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Jüdische Rundschau · 1905-07-14 · Heft 28 (14.7.1905) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 28 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 339 t gen steht, können wir allenfalls allein verfolgen, dagegen ן bleiben die Privat- und Vereinsdrucke ohne die tätige Mit-! hilfe unserer Freunde für uns crreichbtr. Jedem einzelnen, j der uns in dieser Richtung helfend und fordernd zur Seite Steht, unseren besten Dank! Die Redaktion der JUED1SCHEN RUNDSCHAU. ־» Rundschau — Aus Russland Die Kommission für die «Judenfrage Die Kommission für die Judenfrage hat eine Totgeburt zur Welt gebracht, nachdem sic monatelang über dem bösen I Punkt 7 des allerhöchsten Ukascs vom 25. Dezember 1904 gej brütet hat. Bekanntlich verspricht dieser 7. Punkt den Fremd- Völkern Russlands Erleichterung ihrer Lage, und den [ Polen, besonders aber den Tataren, ist er bereits in . gewissem Grade zu gutegekommen. Nur die leidige Judenfrage wurde immer wieder hinausgeschoben, obgleich ihre Lösung wicüeicht am dringendsten nötig war. f •diieh, nach langem hoffnungsbangem Warten erschien gestern der Auszug aus dem allerhöchst ״bestätigten Journal des Ministerkomitees“, dem zufolge diese heikle Frage keineswegs gelöst, sondern bloss einer ״bconderen Kommission“ überantwortet worden ist, der jedoch, im Gegensatz zu den immer zahlreicher werdenden Übrigen ■Kommissionen, in denen die russische moribunde Bureaukratie vor ihrem seligen Ende noch einmal schwelgt, nur Sammlung und Vorbereitung von Material zur Aufgabe gemacht wird, auf Grund von welchem die künftige Volksvertretung ihre Entscheidung über die Judenfragc treffen soll. Die Autokratie erklärt nämlich plötzlich der Stütze der öffentlichen Meinung bei der Lösung der Judenfrage zu bedürfen. Der öffentlichen Meinung, die sie in allen andern Fragen negiert, nicht gelten lässt. Im gestern veröiientlichten Auszug aus dem allerhöchst bestätigten Komiteejournal hält die Autokratie, logisch und genau genommen, sich die eigene Grabrede, denn sic gibt zu der ״Stütze der öffentlichen Meinung“ zu bedürfen, um eine staatsbürgerliche Frage lösen zu können. Unbefangen betrachtet iührt der ״Auszug“ etwa folgendes aus: Die Regierung wäscht sich die Hände in Unschuld. Sie wagt nicht ihrem Antisemitismus freien Lauf zu lassen. Ich möchte ganz besonders den vorsichtigen Ton des Auszuges hervorheben. Nicht einmal die übliche ״politische Unzuverlässigkeit" der Juden ist hervorgeholt worden. Sic denkt andererseits nicht daran, mit einem Fedcrzuge die staatsbürgerliche Gldichbcrechtigung der Juden wieder herzusteileu, denn, wie die Regierung im historischen Teil des Auszuges selbst zugibt, hat Katharina 1L im Gesetz vom Jahre 1772 ausdrücklich festgestellt, dass die Juden — die Judenfragc war durch Eroberung von Juden bewohnter polinischer Provinzen zu einer aktuellen Staatsfrage geworden ־— in den russischen Untertanenverband, auf Grund von mit denen der andern Einwohner ״gleich en Rechten“ aufgenommen wurde, und dass ״ein jeder nach seinem Stande und Beruf, ohne Ansehen der Verschiedenheit des Gesetzes und Volkes, alle Vorteile und Rechte gemessen solle. Die Regierung kann aber mit der ״verwickelten Judeniragc“ nicht fertig werden. Deshalb manövriert sie geschickt mit der Judenfragc zu einer der vielen Kommissionen hinüber, die natürlich noch unfruchtbarer bleiben mu als es alle übrigen sind, denn sie hat nur die Auigahc erhalten, das Material 2m sichten und vorzubereiten. Die Entscheidung selbst soll der künftigen Volksvertretung zustelien. sagt die Regierung, und -ist davon überzeugt, dass diese erste Versammlung gewählter Männer, die. infolge eines hohen Verrnögenszcnstis und anderer Walilbeschränkuugen kaum sehr progressiv gestimmt sein dürfte, eine hir die Juden ungünstige Entscheidung treffen werde. Solche Perspektiven können die Juden natürlich in ihrer Forderung nach Gleichberechtigung nicht befriedigen. Der ״Auszug“ wird nicht weniger Protest finden, als ieder andere ähnliche Versuch der Regierung die Rechte der Juden zu schmälern. Die führenden Kreise Russlands haben sich wiederholt in kategorischer Form für die Gleichberechtigung aller russischen Staatsbürger ausgesprochen; wie also die Ent- Scheidung von wirklichen Volksvertretern lauten würde, unterliegt keinem Zweifel. Was jedoch die erste einberufenc Ver- Sammlung gewählter Männer, die kaum jemand in Russland be- .riedigen kann, für eine Meinung vertreten wird, ist für die Juden kaum wichtig, da es ihnen, wie es scheint, nicht so sehr um die praktische, als um die ideelle Seite der Frage zu tun ist. «Jüdische Stadtverordnete Ein offene * Brief an die jüdischen Stadtverordneten, die dem Beispiel!