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Jüdische Rundschau · 1905-06-30 · Heft 26 (30.6.1905) · page 17

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 3tT * Glaser Juden. Infolge der Neigung derselben für sich selbst zu sorgen und ihrer Abneigung sich Streiks anzuscbltcssen, Üa sie danach trachten, selbst Unternehmer zu werden, seien die Juden bei den Unionisten nicht beliebt. Es werde zugegeben, dass das Bestreben des jüdischen Handwerkers, schnell vorwärts zu kommen, bisweilen die Vollkommenheit seiner Arbeit beeinträchtige. Die Tatsache, dass so viele in New-York eingewanderte russische Juden in verschiedene! Zweigen des Handwerks Beschäftigung suchen und finden, ist jedenfalls ein Beweis dafür, dass die Behauptung der Antisemiten, der Jude sei von Natur nur Händler und Ausbeuter der produktiven Industrie anderer, durchaus unbegründet ist Jüdische Ferienkolonieen Das Komitee für Ferienkolonien füdjscher Kinder gibt jetzt gerade zur rechten Zeit seinen Bericht über seine Tätigkeit im Jahre 190-1 heraus. •100 unbemittelte jüdisehe Kinder haben durch das Komitee die Wohltat eines vierwöchigen Landaufenthalts genossen, und zwar in 3 Soolbadkolonieen in Bad Eimen, 2 Secbadkolonieen in Misdroy, 1 Wald- Kolonie in Scltrcckshaide und in einer Anzahl Freistellen, deren Bedeutung wir besonders aus dem Grunde hervorheben, weil durch sic sich mancher unserer Brüder in kleinen Orten an dieser humanitären Arbeit beteiligen kann, dessen Barscher!'- lein viel weniger ins Gewicht fällt, als der Batzen des Reichcrnc in der Grossstadt. In Bad Ebnen besitzt die Ferienkolonie in der Roscnstielstiftung ein eignes Heim und iti Misdroj* wird sie wohl bald an der Ostsee gleichfalls eines solchen sich erfreuen. In Freistellen waren 117 Knaben und 8 Mädchen, die mit ihren Pilegceltern ebenso zufrieden waren, wie diese mit ihnen. Die Gemeinde Kempen in Posen hat sich besonders verdient gemacht, indem sie allein 20 solchen Kindern Freistätten gewährte. Dass unsere Gesinnungsgenossen sich hieran bcsonders beteiligen sollten, ist nicht zu viel verlangt. Vielleicht wird auch der eine oder andere kleine Gast nicht nur körperliebes Gedeihen von solchem Landaufenthalt mit nach Hause nehmen, sondern mit den frischen Wangen auch frische Begeisterung für unser Volk. Meldungen und Beiträge wären an den Vorsitzenden des Komitees, Herrn Adolph Mayer, Berlin NW. 7, Dorotheenstr. 22. zu richten. Verein Jüdischer Studenten Der ״Verein Jüdischer Studenten" zu Berlin (im B. J. C.), der unter günstigen Aussichten in sein einundzwanzigstes Scmester getreten ist, begeht in der ersten Juliwoche dieses Jahres sein zehnjähriges Stiftungsfest. Am 4. 7. 1S95 begründet, ist er die erste studentische Korporation gewesen, die den Gedanken der auf geschichtlicher Grundlage beruhenden Ent- Wicklung des Judentums im Sinne eines gesunden Weiterlebens in die jüdische Studentenschaft hineingebracht hat. Dieser Gedanke ist stark genug gewesen, um aus den kleinen Anffingen des Berliner Vereins eine grosse Organisation, den Bund Jüdischer Korporationen, zu schaifen, der ausser in Berlin noch in Breslau, München, Charlottenburg, Strassburg, Freiburg i. B. und Königsberg vertreten und zu einem Faktor in der jüdischen Bewegung geworden ist. — Der V. J. St. hält es für seine vornehmste Aufgäbe, das jüdische Selbstbewusstsein und Zusammengehörigkeitsgeiühl bei seinen Mitgliedern zu wecken und za vertiefen, und er ist bestrebt, sic mit dem geistigen Rüstzeug auszustatten, das sie befähigt, zu allen Fragen, die das moderne Judentum bewegen. Stellung zu nehmen und bei allen Kämpfen und Arbeiten für das Judentum ihren Mann zu stehen. Durch Fuxenunterricht. wöchentliche Vorträge über alle Gebiete jüdisehen Lebens, nationalökonomische, historische, ncuhebräische und andere seminaristisch eingerichtete Kurse sucht der Verein seine Mitglieder im Sinne seiner Tendenz zu erziehen. Seine Vicrteljahrsschrift, an der nur V. J. St-cr mitarbeiten, dient ebenfalls der wissenschaftlichen Ausbildung der Vereinsmitglieder. — Körperliche Uebungen, insbesondere die wüchentliehen Turnstunden, haben den Zweck, das Selbstgefühl und der! frohen Mut der V. J. St-er zu heben. — Bei den jährlichen Direktoriuntswahlen zur Akademischen Lesehalle hat der Verein Gelegenheit, seinem Programm gemäss die Interessen der jüdischen Studentenschaft au der Universität zu vertreten und gleichzeitig auf weitere, speziell studentische Kreise eine Rück- Wirkung aus/.uühcn. — So werden nicht nur dje zahlreichen V. J. St-cr. die bereits in ihren Berufen in die weite Ferne zerstreut sind, sondern überhaupt alle Vertreter eines bewussten Judentums au dem zehnjährigen Stiftungsfeste des Vereins regen Anteil nehmen. Das Programm lautet: Dienstag, den •I. 7. 