Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 24 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 283 nachgewiesen, dass Palästina schwach bevölkert ist*) und ״crade auch dadurch sich für unsere Bestrebungen besonders eignet. Die Ausführungen des Herrn Zan gwill in N'o. 17 der WELT enthielten Unrichtigkeiten und waren geeignet, bei Ununterrichteten eine falsche Missstimmung gegen Palästina hervorzurufen. Ich hielt mich daher für verpflichtet, diese Irrtiimer zu berichtigen. Dazu gehörten ausser seinen Angaben über die Bevölkerungsdichte seine Behauptungen, dass die dem Sultan gehörenden Ländereien ganz abgekauft werden könnten und dass sie bereits zum Teile durch Mohammedaner aus der Berberei und dem Balkan okkupiert wären. Nun zitiert freilich Herr Zangwill in der vorliegenden Nummer sich selbst: ״Ich sagte, der grösste Teil des Bodens in Palästina, sei in Privatbesitz und werde auch nichi, selbst für den Fall der Erlangung des Charters, in unseren Besitz gelangen, bis nicht der gesamte, dem Sultan gehörende Boden von uns e!1 b l oc erworben w ü r dc.“ Dieses ״Zitat'־ steht aber leider in No. 17 der WELT nicht. Dass ich die Einwanderung der Tschcrkcsscn anfiihrte, erklärt sich aus meinem pflichtgemässen Streben, die Tatsachen nicht zu verschweigen, auch wenn sie von tendenziöser Seite gegen die Sache ausgclegt werden könnten. Immerhin sollte uns diese tsclierkcssischc Einwanderung ein Ansporn sein, d i e wirtschaftliche Eroberung des Landes nicht in weite Ferne hinauszuschicbcn. Für die jüdische Stadtbevölkerung Palästinas nahm ich eben die Maximalzahlen an, um Herrn Zangwills Angaben nahezukommen, und setzte überall ausdrücklich ״etwa“ voran. Und selbst dann weichen sie nicht so von der Wirklichkeit ah wie die Z a n g \v i!! scheu Angaben in N'o. 17 der WELT. Es würde zu weit führen, wollte ich auf alle Einwendungen des Herrn Zangwill ciiigcheu. Ich wiederhole es noch einmal: Der Ton macht die Musik. Nur eines möchte ich noch hemerken: ln unserer Partei wird leider die faktische Illoyalität in der Gesinnung weniger streng genommen als die vermeintliche Illoyalität gegen die Person. Letzteres beweist Herr Zangwill: Auf meine sachliche Berichtignug erwidert er mit einer Reihe von Ausfällen, die annehmen lassen, dass allein die Tatsache einer Berichtigung ihm so unangenehm ist, dass er es nicht einmal iiir nötig hält, die loyale Form in seiner Erwiderung zu wahren. D r. S. S o s k i n. —ך Aus der Bewegung ן— Leipzig. Der ״V e r c i n Zi 0 n i s t i s p h e r S t u d e 11teil*‘ an der Universität Leipzig nahm in diesem Sommer- Semester unter sehr günstigen Auspizien seine Tätigkeit wieder auf. Die Vorträge, die jeden Sonnabend von Mitgliedern des Vereins gehalten werden, erfreuen sich reichen Zuspruchs sowohl von Akademikern wie Nichtakademikern. Die auf die Vorträge folgenden Debatten nahmen Immer einen lebhaften und anregenden Verlauf. Der Verein gedenkt in diesem Scniester Diskussionsabcndc zu veranstalten, um auch weiteren Schichten der hiesigen Studentenschaft Interesse für den Zionismus beizubringen. Der Zuwachs an neuen Mitgliedern und das Interesse, das dem Verein auch von nichtstu־ deutscher Seite entgegengebraeht wird, ist der beste Beleg dafür, dass der Zionismus auch in Leipzig im Gedeihen bcgriffen ist. Frankfurt a. M. ln der hier am 30. v. Mts. stattgehabte!! Mitglicder-Versammlung der Zionistischen Vereinigung bchandelte Herr Dr. mcd. Jacob Feuchtwauger: Die Landf r a g e i ni Z i o 11 i s in u s. Unter Bezugnahme auf die z. Zt. viel diskutierte Territoriaiisteii-Bewcgung weist Referent auf die vom A.-K. vorgcschlageue Nichtannahme des Uganda• Projektes hin. Für ihn ist Uganda das von N'ordau bezeichnte ״Nachtasyl‘*, das vorübergehend, wenn tauglich befunden, von den Juden als Notbehelf besiedelt werden muss. Die Gegenwarts-Arbeit des Zionismus bezieht sich nach Redner nicht allein auf Palästina, sondern auch auf die Besiedelung atisserpalästinensischcr Territorien. Jedoch hierzu soll der Zionismus den Kolouisationsgcsellschaftcn nur di׳.