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Jüdische Rundschau · 1905-07-21 · Heft 29 (21.7.1905) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 29 JÜDISCHE RUNDSCHAU Wenn aber auch die Art, wie sich der Antisemitismus momentan in Russland ausdrückt, wenn auch alle Greuel der letzten Tage auf ״Winke von oben” hin erfolgten, so ist es doch anderseits klar, dass alle d.cse Gewaltsamkeiten nicht hätten erfolgen können, wenn die Regierung nicht gewusst hätte, sic werde in den Massen eine geeignete Stimmung für diese ן Hetzen vorfinden. Wenn wir von der Volksstimmung sprechen, so müssen wir uns fragen, ob diese Disposition bei den breiten V.ul kssolUehten. dem Mittelstände und der Intelligenz die gleiche sei. Und da kann gesagt werden, dass die grosse Masse den Antisemitismus, wie man ihn in Kuropa auffasst, eigentlich nicht kennt. Die Masse empfindet die Juden nur als etwas fremdes, und im Bewusstsein ihrer Kraft exzediert sie in grober, kulturloser Art gegen die schwachen Juden. Der bcwusste Antisemitismus des Mittelstandes hingegen folgt fast ausschliesslich wirtschafteten Erwägungen. Der Jude ist der unbequeme Konkurrent; durch die wirtschaftliche Erdrosselung der Juden sichert sich die Regierung die Sympathien des Mittelstandes. Doch erst bei der Intelligenz finden wir eine bewusste Stellungnahme der Judentrage gegenüber. Es gibt unter den Vertretern der Intelligenz sehr viele Elemente, die für die Aufhebung der die Juden bedrückenden Gesetze sind. Aber selbst die liberalen Intellektuellen erkennen die Juden nicht als Volk an; sie wollen nichts von den nationalen Aspirationen des sechs Millionen starken Volkes hören, und der den Juden zu gewährenden Freiheit muss in erster Linie ihre völlige Russifizicrung vorausgehen. Ausser ihnen findet man in den Kreisen der Intelligenz, und das weiss man in Europa fast gar nicht, eine starke Strömung, die mit Bewusstsein den Antisemit snius als Prinzip aufstell’ und den Judenhass theoretisch begründet. Es ist darum ganz falsch, wenn man sagt, der Antisemitismus in Russland sei nur Rcgicrungsmache. Es muss betont werden, dass die Juden einen bedeutenden Faktor in der revolutionären Bewegung Russlands b Iden. Das ist aber nur natürlich. Geh: doch die Bewegung meist von den grossen Städten aus. wo ela ansehnlicher Teil der Proietaricrmasseii jüdisch ist. Ich scheue mich aber andrerseits nicht auszusprechen, dass auch die Revolutionäre nur darum für die Befreiung der Juden eintreien, well sie ihnen willkommene .Genossen im Kampfe um die allgemeine Freiheit sind. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass auch die revolutionären Parteien, ist einmal das Ziel erreicht, gegen die früheren Kampfesgenossen Front machen werden. Von der erweiterten Volksvertretung verspreche ich mir für die Juden nicht viel. Es wird in Russland sehr viel vom allgemeinen Wahlrecht gesprochen, als dem Inbegriff der Voiksfreibeit. Was kann den Juden dieses Wahlrecht bc־ deuten? Trotzdem cs in Russland sechs .Milionen Juden gibt werden sie doch in Jedem Wahlkreise in der Minderheit sein. Es wird vielleicht, und das ist mehr als fraglch. einmal einige Jüdische Abgeordnete geben, aber niemals Abgeordnete der Juden, die für die nationalen Rechte ihres Volkes eintreten. . DrfjCPröporlionalwalilsystem aber, das allein auch den Juden nationale Entwicklung und Unabhängigkeit gewährleisten könnte, wollen nicht einmal die extremsten Radikalen. Angeblich aus prinz:pfeilen Gründen. ...Die Not hat alle Jüdischen Parteien wenigstens soweit geeinigt, dass sie sich zum Zwecke der SelbstverteiJ'gung zu gemeinsamer Organisation zusammenschlicssen. Wie de Zukunft der russischen Juden sich gestalten werde? Die ökonomische Lage der Juden wird durch die Aufhebung der Ausuahmsgesctzc zweifellos eine bessere wecden. Auch in nationaler und moralischer Hinsicht wird das Jüdische Element vielleicht gewinnen. Und so wird im ersten Freiheitsrausche die unter dem Druck der Not so rapid und mächtig angeschwollene z'onistische Bewegung ein wenig abflauen. Das wird aber nicht lange währen. Denn nach glücklieber Nicderringung des Zionismus werden Jene, die die antisemitischer» Exzesse nur als den Ausfluss des Ucbelwollcns der absoluten Regierung betrachteten, und nach Erlangung der ..allgcme’ncn Freiheit” werden alle bisher nicht auf unserem (dem zionistischen) Standpunkt Stehenden erkennen, dass die Regierung den Antisemitismus nicht schuf, sondern dass sie nur die den Juden ungünstige Stimmung des Volkes für ihre eigenen Zwecke cxploitierte. Und der Zionismus wird dann mit elementarer Gewalt das ganze jüdische Volk Russlands für seine Ziele begeistern. In besserer ökonomischer Situation wird es uns auch leichter werden, unsere Ideale zu verwirklichen, und die