Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 279 No. 24 JÜDISCHE RUNDSCHAU. stände auch in unserer Organisation, in unserem ,.Keim eines zukünftigen Staates“ gesetzliche Geltung verschaffen. Genauere Vorschläge an anderer Ste! t vorzufegen behält sich der Schreiber dieser Zeilen vor. Jedenfalls würde unsere ganze Organisation dadurch einen noch mehr in sich gefestigten, organischen Charakter erhalten, wenn diejenigen, die unsere' offiziehen Vertreter in der kongresslosen Zeit sind, nicht erst eines besonderen Delcgicrtcn-Mandates bedürfen, um mit beratender und bcschlicsscnder Stimme auch an dem Kongress tcilzunehmcn, dem sie Rechenschaft abzulegen haben über ihre Arbeit, .und der sic eventuell wieder wählen soll! Julius Becker. Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschfand 1. Ucbcr die Wahlen zum VII. Kongress ist den wahlberechtigten Ortsgruppen ein Zirkular zugegangen, das alle notwendigen Mitteilungen über die Modalitäten der Wahl, die Anzahl der zu wähler.dcr. Delegierten und die wahlberechtigten Personen enthält. Wir verweisen aut dasselbe, bemerken aber nochmals, dass die Waiden am 27. Juni beendet sein müssen. 2. Gleichzeitig mit den Kongresswahlen sind die Wahlen zum Delegiertentag der Zionistischen Vercinigttug für Deutschland vommchmcn. Wie bereits erwähnt, hat jede Ortsgruppe das Recht, einen Delegierten zu entsenden. Ortsgruppen von mehr als 50 Schekelzahlcrn entsenden zwei Delegierte, Ortsgruppen von mehr als 100 einen für jedes weitere Hundert. Die Protokolle über die Wahlen zum Delcgicrtcntag sind an das Zentralbureau, Berlin \V. 66, Mauerstr. 2, zu senden. Die gewählten. Herren erhalten dann vom Zentralkomitee Delegiertenkarten zugesandt. Der Delegiertentag tritt am 25. Juli, Nachmittags 4 Uhr, in Basel, Zunit« haus zum Safran, zusammen. 3. Die Redaktion der JÜDISCHEN RUNDSCHAU wird während der Datier des Kongresses ein eigenes Redaktionsbureau in Basel haben. Näheres darüber in nächster Nummer. ung, dass der Fund als von Gott geschenkt dem Finder gehört, sehr notwendig. Man hat von zionistischer Seite der Alliance oft vorgeworfen, dass sie ihre Zoglinge nicht zu Juden, sondern zu Franzosen heranbilde. Dieser Vorwurf ist gewiss berechtigt und ein kleines rotes Bändchen, dass ein Schüler als Anerkennung für Fleiss und ־Wohlverhaltcn trug, illustrierte am besten den französischen Geist, der dort alles beherrschte. Wenn daher der Segen, den die Alliance-Schulen zweifellos in hohem Masse stiften, auch der jüdischen Nation als solcher zugute kommen soll, so müssen die Zionisten immer mehr bestrebt sein, in der Alliance und damit auf die Erziehung vieler lausender jüdischer Kinder Einfluss zu gewinnen. Die Synagogen, von denen wir mehrere besichtigten, bestehen zumeist aus engen, sich rechtwinklig schneidenden Gängen, die mit zahlreichen Lichtern und Lampen geschmückt, sonst aber wenig würdig ausgewtattet waren. Nur die neuste mit Unterstützung der Alliance gebaute Synagoge unterscheidet sich vorteilhaft von den andern. Sic Ist im arabisch-oricntaüschcn, und nicht, wie es Mode zu werden scheint, im reinen modernen, meist der Renaissance nachgeahmten Style errichtet. Als ein besonders krasses Beispiel dieser Stylsünde fiel mir die Deutschtum und Zionismus Man hört vielfach aussprechen, dass Zionismus und deutschcs Vaterlandsgefühl in Widerspruch mit einander ständen, so dass naturgemäss ein Jude umsoweniger deutscher Patriot sein könne, je mehr er sich als Zionist fühle. Ein