Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 272 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 23 ״Wenn du nicht ruhig bist, bekommst du ein paar.—!״ ln demselben Momente sei auch schon die Prügelei mi Qange gewesen. Le nt führte den ersten Schlag aut Grat t uckler aus und zwar, wie der Zeuge zu sehen glaubte, mit einem Schlagring. Der Portier sprang sofort hinzu, naltm dem Grafen den Stock und sagte dabei: ״Mit die Stöcker wird hier nicht gehauen.“ Mehrere Kellner hielten Lcvj׳ fest, dadurch wurden die streitenden Parteien getrennt. — Vors.: Da scheinen also doch die Parteien kurze Zeit gerungen zu haben? — Zeuge: Jawohl. — Vors.: Hatte Levy mit dem Schirm geschlagen? — Zeuge: Nein. — Justizrat Wronker: Können Sie sich nicht irren? — Zeuge: Ich weiss ganz genau, dass Levy nicht mit dem Schirm, sondern mit vier blauen Ringen, die er um die Hand hatte geschlagen hat. Es wird hierauf Graf Pü ekler als Zeuge amgedrufen. Er bekundet: Ich sass im Restaurant dicht au der Tiir zum Wintergarten und ass zu Mittag. Ich sah durch die Spiegelscheibe, wie mir ein Mann fortwährend mit einem Schirm drohte. Ich glaubte zunächst, es handle sich um einen Spass. oder der Mann sei nicht ganz normal. Als aber die Drohungen nicht aufhörten und ich die Worte hörte: ..Konun doch heraus, du Lmnp, du Strolch, dann wirst du verhauen,” rief ich den Kellner und sagte ihm, er solle den Mann raus• schmeissen. E i g e n t ü m 1 i c h c r w c i s e w u r d e i c h a h e r rausge sch missen. Ich ging ganz ruhig in die Garderobe. Dort kam mir der Angeklagte mit erhobenem Schirm entgegen. Ich schlug ihm mit dem Stock den Schirm aus der Hand, darauf erhielt ich mit einem Totschläger einen Hieb vor die Stirn. Ehe ich gehörig wiederschlageu konnte, wurden wir durch das her beieilende Personal getrennt. Meine Wunde war wohl sehr schmerzhaft, einen gesundheitlichen Nachteil habe ich aber nicht gehabt. — Vert.: Sie sollen an demselben Abend in einer Volksversammlung gesprochen haben? — Zeuge: Jawohl. _ Aui weitere Zeugenvernehmung wird allseitig verzichtet. Staatsanwalt Reiner: Der Angeklagte hat ein unglaubliches Benehmen an den Tag gelegt. Er ist von dem Grafen Piickler in keiner Weise belästigt worden. Er hat ihn trotzdem ohne Jeden ersichtlichen Grund beschimpft, ihm mit einem Schlagring eine starke Hiebwunde beigebracht. Wie die Zeugen übereinstimmend bekundeten, bat der Angeklagte den ersten Schlag geführt. Angesichts des Umstandes, dass dieser Vorgang in einem der ersten Berliner Hotels geschehen ist. und dass der Angeklagte eine grosse Roheit an den Tag gelegt hat. ist eine exemplarische Strafe geboten. Ich beantrage deshalb drei Monate Gefängnis. Nach kurzer Beratung des Gerichtshofes verkündet der Vorsitzende das Urteil. Die Beweisaufnahme hat ergeben, dass sich der Angeklagte in unqualifizierbarer Weise beuommen hat. Der Gerichtshof hat die Erregung und die b i s- 11 e r i g e Unbescholtenheit in Erwägung gezogen, hat jedoch angesichts der grossen Brutalität des Angeklagten eine Geldstrafe nicht für eine ausreichende Sühne erachtet, sondern dem Antrag des Staatsanwalts entsprechend auf drei Monate Gefängnis erkannt und dem Angegeklagten die Kosten des Verfahrens auferlegt. Auch wenn wirklich, wie das Gericht anuahtn, Levy den ersten Schlag geführt haben sollte, ist das Urteil ein überaus hartes. Denn cs ist doch kaum wahrscheinlich, dass der in Flugblättern so mutige und so ״dreschlustigc•‘ Graf Piickler dem Juden Levy gegenüber — noch dazu, wenn er von diesem doch provoziert sein will — s:eh sehr zahm sollte benommen haben. Wenn man die heiden Strafen miteinander vergleicht: Piickler für seine jahrelange beispiellose Hetzerei sechs Monate Gefängnis — Levy für seinen sicher in grosser momentaner Erregung begangenen Angriff drei Monate Gefängnis. so fällt es ciiiigermasseu schwer, sich danach ein richtiges Verhältnis der beiden Straftaten zu konstruieren. Wer weiss. ob nicht noch mancher Jude aus dem gleichen Grunde seine kriminelle Unbescholtenheit verlieren wird, wenn dieser Graf Pückler noch lange frei herumläuft, der unbedingt entweder auf Jahre hinaus ins Gefängnis oder ins Irrenhaus gehört! Wir wenigstens würden keinem Juden, dem seine Freiheit lieb ist, raten, Flugblätter herauszugebert mit der Aufforderung, den Grafen Pückler und seine Anhänger totzuschlagen, dafür Preise atiszuschrcibeii etc. — so etwas darf auch in Deutschland nur ein Antisemit tun! Aus der Beweguijg Berlin. Am 20. Mai d. J. fand die ordentliche General- Versammlung des ״Verlages Jüdische R u n d s e h a u", eingetragene Genossenschaft m. b. H. statt. Der vom Vorstand und vom Aufsichtsrat erstattete Bericht ergab, dass sich die Genossenschaft finanziell in gesicherter Lage befindet. Bezüglich der Einzelheiten der