bisher von der fürchterlichen Not gepeinigten Jüdischen Proletarier, bisher ohne Sinn für ideelle Bestrebungen, werden das Bewusstsein ilirers Volkstums erlangen und national empfinden. Das ist es, was wir Juden in Russland von der allgemeinen Freiheit zu hoffen haben. — Seite 355 Wir düifcn wohl unserer Genugtuung Ausdruck geben, dass hier von hervorragender gcsinnungsgcnössischer und für dieses Thema zweifellos autoritativer Seite derselbe Stand- Punkt vertreten wird, den wir in Artikeln und Notizen .gegen'־ über gewissen anderen in unserer Partei oft zu Tage getretenen Anschauungen immer vertreten haben. Wir waren und sind der Meinung, dass die Zionisten in den gegenwärtigen Kämpfen mutig Sir ihr Volk einstchcn müssen, und dass von einer — ohnedies noch recht fernen — ״Erreichung” der allgemeinen Freiheit auch für die Juden der Zionismus nicht nur nichts zu fürchten, sondern im Gegenteil sehr viel zu hoffen habe. Wir wiederholen es. dass die ״zionistische Vcrelendungsthcorie” in ihrem Grunde noch verfehlter wäre als die längst aufgegebene sozialistische cs war. Je freier auch die Juden Russlands sich werde« entwickeln können, desto freier und reiner von allen Ghetto-Schlacken wird auch der Zionismus sein! Denkschrift dir Moskauer Juden Die Moskauer Juden haben eine Denkschrift ausgearbeitet. in der cs unter anderem heisst: ״Von Jeher ein friedliches Volk, haben wir es nunmehr gelernt, bei der Verteidigung unserer Ehre, des Lebens unserer Nächsten und des Volkswohls mit den Waffen rin der Hand zu sterben. Sollte aber der innere Krieg fortgesetzt werden müssen, so werden wir auch zu siegen lernen. Man kann uns," so heisst es weitet, ״im ungleichen Kampfe stückw eise vertilgen, aber Parias werden wir nicht mehr in dem Lande sein, in dem wir au ige wachse n sind. in dem war arbeite tt.“ — Das sind freilich stolze W orte —־ aber noch ist B u 1 y g ן n Minister und Trepo w Generalgouverneui! Christliche Nächstenliebe Aus Kiew wird gemeldet, dass zu den in den russischen Spitälern liegenden verwundeten indischen Soldaten ihre Angehörigen nicht zugclassctt und. wenn sie \on weither zugereist sind, von der Polizei sofort abgeschoben werden unter dem Vorwand, sic seien nicht wohnbcrcchtigt. I Dasselbe geschieht in Petersburg und Moskau, so- I dass die Verwandten der Juden eine Beschxverde an! den Senat gerichtet haben. I Odessacr Emigranten ' I Nach Tausenden geht die Zahl der russischen Eml- I g r a n t e n. die auf der Flucht über Rumänien die ungarische l Hauptstadt passieren, um sich grösstenteils nach der Schweiz | und England zu wenden. Die meisten Flüchtlinge stammen aus Odessa, das nach der Abfahrt des ״Potemkin* I 20000 Juden aus Furcht vor Verfolgungen ver- Hessen. Unter den Flüchtlingen, die zumeist sehr intelligent sind, befinden sich zwei Mitglieder des revolutionären Komitces namens Savon Tjurln und Dubicl Popow׳, die nach Zürich reisen, um eine Propaganda zur Fortsetzung der Revolution zu entfalten. Wanderndes Elend Aus Wien wird unter dem 18. Juli gemeldet: Heute morgen trafen aus Galizien 150 arme russische Juden ein. die aus Odessa, Warschau und kleineren Orten geflüchtet waren. Sie wollten in Budapest bjeiben. Der dortige Polizeikommissar Paw׳lik verweigerte ihnen aber den Aufenthalt dort und zwang sie, mit dem Zug nach Wien zu reisen. Bei den Abgeschoucncn w׳aren viele Frauen und Kinder, die von den Strapazen de»* langen Reise und durch Entbehrungen aller Art In traurig•;t״m Zustand sind. . ,. t * * ' * .t Akademische Freiheit!: >} v Der Trick, unter dem Vorwände der Freiheitsforderung für den einen — anderen diesen diese Freiheit zu nehmen, ist ia nicht neu; und da Worte immer dicienig’en ,am meisten berauschen, die den Klang dieser Worte schon lauge nicht mehr gehört hatten, so ist es kein Wunder.'dass der ״Kampf um die akademische Freiheit" gerade denjenigen Teil der deutschen Studententschaft am •intensivsten ergrifi, derschon längst im rückständigsten Scrvilisttlus und . in byzantischstcr Knechtseligkeit erstarrt war und, nur noch auf den erhabenen Klang des ״Hurrah. hurrah. hurrah" reagierte. Dieser Teil der Studentenschaft kommt sich nun natürlich auch ungeheuer wichtig vor in der ungewohnten Rolfe des ״Freiheitskämpfers‘*, ebenso wichtig, wie er uugeschickt Ist. diesen ungerechten Kampf zu führen.! In der von uns In No. 28 erwähnten Versammlung der Breslauer Freien Studentenschaft, die von etwa 600 Studenten besucht war. und in der eine Resolution g ege \\ diesen merkwürdigen Freiheitskampf angenommen wurde. : sollen nun nach einer Bekanntmachung nichtinkorpnriertcr Studenten gegen •100—500 Katholiken, aher nur gegen 50 andere fre:e Studenten teilgenommcn haben, so dass d e letzteren, einfach

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