hervorragender Vertreter der Assimüationsbcweguug hat sich soga»• d •rch diese Anschauung soweit gefangen nehmen lassen, dass er nicht davor zurückgeschrcckt ist, die Zionisten der Regicrung als Landesverräter zu denunzieren und ihr Gewaltmassregeln gegen dieselben anzuem »fehlen. Ich will mich über diese Sache nicht auslasscn. Berufenere Federn haben das bereits getan. Ich will hier nur zeigen, wie unrichtig diese Anschauung ist und wie gerade im Gegenteil die zionistische Bewegung unter allen Umständen zu einer Bereicherung der deutschvölkischen Kultur und wenn sic zum Ziele führt, wenn Palästina jüdisch wird, auch zu einer erheblichen Machtsteigerung des deutschen Reiches führen muss. Zuvörderst sei cs jedoch gestattet, mit ein paar Worten die Stellung zu streifen, die jeder deutsche Jude, mag er Zionist oder Assimilant sein, heutzutage als Betätigung seiner deutschvatcrländischcn Gesinnung den christlichen Mitbürgern gegenüber innezuhalten durch die Verhältnisse gezwungen ist. Die Lage, in der wir uns befinden, wird, glaube ich, am besten durch folgenden Vergleich gekennzeichnet. Man denke sich ein grosses Haus, das von vielen Mietsparteien bewohnt ist. So lange das Haus steht, wohnt darin unter anderem auch eine Pa.tei, die bisher immer pünktlich ihre Miete bezahlt und auch sonst alle Pflichten, die ihr der Mietskontrakt auferlegt, erfüllt hat. Es ist ihr aber nicht gelungen, sich die Zufriedenheit der übrigen Hausbewohner zu erringen; im Gegenteil, man ist aus Gründen, die ihr nicht zur Last fallen und die sie nicht Ständern kann, ihr durchaus abgünstig gesinnt. Nun ist die betreffende Partei auf die Vr^mna. die sie inne hat, angewiesen, sic kann nirgends anders Unterkunft finden. Wie muss sie sich den anderen Bewohnern gegenüber verhalten? Oifcnbar muss sic fortfahren, alle ihre Pflichten auf das gewissenhafteste zu erfüllen. Andererseits wird man von ihr nicht verlangen dürfen, dass sie eine allzu schwärmerische Verehrung für ihre Mitbewohner an den Tag legt. Im Gegenteil, tut sie cs, so wird mau «Iif entweder nicht Glauben schenken, oder man wird der Meinung sein, dass sic des richtigen Geiühls für die eigene Würde und dessen, was sie sich selbst schuldig ist, ermangele. Genau in derselben Lage neue, in der Gegend des ehemaligen Ghettos erbaute Synagoge auf, die unserm Berliner Lessingtheater verzweifeit ähnlich sicht. Einen durchaus eigenartigen Eindruck gewährt der jüdische Friedhof. Die Gräber sind nicht wie bei uns mit Hügeln bedeckt, sondern jedes Grab ist mit einer glatten Steindecke übermauert, auf der ein kleines, etwas vertieftes Mannormedailion eine kurze Inschrift enthält. Das nächste Grab wird immer dicht an das letzte gereiht und in derselben Höhe gehalten. Daraus entstehen auf dem sehr grossen Raume, den der Friedhof cinninimt, da und dort förmliche Parkets, die von einander nur durch eine üppige Vegetation getrennt sind. Wie ein Reiseschriftstellcr des vorigen Jahrhunderts erzählt, bestand die Sitte, dass die jüdischen Frauen am ersten Tage des Neumonds die Grabsteine mit aufgelöstem Kalk frisch anwclsstcn, eine Operation, die, wie sic glaubten, die unten liegenden Seelen ungemein erfrischt. Ich konnte nicht erkunden, ob diese Sitte noch geübt wird. Eine Merkwürdigkeit de6 Friedhofes ist das Grab eines spanischen Geistlichen, einst ein reicher Canonicus in Toledo, der, von der Inqttisition verurteilt, nach Tunis entfloh, und aus Liebe zu einer Jüdin, die er heiratete, den Glauben seiner Frau