Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651418--02476-2659362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 24־ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 285 » 1 gingen, finden sich täglich Abgesandte der ״Organisation" ein und auch da haben die Diebstühle aufgehort. Ich habe Gelegenheit gehabt, mich mit der Tätigkeit der ״Organisation", näher bekannt zu machen und muss sagen, dass sic al l e Anerkennung verdient. Die Leitung liegt in den Händen gewöhnlicher Arbeiter mit kaum elementarer Bildung, aber von starker Intelligenz und Initiative. Die Leute haben bcschlossen, den öffentlichen Dirnen, die ihrem traurigen Gewerbe entsagen wollen, Hilfe zu leisten und sic in ehrlichen Arbeiterfamilien unterzubringen, damit sie sich dort an Arbeit gewöhnen. Die Familien, die sich eines der unglücklichen Geschöpfe aniiehnicn wollen, werden, so lange das Mädchen keine entsprechende Arbeit findet, zehn Rubel monatlich zu ihrem Unterhalt von der ״Organisation" erhalten. Das Geld dazu wird durch irciwilligc Gaben aufgebracht. Dieser Beschiuss wurde erst vor drei Tagen gefasst und schon heute haben 14 jüdische Prostituierte Unterkunft gefunden. Das geschah ohne Schreiberei und Geschrei, fast ohne Debatten, auf den blossen Antrag eines einfachen /Cigarrenarbeiters hin. Irn Laufe von zwei bis drei Stunden war alles erledigt. * Die jüdischen Arbeiter machen, wie mau sicht, ganze Arbeit und verdienen vollaui die ihnen gezollte Anerkennung. Auch eine Uudenfrage Mit der Lösung der Juden frage beschäftigte sich in Berlin eine M i s s i 0 n s v e r s a n! m 111!! g im Betsaaie der Brüdergemeinde. Nach einigen beg Gissenden Worten des Ober- Konsistoriairats D. Kessler, in denen er von der Judemuission;!!s von dem ..ältesten W erke Christi־‘ sprach, kielt Pastor Wagner-Köln einen eingehenden Vortrag über d e ,.Judenfrage im Lichte der Bibel". Nach den Aufzeichnungen der Bibel *. so meinte er — gab es schon zur Zeit, als die Kinder Israel in Aegypten waren, eine j1!de־!1׳::ge. die Pharao lösen zu können glaubte, als er befahl, alle Judeitknabon ins Wasser zu werfen, hingehend ging er auf die verschiedenen l׳;:usc;i du Judenfrage ein. deren Lösung noch bis heute nicht erfolgt sei. hr bczcichuete die Lösung der Judenfrage als eine nationale Arbeit, doch könne dieses schädliche, freigeistige Judentum nur überwunden werden durch die Macht des Kvangelismus. — Rev. Wilkinson-Londoii gab aus eigner Anschauung ent Bild aus dem Leben oder (wie er sagte) aus der Gefangenschaft der Juden im Zarenreiche. Tatsache sei, dass die Juden itt Russland verfolgt werden, hr ging daun auf die soziaipolitisehe und religiöse Seite diese,־ Tatsache ein, beleuchtete die körperlichen, intellektuellen und moralischen Folgen und sprach dann von der Aufgabe und Gelegenheit der Mission, hr hob hervor, dass Russland — mp wenigen Ausnahmen — für organisierte Missionsarbeit verschlossen sei, doch stelle der Scliriftenverteilung nichts im Wege. Ks seien denn auch sieben Missionare in Russland unter den Juden mit der Schriftenvcrteiluitg tätig, auch werden 15 Zentralen unterhalten. — Von der Judenfrage in Amsterdam berichtete Missionar van Os. Hier gemessen die Juden die weitgehendste Freiheit, was nicht verfehlt hat, dass etwa ein Zehntel der ganzen Bevölkerung Juden sind. Diese seien mit der Zeit recht frech geworden und stehen besonders der Ju d e n m i s s 1 o n feindlich gegenüber. — Was die Herren sich doch für überflüssige Sorgen machen! Von den Juden finden wir es allerdings auch cmpörend frech, dass sie von so viel christlicher Liebe nicht einmal was v isscu wollen. Aber wie wäre es denn — das soll nur ein bescheidener Vorschlag sein! — wenn die Herren Missionare in Russland lieber den diversen ״Christen" v1:״ Ki seit ine w. Hornel. Shitomi r usw. das Christentum beibritigen wollten? in der russischen A r in c e z. B. gäbe es. von den nur mangelhaft christianisierten Kosaken angefangen bis hinauf zu den das ״Rote Kreuz" bestehlenden G ross f ii r s t cn. eine recht erkleckliche Arbeit für Christliehe Mission! Und die wäre doch, sollten wir meinen, Gott wohlgefälliger, als die Bekehrung dieser irecheu Juden! Preisausschreiben über Zionismus Die theologische Fakultät der U 1! i v e r s i t ä t Genua l-atte als Preisangabe das Thema gestellt: ״Der Ziouisju u s und seine Aufgaben für die O c g c n w a r t." I'.s ist dies wohl das erste Mal. dass eine Fakultät den Zionismus ׳um Gegenstände einer wissenschaftlichen Aufgabe macht. Als beste Arbeit wurde von der Fakultät die Bearbeitung eines Christen mit dem Preise ausgezeichnet, die unter dem Motto emgereicht war: .,Kamt man das Lied Gottes auf fremder [::de singen?" Der Autor kennt die verschiedenen Phasen der jüdisch-nationalen Bewegung sehr gut. Fr erörtert im wesentliehen die Anschauungen Achad Ha’atns und gelangt zu dem Schluss, dass