Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 318 No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Wer von unseren Lesern sich den Luxus gestattet hat, die JÜDISCHE RUNDSCHAU zu sammeln, der wird m Jg. VIII No. 24 vom 12. Juni 1903 Seite 237. diese selbe jetzt 1m SIMPLICISSIMUS erzählte Geschichte von Moses Biegeleisen mit der geringen Differenz finden, dass es sich um keine Ilka, sondern um eine Marie Halase handelte. Es ist jedentalls von Interesse zu sehen, wie SIMPLICISSIMUShaft die \\ ahrhest der Tatsachen ist Die ..Moralische Erzählung des SIMPLI- C1SSIMUS ist leider eine wahre Erzählung! Vom Dreschgrafen Der Dreschgraf Piic k lc r hat nach langer Zwischenpause eine Radauversammlung veranstaltet. Der Andrang der Neugierigen war so stark, dass das Lokal schon frühzeitig pohzetlieh gesperrt werden musste. Im Saale wurden fleissig Pückler- Photographien zu zehn Piennig ausgeboten, fanden aber nur geringen Absatz. Pückler, mit dem üblichen Radau begrüsst, begann seine Hetzrede mit einer Danksagung gegenüber dem Minister des Inneren, der ihm das Reden wieder erlaubt und dadurch bewiesen habe, dass er ein echt deutscher und patriotischer Mann sei. Dem Minister gebühre daher ein dreifaches Hoch. Darauf verbreitete er sich in mehr als zynischer Weise über die russischen Greuel gegfcn die dortigen Juden und versicherte, dass er Russen nach Berlin importieren werde, damit diese seinen lieben roten Kerlen, denen zu Ehren er an diesem Abend eine rote K awatte angelegt habe, Unterrieht im Verdreschen erteilen sollten. Die Polizei würde ja in Berlin keine Schwierigkeiten machen, da sic vom obersten 1.citcr bis zum jüngsten Leutnant herab auf seiner Seite seien. ״Ihr lieben roten Kerle‘*, riet er der Versammlung zu, ich habe Euch so lieb; rot ist von jetzt an nicht mehr die Farbe der Resolution, sondern eine Ehrenfarbe. Macht es so wie die Russen und ruft: ״Wir spalten dien Kerls die Schädel wie Nüsse!“ Wenn Ihr aui meine Vorstellungen hört, Ihr lieben roten Kerle, und mir beisteht, so wird das deutsche Volk zur Weltherrschaft gelangen, und Ihr werdet wohlhabende und reiche Leute werden. Fort mit den Fatzken und Salonmenschen, die hochmütig auf uns herabsehen, fort mit den einfältigen Staatsanwälten, die anständige Leute, wie mich, immer anklagen, fort mit den Fürsten, die jahraus, jahrein den Juden Besuche abstatten und Ihnen Orden und Ehrenzeichen verleihen! — In diesem Tone polterte der Redner iort, ohne vom überwachenden Polizeileutnant unterbrochen zu werden. — Wir sind neugierig, wie lange ein Jude in diesem Tone hätte reden dürfen und-wie viele Jahre Gefängnis er dafür bekommen würde! Eine Zehnmillionen-Spende Vor kurzem ging eine Mitteilung durch die Presse, wonach auf Anregung des Reichsbankprüsidenten Koch und des Fürsten Guido von Henckel-Donnersmarck von der BerlincrHochfinanz eine Zehnmillionenspende für preussische Offiziersfamilien aufgebracht und dem Kaiser zur Feier seiner silbernen Hochzeit zur Verfügung gestellt werden sollte. Die Versammlung aber, in der diese Anregung durch eine Rede des Fürsten begründet wurde, und die Episoden der Versammlung sind bisher nicht geschildert worden. Wenn die FRANKFURTER ZEITUNG völlig zuvorlässig berichtet ist, ist die Versammlung recht pikant verlaufen. Zunächst waren auf die Einladung hin, in welcher der zur Diskussion gestellte Antrag bekannt gemacht war, bei weitem nicht alle geladenen Aktienbanken erschienen. Die Sitzung selbst nahm folgenden Verlauf: In seinem Speech setzte Fürst Henckel auseinander, dass die zum Oiiiziersersatz vor allem berufenen adeligen preussische n Fatnil.en. um ihrer Mission treu bleiben zu können, einer Unter- Stützung,, die. sie gewissermassen an den Dienst für das Kaiserhaus fessele, vielfach bediiritig seien. 'Die Grossbanken könnten da ein patriotisches Werk tun. Darauf fiel aus der Versammlung die Bemerkung, dass Vertreter von Aktiengesellschaften nicht in der Lage seien, aus dem Gesellschaftskapital Schenkungen zu machen. Worauf der Fürst seinerseits zu verstehet! gab. nicht auf die Gesellschaften, sondern auf deren Direktoren und ihre Privatkassen sei cs abgesehen. Schliesslich meldete sich Direktor A h r c 11 s von der Berliner Handelsgesellschaft zum Wort. Er machte reinen Tisch, indem er kurz und gut sagte, die Rede des Fürsten könne in den Kreis, in dem sie gehalten werden sei, doch wohl nur irrtümlich geraten sein. Der Fürst wisse sehr gut, aus welchen Schichten das preussische öffizierkorps sicit rekrutiere, und dass aus diesem Korps die Finanzwelt oder doch ein sehr erheblicher Teil derselben, nämlich der zum Judentum gehörige. grundsätzlich ausgeschlossen sei. Die Absicht, die Ausgeschlossenen für d׳ie Privilegierten zu Spenden heranzuzichen, könne kaum ernst gemeint sein. Ein Beschluss bezüglich des Antrages wurde darau!