Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Seite 357 JÜDISCH!! RUNDSCHAU No. 29 mit gelbem Tabak und trinken . . . nichts. Die jüdische Kolonie des M a r a i s ist die ü!teste und charakteristischste von Par s. Sie erneuert sicli unausgesetzt. Es ist ein ewiges ruheloses Wandern. Und trotzdem cue starke Solidarität. Erst im vergangenen Monat konnte man vor dem Theater des Athene-Saint-ücrmain in der Rue du Vieux Colomi icr eine Theatervorstellung angeküudigst sehen, deren hebräischer Text erkürte, dass sie zu Gunsten der russischen Juden stattfindc. wobo er das Solidaritätsgciiihl aller Söhne Isnc's anrief. Badens Finanzminister Der frühere badische Finanzmimster E11 s t a 11 c r ist, wie bereits erwähnt. Mitte Juni liochbetagt gestorben. Unter der Spitzmarkc: ,.Eine Ironie der Geschichte‘׳ verüfientliehen die MÜNCHENER NEUESTEN NACHRICHTEN folgen• den historisch-anekdotischen Beitrag: Der verstorbene badische Einanzminister. Ellstättcr durfte im Jahre 1851־ noch keine Rechtsanwaltschaft in Baden ausiiben. seines Glaubens wegen Er vcrlicss deshalb das Land und ging zur Piskontogesellschatt nach Berlin, wo er mit M i q u c I und M a 111 y zusammen praktizierte. Ale drei and Einanzminister geworden. «Mathy war Elstätters Vorgänger im Amt und berief, nachdem der Minister des Innern. La me ־ל, inzwischen die .Emanzipation der Juden diirchgeführt hatte, den in Durlach als Rechtsanwalt etablierteil Kollegen von der Diskoutogesellschaft als Rechtsrc.'ercnteii ins Einanzm/nistcrtum. Zehn Jahre zuvor war er aus Baden vertrieben worden. Nach vier weiteren Jahren war Ellstiittcr Minister, und seine Wirksamkeit als Reorganisator des ge* samten Einan/.wesens ist einer der Grundpfeiler gewesen, auf denen Baden seine nationale Politik in so vorbildlicher Weise für ganz Deutschland durchführen konnte. El'.stätter war ein I Einanzgeuic ersten Ranges und nicius ist vielleicht bezeicli-! uender fit־ die ihn! zu dankende Hohe des badischen Staats Kredits, als die Tatsache, dass badische Staatsobligac'onen ein Lieblingsanlagcpapier des Rotlischilds aller Länder waren. Ereihcrr Willy, der verstorbene Chef der Erankfurter E'irma, sammelte in aller St.Ile. aber mit g e>ssem Eifer sogenannte I ״Gulden-Baden“, d. h. die alten Staatsobligationcn in Gulden- Währung. Dem Sohne des jüdischen Möbelhändlers David Eli- I stätter war die Ausübung seines Berufes versagt worden, abf-r die liberale Gesetzgebung des Landes hat das gut gemacht an ihm und er hat seiner Heimat in glänzender Weise dafür gedankt. Im übrigen hat - und auch das war eine Ironie der Geschichte — Ellstätters Ernennung zum Minister auf Jollys 1 Vorschlag Lamcy, den badischen Jndcncnianzij pator, derart verblüfft getroffen, dass er abends in den! ״Darmstädtcr •Hoi“ zu Karlsruhe gestürmt kam und dem Wirt j wütend zurief: ״Herr Cerf. nennen Sic sich Hirsch, dann werden Sie Minister." In unverfälschtem Karlsruher Dialekt wurde »hni aus der Tafelrunde zugerufen: ״Dass hasch jetz dervon mit Deine Judde. Du hasch jo kain Ruh g'habbt. bis D’ se cmanzibiert g'habbt hasch!'’ Antisem tisenes Bubenstück Auf dem bej Aufenau in der Nähe von Hanau liegenden gemeinsamen Friedhof der Orber und Wüchtcrsbaclier israelitischen Gemeinden wurden nachts ompör e n d e Grabschändungen durch Ausreisseu und Zer• stören von Grabsteinen verübt. Eine Untersuchung ist cingeleitet. — Diese Meldung kommt eine Woche zu spät. Nach dem feststehenden wöchentlichen Zyklus solcher antisemitischen Kulturtaten war sic bereits in voriger Woche iällig. Ja. die Zeiten bessern sich! Lo^ik der Staaisraison Ein Erankfurter Poet sendet der ERANKFURTER ZEITUNG folgendes politische Schnadahüpfl: S t a a t s r a i s o n! Der Staat schützt als Hüter Der Zucht in ■Bcrl'n Die heiligsten Güter Und hält Disziplin. Der Staat sorgt für jeden Und kennt seine!,flicht: Graf P ü c k l c r darf reden. Herr Jaurös dari's nicht! Teurer Antisemitismus Eine recht kostspielige Suppe habe« sich einige Herren der ..,besseren Stünde“ in Hagen i. \V. vor einiger Zeit eingebrockt. Aus lustiger Gesellschaft kommend, hatten sie in <ler Wcinlaunc nicht besseres zu tun. als mit den Diamanten ihrer Fingerringe eine ganze Reihe Schaufenster an der Elberfelderstrasse zu zerkratzen, und besonders die Schaufenster au j ü d i s c h e h Oes cli a f t c n mit höhnischen Bemerkungen zu versehen. Soweit I bis jetzt festgestellt ist. haben die auf diese Weise unbrauchbar J gemachten Spiegelscheiben einen Wert von etwa!6 000 Mark. Trotzdem die Leute sich bereit erklärt haben, den