchotes verbrachte. Nachdem er noch versichert hatte, dass die von den Eiitbcnifern der Versammlung vertretenen Ansichten diejenigen Dr. Herzls seien, brachte er eine Resolution zud Abstimmung, die. von Herrn Kopelowltz unterstützt, von der Versammlung cinstmimig angenommen wurde. Die Resolution lautet: ..Dieses Massenmeeting verpflichtet sich, das Ursprungliehe Baseler Programm als das einzige politische Mittel zur Erlangung einer öffenUichrcchtlich gesicherten Heimstätte fiir das jüdische Volk ln Palästina zu unterstützen.” Doktor I. Salkind schlug in einer kurzen Rede das ״Votc of thanks” vor, in dem er Zangwill besonders als einen ..clirlichen” Zionisten hoJvorhob und Frau Zangwill mit R u t h!Verglich. f FrL Carmcl Goldschmied und Rcv. S. A. Adler unterstützten den Vorschlag, der durch einen donnernden Applaus seine Bestätigong fand. Zuletzt ergriff Zangwill wieder das Wort. Er nahm Bezug auf die Ausführungen Dr. Salkinds und versicherte, dass ei cs mit dem Zionismus stets ehrlich gemeint habe, ohne auf die Unannehmlichkeiten, die man ihm deswegen machte, zu achten. Am meisten fühle er sich glücklich durch die warme Aufnahme, die seine Gemahlin an diesem Abend gefunden habe. Die Menge begleitete den Wagen, in dem Herr und Frau Zangwill wegfuhren, mit Ovationen und Hcdädrufcn. I. M. S. Einer von der Edelrasse Die MITTEILUNGEN AUS DEM VEREIN ZUR ABWEHR DES ANTISEMITISMUS erzählen folgende niedliche Geschichte: ״Die agitatorische Tätigkeit des antisemitischen Grafen aus Schlesien hat ein Parasitentum gezüchtet, das einen interessanten Beitrag zur Naturgeschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland bildet. Als der Verleger der STAATS- BÜRGERZEITUNG. Wilhelm Bruhn. nach jahrelanger Ausbcutung des Dreschgrafen sich veranlasst sah. die Beziehungen zu ihm zu lösen, traten kleinere Geister, oder sagen wir lieber anspruchslosere Leute, die froh sind, wenn ein paar winzige Brocken für sie abfallcn, an seine Steife. Zu diesen gehörte ein Arbeiter Weissenborn, der es sich zur Aufgabe machte, in den Versammlungen, in welchen der Graf rednerisch auftrat, ihm Handlangerdienste zu leisten oder gar in die Bresche zu springen und die Piicklersehcu Ergüsse vorztilesen, wenn dem Grafen der Mund verboten war. Dieser Herr Friedrich Weissenborn übergab uns Ende Dezember vorigen Jahres zu unserem Erstaunen einen Artikel, der die heftigsten Ausfälle gegen einen antisemitischen Agitator D. mit ffinzclhcitcn über seinen unmoralischen Lebenswandel enthielt, zur Aufnahme in die MITTEILUNGEN. Wir wies?״ den ״Verfasser" ׳kurz ah und erhielten trotzdem Tags darauf ein vorn 29. Dezember datiertes Schreiben folgenden Inhalts: ..Bezugnehmend auf meine gestrige Unterredung mit Ihnen betreffs des Artikels gegen den p. I).. erlaube ich mir Ihnen c'gebatst, folgende Zeilen zu schreiben. Was den Artikel gegen D. betrifft, so erhält derselbe die volle Wahrheit und werde Ich, falls Sie denselben verwenden, die Verantwortung gern übernehmen. Da dieser Herr in antisemitischen Kreisen und weit darüber hinaus bekannt ״eworden ist, auch in Kreisen um Bruhn und Genossen eine grosse Rolle spielt, auch als Keichstagskandidat in Aussicht genommen ist, so liegt nach meiner Ansicht doch genügend Interesse vor. diesem Herrn I einmal vor der Öffentlichkeit seine scheinheilige christliche!Maske als Tugendbold herunterzureissen. Um so mehr, da es selbst in antisem tischen Kreisen noch mehr solche Elemente gibt. Ich möchte mir deshalb frcundlichst erlauben, nochmals die Bitte zu wiederholen, den Artikel doch zu veröffentlichen. Da ich als Antismit seihst durch meine langen Erfahrungen in der Lage bin. Ihnen, falls cs Ihnen erwünscht ist, weiteres Material zu Artikeln liefern 7.u können. Ebenfalls über den Grafen Piicklcr. Da ich selbst von diesen Herrn Antisemiten in der schmutzigsten