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Jüdische Rundschau · 1905-06-30 · Heft 26 (30.6.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 312 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 26 handene Freiheit unserer Bewegung: Wir müssen uns vor allem eine ״K r e d i t b a s i s" schaffen, stark genug, um das Emanzipationswerk zu tragen, das den Millionen unserer ׳Brüder die Erlösung bringen soll. * Erst, wenn diese unerlässliche Vorbedingung geschaffen ist, kann die theoretische Meinungsverschiedenheit über das fernere oder das letzte Ziel der Bewegung praktisch werden. Bis dahin aber bleibt sic ein Streit um des Kaisers Bart oder des Bären Fell, der um so erbitterter wirken muss, weil er theoretisch gar nicht geschlichtet werden kann. Bis dahin gehören alle Meinungsverschiedenheiten in Diskussionsklubs und theoretisierende Zeitungsartikel, aber nicht vor das Parlament einer riesenhaften praktischen Bewegung, die nutzbringende Arbeit zu leistem aber keine Doktorfragen zu lösen bestimmt ist. Wie ist diese moralische und finanzielle Kreditbasis zu schaffen? Nur dadurch, dass wir — nicht behaupten, sondern — beweisen, dass das durchschnittliche Menschenmaterial, auf das wir abschcn, nach seiner geistigen, moralischen# und körperlichen Beschaffenheit sich dazu qualifiziert, ein Staatswesen irgendwelcher Art aufzubauen, als Bürger politisch, als Produzenten ökonomisch. Das glaubt man uns bisher ausserhalb unseres eigenen Lagers selten und viele von uns gestehen wir es uns ein — müssen sich selbst zwingen, cs für glaubhaft zu halten. Wir müssen an Probebauten zeigen, dass unsere Bausteine tragfähig sind und sich aneinander binden lassen: ohne solche Probebauten gibt uns die aussenstchcnde Welt weder das Land, um unseren Palast aufzubauen, *noch die *Mittel, die wir dazu gebrauchen. Nur durch solche Probebauten können wir uns die unerlässliche. Jeder weiteren Aktion als Vorbedingung unerlässliche Kreditbasis schaffen. Ohne diese scheint mir bereits die diplomatische Verhandlung wegen öffentlichrechtlicher Sicherung Palästinas und seiner Nachbarländer oder irgend eines anderen Gebietes von ökonomischem Wert von äusserster Aussichtslosigkeit: denn die Diplomatie verhandelt nur mit der Macht, sei es auch eine werdende, erst potentielle. Und das ist wieder Vorbe- •dingung alles weiteren, denn ehe nicht eine dichte, geschlossene jüdische Siedlung irgendwo unter rechtlicner Sicherung existiert, hängen alle volkspädagogischcn Ideale fort- und rückschrittlicher Natur frei und hilflos in der leeren Luit. Eine solche Kreditbasis im engeren finanziellen Sinne können wir uns durch den Appell an das Jüdische Herz ebensowenig zusammenbetteln, wie wir sie uns durch Berufung an das ״Nationalgefühl“ erschmeicheln oder ertrotzen können, und dre Sammlungen zum Nationalfonds samt den Eintragungen in das goldene Buch und der Bricfmarkenspe.tde haben auch nur wenig Aussicht, uns in absehbarer Zeit die Milliarden, ydic runden, wohlgczühltcn Milliarden zu schaffen, die für die Expatriierung und Neuansiedlung der gehetzten Millionen nun einmal erforderlich sind. Wer das im Anfang unserer Bewegung, in der Zeit des ersten Enthusiasmus glauben konnte, war ein gläubiger Utopist: wer es heute noch glaubt, ist viel ■schlimmeres als das. Solche Summen, wie wir sic brauchen, wenn wir nicht in der ״Wohltätigkeit“ ersticken sollen, kann man nur auf Kredit und nur dann erhalten', wenn man den Herrschern des grossen Kreditmarktes den stringenten Beweis ablegt, dass man die ■ehrliche Absicht und das Vermögen hat, sic anständig zu vorzinsen und ehrlich zu amortisieren. Und dazu bedürfe., wir der kleinkolonisatorischen Expcrimente. Wenn wir M u s t e r k o 10 n i e n auf die Beine stellen können, die sich nicht nur mit allerhand Nachhilfen mühsam forisehleppcii, sondern die ihr Anlagekapital a: ic♦» •t flirr pünktlich verzinsen und tilgen, so ist keine Summe zu hoc'׳:, die wir auf dem Kapitalmarkt abfordern, und alle Wunderwerke der modernen