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Jüdische Rundschau · 1905-06-30 · Heft 26 (30.6.1905) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 26 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 311 Juden überall zu den unteren, mir selten zu den mittleren Klassen der Bevölkerung. Sie vegetieren seit einer langen Vergangenheit, und ein Geschlecht folgt in diesem dumpfen Dasein dem anderen. Von den Juden in Jerusalem schweige ich einstweile.1. Ihre überaus traurigen Zustände verdienen eine besondere Schilderung. Vielfach hat man sich bemüht, die Lage der orientalischen Juden zu heben, und zwar besonders durch Schulen. Einige derselben, wie die Schulen der Alliance in Kairo und Smyrna, sowie die Lümmel-Schule in Jerusalem, leisten ganz Vorzüglichcs. Wohlgeschulte und einsichtige Lehrer erreichen mit dem intelligenten Schülermateria! treffliche und solide Ergebnisse. Man kommt von der einseitigen Ausbildung in Sprachen ab, die nur formalen Wert besitzt, und wendet sich dem Unterricht in Geographie und Geschichte, sowie in den Natur- Wissenschaften zu. Schüler und Schülerinnen beweisen, dass es auch unseren östlichsten Glaubensgenossen an natürlicher Begabung nicht fehlt Und trotzdem müssen wir zu unserem grossen Schmerze, nach eingehenden Unterweisungen seitens der Direktoren und Lehrer selbst, sowie zahlreicher anderer gut unterrichteter Glaubensgenossen fcststellen, dass diese ebenso wohlgemeinten wie kostspieligen Schuleinrichtungen in ihrer fetzigen Gestalt und Begrenzung nahezu wertlos sind. Es gilt das nicht von den Gewerbeschulen (öcoles professionellcs), der Alliance und der I. C. A.. die nur nicht zahlreich und ausgedehnt genug sind, aber an sich sehr günstige Wirkungen hcrbeiiühren — es gilt mir von den vielen eigentlichen Schulen. Gewiss, so lange die Kinder diese besuchen, werden sie zur Reinlichkeit, zu gesittetem Betragen, zum Turnen angehalten, und es wird ihnen eine Menge nützlicher, wohl geordnetcr und klar aufgefasster Kenntnisse beigebracht. Einige wenige Schüler gehen dann ins Ausland, bereiten sich dort aui die Lehrcrlaufbahn vor oder studieren. Diese haben von dem Elementarunterricht dauernden Vorteil. Aber die ungeheure Mehrzahl kehrt nach absolvierter Schule in den Schoss der Familie zurück, und hier vergessen sie nach einigen Jahren alles wieder, w׳as sie gelernt haben. Unter der Einwirkung ihrer Umgebung gewöhnen sie sich von neuem an niedrige Lebonshaltung, geistige und soziale Bedürfnislosigkeit, gänzliche Abwesenheit jedes, auch des gerechtesten Ehrgeizes und Strebens. Sic werden wieder Kleinhandwcrkcr oder Kleinkrämer oder Hausierer in den kleinen dunklen Höhlen der schmutzigen Strassen. Armenier und Griechen sind inzwischen Grossgrundbesitzer, Orosskauileutc. Fabrikanten, Gelehrte geworden, bewohnen glänzende Paläste in breiten, wohlgcsäubcrten Strassen und schicken sich an, die Erbschaft der Osmanen anzutreten — was für die dortigen Israeliten das furchtbarste Unheil bedeuten würde. Was ist da zu tun? Es gibt nur ein Mittel, die israelitischen Elementarschulen hn Orient wahrhaft nützlich zu machen und zugleich die Lage der dortigen Juden zu verbessern: man muss mehr Gewerbeschulen und man muss vorzüglich Fortbildungsschulen und eine jüdische Hochschule gründen. Nur durch Fortbildungsschulen können die Heranwachsenden der Bildung und der guten Sitte erhalten, können sie mit den Kenntnissen und dem Streben ausgestattet werden, die sie höheren bürgerlichen Berufen zuführen, können sie aus dem tiefen Bildungs- und sozialen Niveau ihrer Familie auftauchen. Selbstverständlich müssten diese Fortbildungsschulen Vorzugsweise höhere Handels- und technische Schulen sein, die in praktischer Weise die Zöglinge für die besseren Bcschäftigungsarten