Weise behandelt worden bin. und dieser famosen Partei den Rücken gekehrt habe‘‘. — Zum Schlüsse bittet Herr W.. ihm Bescheid zukommen zu lassen, ob wir von dem Material gegen D. Gebrauch machen wollen und ob er uns zu diesem Zwecke besuchen dürfe. Selbstverständlich würdigten w׳ir den Briefschreiber keiner Antwort. Der gute Manu scheint aber der ״famosen“ Parftei nicht für immer den Riidken gekehrt zu haben. Denn nach einer ntehrnumatlichen Pause tauchte er wieder in der Partei auf. In einer Notiz über eine kürzlich stattgehabte Piickler-Ver- Sammlung lesen wir nämlich: ״Nach dem Piicklerschen Vortrage sprach ein Arbeiter Weissenborn über ״Die Presse im Solde des jüdischen Kapitals". Aus der Gewerbe-Ausstellung in Cassel Auf deז jetzt .stattfindenden Gewerbe-Ausstellung zu Cassel ist eine sehr schön arrangierte Ausstellung von kunstgewerblichen Handarbeiten (Schnitzereien etc.) von Zoglingen des ״Israelitischen" Waisenhause« zu Cassel ausgestellt. Man hat liier Gelegenheit, die Geschicklichkeit dieser Kinder zu bewundern, zugleich aber auch kann man sich davon überzeugen, wie bewandert die jüdischen Waisen mit den Sprüchen der christlichen Religion sind- Es sind nämlich eine Reihe von Brotkörben ausgestellt, die die Inschrift des ״Vater-Unser" tragen: Unser täglich Brot gib uns heute!'4 Irgend ein Gegenstand mit einer jüdischen Inschrift ist bei der gesamten Kollektion des jüdischen Waisenhauses nicht ausgestellt. In dieser Ausstellung fällt besonders ein Schwälmerbaus mit Brautsüih! auf. In der Beschreibung dieses Sehwälmerhauses, welche von Kasseler Handwerksmeistern herausgegeben ist. befindet sielt auf Seite 25 bei Beschreibung der Sehwälmer Wohnstube auch der Satz: ״Auch der altehrwürdige Braut- Stuhl von origineller Form und stilvoller Schnitzerei ist in diesem Hause noch nicht von Juden erschachert worden.“ Ein jüdischer Herr, mit Namen Freundlich, hat regen diese Unverschämtheit protestiert, und zwar nach dem Rezept, dass auf ehten groben Klotz c'n ־ grober Keif gehört. Daraufhin wurde in der ״Beschreibung" das Wort ״Juden“ durch ״Händler" ersetzt. Das Berliner Antisemitenblatt lamentiert infolgedessen über ״Jüdische Herausforderung“. Die Fremdenbill in England Bei der 3. Beratung de,ז Fremdenblll im Unlerltausc uringt die Regierung den Antrag ein. dass Mittellosigkeit bei Einwaiiderer», die sich religiöser oder politischer Verfolgung entziehen wollen, kein Ausschlicsstingsgruttd sein solle. Der Antrag wird angenommen, nachdem alle Redner fiir die Erhaltung des Asylrcchts gesprochen haben. — Demnach hätte das Gesetz in der Tat nur fiir nichtjiidischc Einwanderer Bedeutung: denn sämtliche ein w׳ ändernden Juden entziehen sidt religiöser oder politischer Verfolgung, vornehmlich die osteuropäischen, denen zuleide ja England se it schönstes Prinzip geopfert hat. Ausweisungen aus Konstantinopel Durch das Ausweisungsdekret gegen die polnischen Bewohner Konstaiitinopcls, die in dem Berichte eines tiirkisehen Gesandten im Auslände bezichtigt wurden, mit ihren Landsleuten in Russland zu sympathisieren, werden natürlich fast ausschliesslich Juden betroffen. Dabei ist leider an diesen Sympathiccu nicht viel. Hin Lunipenkcrf mir kann ohne Sympathiccn für die um Menschenrechte ringenden unterdrückten Nationalitäten im Russischen Reche sein. E—M. Akademische Freiheit Der Verband Deutscher Hochschulen, der sich mit dem jüngsten Vorgehen des Kultusministers gegen die sich Studenten־ ausschiissc nennenden Nichtaussclüisse beschäftigt, ist in Cha-!ottenburg zusammenzutreten. Die Freiheit, die nicht bloss ״akademisch" ist, wird in diesem FaJIe vom Kultusministerium vertreten. Selbstmord bei den Juden Ueber die Selbstmörder hat der ettg’ische Arzt Dr. Westcott, der seit langer Zeit in einem Londoner Bezirk die

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