Bilanz *and des Gewinn- und VerluGkontos verweisen wir auf das Inserat in der heutigen Nummer. Es mag hervorgelioben werden, dass sich der Umsalz sämtlicher Einnahmen und zwar ziemlich gleiclimässig an Inseraten. Abonnements und Büchervertrieb gegen das Vorjahr um 30 Prozent gehoben hat. Die Genossenschaft war daher in der Lage, nicht nur ihr gesamtes Mobiliar abzuschreiben, sondern auch den Reservefonds mit 132 Mark zu dotieren. Die Aussenstände sind so umergcbracht, dass Ausfälle ausserhalb des Bereichs der Möglichkeit liegen. Der Ueberscliuss wäre ein noch grösserer geworden, wenn nicht die Zeitung im Laufe des Berichtsjahres eine wesentliche Vcrgrösscrung erfahren hätte. Auch die Ausgaben für die Redaktion konnten vermehrt werden, indem dem leitenden Redakteur ein zweiter Redakteur zur Seite gegeben werden konnte. Die Schwierigkeit der finanziellen Leitung der Genossenschaft besteht mir noch in dem Umstande, dass das eingezahlte Kapital ein sehr geringes ist. Auch diesem Uebelstaiide ist inzwischen abgeholfen worden. Fs sind in den letzten zwei Monaten, was natürlich aus der Bilanz noch nicht hervorgehen kann, 22 neue Genossen beigetreten, sodass die Genossenschaft jetzt ■10 Genossen zählt. Damit ist das eingezahlte Kapital fast verdoppelt worden. Berlin. Jüdisch-nationale Frauenverelnigung. W ie alljährlieh veranstaltet die Jüdisch-nationale Frauenvereiuigung auch in diesem Sommer F c r i e n - A u s f 1 ü g c für ’die jiidisehen Kinder der OeineinJeschulen. die nicht das Gluck haben, in die Ferienkolonien zu kommen. Ausser für geeignete Spiele und Ür.terhahui'gen soll auf diesen Ausflügen, die tinler der Aufsicht mehrerer Damen staüfir.Jeu. aiui! dafür gesorgt werden, dass die Kinder mit Kaffee und Kuchen, sowie mit Abendbrot, bewirtet werden. In Anbetracht der erziehlichen Wirkung dieser Ausflüge bittet die Jüdisch-nationale Frauen- Vereinigung, ihre Bestrebungen zu unterstützen und üetdspenden für genannten Zweck au die Vorsitzende, Frau Lina W a g n e r - T a u b c r, Prenzlauer Allee 9 zu senden. Kempen. Die Zionistische Ortsgruppe erklärt sich mit dem vom Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland aufgestellten Programm in allen Punkten citiver- Stauden. Breslau. Am 31. Mai referierte in der Breslauer Zionistisehen Vereinigung Herr Davis T r i e t s c h über den Aufruf des Zentral-Komitees der Z. V. i. D. und kam zu dem Schlüsse, dass gerade die Breslaue1־ Zionistische Vereinigung der dort formulierten Erklärung um so eher zustimmen müsse, als doch der überwiegende Teil ihrer Mitglieder schon längst diesen Standpunkt vernichten hätte: nur zwei Redner in der langen, bis l‘i Uhr nachts währenden Diskussion stellten sich aui einen in Hauptpunkten abweichenden Standpunkt. Zum Schluss wurde mit allen gegen zwei Stimmen folgende Resolution angenommen: ״Die Breslauer Zionistische Vereinigung stimmt der Erklärung des Zentral-Komitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in allen Punkten zu." Leipzig Sonnabend den 3. d. Mts., fand eine von der hiesigen Ortsgruppe einberufene Schckclzalilerversatumlung statt, in der der Vorsitzende, Herr Dr. E. C h a tti i z e r, über die vom Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland veröffentlichte Erklärung referierte. Nach eingehender und sachgemüsser Begründung derselben schlug er folgende Resolution vor: ״Die von der zionistischen Ortsgruppe Leipzig einberufene Scliekelzahlervcrsainmlti» g ist mit der vom Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in No. IS der JÜDISCHEN RUNDSCHAU veröffeutlicliten Erklärung vollinhaltlich einverstanden.“ Es schloss sich eine sehr lange lind lebhafte Debatte an, in der für und gegen die Resolution gesprochen wurde, worauf diese nach namentlicher Abstimmung mit grosser Majorität angenommen wurde. Die an demselben Abend veranstaltete Sammlung für den N'at'onaliond ergab den Betrag von S,ll Mark. Halberstadt. Unsere Ortsgruppe hielt am Mittwoch, den 17. Mai. eine Sitzung ab. um zu den Beschlüssen des Z. K. No. IS der RUNDSCHAU Stellung zu nehmen. Wir können uns im Grossen und Ganzen der Erklärung des Z.-K. nur arischliessen. Wir finden, dass die Einzelheiten der Erklärung so sind, dass ihnen jeder Zionist ohne weiteres beipilichten kann. Eine Klärung der verschiedenen Streitfragen, die den Kernpunkt der Koiigressdebattcn bilden werden und die nach Herzl's Tode in allen zionistischen Zeitungen diskutiert werden, ist aus einer Zustimmung zu diesen Beschlüssen unserer Ansicht nach nicht zu erwarten. Dass sich das Ostafrikaprojekt als undurchfiihrhar erwiesen hat. war unserer Ortsgruppe^ noch nicht bekannt. Wir wollten daher die offiziellen Berichte über das Ergebnis der Expedition abwarten. Schliesslich halten wir es nicht für wy■ ו«יי<׳׳■*׳« ■ ■ ״<0 **«■*S