Kultur, Eisenbahnen, Hüten, Kanäle, Wasserwerke, werden das Land unserer Zukunft erschlossen und seinem Volke Reichtum schaffen. Die zionistische Bewegung hat mir die Ehre erwiesen, den von mir vorgclcgtcn Plan genossenschaftlicher Kolonisation als Grundlage ihrer praktischen Arbeit anzunchmcn. Vielleicht steht mancher Gesinnungsgenosse diesen besonderen Ideen skeptisch gegenüber; vielleicht legt er eine andere agrarische Organisation vor oder — was mir allerdings unmöglich erscheint — w׳eist er uns einen Weg nach, der uns ohne agrarische Kolonisation schneller und wirksamer zur Schaffung der Kreditbasis führt: ich will Jeden solchen Plan vor• urteilslos zu prüfen und mitzuberaten bereit sein. Wer abei unter uns nicht unbedingt als unser nächstes Ziel die Schaffung der Kreditbasis, gleichviel mit welchen Mitteln, anerkennt und anstrebt, den muss ich für einen unheilbaren Phantasten und schweren Schädling unserei Bewegung an sehen: denn das müssen wir uns doch klar machen, dass die Partei im Laufe* <1**r Jahre mindestens abbröckein, wenn nicht zerplatzen wird, wenn es der Leitung nicht gelingt durch greifbare Resulate Vertrauen und Hoffnung wach zu erhalten. Nun, vorläufig bin ich ja berechtigt, den von mir vorgelegten Plan agrarischer genossenschaftlicher Ansicdlung als den offiziellen zu betrachten, und muss mir beklagen, dass die unglücklichen Verhältnisse der letzten Jahre seine Verwirklichung mehr verzögert haben, als in der Absicht des Aktionskomitees und namentlich unseres hcimgcgangeiicn Führers Th. Herzl gelegen war. Hoffentlich finden sich in der nächsten Zeit die Menschen und die Mittel, um das ganze umfassende Programm ins Werk zu setzen, das unsere Palästina-Kommission entworfen und zur — theoretischen — Annahme gebracht har. Inzwischen möchte ich die Aufmerksamkeit der zionistischen Gesamtheit auf ein Werk richten, das mir bestimmt erscheint, unseren ersten Modellkolonien ein neues Element der Kraft und des Gedeihens zuzuführen und derart unsere Aussicht aur Schaffung einer starken Kreditbasis zu erhöhen. Ich spreche von unserem ״B c 7. a 1 c 1“, der Schöpfung des bulgarischen Hofbildhaucrs Boris Schatz, unseres genialen Gesinnungsgenossen, der es unternehmen will, dem Kunsthandwerk und dem Kunstgewerbe unter den Juden Palästinas eine Stätte zu schaffen. Hausfieiss und Hausindustrie haben sieb überall dort, wo das Volk, von seinem Mutterboden gelöst, als hablose Prolctaricr dem kapitalistischen Verleger gegenüberstand, als eines der sichersten Mittel bewährt, die Bevölkerung wirtschaftlich zu prolctarisicrcn und kulturell zu verelenden. Aus diesem Grunde stehe ich auch den wohlgemeinten Vorschlägen, mit indischen Arbeitern grosse Exportindustrien in Palästina einzuführen (z. B. Kleiderkonfektion) schroff ablehnend entgegen. Die Verhältnisse der Wcltmarktkonkurrenz haben sich bisher noch Immer als stärker erwiesen als das Wohlwollen und das Stammesgefühl der Unternehmer, und ich will kein Eastcnd mit seinen Schwitzwerkstätten im heiligen Lande. Wo aber Hausfieiss und Hausindustrie von einer Bevölkcrung betrieben werden, die auf eigener unverlierbarer Scholle wurzelt, da hat sich bisher niemals das kapitalistische Eiend entwickeln können. Hier ist die industrielle Beschäftigung im Gegenteil regelmässig Quelle höheren Wohlstandes und infolgedessen höherer seelischer und geistiger Kultur. Es wird niemandem schwer fallen, sich diesen Unterschied zu erklaren: wo eine Bevölkerung durch ihren Landbesitz mit Nahrung und Behausung versorgt ist, leistet sic dem Drucke des Verlegers auf Verschlechterung der Löhne und sonstigen A fmulfolocot» KT#**» rl«•■ Wm« —- . .. w *,.*ww ...-׳י.. w*~••**• * ״י-י• •UMfcCl arbeitet für Hungerlöhne und ״wirft Weib und Kind unter das Dschaggernautrad des Kapitals", wie Karl Marx sich ausdrückte. So blühen denn freie Bauernschaften durch denselben Hausfieiss mächtig empor, der die Taglühncrbcvölkerung zermalmt; Kropotkin hat kürzlich wieder (Pields. factorics

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