• Wege ebnen und ihnen die Ausführung überlassen. Daher sei der Tcrritorialismus entschieden abzulclmen. Nach sehr anregender Debatte stimmte die Vcsammiiiiig dem Aufruf der deutschen Zentrale zu: Aufrechterhaltung des Baseler Programms, ins- ,)Man vergleiche die folgenden Länder, die ähnliche Bcdingungeii aufweisen: Das L i b a 11 o n g c b i c t mit 59, Samos mit 118, Sizilien mit 135 Seelen und Malta übrigens gar mit 55U per Quadratkilometer. besondere volle Anerkennung des Passus: ״öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina'*. Der Antrag Dr. J. Feuchtwangcr: ,*Wir halten Gegenwartsarbeit materieller und ideelle׳■ Art auch ausserhalb Pu'ästinas für notwendig und zweckmässig". wird mit allen gegen die Stimme des Herrn Fritz Snndhcimcr angenommen. Rundschau —* Aus Russland Die neusten Pogroms In Brcst-Utowsk, einer Festung in Russisch-Litauen, herrscheu seit Pfingstsonntag blutige Exzesse gegen die Juden. Infolge der unerwarteten Mobilisation des 19. Armeekorps trafen Sonntag aus den ländlichen Distrikten Tausende von Reservisten ein, die vorerst in friedlicher Stimmung sich au! dem Marktplatz versammelten. Plötzlich erschienen hier verkleidete Folizeibcamte. de unter der Menge Proklamationen verteilten, in welchen das Volk aufgefordert wurde, an den Juden Rache zu nehmen, weil sic die Japaner rät Geld unterstützen und den Krieg heraulbeschworen haben. Bald erschallte der Ruf: ״Bei shydow!“ (Schlaget die Juden!) In dem Momente stürzten sich die Reservisten auf die jüdischen Geschäfte und demolierten sic, hielten die Passanten auf der Strasse an, schlugen sic und zogen hierauf in Kolonnen unt:r Führung von Agitatoren nach der inneren Stadt, wo das Plündern fortgesetzt w urde. Da die Juden sahen, dass die Polizei ihnen keine llilic leistete, verteidigten sic ihr Hab und Gut. Viele Juden wurden ei mordet. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten wird auf mehr als hundert geschätzt. Unter der Bevölkerung herrscht ungeheure Fanik. Die Ausschreitungen der Reservisten dauern noch fort. — Nach einer anderen Meldung sind 28 Juden gctötet und 34 schwer verwundet worden. — Dass die Juden den Krieg herauibcschworcii haben, ist neu an dieser Proklamation. Der übrige Schwindel ist bereits älteren Datums. Wie lange aber wird nur diese russische Regierung, die im Angesicht der ganzen zivilisierten Welt Verbrechen auf Verbrechen häuft, die durch ihre eigenen korrupten Beamten che Massen auf friedliche, harmlose Bürger hetzt, um den gerechten Unwillen des Volkes von sich selbst abzulcnkcn — w i e lange noch wird diese Sippschaft von Meuchelmördern, die das heilige ״christliche“ russische Reich ״regiert“, sich der Freundschaft zivilisierter Staaten und ihrer leitenden Staatsmänner rühmen dürfen? Minsk, 10. Juni. Donnerstag Abend durchschwirrter. Geriieilte von Unruhen die Stadt. Sofort wurden die Läden und die Haustüren geschlossen. Wie sich ergab, hatten Mannschäften der 40 Division Fenster eingeworfen und I s r a e - 1 i t e 11 misshandelt, weil ein Israelit einem Soldaten einen Geldbeutel gestohlen hatte. Die angesanimeltcn Israeliten gaben einige Rcvolvcrschiissc auf die Soldaten ab, die sich dann nach dem Kathedralpiatz begaben, wo Soldaten der 55. Brigade sich ihnen aitschlosscn. ln die anliegenden Häuser flogen nun Steine. Die Polizei erwiderte die Schüsse der Israeliten, wobei viele verwundet und einer getötet wurde. Kosaken und Dragoner zerstreuten alsdann die Menge. Einige Schutzleute wurden verwundet, mehrere Soldaten verhaftet. Patrouillen uurchzichen die Strassen. — Diese Angaben sind natürlich in üblicher Weise zu Uiigmisten der Juden entstellt. Weitere Befürchtungen Aus einer Reihe vorliegender Meldungen greifen wir die folgenden heraus: Wltebsk, 8. Juni. In R e s c h i t z a werden Proklamationen von der Patriotenliga verbreitet mit der Aufforderung, die Juden zu misshandeln. Man erwartet täglich Exzesse. Am 28. Mai überfielen die ״Hooligans“ bereits ein jüdisches Haus und begannen es zu demolieren. Die jüdische Selbstw ehr verhinderte die weitere Ausbreitung der Unruhen. Oie Polizei.kam später dazwischen und verhaftete vier Juden. (!!) Grodno. Es werden Juden ex z esse vorbereitet. Um diesen entgegeiizutreten, wurde eine S c l b s t v4c r t e i d־ i-