Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651424--02608-2659500- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 363 abhänglgkcit neu erwacht, die Freiheit, die wir meinen, zieht nicht mehr am Sternenzelt Stil ihre Kreise, sondern sie ist herniedergestiegen zu den sehnsüchtig ihrer harrenden Gerrnanen. Hat sich niedergelassen zunächst an der Leine, dort wo ihre still duftenden Gewässer die alte Stadt der Welfen durchrieseln, im Lande, da einst dfe Göttinger Sieben ihren mannhaften Protest erhoben gegen Autokratismus und Vergewaltigung. Wie einst die Lehrer, so protestieren heute die Schüler gegen undeutschen Geist und schwarze Internationale. Und ein grosses Freuen ist ausgegangen von den Gefilden der Jcrusalcmcrst asse — die Jugend ist wieder liberal. Naturlieh in jenem guten, alten Sinne, der jeden Nichtbberalen für einen Idioten und jeden religiösen Mann für einen Heuchle» erklärt. Fs tost ordentlich in den freisinnigen Blättern, und wenn man die Aufsätze über die akademische Freiheit liest, sollte man meinen, dass demnächst die guten alten Zeiten wiederkommen würden, in denen die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses in einer Droschke nach Hause fuhi. Und warum das alles? Weil den Studenten die katho- ' tischen Verbindungen nicht mehr gepasst haben. Sie haben sie darum aus dem Ausschuss ausgeschlossen und das hat ihnen der Minister verboten. Darauf de* berühmte Eutriistungssturm und schliesslich ein gegen jede altpreussische Tradition verstossender Rückzug der Regierung. Nunmehr erinnern sich die Korps, die ja bekanntlich stets als Hort der Student scheu und geistigen Freiheit, sowie des reinen Idealisiiius gegolten haben, dass ihnen die Führung gebührt, wenn die Studentenschaft sich regt und darauf erfolgt der bekannte Protest des S. C. zu Kosen. Das können sich die Finken unmöglich gefallen lassen, denn sie halten ja alle Korporationen für mittelalterliche Ueberbleibsel und so haut und schimpft denn alles, soweit die .deutsche Zunge reicht, auf die katho- Ischen Verbindungen in holder, ach so scheuer Eintracht. In jenem süssen Einvernehmen, das bisher nur zu beobachten war, wemis gegen die Juden ging. Und diese, die 'klugen, die sich iüo so gewitzigt halten, haben aus dem Kulturkampf nichts, aber auch gar nichts gelernt. Nichts ge'ernt und nichts vergessen, ganz wie die alten Burhonen. Wahrlich bei uns, wenn nirgends anders, ist noch die Harmlosigkeit der guten alten Tage vorhanden, jene schöne Selbstlosigkeit, deren Verlust wir alle unnötigerweise betrauern. Man mag sich zu den katholischen Verbindungen stellen, wie man will, mag sie liehen oder hassen, niemand wird ihnen nachsagen können, dass sic den Ton der Universitäten vorderben oder dereir Frieden störten. Ihre Mitglieder sind still ihres Weges gegangen, ohne Lärm und St<cjt und haben niemand belästigt. Sie haben sich für das Leben gebildet, und wenn sie das in Sinne des Katholizismus taten, so kann man das billigen oder missbilligen. Aber sie übten ihr gutes Recht gemäss dem alten Satze qui suo jure utitur, neminem laedit. Niemand ist vollkommen und Ueberzcugungen bekämpft mau nicht durch verächtliche Behandlung, Geschrei und Beschlüsse, sondern mit geistigen Waffen. Das steht täglich in den liberalen Blättern zu lesen, also handle man auch danach. Denn duach die gegenwärtige törichte Hetze spotten sie ihrer selbst und wissen nicht wie, stempeln die katholischen Studenten zu Märtyrern und rufen so deren Widerstand wach und bewirken das Gegenteil von dem, was sie erstreben. Das ganze könnte uns ziemlich kalt lassen, denn wir haben von den beiden heutigen Gegner.!! wenig gutes erfahren. Der jüdische Student ist von Protestanten wie Katholiken boykot- Uert worden, man hat ihn rechts wie links abgewiesen und geächtet. Aber in der jüdischen Studentenschaft von heute, insbesondere der zionistischen, stcdLu ein wirkliches Freiheitsgefühl. Nicht jenes Scheinliberale der Phrase und der