Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 340 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 28 - .1 jjEJlank zieh en! S tos st die Juden nieder!“ Und von allen Seiten regneten auf die waffenlosen Leute Säbelhiebe herab. Etwa 100 wurden verwundet und zu Krüppeln gemacht. Die Soldaten führten Hiebe über die Arme aus, über den Kopf, über die zum Schutz vorgestreckten Hände. Es wurde kein Pardon gegeben, weder Prärien, noch Kinder blieben verschont. Eine von den Frauen bekam einen Säbelhieb über den Kopf, erlitt eine Hirnverletzung I und wurde geistesgestört. Diejenigen, welche während der Panik entflohen, wurden eingeholt und durch Säbelhiebe in die jVlenge zurückgetcieben. ' * Es muss betont werden, dass die Menge nicht aufgejfp'rdert war, sich zu zerstreuen und dass keine Warnung er- ־scholl. Die Dragoner umringten von vornherein die Menge und *eröffneten darauf den Kampf. Nachher wurde die Menge im Laufschritt bis in die Stadt gejagt. Verwundete Frauen komt-;ten nicht mit den Pferden Schritt halten und stürzten hin. Sie wurden von den Pferden getreten und mit teuf- Iischem Gelächter weiter bis zum Gefängnis getrieben. Hier fand der Schluss statt. Soldaten, die bis dahin an der Schlacht nicht teilnahmen. wurden aus den Kasernen gerufen und fingen ihrerseits an. ihr Mütchen zu kühlen. Sie schleuderten den verhafteten Leuten Steine an den Kopf und sprachen dabei: ״Seht, wir iürchtcn uns nicht vor euer» Bomben! Ehe ihr sic schleudert, werden wir euch den Schädel cinschlagcn, wie man Nüsse knackt!** Wahrscheinlich aus Furcht vor Rache Versuchte der Polizeichef, die Peiniger zu beschwichtigen. Dann hörte das Foltern für kurze Zeit auf, um von neuem zu beginnen, sowie der Polizeichef zur Seite trat. Dann wurden alle Soldaten bis auf den letzten Mann ohne Verhör und noch vor dem Erscheinen des Vizegouverneurs, des Staatsanwalts und des Chefs der politischen Polizei freigelassen. Die Verwundeten wurden in das Krankenhaus transportiert, wo SO Personen ein Verband angelegt wurde. Jetzt noch befinden sich im Krankenhaus 30 Personen, darunter 9 Frauen, die schwe־e Verletzungen erlitten haben. Einer von den Verwundeten, dem die eine Hand .abgehauen wurde, ist nach Warschau gebracht und wird im dortigen jüdischen Hospital behandelt. Die Lage am Schwarzen Meer Das Reutersche Bureau meldet aus Odessa vom Abend des 6. Juli, dass die Polizei jede Nacht hunderte von Verhaftungen vornimmt, einschliesslich hervorragender Bürger, Rechtsanwälte und anderer Standespersonen. Viele Leute werden aus der Stadt vertrieben: die Polizei iindet fortwährend Bomben und zwar fast sämtlich in jüdischen Quartieren. — Der DEUTSCHEN’ TAGESZEITUNG bereitet diese Meldung offenbar eine grosse Genugtuung, oder wenigstens stellt das immer u n e h r- I i c h e r werdende Blatt 'sich so, als ob es nicht wüsste dass die russische Polizei die Bomben eben dort ״finde t“, wo sie sie finden will. Aus Odessa wi.nl geschrieben: Das Einheiten des Grafen Ignatjew׳ hat nicht das Geringste zur Beruhigung der Lage beigetragen, im Gegenteil hat sich der jüdischen Bevölkerung Odessas eine Panik bemächtigt. Durch die Stadt schwirren allerlei unkontrollierbare Gerüchte. Es steht fest, das während der Unruhen die Polizei wiederholt den Versuch gemacht hat, die Volks masscu aufdie Juden zu hetzen, was ihr nicht immer gelang. .Von Ignatjew* befürchtet man, dass er durch eine Massenabschlachtung der Juden die Aufmerksamkeit der russischen Bevölkerung von den tatsächlichen Ereignissen abzulenken versuchen wird. — Das Mittel wäre alt, aber wir wollen nur hoffen, dassbei der etwas aufgeklärteren Bevödkerung von Odessa der Erfolg dieser Hetzerei nicht der alte sein wird. Bevorstehende Judenhetzen in Odessa Unsere oben ausgesprochene Vermutung scheint sich doch als zu optimistisch erweisen zu sollen. Bei Redaktionsschluss •geht noch folgende Meldung aus Petersburg, vom 11. Juli, ein die der Petersburger Korrespondent der VOSSISCHEN ZEITUNG aus Odessa erhält: Die PoOzei bereitet eine Judenhetze vor. Der Gehilfe des Pollzelmelsters, KTsijanowskf, sagte zu den zurückgckehctcn Kämpfern aus Port Arthur, die uni Unterstützung baten: ״Nehmt Euch von den Juden, bei Ihnen findet Ihr viel Gutes.” Auf der Strasse hetzen Schutzleute ungenjert das niedere Volk gegejt vorbelgehcr.de Juden auf. Die Regierungsmltteliungen über die letzten Unruhen weisen systematisch aui die Juden als deren Urheber hin. Die Polizei verbreitet diese Auifassu g nachdrücklich unter den 20 000 jetzt brotlosen Hafen- Arbeitern, die hungrig und zu jedem Raub bereit sind. Das gleiche wird unter den Truppen verbreitet. Die jüdische Gemeinde von Odessa ist überzeugt, dass bei der bevorstehenden Hetze dem Militär die Hauptrolle zufälit. Graf Ignatiew\ der gegenwärtig zur Beruhigung (!) der Bevölkerung nach Südrussland gesandt wurde, sagte einem Abgesagten der südrussischen Juden gemeinden: ״Die Regierung wird mit Euch Euern Regeln gemäss verjähren: Aug um Äug, Zahn um Zahn!