Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 310 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 26 Es liegt auf der Hand, dass durch die drei Direktoren, welche ia allen Ausschüssen angehören, und in ihnen sogar die Majorität bilden, die Einheit der Aktion gewährleistet wird. Es SOU noch ein anderer Vorteil dieser Einrichtung hervorgehoben werden. Es ist nicht wünschenswert, eine allzu grosse Anzahl von Männern sich in die Verantwortung für unsere wichtigsten Arbeiten teilen zu lassen, und man kann trotz des grössten Vertrauens zu den Erwählten unserer Kongresse doch Wünschen, dass nicht sie alle einen Einblick in alle Teile unseres Betriebes erhalten. Nach obigem Vorschläge wäre die Sache aber derart geregelt, dass die Mehrzahl der Mitglieder des engeren A.-K. jeder für sich zwar einen Schlüssel zu unserem Geheimschranke besitzen, aber erst alle Schlüssel zusammen die Tür erschlossen. Nur die drei von uns an die erste Stelle Berufenen, die drei Triumvim haben die sämtliehen Schlüssel in Händen. Uebrigens stände nichts im Wege, zu besonderen Zwecken Plenarsitzungen des gesamten neunglicdrigen engeren A.-K• zu veranstalten. Es Ist notwendig, dass von Vornherein bestimmt wird, wer von den drei Direktoren bei Plenarsitzungen des engeren, wie des grossen A.-K. den Vorsitz zu führen hat, überhaupt die Bewegung nach aussen repräsentieren soll. Ich schlage vor. dass dieses Amt dem Vorsitzenden des Ausschusses für Organisation übertragen wird. Dieser Direktor soll den Titel Präsident iühren. Er tritt an die Stelle des Obmannes des A.-K., ihm lie$£. somit die Eröffnung des Kongresses ob. Diese besondere Stellung des Leiters der Organisation rechti'ertigt sich aus dem Umstande, dass die Organisation die Grundlage alles dessen ist, was wir schaficn, und dass erst von der bestehenden Organisation an einzelne Ausschüsse Aufträge erteilt werden können. Dem Organisationsausschüsse wären auch die Befugnisse des bisherigen, übrigens kaum je in Tätigkeit getretenen Kongressgerichtes zu übertragen. Der Umstand, dass dieser Ausschuss unabhängig von dem politisehen Ausschüsse usw. arbeitet, wird ihm die gehörige Autorttat verleihen, da nunmehr bei Differenzen wie z. B. die von Charkow, nicht mehr im Anscheine von Gutgläubigkeit behauptet werden kann, dass das, A.-K. in eigener Sache Riehter sei. Falls dieser Vorschlag in weiteren Kreisen der Gesinnungsgenossen Anklang finden sollte, würde ich ihn dem Organisationsausschusse auf dem Kongresse in Antragsforrn überreichen. Die Juden im Orient Von Professor Dr. Martin Philippson. Der abendländische Israelit, der sich bei einer längeren Anwescnlneit im Orient mit dem Schicksal und der Lage seiner dortigen Glaubensgenossen beschäftigt, wird sich eines Gefühls unbehaglichen Staunens nicht erwehren können. Er ist daran gewöhnt, die Juden, trotz aller Zurücksetzung, Verfolgungen und Nöte als ein geistig hervorragend ausgerüstetes Element zu betrachten, das, sobald ihm nur einiger Raum zur Entfaltung gegönnt ist, aülcrortcn ach eine bedeutsame Stellung zu erringen weiss. Welche erstaunliche Kraftfülle wohnt in den geknechteten polnischen und russischen Juden? Anders im Morgenlandc. Die einstige Blüte der Gelehrsamkeit ist für sie in den der Herrschaft des Islam unterworfenen Ländern längst verwelkt. Weder geistig noch auf industriellem oder kommerziellem Gebiete spielen sie irgend eine wichtige Rolle. Freilich, in Aegypten und zumal in Kairo gibt es einige hervorragende Grosskaufleute, Rechtsanwälte und Aerzte unter den Juden; aber cs sind meist aus Griechenland oder Italien oder