Selbstüberhehung, doc Erdrosselung der Ueberzeugnt^gen. Wir 'vollen nicht mitschuldig sein, wem! andere Minoritäten leiden müssen. i Wir wollen nicht, dass mau uns mitverantwortlich mache für den Sport, anderen wehe zu tun. Seit Rabbi Hillel hat bei uns der Satz gegolten: anderen nicht anzutun, was man selbst nicht leiden will. Darum machen wir die Hetze nicht mit und begrüssten als Zeichen wicderfc1*wachcnden echt jüdischeu Ge'stes und politischen Verständnisses den diesbezügliehen Beschluss des Bundes jüdischer Korporationen. Dl® Freiheit, die wir meinen, ist wirkliche• Freiheit, die nämlich, einen jeden nach seiner Fagon selig werden zu lassen. Wir hoffen, dass auch der andere grosse jüdische Verband, der K. C. im gleichen Sinne entscheiden wird. Heute gehts frisch‘ und fröhlich gegen die Katholiken; er möge bedenken, dass es noch viel fröhlicher vielleicht Morgen gegen die Juden geht. Mit welchem Rechte werden wir uns dann bekfagen, wen« wir heute selbst Unbill geübt haben? Bisher hat von den ״jüdischen Blättern” — lucus a non lucendo - nur die FRANKFURTER ZEITUNG sich von ihrem Schrecken über den Beschluss der Vereine jüdischer Studenten erholt und in der Nummer vom 16. d. Mts. ihm ein Entrefilet gewidmet. Sie kann sich nicht vorstellen, dass auch jetzt noch die Korporationen sich weigern sollten, Juden aut'zunehmen. Sie wurden ja sonst den Vorwurf auf sich laden, ״Heuchler zu sein.” Die FRANKFURTER ZEITUNG ist zu gut für diese schlechte Welt. Aber da sie — zu ihrem Lobe sei’s gesagt — sich vorteilhaft von den anderen heuchlerisch-liberalen Blättern unterscheidet, so erwarten wir, dass sie den Gang der Dinge aufmerksam verfolgen und ehrlich ihre Schlüsse ziehen wird. Vielleicht wird sic dann begreifen, was die heutige deutsche Studentenschaft unter ״akademischer Freiheit” versteht. Ein jüdischer ״alter Her r". Der jüdische Nationalfond Es handelt sich au fden ersten Blick um eine Geldsache, um eine Geldsamnilung und um eine Geldanlage — scheinbar also um etwas recht Materielles. WoliL es ist etwas Materielles. Dieses Materielle abeit wird geadelt durch den Zweck, dem es dient. Das sind nicht Münzen, die als Almosen hingeworfen werden sollen — das ist kein Kapital, das gewinnbringenden Unternehmungen einzelner, kein Geld, das kleineren oder grösseren philanthropischen Bestrebungen dienen soll. Das Geld, das im jüdischen Nationalfond zusammengeflossen ist und in Zukunft ihm zufKessen wird, dient den reinsten und schönsten Zwecken: Mit diesem Gel de soll in P a I ä s ti n a Boden angekauft, solle« in dem H e ima 11 and e der Juden jüdische Bauern ansässig gemacht werden. Der Nationalfonds soll mithelfen, dass zur Ehre des jüdischen Volkes von freien Juden i!1 rüstiger, friedlicher Arbeit ein neues Gemeinwesen im Lande der Vütei begründet wird. Zuc Ehre des Jüdischen Volkes, für seine Zukunft soll der Jüdische Nationalfond wirken. Darum wurde von Anfang an festgesetzt, dass er dem jüdischen Volke gehört, dass der Grund und Boden, der durch den Nationalfonds erworben wird, unveräusserliches Eigentum des jüdischen Volkes bleibe für alle Zeiten, dass das VoU< selbst, so wie es für den Fond beitrügt, auch immer die Verfügung über den Fond und seinv Zwecke behält. Schon ist im Lande der Väter eine Reihe blühender jüdischer Kolonien erstanden. Heisse, glühende Liebe hat dem Boden, der durch Jahrhunderte brach lag. reiche Frucht entlockt. Mit stolzer Freude blicken w׳ir auf die ersten Pioniere, die das geheiligte Land von neuen' für jüdischen Fleiss und jüdische Arbeit eroberten. Mit stolzer Freude erfüllt es uns, dass auf ihrer Arbeit Segen ruht und dass sich das Lob ihres Fleisses und ihres Könnens unter Juden und Nichtjuden aller Länder verbreitet. Aber diese ersten Pioniere und ihre Kolonien sind nur ein Anfang und ein kleiner Anfang. Es ist durch sie erwiesen worden, dass Juden zur landwirtschaftlichen Arbeit taugen. Es ist durch sie erwiesen worden, dass Palästina nicht das 1