n u r eine eigene Heimstätte in ' a * ü s t i 11 a die Lesung der Judenfrage bringen kann, j Akademischer Freiheiisschwindel I Die deutschen Studenten scheinen ernstlich der Meinung I zu sein, sic müssten sich vor dem Auslände noch mehr blamicreii. als sic das ohnedies bei jeder möglichen Gelegenheit tun. Das ־Menschenmöglichste aber leisten sic nun in ihrer ״Freiheitsbewegung", die nachgerade jeden denkenden Mensehen wie ein B i e r u I k anmuten muss, als der sie wohl von den meisten Mitläufern auch nur aufgefasst wird, die sich ja sonst niemals in solche geistige Unkosten gestürzt hätten. Da haben kürzlich die Herren Studiosi der ehrw ürdigen Alma inater in Cj ö 11 i u g c n einen Beschluss gefasst, demzufolge sie ״die Absonderung der konfessionellen Verbindungen als einen Missbrauch der akademischen Freiheit“ betrachten! Wer lacht da nicht! Freiheitsbewegungen nannte man bisher immer jene Massenbewegungen, die eine möglichst grosse Freiheit iiir das Tun und Lassen forderten, und die dabei oft genug, wie natürlich, in einen Missbrauch der Freiheit verfielen, an deren richtigen Gebrauch die Träger der Bewegung noch nicht gewöhnt waren. Und diese Studcntlein kritisieren einen angeblichen Missbrauch einer Freiheit, von der sic selbst den ausgiebigsten ״Gebrauch" zu machen pflegen, und nennen ihre albernen Lamentos nach Polizei vc.rboten ״Kampi um die akademische Freiheit"! Mau braucht wirklich kein Freund der klerikalen Richtung jener katholischen Korporationen zu sein, gegen die der ..Kampf" sich ja hauptsächlich richtet, um einen solchen Frcihcitssch windei einfach empörend zu linden -- wenn nicht die L ä c 11 e r I i c 11 k c i t eines ״Frciheits"kampfcs seitens der längst in Servilismus erstarrten Studentenschaft noch die Fmpörung iibcrwicgeu würde! Schächtverbot in Wien Wie wir bereits kurz berichteten, hat die!:iederösterreiciiisehe Stattiialterei das vom Wiener Gemeinderate beschlossene Verbot des Schäelitens in den Wiener Schlachthäusern aufgehoben. Dem Bürgermeister Dr. Lueger kam darüber folgender Erlass zu: ״Laut Amtsblatt der Stadt Wien Nr. 36 hat der Genteiudcrat in der Sitzung vom 2S. April 1905 den Beschluss gefasst: ..Sämtliche in den städtischen Schlacht- Häusern zur Töti'iig kommenden Schlachttiere sind, bevor ihnen das Blut entzogen wird, durch Stirnsclilag vollständig zu betäuben." Ucber eine Beschwerde der Wiener israelitischeu KuitusgcmeinJc finde ich im Grunde des § 107 des Wiener üemeindestatuts vorn 24. März 1900 die Vollziehung dieses Beschlusses, soweit derselbe die nach den Religions- Vorschriften vorzunehmenden rituellen Schlachtungen, das ist das Schächten, trifft, als gesetzwidrig zu untersage tt." In den Gründen wird hervorgehoben, dass der Gemeiiideratsbesciiiuss vom 2S. April d. J. mit den die allgemeine Glaubens- und Gewissensfreiheit und die innere Selbständigkeit der anerkannten Kirchen- und Rcligiousgenosscnschaften gewährleistenden Artikeln 14 und 15 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1S67 und mit dem § 25 des Israciitengesctzcs im Widerspruche steht, sowie auch, dass bei dein rituellen Akt der Schlichtung von einer!Misshandlung des Tieres oder einer Tierquälerei nicht gesprochen werden kann. Antisemitisches Bubenstück Kurz vor Weihnachten vorigen Jahres war die Stadt Siegen i. \V. der Schauplatz einer der regelmässig üblichen antisemitischen Grabschändungen gewesen. Nach vielen vergeblichen Bemühungen der Siegetier Polizei ist es nun endlich gelungen, die Täter zu ermitteln, die damals die Zerstörung der Denkmäler und Grabsteine auf dem jüdischen Friedhöfe verübten. Fs sind drei noch se 1! u I p f iie It t igc Kuaheil im Alter von in-13 Jahren, die die Schandtat verübt haben. Als Entschuldigung iiir sie mag gelten, dass sie sielt der Tragweite ihrer Handlungsweise nicht bewusst gewesen sind. Sie haben cingestandeu. beim Suchen von Knochen, wie sic auf den Feldern des öfteren hcrumliegcit, in die Nähe des jüdischen Friedhofs gekommen zu sein, dessen Tür offen stand. Nachdem sie hindurch gegangen waren, hat einer der Knaben einen Grabstein angefasst, der bei geringem Druck zu wackeln aufing und schliesslich ohne erhebliche Anstrengung timtiel. Nachdem die Knaben mehrere Denkmäler umgestossen hatten, haben sic von aussen noch nach marmornen Grabsteinen ge- Worten. — Zwei der Knaben haben, wie die SIFGENFR ZEITUNG schreibt, das strafmiindige Alter noch nicht erreicht; der dritte war zur Zeit der Tat 12 Jahre alt und dürfte einer ziemlich hohen Strafe eiitgegeusehcii. Wobei es ausserordentlich bedauerlich bleibt, dass hier ein uticrwaehsctter Knabe die Strafe erleiden soll, die von Rechts wegen denen gebührte, die das Kind verletzt haben oder wenigstens es nicht gelehrt haben, den . Judenkirchhoi" ebenso zu achten wie den christlichen Kirchhof. Aber Siegen ist ja bc- «£*90M««CO9«r. u V -־■:/־■••'"'TS '• ■ 4