‘* Db Selbstverteidigung ist wegen des verhängten Kriegszustandes vollkommen unterbunden. Die Odcssaer Juden wenden s*ch im Hirtbfck au! die drohende Gefahr 1uul mit Rücksicht auf die Unterjochung der eigenen Presse an die öifentliehe Meinung der ganzen Welt und bitten um Schutz vor einer Katastrophe, der sie machtlos gegenüberstehen. X. Deutsch-Israelitischer Gemeindetag In der Frankfurt-Loge zu Frankfurt a. M. wurde am 12. Juni von Herrn Professor Dr. Martin Philippson der zehnte Deutsch-Israelitische Gemeindetag eröffnet, an welchem 235 Gemeinden durch 139 Bevollmächtigte vertreten waren. Zunächst berichtete Herr Professor Dr. R o s i!1 - Freiburg über seinen Entwurf betreffend die ..Rechtsstellung der jüdischen Gemeinden in Preussen“. Nach der Ansicht des Referenten müssen folgende Gesichtspunkte massgebend sein: Herstellung einer Organisationstonn, Ausgleich zwischen Laien und Geistliehen, Feststellung der Staatsgewalt und Rechte der Minorität innerhalb dieser Staatsform. Der Redner forderte Gründung von Rabbiiiatsverbändcn iiir kleine Gemeinden. Einsetzung eines Staatskommissars in den Obersynagogenrat, Minoritätenvertretung und zu diesem Zweck Proportionalw a h 1 i n den jüdischen Gemeinden. Ueber Propaganda berichtete Dr. A p t ־ Berlin. Das Vereinsvermögen beträgt rund 625 000 Mark. Trotz der Beitragserhöhungen war es nicht möglich^ die kleineren Gemeinden, die immer mehr zu gunsten der grossen zuriickgelien. genügend zu unterstützen. Professor B 1 as c 11 k e ־ Berlin referierte über Rcligionsuntcrricht und die damit zusammenhängenden Fragen. Der Gemeindebund hat die Ausgestaltung von Religionsschulen aller Art in Aussicht genommen und ist fortgesetzt bemüht, in diesem Sinne zu wirken. Seine Bemühungen sind aber bis jetzt erfolglos gewesen, namentlich in der Frage der Gleichstellung des jüdischen R e i i g i o n s ־ Unterrichtes an höheren Schulen mit demjenigen anderer Konfessionen. Ferner strebt der Gcrncindcbund die Hiniührug des obligatorischen Religionsunterrichtes an. Die Zustände der kleinen Gemeinden sind recht prekäre: das liegt an dem Indifferent'smus der Gemeindcmitglicdcr selbst. Die Regierung hat staatliche Unterstützung zur Anstellung um Religionslehrern für bedürftige Gemeinden zugesagt. Eine Petition an den Kultusminister wegen Erteilung des Prädikates im jüdischen Religiousfach beim Reifezeugnis und wegen der Festsetzung des Religionsunterrichtes hatte wenig Erfolg'. Eine zweite Petition betrifft die Sehulinspektion für den jüdischen Relig'onsunterricht und wer sie ausüben soll. Professor C o h e n - Marburg wies darauf hin. dass bei den Prüfungen der Kandidaten für das höhere Lehramt an den deutschen Un:- versitüten die Juden nicht wie die Angehörigen der anderen Konfessionen in der Religion geprüft werden. Er ersuchte, die Pctit on dahin auszudehnen. Sanitätsrat Stern- Berlin. M. L c b r e c h t - Nürnberg und. B. F e i I c h e n f e I d - Köln berichteten über W anderb e 11 e I e i und Arbeitsstätten. Eine Milderung der unhaltbaren Verhältnisse erblickt man unter anderem in der Schaffung von Arbeitsstätten. Gründung von Arbcitsnachweisen und Führung von ..schwarzen Listen“. An eine Beso tigung des ■Betteln.• im Judentum, so wurde von dem Kölner Redner ausgeführt, sei so lange nicht zu denken, wie es in Europa noch einen Staat gebe, der einen Teil seiner Bevölkerung.planniässig auf die Landstrasse setze. Die zweite Sitzung begann mit dem Referat über Bezirksrabbinatc von Professor B la s c h k e -.Ber'm. Der Gemeiudcbtmd macht sich die Gründung von Bezirksrabbinaten zur Aufgabe, und zwar soll dies im Interesse der Gemeinden geschehen, in denen kein Seelsorger ist. Die Hauptschwierigkeit liegt in der finanziellen Frage. Der Gemeindehund wünscht d e Gründung von BezlrksrabbinatC-n ohne Einmischung des Staates. Es ward ein Antrag des Referenten a n g c n o m men. wonach Rabbinatsvcrbände ohne Inanspruehnahmc des Staates gegründet werden sollen. Nachtraglieh wurde noch folgender Antrag von Kirchenrat Dr. Kroncr- Stuttgart angenommen: .,Der Gcmeindetag erklärt, dass es für die paritätische und zweckmässige Behandlung der israeli-!«ייווי