vorberciten, und zugleich Gynmasialkursc zur Ausbildung für die Hochschulen enthalten. Der Besuch müsste kostenfrei sein, ja zahlreiche Stipendien müssten zur Frequenz anlocken — sonst würden die Eltern oder Verwandten zweifelsohne die jungen Leute zum sofortigen Erwerb anhalten und der Fortbildungssclnde entziehen. Man halte endlich die jüdische Hochschule — Universität und teclmische Hochschule — nicht für eine Utopie. In Beyrut haben sow׳ohl die Jesuiten wie die amerikanischen Protestanten je eine Universität errichtet, an denen europäische und amerikanische Gelehrte dozieren, und die von zahlreichen orientalischcn Christcnjflnglingen besucht werden. Die Folge dieser Einrichtungen ist, dass in allen diesen Ländern die Intelligenz und die liberalen Berufe ein Monopol der Christen sind, dass diese die geistige, und mehr und mehr auch die pekuniäre und agrikole Herrschaft für sich In Besitz nehmen. Will man die Juden des Morgenlandes intellektuell und materiell heben und mit Griechen, Armeniern und Syrern konkurrenzfähig machen, so muss man zu demselben Mittel greifen, das diese anwenden: Fortbilduugsbezv׳■. Sekundär- und endlich Hochschulen. Freilich wären das recln kostspielige Unternehmungen, aber an Geld dazu kann es ja nicht fehlen. Die vielen Millionen, die das Haus Rothschild, die Alliance und die I. C. A. für unsere orientalischen Glaubensgenossen ausgegeben haben, bisher ohne besonderen Erfolg, würden emc weit bessere Verwendung in dem angegebenen Sinne finden. Möchte doch endlich der praktische Sinn, den die Juden für ihre persönlichen Angelegenheiten betätigen, auch für die Interessen der östlichen Juden sich wirksam erweisen. (ALLGEMEINE ZEITUNG־ DES JUDENTUMS. No. 25.) Das zionistische Ansiedlungswerk und der ״Bezalel“ Von Dr. Franz Oppenheimer. Der Kongress — der erste ohne Theodor HerzI! — stellt vor der Tür und Im zionistischen Blätterwmldc tobt der Sturm der Meinungen. Alle ״Isten“ und ״Aner“, die wir besitzen — und ihre Zahl ist Legion — glauben die Zeit gekommen, wo sie ihre alleinseligmachende Lehre zur Alleinherrschaft bringen können, und das ״Prcnez mon ours“ schallt laut von allen Seiten, fast lauter, als ein zivilisiertes Ohr es vertragen kann. Mir scheint es beinahe, als ob der Streit in der Mehrzahl der Fälle darum gehe, wer — wir sprachen vom Bären — des Bären Fell haben soll, wfenn er einmal ״־*rlegt sein wird. Ich würde anstatt dessen nach meiner ganzen Veranlagung mehr Wert darauf legen, mich mit meinen Jagdgenossen darüber zu einigen, wie wir Meister Petz zur Strecke bringen können. Oder, mit anderen Worten: ich streite mich nicht gern mit Leuten über das letzte Ziel einer nützlichen Unternehmung, sondern ich frage nur, ob wir die nächsten zehn oder zwanzig Schritte gemeinsamen Weg haben. Ist das der Fall, so stemme ich meine Schulter vergnügt mit gegen das Hinterrad, ganz darauf vorbereitet, dass nach ״zehn oder zwanzig Schritten" eine Wegkreuzung kommen könnte, an der ein Teil der Genossen Abschied nehmen wird. Nun, diese ersten zehn oder zwanzig Schritte haben wohl alle Zionisten gemeinsamen Weg. Ob wir Palästina oder ein anderes Landgebiet mit politischen Mitteln gewinnen oder durch langsame ״Infiltration pacifique“ erwerben wollen; ob wir als stramme Nationalisten im souveränen Judenstaat oder als Kosmopoliten in einer englischen Kronkolonie die öffentlichrechtliche Sicherung zu finden hoffen; ob wir mebt kapitalistischc oder mehr sozialistische Ideale haben; ob wir die strenge Durchführung der Ritualvorschriften herbeisehnen oder verabscheuen: immer bleibt doch unser nächstes Ziel, unser Zwischenziel, das gleiche — und nur darin wurzelt trotz aller ״Uustinmüßkeiten** die tatsächlich und trotz alledem doch vor-

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