Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 286 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24 kanntlich die Stadt Stöckers, der sich ״Vater des Antisemitismus“ schimpfe» lässt! “An ihre» Früchten sollt ihr sic erkennen!“ Expeditionen nach Palästina Aus New-York wird gemeldet: Der bekannte Phifanthrop Jakob Schiff stiftete der Harward-Uuiversitnt 200 000 Mk.. damit fünf Jahre lang jedes Jahr eine Forschungs-Expedition nach Palästina ausgcschickt werde. — Hoffentlich erfahrt man bald Näheres über diese Stiftung, besonders, was diese F.xpeditioncn erforschen sollen. Jedenfalls verdient die Nachricht in monistischen Kreisen alle Beachtung. Vielleicht wäre Jakob Schiff auch der Mann, die jüdische Nationalbibliothck In Jerusalem zu retten? Durch diese Tat könnte ein jüdischer Mäccn sich mit unvergänglichen Lettern in die jüdische Geschichte cinzcichnen! Niedriger hängen! Unter der Spitzmarkc ״Niedriger hängen’’, lässt sich die DEUTSCHE TAGESZEITUNG aus München schreiben: ״Dem Herausgeber des DEUTSCHEN VOLKSBLATT, Herrn W e 11 n g, Ist der folgende, selbstverständlich anonyme Brief zugegangen:, ,ך• Herrn I.udwig Wcnng hier! Haben.Sie den Artikel G o 1 d sc 11 mi d t־R 01h s ch i 1 d gelesen? Nun, was sagt ihr Dallcsbriidcr dazu? Wenn uns der Kaiser so gnädig gesinnt ist und einsieht, dass er uns braucht, was wollt ihr Dummköpfc dann machen? Ihr könnt schreien und machen, was Ihr wollt, cs hilft Euch doch nichts, die Hauptsache, das Geld, haben wir und führen das Ruder. Woher wir das Geld haben, das wisst Ihr am besten, wir arbeiten mit Geist, rechnen, und pfeifen auf Erfre Strafgesetze, die Ihr ja nur für Euch selbst gemacht habt. Ist unter Ihren Anhängern und Parteigenossen auch jemand, der •150 000 Mark Steuer zahlt wie Rothschild? Ncwich, ihr könnt Euren Wohnungszins nicht aufbringen, viel weniger solche Steuern zahlen. Ja. ja, ihr R.schreit und rcisst Euer Maul noch so weit auf, ihr seht es ja, was cs hilft. Wenn uns der Kaiser braucht, dann haben wir doch auf Herrn Wcnng und seine Genossen nicht Rücksicht zu nehmen, oder? Ich würde an Ihrer Stelle wieder eine Versammlung einberufen mit dem Thema: Der Kaiser und die Juden, damit dem Kaiser ein Misstrauensvotum erteilt wird, weil er ein Judenfreund ist. Das wäre eine Idee! Natürlich müssten Sie verd .... Wcnng Referent sein, cs spricht ja so kein anderer Mensch als Sic, Herr Hager und Ihr Freund Wagner. Im übrigen kennzeichnet Sie der ״Grobian”; Sie sind ein ״ehrenwerter" Herr. (Als Unterschrift) Mir ham’s Geld und Ihr an Dalles." Die DEUTSCHE TAGESZEITUNG legt manchmal Wert darauf, auch von den Gegnern für. ein anständiges Blatt gehalten zu werden. Das wird uns in diesem Falle schwer. Denn s 0 dumm, dem cdeln Münchetter Antiscmitcnhäuptling, der eine solche Reklame gerade brauchen kann, diesen Brief zu schreiben, ist doch der dümmste Jude nicht. Sollte also ein Redakteur der D. T. so begabt sein, diesen Brief für ״echt" zu halten? Oder hält er nur seine Leser für dumm genug und müssen wir für diesen Fall darauf verzichten, dem Blatte das obengenannte Prädikat zu erteilen? In diesem Falle wiirden wir sogar eine schärfere Tonart fiir angemessen erachten und würden das Verfahren der DEUTSCHEN TAGESZEITUNG für das gerade Gegenteil von anständiger Journalistik erklären! Arische Intelligenz Wir hatten in Nummer 20 d. Bk unter der Spitzmarke ״Russisch-Sachsen" die Nachricht gebracht, dass eine Privatschulvorsteherin 1:1 Dresden erklärte, nur eine jüdische Sclüilerin auf zehn christliche anzunchmcn und sich dabei darauf berief, dass an» Vitzthumscheu Gymnasium in Dresden dieselben Grundsätze herrschten. Das BERLINER TAGEBLATT hatte zu dieser Notiz die Bemerkung hinzugefügt: ״Es würde noch hingehen, wenn dieser alberne Standpunkt lediglich der einer Privatperson wäre, wie es die oben genannte Schulvorsteherin ist. Wenn aber dieser Standpunkt auch am Vitzthumsehen Gymnasium Geltung hat, so begreift man schliesslich, dass gerade Sachsen zum Dorado der Sozialdemokratie werden musste." Dazu schreibt die KREUZZEITUNG: ..Da haben wir also wieder einmal das offene Eingeständnis des innigen Zusammenhanges zwischen Judentum und Sozialdemokratie! Denn der letzte zitierte Satz kann nur den Sinn haben, dass der Jude Sozialdemokrat wird, wenn ihm einige Privatschulen weniger als die HüKtc ihrer Banke cinräumcn, und dass ferner die Sozialdemokratie diese Ansprüche