05 Sü Uhr er.: Festkornrners und Fahnenweihe im Etablissement ..Ticrgartenhor (Bahnhof Tier- Karten). Damen als Zuschauer. Donnerstag, den 6. 7. 05: Dampfcrausflug nach dem Neuen Gcsellschaftshause in Grünau. Abfahrt präzise 2 Uhr vom Restaurant Belvedere an der Jannowitzbrßcke. Chargierte.dieses Semesters sind: med. Ascher X, jur- Greifenhagen XXf jur. Hirsch XXX. Sendungen an. letztgenannten N. 54, KL Roscnthalcrstr. 10 I. Am Sonntag, dem 2. Juli, nachmittags 5 Uhr, findet im Vercinskasino, Gipsstrasse 12a die konstituierende Sitzung des diesjährigen Kartelltages des Bundes Jüdischer Korporationen statt. SOHLEMIELS Ende Unserem Freunde Chaim Jossel (mit dem Schnupftuch!) ist nunmehr sein Herr und Gebieter SCHLEMIEL in ein besseres Jenseits gefolgt. Wahrscheinlich hat der Tod seines treuen Untergebenen ihn zu sehr mitgenommen. Auch die schlechten Aussichten auf Ostafrika, die dem guten Mbwapwa Jumbo bereits vor längerer Zeit den Todesstoss versetzten, haben wohl das ihrige zu dem traurigen Fall beigetragen. Wir bedauern das Hinscheiden des lustigen Freundes und hoffen im Hinblick auf Gilgul Ncfcsch aut ein heiteres Wiedersehen noch in dieser Welt. Aus seiner Hinterlassenschaft werden den Abonnenten die für das nächste Halbjahr bereits eiligezahlten Abonnementsbeiträge vom ״Verlage des SCHLEMIEL“,. Berlin C., Russstrasse 2. zurückgezahlt. jl. Die ,jüdischen Banken“ und Herr Krösell Der Pyritzcr landwirtschaftliche Ein- und Verkaursvcreiii, der infolge der politischen Streitigkeiten zwischen den konservativen Vorstandsmitgliedern und den in der Mehrzahl zu den Anhängern des 'antisemitischen Reichstagsabgeordneten Ex pastors Krösell gehörenden Mitgliedern des Vereins in eine immer grössere Misswir. 'halt hineingcrict und schliesslich Konkurs aumcldei! musst macht die verzweifeltsten Anstrengungen. um den Konkti.s wieder aufzulieben. Der Verein schien auch dem Ziel schon ganz nahe gerückt zu sein, da für sämtliche zur Zeit fälligen Forderungen im Gesamtbeträge von 19ÜÜ0Ö Mark durch Mitglieder-Vorschüsse Deckung erfolgt war, als im letzten Augenblick dje Pommcrsche Landcsgenossenschaftskasse den Rest ihrer Forderung im Betrage von 450 000 Mark zur Konkursmasse anmetdctc. Herr Krösell schreibt hierüber in seinem Blatt DER MITTELSTAND ganz empört: ״Wir enthalten uns zunächst jeglichen Urteils über diese Handlungsweise der Landesgenossenschaftskasse und überlassen die Beurteilung ruhig den Genossen selbst Die Absicht ist ja nach allem Vorangegangeuen auch so klar durchsichtig, dass jedes Wort zur Beleuchtung derselben überflüssig. ist. Das Eine ist uns nur vollständig sicher, dass niemals irgend eine jüdische Bank der Weit einem Gläubiger gegenüber so ge handelt hätte, wie hier eine Genosscnschaftskassc einer Genossenschaft gegenüber gehandelt hat“ — Ein solches Zugeständnis von Herrn Krösell ist nicht gerade besonders wertvoll, aber man kann sich’s merkem Moralische Erzählung Ilka Halasy. die sechsjährige Tochter eines Einwohners der ungarischen Ortschaft Zenta, wurde um die Osterzeit von ihrem Vater an den Brunnen geschickt, einen irdenen Krug mit Wasser zu füllen. Unterwegs begegnete ihr der Rabbiner Moses Biegele'scn, und wie es leider noch vielfach der Brauch, fühlte sich das Kind bemiissigt. den greisen Hebräer unter Spottreden an seinem langen weissei! Barte zu zupfen. Der Rabbiner beschleunigte seine Schritte, aber Ilka lief hinter ihm drein und Hess nicht nach, ihn laut zu verhöhnen. Da strauchelte sie über einen Stein, der Krug ging in Trümmer, wobei das Kind durch einige Scherben im Gesicht nicht unerhebliche Schnittwunden erlitt, so dass ihr das Blut herabrann. Laut iammernd lag sie am Boden. Sofort wandte sich Moses Biic-gelciscn um, erbarmte sich seiner Peinigerin, wischte ihr m't dem Sacktuch das Blut vom Gesicht, sich bemähend, die Blutung zu stillen. — Diese wahrhaft christliche• Handlungsweise wird Gott gewisslich in Betracht ziehen, wenn dieses Juden Seele einst, von der irdischen Hii'.le befreit.. Geiahr läuft, ihres Irrglaubens wegen zum Fegefeuer verdammt zu werden. Er wird sie den Klauen des Satans entroissen ur.d sie unter seine himmlischen Heerscharen aufiiclupcn. — Leider sollte Gott bald Gelegenheit hierzu geboten werden: Einige Bauern waren des Weges gekommen, und als s;e das blutende Kind mit dem jüdischen Rabhincr sahen, stiessen sie die Rufe aus: ״Der braucht Blut iür die Feiertage! Er hat das Kind geschlachtet! Schlagt den Juden tot!“ Sogleich stürzten sie sich auf ihn. erschlugen ihn mit Knütteln, stiessen eine Mistgäbet durch sein Herz und warien den Leichnam aut eine!'• Düngerhaufen. SIMPLICISSIMUS.

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