- hin überhaupt nicht gefasst. — Man sieht doch jedenfalls, dass die ״Chutzpe‘‘ durchaus nicht auf Juden beschränkt ist, und man w ird in Zukunit den Antisemiten mit einem recht markanten christlichen Beispiel aus feinster adeliger FaniiLe aufwarten können. Deutscher Patriotismus Vor kurzem hat ein deutscher Edelmann, Frhr. v. Sierstropp-Cramm, sein Gut Alt-Kramzig an einen in polnischem Solde stehenden Güterschlüchter verkauft. Jetzt ist, wie der Deutsche Ostmarkenverein der KÖLNISCHEN ZEITUNG mitteilt, schon wieder von einem derartigen Fall zu berichten, der mit Rücksicht auf alle Ncbenumständc noch härter zu verurteilen ist. Der derzeitige Kommandeur eines der b evorzugtesten Kavallerie-Regimenter, der in Rathenow stehenden Zieten-Husaren, Oberst v. Keszycki, hat sein im Kreise Fraustadt gelegenes Rittergut Gr. Lissen iiir 295 000 M. an den Polen Szumski verkauft. Der Oberst hatte das Gut zunächst der Königlichen Ansicdclungskommission zum Kauf angeboteu, die ihm schon vor kurzer Zeit ein anderes Gut, und zwar zu einem ausscrordentlieh hohen Preise, abgekauft hatte. Die Taxation der Ausiedcluugskommission von Gr. Lissen war hinter den Erwartungen des Obersten zurückgeblieben, so dass er sich veranlasst sali, mit der Laudbank in Unterhandlungen zu treten. Ehe die Laudbank aber in der Lage war, das Gut einer Besiehtigung unterziehen zu lassen, erhielt sie die Nachricht, dass es bereits verkauft worden sei. Das Rheinische Blau bemerkt nun hierzu: ״Wir stehen auf dem Standpunkt, dass der Verkauf von Grundbesitz aus deutscher in polnische Hand vom nationalen Standpunkt aus niemals zu rechtierdgen oder gar zu biiligen ist. Immerhin sind Fälle möglich, in denen den deutschen Verkäufern mildernde Umstände zugcbüügt werden müssen. In diesem Falle kann aber, wenn die Darstellung des Ostmarken- Vereins richtig ist, von mildernden Umstände״, irgend welcher Art nicht die Rede sein." — Dass der ״Kommandeur eines der bevorzugtesten Kavallerieregimenter" sich durch seine deutschnationale Haltung einen Mehrverdienst von einigen tausend Mark sollte entgehen lassen, kann man doch wirklich nicht verlangen. Wär's ein Jade, so könnten wir sicher ei:״ge Leitartikel gewisser Blätter zitieren. So aber rührt sich nichts im ,deutschen" ßlättcrwatdc. Ein jüdischer Held Auf Ellis Island erregte jüngst unter den Ankömmlingen ein Mann Aufsehen, der nicht weniger als sechs Kriegs- und Tapferkeitsmedaillcn auf der Brust trug. Der mit den vielen Abzeichen Dekorierte war Elias Leiser, ein Jude, der unter britischer Flagge in drei Weltteilen gedient hat Leiser traf im Zwischendeck der ״Oceanic" ein und begab sich zunächst nach dem jüdischen Immigrantcnhcini, 102־ Cherry Str. Der 42jährige Mann ist in Manchester geboren. Schon sein Vater war in Amerika, und auch er fand, wie der Sohn nach ihm, am Kriegshandwerk Gefallen. Leiser senior machte, wie der Sohn durch dokumentarische Belege bewies, vor mehr als einem halben Jahrhundert den Krieg gegen Mexiko mit. Die eine der Medaillen, die Elias Leiser auf der Brust trägt, ist ein prächtiges goldenes Kreuz mit einem Diamanten in der Mitte. Das. Kreuz trägt die Aufschrift: ״For Bravcry. Kimberley“. Während des Krieges in Transvaal holte Leiser die Lerche seines Rcgimentsoberstcn aus der.1 dichtesten Kugelregen heraus. Der Held wurde dabei von nicht weniger als fünf Kugeln getroffen. Auch in Indien hat Leiser schweren und gefahrvollen Dienst getan. ״Ich war keineswegs der einzige Jude, der m Transvaal für England kämpfte,*‘ erklärte Leiser. ״Bei unserem Truppenkorper wureu es fünfzehn Mann, die atu Versölmungstage sich zum Gottesdienst vereinigten. Am nächsten Tage ging es ins Treffen, und am Abend war ich von den fünfzehn der einzige, der noch am Leben war". Leiser ist von grosser, stattlicher Figur, und die jüdische Hiiisgescllschaft hat ihm ihre Dienste zu der Erlangung von Arbeit in New-York angeboten. Kleine Mitteilungen Von der Einwanderung russischer Juden nach Kuba verspricht sieh die kubanische Regierung grosse wirtschaftliche Erfolge. Der kubanische Konsul in Nürnberg. Max Lehmann, Mangel mt Aibeitskräftcn, der in Kuba herrscht, durch die Mangel an Arbeitskräften, der in Ku a herrscht, durch die Begünstigung der Bewunderung von Juden aus Russland und Rumänien abzuhelfcn. Die Bevölkerung des Landes ist kaum