der Juden unterstützt, also die Verjudung der höheren Schulen fordert. Die Tat- Sachen sind richtig, werden aber von den Juden selten so offen wie hier zugegeben." Wir hätten nie geglaubt, dass dieses vornehme Blatt des prcussischeu Feudalismus die Intelligenz seiner Leser so beschämend niedrig einschätzt. Oder sollte ant Ende in der Redaktion des Junkerblattcs selbst die Vcrdeutschung des französischen Wortes ״niveau" — ״Tiefstand" lauten? Ritualmord-Sch windel Die alberne Fabel vom Ritualrnord der Juden ist in Ti rasp o I w ieder einmal von Leuten, die von Zwietracht leben, aufgewärmt worden. Als Hauptaktcur erscheint der zwölfjährige Bauernknabe Michail Romaschko, der die Mitteilung machte, er sei von c' ein Juden namens Landesberg in einen Keller gelockt worden, w0׳ er ihm durch Stiche in die Brust ein halbes Glas Blut abgezapft hätte. Wie gewöhnlich, hat auch diesmal die Verbreitung dieser plumpen frechen Lüge eine ungeheure Err־״;jng unter den unwissenden Bauern des ganzen Kreises hervorgerufen. Wer weiss, wozu cs gekommen wäre, wenn der Pristaw den Romaschko nicht der Lüge überführt hätte. Nach längerem Verhör gestand der Knabe, dass er zur Aus- Streuung des die Juden verleumdenden Gerüchts von einem gewissen Kusma Ssyrlmla überredet worden wäre. Wieder ein Beispiel dafür, wie die Legenden vom Ritualmorde entstehen! Rundschau der Presse r ~ DIE WELT bringt in No. 23 an leitender Stelle einen Aufsatz, von Dr. Leopold Kahn: ..Wie ist cs mir gekommen?“, der eine Art psychophysiologischer Entstehungsgeschichte der gegenwärtigen Differenzen inuerlialb des Zionismus nicht uiizutreffend zu geben versucht. -- In der gleichen Nummer setzt Dr. Kahn seine Artikelserie über ..Türkische Bodenreehtsverfhiltnisse‘ fort, von der hier Kapitel V ״Wakuf” vorliegt. Einer kurzen Skizze des . Israelitischen B'.indeninstituts fiir Palästina“ ist e'iic interessante Abb'ldtinz beigeeeben. - - Im KRANK- FURIER ISRAELITISCHEN FA MI LI ESTE ATT veröffentlicht das ״Bureau des Misracbi im Westeuropa“ einen Protest gegen die von der . Rabbincr-Komnässion“ der ״Freien Verciniguug für die Interessen des orthodoxen Judentums“ gefasste Resolution, in der gesagt war. dass die Prinzipien des M i s r a c h i. als einer Fraktion innerhalb des Zion i s in u s . mit den Grundsätzen des fiberlieferten Judentums nicht zu vercinbarcn seien. Die ersten beiden Absätze des Protestes lauten: ״I. Den von der Rabbiner-Kommission erwähnten — leider nicht namhaft gemachten — rabbmischcn Autoritäten stehen 200 Gutachten rabbinischcr Grössen gegenüber, die den Misrachi, seine Grundsätze und sein Vorgehen begrüssen und.be־ fürworten. 2. Die Begründung der Resolution ergeht sich mit Austi'ihrlichkcit in dem Nachweis, dass eine bloss nationale Erfassung des Judentums mit dem Geiste des Gesetzes »m Wider- Spruch stehe. Autithcsis: Das Bewusstsein dieser Gegensatzlichkcit hat den Misrachi geschaffen, a's eine Vereinigung, die von der zentralen Bedeutung der Thora für alles iiidische Leben und alle jüdische Entwickelung unerschütterlich über• zeugt ist und dieser Uebcrzcueung nach ihren Kräften innerhalb der zionistischen Bewegung das Wort zu reden ״csonnen ist.“ Weiter wird das bekannte Programm des Misrachi ent- ״egen der anmassenden Verurteilung durch die .,Rabbiner- Kommission“ verteidigt. In der Wiener Tageszeitung DIE ZEIT veröffentlicht der dunJh den Königsbergcr Hochverratsprozess zum ersten Mal weiteren Kre-sen bekannt gewordene frühere r 11 s s i s c 11 e Staatsrech tslehrcr Prof. M. v. Reussncr einen 1’angcn Artikel ..Die Juden in Russland“, der die unseren Lesern wohl grösstenteils bekannte Lage der Dinge schildert n״d am Schlüsse resümiert: ״Mich wundert es nur. das«: der Himmel sich nicht aus Scham über den russischen AbsoluEspuis gerötet hat. Mich wundert es, dass cs in Eiirom ״oH! .Inden gibt, die nicht fluchen, die vor Schmerz hei den Nochrieldmi über diese Mordtaten nicht weinen, dass cs hier in E u r o n a noch Freu n de und Verbündete des russischen Selbstherrschern ms gibt...... Die Politik der russischen Regierung in der Juden frage ist der Gipfel der Niederträchtigkeit, Verrätcrci und Bcstialität.“ Kleine Mitteilungen Wien. 13. Juni. Baron Nathanie! Rothschild ist heute früh gestorben. — Im Interesse der Wiener antisemitischen Offiziere, denen Nathauiel Rothschild ein vüterlichcr Fürsorger war, ist der Tod dieses Rothschild sehr zu bedauern.