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Jüdische Rundschau · 1905-06-16 · Heft 24 (16.6.1905) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 284 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 24 gungsgruppc gegründet, die sich bereits eine Krosse Anzahl von \Vaffcn ansebaiite und fücKciide Korps organisierte. Tolctschin, Oouv. Mohilcw. In den Kirchen wurden Proktamationcr. der M o h i 1 c w e r f! e i s 11 i c h k c i t. die alle Bauern zu Judenmassakres auifordert. verbreitet; auch Waffen wurden verteilt. Der Staatsanwalt als Fälscher Aus PetersburR wird gemeldet: Der Verfasser des nachträglich at> ge f a 1 9 c!11 fcstKcstelltcn B e r ft eh t c s über die V o r k ä n K c in S hi t o in i r. den der eüiziellc REUIFRUNC1SBOTF vcrüffentlielit hatte, ist ermittelt Die NOWOSTI teilen mit. dass dies aKitatorische Machwerk vom Staatsanwalt des S h i t o m i r c r Ländle־ richts herrührt. -- Man würde sagen, dass diese Nachricht eigentlich allein die Krone anfsctxt — wenn nicht eben in Russland die unglaublichsten und unmöglichsten Dinge banale Alltäglichkeiten wären. Ministerkomitee und dudenfrage Wie die FRANKFURTER ZEITUNG einem ihr zur Verfiigung gestellten Briefe aus Petersburg entnimmt, hat die Tatsache, dass das Ministerkomitee bei der Beratung über den Artikel 7 des Kaiserlichen Manifestes vom 12./25. Dczcinher 1901־ beschlossen hat, die L ii s 1111 k der .) u d c n f r a g c der zukünftigen Volksvertretung zu überlassen, in den jüdischen K1 eisen in Petersburg beunruhigend gewirkt, da dieser Be- Schluss zeige, wie feindlich die gegenwärtigen Machthaber den Juden gesinnt sind, zumal nachdem auch in dem Toleranzedikt die Juden völlig unberücksichtigt geblieben sind. Fine Illustration hierzu bi!Jeu die JuJenhetzcii. insbesondere in Shitoinir. Für die in dieser Stadt und in der Umgebung derselben gctüeten 21־ Personen ist in der Petersburger Synagoge ein Gottesdienst abgehalten worden, bei dem heftige Reden, gehalten wurde!׳. Das Losungswort sei jetzt, nicht mehr demütig zu bitten, sondern Gleichheit der Rechte zu verlangen, sie!« tapfer zu vertcioVgeu und energisch danach zu streben, dass die gegenwärtigen Zustände durch andere. bessere ersetzt werden. Juden und Verbrecher Aus Petersburg wird gemeldet: Nach dem neuen, vom Minister des Innern ausgearbeiteten Passgesetz bleibt der Passzwang nur für Verbrecher, welche unter Polizeiaufsicht stehen, t! 1! d i ii r J u d e n ausserhalb ihres Ansitd!ungsrayoj»s bestehen. — Russland ist ein ..Christ- Fehes Kulturreiclr. das im fernen Osten die heiligsten Güter Europas wahrt, so weit Oyama das gestattet. Der Reiehsrat dürfte die zeit- und kulturwidrige Bestimmung des Passgcsetzes daher auch kaum beseitigen. Antisemitische Prok1ama'ron Die Odcssaer NOWOSTI melden aus N i k o I a j e w, dass dort unter den Einwohnern folgende Proklamationen verbreitet werden: ..Fs ist Zeit, zu handeln! Wie lauge noch w erden die I n t c 11 i g e 11 z . die Student c n . die Jude ״ und ähnliche Kreaturen unserer Regierung spotten? \Vir hallen beschlossen, alle diese Leute u 111 z 11 b r i n g e!1. Da wir Dielt iiir keinen ,.Intelligenten■■ halten, so schlagen wir Dir vor, dass Du unserer ersten Aufforderung Folge leistest und in unsere nationale Vereinigung eintrittst. Hei uns kannst Du Dir eine Waffengattung nach Belieben uussuehen, und 1111 t Hilfe qer Polizei und der Kosaken' werden wir die Schlacht beginnen. Wenn Du aber weichherzig bist und Dieb daran zu beteiligen fürchtest, so bist Du zumindest verpflichtet. 