ganzen Schaden zu ersetzen, kann das die erstattete Anzeige wegen Sachbeschädigung und Beleidigung nicht aufhalten V) dass die f olgen dieser Weinlaune für die betreffenden!echt fühlbare sein werden. — Den Herren werden ihre Durnmeniungenstreichc den Antisemitismus teuer machen. Der grosse Uüdenhof Der ״Grosse J ü d e n h o f ׳ in •Berlin, ein stiller Winkel, den viele Berliner kaum dem Namen nach kennen, und der au der Jüdenstrassc liegt, wird bei der gänzlichen Unigestaltung, die diese Gegend erfährt, verschwinden. Wer den Jüdenhot betritt, der glaubt sieh auf den Marktplatz einer kleinen Stadt versetzt. Besonders bemerkenswert ist das Haus Nummer 9. vor dem sieh eine mächtige Akazie, die älteste und grösste in Berlin, erhebt. Dieses Gebäude war früher ein kurfürstliches Jägerhaus, worauf unter anderem ein auf dem Flur des ersten Stockwerks angebrachtes Medaillonbild des Kurfürsten Friedrich III.. des späteren ersten preussisehen Königs, hindeutet. Auch das Haus Nummer 2 Ist bemerkenswert, das, wie der an der Fassade befindliche figürliehe Schmuck zeigt, ein uraltes Berliner Kauimannshaus ist. Der Grosse Jiidenhoi wurde im dreizehnten Jahrhundert als v c r sch Messbarer Won sitz für die Juden eingerichtet. Früher gab es auch einen ״Kleinen Jüdenhof“, der von der Klostcrstrasse ahging und hei der Anlage der Kaiser Wilhelmstrasse beseitigt wurde. Kundschau der Preise DIE WELT enthält in No. 28 ausser der Fortsetzung des ru!..es der Ostafrika-Expedition den Scb'uss der Ausfüiirurg Dr. L. Kahns über die Frage ..Wie ist es nur gekommen?־• Dr. Kahn, d.r nochmals ausdrücklich erklärt. d־'ss_ er nur seine ganz persönliche Meuung in diese.! Aufsätzen n'cdcrgclegt habe, geht nach dem Schluss einer j arsteümg der gegenwärtigen Verhältnisse, wie er sie sieht, iibtr zu der Frage ״Was so!! nun werden?“ Er erörtert 11׳ Kürze die Frage ..1 erritorialsmus od<.r Zionismus?•׳ und kommt für seine Person zu e'ner Synthese beider R chtimgen. Auch hält er den prinzipiellen Kampf i ii r den T c r r i t o r i a I i s rn u s. bevor dem Tcrritorlalismus ein ic-alcs Projekt zu Grunde lege, für eine Frage, die ״wohl in ein S •e m inar oder B e t h ־ H a m i d r a s c 11, p'cht aber i?: c'nc zur Verhandlung grosser öifent’icher Angelegenheiten beru.'evc Körperschaft•׳ gehört. . Die Annahme des Territoriabsmus ais Programm würde manchem als politische Windbeiitclei erscheinen. In Tat und Wahrheit aber würde h:crdurch der Boden für politische Abenteuer geebnet werden. Darüber können und dürfen doch ernste Männer rieht streiten.“ Uebcr die C h a r t e r - Frage aussert sich Dr. Kahn wie f02gt: .da leiteten die einen die Not- Wendigkeit ab. mutig rückwärts zum alten Chowewe-Zionismus zu schreiten, und de anderem überhaupt ein anderes Territorium zu suchen. Bede Richtungen erblickten darin die Unmöglichkeit, den Charter für die Dauer eines ganzen Menschcnaltcrs zu erlangen. Ich gehe aber weiter, ich sage: der Charter wird nie zu erlangen sein. Ich meine nämlich den vollkommen ausgewachsenen Charter, xvie er sich in der Phantasie vieler darzuste"en scheint, de geneigt sind, zu Klauben, dass wir noch im Zeitalter der Wunder leben Ich bin aber andererseits überzeugt, dass ein langsam und natürlich werdender Charter zweifeil os zu erreichen ist. Es gbt grosse Länderstriclu.. wohl mehr in Syrien als in Palästina, die einer mit grosse Mitteln auitretcnden Landgesellschaft seitens der Türkei gerne zur Kultivierung und Kolonisation mit den erforderlichen Wegbau- und Wassermitzungsbcrechtigungen überlassen werden würden, wenn die Kolonisten die ottomaiiische Staatsbürger- Schaft annclunen und nicht bei jedem gehörigen und ungehörigen Anlässe zu den Konsuln fremder Mächte laufen und der Türkei nur Ungclegcnliciten bereiten würden und wenn ferner in erweislicher Art d e tatsächliche Schaffung von auch der Türkei nützenden, weil die Steuern vermehrenden Reichtumsquellen durch Fleiss und Betriebsamkeit in Aussicht gestellt werden würden. In einem solchen Falle und bei loyaler Haltung der Immigranten, denen m a 11 i n! übrigen nach ihrer Facon zu leben gewiss wicht verwehren würde, wäre es auch ganz gewiss erreichbar, riicksichtlich der Einhebung der Steuern gewisse Konzessionen, sei es durch Pachtung oder Pauschal erung zu erlangen und so dem gefürchteten Steuerdrücke seitens unbeso'Jeter Beamten entzogen zu werden. Eine solche Kolonisation hätte schon die notwendigsten Ansätze z u einem Charter in sich und müsste bei fortwährender Wachsamkeit darüber, dass das Vertrauen in die Loyalität ß