Rumänien eingewanderte. Die weit überwiegende Mehrzahl, und fast alle in Aegypten, Syrien und Kleinasien gebürtigen Juden sind Kleinhandwcrker oder Kleinkrämer, oder wenn es hoch kommt, Luxusarbeiter, wie die Verfertiger eingelegter Möbel in Damaskus. Seit vielen Jahrhunderten sitzt Generation auf Generation in schmutzigen Strassen, in kleinen Kaufladen und Werkstätten oder treibt sich als Hausierer auf den Gassen herum. Die Juden bilden im Orient kein Kultur- * * element; sie haben sich allerorten von den Armeniern und ganz besonders von den Griechen überflügeln und zurückdrängen lassen. Eine Ausnahme macht Konstantinopel, aber auch nur infolge besonderer und vielleicht vorübergehender Umstände. Die Pforte misstraut den Griechen und sie hasst die Armenier seit den bekannten Vorgängen vor einem Jahrzehnt, wo sie einen allgemeinen Aufstand ihrer armenischen Untertanen fürchtete und durch die entsetzlichen Metzeleien zu verhüten suchte. Seitdem entzieht sie die Vertrauensstellungen, die Griechen und Armenier früher als Pfortendclmetscher, Hofbankiers,. Hotärzte, Agenten aller Art inne hatten, diesen Volksbestandteilen und überträgt sie konsequent an Juden, die getreuen Untertanen des Sultans. Aber abgesehen ,von dieser, immerhin für uns erfreulichen Tatsache, gehören die orientalischen Ein New-Yorkcr Blatt liefert eine ausführliche Schilderung der bei der Gründung der hebräischen Stadt auf der grossen Insel im Niagarafiusse stattgefundenen Feierlichkeiten. Wegen der überaus grossen Menge von Zuschauern, welche sich eingefunden hatte, und des Mangels an einer hinlänglichen Anzahl von Booten, um dieselben nach der Insel überzufahren, mussten die Einweihungs-Feierlichkeiten bei dem Dorfe Buffalo stattfinden. Die Einweihungs-Ceremonie erfolgte in der Episkopalkirche, nach einem von Herrn Noah, dem treuen Richter in Israel, erlassenen ausführlichen Programin. Herr Noah trug ein langes Gewand von carmoisinrotem Seidenzeug mit Hermelin ausgeschlagen und reich mit Gold verziert. Bei Ankunft des Zuges an der Kirchthüre traten die rechts und links aufgestellten Truppen zurück, und der Musikchor blies beim Eintritt der Procession in die Kirche den grossen Marscli aus Handels ״Judas Makkabäus". Hierauf vernahm man den Klang der volltönenden Orgel, und das Jubilate wurde angestimnit; auf dem Abendmahltische lag der Grundstein der neuen Kirche mit folgender hebräischer Inschrift: ״Hört, 0 Israel, der Herr ist Euer Gott Der Herr ist Einer. Ararat, die Zufluchtsstätte der Hebräer, gegründet durch Mordechai Immanuel Noah, im Monat Tisry 5585J), entsprechend dem September 1S25, und im 50. Jahre der amerikanischen Unabhängigkeit.“ Der Gottesdienst begann mit einen! durch Herrn Searl» Geistlichen der bischöflichen Kirche, gelesenen 1'eierliehen Morgengebete; darauf sang der Chor: ״Vor des Herrn Thron“, und auf diesen Gesang folgte die Vorlesung eines Abschnittes aus Jeremias®) und mehrerer Psalmen. Herr Noah hielt eine Rede, in welcher er die Reorganisation des jüdischen Reiches ankündigte und diesen Gegenstand mit grossem Phatos behandelte. Die zahlreich Versammelten hörten seinen Vortrag mit der grössten Aufmerksamkeit an. Nach dem Schlüsse der Feierlichkeit zog die Procession in derselben Ordnung, in welcher sie gekommen, wieder aus der Kirche; die Maurcrbrüder und die anwesenden Militärs begaben sich nach dem Gasthofe ״zum Adler", um an dem dort veranstalteten Gasunahle teilzunehmen. Die Kirche war mit Frauen angefüllt, und die Feierlichkeit machte einen tiefen Eindruck." 8) Soll heissen 55S6. *) Offenbar Jeremias, Cap. 29.!Schluss folgt,)