Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651420--02515-2659403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
körte. Man pries in allen Tonarten den Schriftsteller, den Feaiiletonisten vor allem, und den Zionisten Theodor Herzl. Man suchte seines Wesens Art sich zu erklären, denn man konnte ja vorerst nicht begreifen, wie dieser assimilierte Jude des Westens, der in Paris* 80 heimisch war wie in Wien, der vergötterte Liebling sein konnte der Juden in Wilna und Minsk. Man hatte durch alle die Jahre der ״Utopie des Zionismus“ keinerlei Beachtung geschenkt, und hatte noch, als die Ereignisse des VI. Kongresses zu einer Stellungnahme drängten, sich zuerst mit einigen gewandenen Phrasen aus der Affäre gezogen. Wie sollt© man plötzlich begreifen können, woher diese ungeheure Anteilnahme der Juden aller Länder käme! Es ist interessant, unter diesem Gesichtspunkt alle die schiefen und verzerrten, die falschen und entstellten Urteile zu betrachten, die über die zionistische Bewegung damals abgegeben wurden und über den, der als ihr Schöpfer gepriesenwurde. Wohl keiner hat mit solchem psychologischen Feingefühl — wenn auch tatsächlich nicht überall zutreffend — den geistigen und seelischen Werdegang Herzls gezeichnet als Felix Salten in einem Feuilleton der ZEIT es vermocht hat. Es kann und soll hier nicht die Aufgabe sein, Herzl’s Werk zu analysieren. In ‘diesen Tagen gerade erscheinen ja die gesammelten Zionistischen Schriften Theodor Herzls, die es auch jedem Aussenstehendon ermöglichen werden, sich wenigstens insoweit über das Schaffen dieses grössten schöpferischen Geistes des modernen Judentums zu unterrichten, als es in Schriften und Reden niedergelegt ist. Freilich können selbst die klarsten Schritten und dio meisterhaftesten Reden nicht das Bild geben, das alle die von ihm haben, die ihn wenn auch nur von fern gekannt und in seinem Wirken beobachtet haben. Er war der grösste Jude seiner Zeit, und war «in ganzer Mensch dabei — das ist Ruhmestitel genug; nnd wir alle, dio sein grosses "Werk mit imseren schwadien Kräften fortfuhren zu helfen uns bemühen, können kaum bessor unseren grössten Toten ehren, als indem wir jeder sein bestes Wissen und Können ln den Dienst unserer Sache stellen. Wir stehen, vor dem VII. Kongress, dem ersten Kongress ohne Theodor HerzlI Da ist es am Todestage unseres verewigten Führers, statt aller müssigen Totenklage, wohl am Platze, Dach einem Worte Herzl’s und sicherlich in seinem Sinne, ״unsere lebendige Sorge den Lebenden zuzawenden“, und in seinem Gedächtnis das Gelübde abzulegen, in aller Zukunft über alle anderen Sonderinteressen za stellen das Interesse am Fortschritt unsorer Bewegung und an der Realisierung unseres grossen Ziele«. Wenn jeder nach seinen Kräften daran arbeitet, dann wird der Erfolg unserer heiligen Sache der beste Ruhm sein unseres Theodor Herzl. ib. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. 1. Das Register zu den Protokollen der ersten sechs Kongresse, bearbeitet von Hugo Sch achtel-Breslau, ist nunmehr und zwar gegenüber den Veröffentlichungen in der JÜDISCHEN RUNDSCHAU in wesentlich erweitertem Umfang in Buchform erschienen. Wir machen auf dasselbe ganz besonders aufmerksam, da es ein. unentbehrliclies Hilfsmittel für die Benutzung der Kongressprotokolle darstellt. Das Register ist vom Verlag Jüdische Rundschau, Berlin N. 51, Auguststrasse 49a, zum Preise von 75 Pf. zu beziehen. 2. Wir haben von der Broschüre Nordau: Der Zionismus, II. Auflage, 1000 Exemplare übernommen. Der Verlag ,.Jüdische Rundschau“ giebt dieselben bei Abnahme von mindestens SO Exemplaren für 15 Pf. ab. 8. Bisher sind folgende Wahlen gemeldet worden: a) für den Kon ח ress: 1. Königsberg: Dr. Hoppe, ״ Dr. Pelz. 2. München-Regensburg: Dr. Haiperu. 3. Breslau: Zahnarzt Hugo Schachtel, ״ Dr. Sandler. 4. Leipzig: Dr. E. Chaniitzer. 5. Mülhausen i. Eis.: Armand Bern heim. 6. Hamburg: Dr. Kalmus. ״ Gustav G. Cohen. Ararat Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Jüdisch-nationalen Gedankens. Mitgeteilt von Dr. Heinrich Loewe. Es ist wenig bekannt, dass unsere moderne zionistische Bewegung eine Reihe von Vorläufern im neunzehnten Jahrhundert hatte, die es wohl verdienen, der Vergessenheit entrissen zu werden. Die älteste Nachricht, welche man wohl hierhin in gewissem Sinne zählen kann, ist eine fette Zeitungslüge, die Napoleon der Grosse, in die Welt setzte, als er an eine nnbeachtete Rückkehr aus dem Orient dachte. ״Lc Moniteur Universel“ oder ״Gazette nationale“ enthält in seiner Nummer 243 von an VII (1799) folgende, in historischem Sinne immerhin beachtenswerte Mittheilung: Constantinople, le 28 Germinal. Bonaparte a fait publicr une proclamatinn, dans laquelle il invite tous Ies Juifs de PAsie et de PAfrlque ä venir se ranger sous ses drapeaux pour retablir l’anciennc Jerusalem. Ii en a dein arm6 un grand nombre, et leurs bataillons menacent Alep.1) Ohne uns auf die Gründe cinzulasscn, die Napoleon veranlasst haben mögen, diese Post nach Europa zu lancieren, wollen wir an dieser Stelle nachtragen, dass dieser gleiche Gedanke einer Wiederherstellung Jerusalems auch bei den politischen Revolutionären regelmassig wiedcrkchrte, und dass auch bei dein unter dem Namen des Aufstandes der Dekabristen bekannten Militäraufstande des Jahres 1825 diese Idee eine freilieh unfruchtbare Rolle spielte. Der Verein der Slaven und der polnische Theil der Verschwörer hatte in sein Programm unter anderem aufgenommen, ein panslavisches Bundesreich zu gründen, Griechenland, dass da* mals im Aufstande begriffen war, zu befreien, und ״er der le royaume d’Israel“. Die ausführlichen Nachrichten darüber findet man im ״Moniteur“ vom Juni 1825. Uebcr die Pläne der polnischen FreiheUskämpfer von 1830, die sich in dieser Richtung bewegten, ‘) Zu deutsch: Bonaparte hat eine Proclamation erlassen, in welcher er alle Juden Asiens und Afrikas eiuladt, sich unter seine Fahnen zu reihen, um das alte Jerusalem wieder herzustellen. Eine grosse Zahl derselben ist schon bcwannet worden, und ihre Bataillone bedrohen Aleppo.