25 Rubel unserer Kasse zu speit Jen. die sich in der Musikalienhandlung des Herrn K ba befindet. Anderenfalls werden wir Dich für einen ..Intelligenten" halten. Die nationale Vereinigung.״ — .,Intelligenter" ist in. Russland bekanntlich ein Schimpfwort! Fiasko des ״Roten Kreuzes" Aus Odessa wird unter dem Id. Juni gemeldet, dass die mit grossen Bemühungen ins Werk gesetzte Subskription zu •gunsteii des ״R o t e 11 Kreuze s" nur eine!‘ Frlös von 9mm Rubel ergeben bat. Dies spricht daiiir. dass das Publikum das Vertrauen in die ..Rote Krcuz/Miesd׳.- sebaft vollends verloren hat. Man gibt nichts, wed mau weiss. dass das Geld in den we'teii Taschen der Beamten verschwindet. Aus Kischincw Einem der FRANKFURTER ZEITUNG zur Verfügung gestellten Privatbriefe aus Kischincw entnehmen wir folgendes: .,Die ncugebildete ״P a t r i 01 i s c 11 c P a r t c i" ist auch 111 Kischitiew au der Arbeit zum Schrecken der gesamten i u d j s cli e n Bevölkerung und der c 11 r i s 11 i e 11 e 11 Intelligenz. Misshandlungen von Passanten auf der . trassc kommeit täglich vor. In der vergangenen Woche wurde cm indischer Knabe in der Oostiunajastrassc so geprügelt, dass er kurz nachher an seinen Wunden gestorben ist; ähnlich misshandelt wurde ein Lehrer des ersten Knaben-Gymnasiums. Die Mitglieder der ״Patriotischen Partei" gemessen die Gunst der Polizei, beziehen, wie mau spricht, 30 Kopeken, die Führer 1 Rubel ״Taglohn". und organisieren sich aus dem Stand der Zuhälter (Chuligaui) und sonstiger Hefe (Basjaki Barfiissler) der Gesellschaft. Ihre Tätigkeit beginnt mit Einbruch' der Dunkelheit; infolge dessen sind die ausgezeichneten Vorstelhmgen einer gegenwärtig im Saal des Adelskasinos gastierenden Tlicatcrgescllscliaft nur sehr schwach besucht, da das Publikum sich fürchtet, sieh abends auf der Strasse zu zeigen. Die Tageszeitung von Kischincw', DAS BFSSARABISCHF FEBFN, dessen Redakteur, Herr Balinsky. früher als Antisemit galt, fordert alle Männer der Stadt auf. siel! zu organisieren und zu bewaffnen, um die Einwohnerschaft vor den Angriffen der ,.Pa triotcn-Zu halte r" zu schützen. Nicht ohne Grund erblicken in diesen Zuständen alle, die an die Zukunft Russlands glauben, die letzten Zuckungen des sterbenden Absolutismus, doch fragt man sich mit schwerem Herzen; Wie viel Blut muss noch flicsscn. bis die Sonne der politischen Freiheit auch für dieses unglückliche Land aufgeht?