״rer Kollegen nicht gefolgt sind und ihre Funktionen als Stadtverordnete nicht niedergeiegt haben, kur--, siert den NOWOSTI zuiotge in mehreren Städten und wird-mit . Unterschriften bedeckt. Das Schreiben lautet: ״Zwischen den von der Bevölkerung fnei erwählten Vertretern und den von der Administration gewählten besteht der Unterschied darin, dass die ersteren der Bevölkerung, die letzteren der Administration genehm sind. Die jüdischen Stadtverordneten .in den Dumen gehören zu der zweiten Kategorie. 13 Jäher lang er- ן־ trugen sie ihre schmachvolle Lage: die einen mit stolzier-- hobenem Haupt, die anderen gleichgültig, ohne Verständnis für das Erniedrigende ihrer Stellung. — Allein früher, als das"; Selbstbewusstsein eines Bürgers in dem Stadtbewohner schlummerte, als er seinen Lebensweg ging, ohne von den verwünschten Fragen beunruhigt zu sein, blickte der jüdische* Stadtverordnete seinen christlichen Kollegen frei ins Gesicht. — Jetzt aber, wo wir unsere Prüfung politischer Reife zu be-1 stehen haben, wo sie ieder einzelne und ganze Völkerschaften bestehen, jetzt, wo die Stützen der Ordnung brechen und auf ihren Trümmern die Anfänge des kommenden rechtlichen Lebens entstehen — sollen uns diejenigen Rede stehen, die . noch krampfhaft an den freiwilligen Prärogativen ihrer schmachvollen Rechtlosigkeit festhaltcn. Sagt uns, wie ihr jetzt, euren christlichen Kollegen, die in euch nur Verräter an der Volkssachc erblicken können, in die Augen schaut — Wir denken mit Entsetzen daran, dass es noch Leute gibt״ die euch für unsere Vertreter halten, und erklären euch, dasswir euch Verachtung entgegenbringen.“ Haut die Juden" 1 Petersburg. 27. Juni. In Bobruisk (Gouvernement Minsk) versammelten sich mit Erlaubnis des Polizeichefs gegen!000 jüdische Bewohner des Ortes auf dem dortigen Friedhöfe, um eine Gedächtnisfeier iür die O pie r der antisemitischen Exzesse in Shitomir und den christlichen Studenter. Blindow, der als Verteidiger der angegriffenen. Juden gefallen war, zu begehen. Das Publikum betrug sich musterhaft. Obgleich, wie bereits gesagt, die Versammlung von der Polizei gestattet war. kam ihr auf dem Rückwege eine vom Gehilfen des Polizcipristaws geführte Abteilung Kosaken entgegen, die auf das Kommando des Polizisten f;H aut die Juden!” mit ihren Knuten nach rechts u;1d links ׳schlagend in die Menge hineinsprengieu. wobei Kinder, junge Mädchen und gebrechliche Greise von den Hufen der Pferde und den Knuten übel zugerichtet wurden. Die Zahl der Verwund e t e 11 ist eine sehr gross c. Die jüdischen Einwohner der Stadt Bobruisk (Gouv. Minsk) haben sich infolge der kursierenden Gerüchte, dass die Juden von der Beteiligung an der künftigen Volksvertretung ausgeschlossen werden sollen, telegraphisch an den Graten S o 1 k i, Vorsitzenden des Ministcrkonseils, gewandt und mit einem Protest gegen einen solchen Beschluss darauf hingewiesen, dass er ernste Unruhen antisemitischer Natur hervorrufen könnte. Die Antwort des Sekretärs Baron Noldc lautetr ״Ihre Befürchtungen sind v e r f r ü h t“. Juden und Wahlrecht Petersburg, 27. Juni. NOWOJE WREMJA teilt offiziös mit, dass ursprünglich die Absicht vorlag, die Juden vom Wahlrecht auszuschltessen. bis die Refonn der Judcngosetze ihiui Abschluss gefunden hätte, ln der letzten Zeit ist diese Absicht aufgegeben worden, sodass die Juden gleich allen übrigen Teilen der Bevölkerung zu Mitgliedern der Reichsdun!a gewählt werden können. (?). Emigration Warschau. Die Emigration der Juden aus den nördlichen und westlichen Kreisen des Weichselgebiets hat »n diesem Jahre nie dagewesene Dimensionen angenommen. Aus eiiug'cn Städten und Flecken ist fast der sechste Teil der jüdischeu Bevölkerung ins Ausland gegangen. Glänzend i Siege der russischen Armee Die in Petersburg erscheinende juristische Wochenschrift PRAWO (Recht) bringt in ihrer letzten Nummer vom 25. Juni Berichte über den Kampf gegen den ,.inneren Feind“. Folgendes wird erzählt: In Sedlctz, einer polnischen Gouvnrnementsstadt. veranstaltete am 27. Mai ein Hanfe jüdischer Arbeiter und Arbeiterinnen, unter denen sich auch Kinder betaudett. einen Spaziergang nach dein unweit gelegenen Wald. Es waren im ganzen etwa 200 Personen. Plötzlich erschienen von der Stadt her zwei Schwadronen Dragoner und noch eine andere Soldateiiabteilung unter dem Kommando des Offiziers K u s s a k o w. Obgleich die Menge gar nicht daran dachte״ eine Demonstration oder sonst etwas derartiges ins Werk zu setzen, keine Fahne entfaltete, ke'nc Rufe ausstiess, und bei ihr später weder Flugschriften, noch Waffen, ja nicht einmal Spazierstöcke vorgefunden wurden, die Leute sich eng zaisammenuidrüngten und sich hilflos umsehend dastanden, wurden sie von allen Seiten umringt, es ertönte das Kommando:

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