“ Judm und Volksvertretung Bei Schluss des Blattes geht eben folgende Meldung ein: Petersburg, l־t. Juni. Der Fntwurf Bulygins betreffend Schaffung c'ner Volksvertretung scliKesst, wie NOWOSTI zustrlässg erfahren, Juden von jeder Beteiligung an der Volks- Vertretung aus, well es nicht Iclgerkhtlg sein würde, sie bei dein Bestehen der di; Rechte der Juden beschränkenden Gcsetze zur Ausübung des Wahlrechts oder gar zur Mitarbeit in der Volksvertretung 711711 lassen. Noch ist diese Bestimmung erst ein Fntwurf des Herrn Pulygin. aber sie zeigt, w as dieser Mann den Juden, wie mich der' russischen Freiheitsbewegung im allgemeinen._ bieten zu können glaubt. Nun 1 leibt abzuwarten. ob dieser Fntwurf das werden wird, was man in Russland optimistisch ,.Gesetz‘■ nennt. Die B c g r ii 11 d u 1! g ist - russisch! Eine jüdische Heilsarmee Unter dieser Spitzmarke berichtet die VÖSSIc'CHF ZEITUNG aus Warschau vom 3". Mai: Sonnabend und Sonntag waren alle Staatsgebäude militärisch bewacht unJ^ zahlreiche, starke Patrouillen durchstreifen die Strassen. Gestern sind die Wachtposten eingezogen und die Zahl der Patrouillen vermindert worden. Von Ruhe kamt über nicht die Rede sem. Die Aufregung dauert fort. und auch gestei n wieder kam c: zu Zusammcnstössen zwischen den Arbeitern und Zuhältern. Ain Vormittag versuchten mehrere Zuhälter in Droschken die Dzika-Strasse zu passieren, um aus der Stadt zu flücliti-11. sie wurden aber von den Arbeitern erkannt und mit einem Steinhagel verfolgt. Sic antworteten mit Revolver- Schüssen, von denen einer eine Frau verwundete. Dies erbitterte die Arbeiter erst recht, und einige Stunden später versuchten sie. in die schmalen, schmutzigen Strassen der Alt- Stadt cinzudringen, wo Zuhälter und sonstiges Gesinde! sich versammelt und verschanzt hatten. Dort trat ihnen das Gesindcl mit Revolvern, Sensen, Hacken und Knüppeln entgegen, und es wäre gewiss zu einem furchtbaren Blutbade gekommen, wenn nicht Militär eingescliritteu wäre und etwa 60 Personen von dem Gesindel verhaftet hätte. Die übrigen retteten sich dnn.il de Flucht über die Dächer. Aebnds wurden die Verhütteten inner starker Eskorte nach dem Untersuchungsgefängnis abgefiihrt. Fs fiel allgemein auf, dass das^ Militär trotz, des B e I a g e r 1111 g s /411 s t a n d c sl keinen Gebrauch von der Schusswaffe machte. Krst später erfuhr man. dass die Nachrichten, die der General-(louvcrneur bereits am Morgen von der Niederlage der russischen Flotte erhalten hatte, nicht ohne Einfluss auf die Zurückhaltung des Militärs gewesen sind. Derartige Schläge können einen schon vorsichtig und nüidc machen. Dk ״Organisation", eine Abteilung des revolutionären jüdischen ״Bundes", die soziale Zwecke veriolgt und die ganze Bewegung leitet, setzt ihre Tätigkeit fort. Die engen, dunklen, stets überfüllten Postämter in den jüdischen Stadtvierteln, z. B. in der Dzika-Strasse. au dem Krasiuski-Platz usw. waren die uneingeschränkte Domäne der Taschendiebe; wagte cs jemand, eine von de« Dieben ins Auge gefasste Person zu warnen, so konnte er blutiger Rache sicher sein. Schien das Gedränge den Dieben nicht eng genug, so fand matt Miifcl, cs stärker zu machen, wozu, wie allgemein gesagt wird, du: Postdiener ihre Mithilfe nicht versagten. Die ״Organisation" hat nun den Dieben das Handwerk gelegt. Sic entsendet jetzt täglich in die Postämter drei oder vier ihrer Mitglieder, die über die Sicherheit des Publikums wachen. Seither haben die Diebstähle aufgehöri. Auch in den M a r k t h a Ilen, in welche die Hausfrauen bisher nur mit Zittern hinein- »f■»׳״.yg■ j»»»*1«׳

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