Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 271 Die Fürsorge für die niciitjüdischcu Hausierer erstreckt sich bis auf das Hausierbuch, das für die Hausierer des § 12 und des § 16 des Entwurfes gebührenfrei sein soll. In dem besprochenen Gesetze erleben die Judengesetze des Mittelalters eine Renaissance. Nur waren letztere aufrichtig, sie sprachen ungescheut aus. was sie erstrebten, während der .vorliegende Entwurf vom icsuitischen Geiste durchtränkt und *verlogen ist. aber darum nicht weniger barbarisch mit brutaler Rücksichtslosigkeit die Rasseninstinkte des egoistischen Klein־ biirgertums zu verwirklichen sucht." Dieses Gesetz stellt demnach tatsächlich das Prototyp eines antisemitischen Gesetzes dar, und unsere Antisemiten weiden ihre helle Freude daran haben, was sic und dieses heuchlerische Gesetz in gleicher Weise charakterisiert. Prozess Graf Fückler—Levy Vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I Berlin hatte sich am 2. Juni vormittags der Juwelenhiindler und Kaufmann Leopc Id Levy aus Frankfurt a. M. zu verant- Worten. Zur. Anklage stand der Ueberfall auf den Grafen Pii c k<I c r. der am •L November v. J. in dem Motel de Rome von L e v y verübt wurde. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirekter Langner. die Anklagcncnörde vertrat Staatsanwalt Reiner. Die Verteidigung führte Justizrat \V r o 11 k e r. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs, nämlich eines Schlagringes. -- Bei Aufruf ׳%s; Sache war Grat Walter Piickler-Kleiu-Tseiiirne nicht erschienen. I Der Staatsanwalt beantragte, ihn wegen tmentschuldigten Aus-; bleibcns vom Termin in eine Ordnungsstrafe von 50 Mark zu { nehmen, die Verhandlung jedoch nicht zu vertagen, da der I Vorfall selbst durch Augenzeugen genügend aufgeklärt werden könne. Nach Beginn ucr Vernehmung des Angekl. Levy er-! scheint Graf Fückler: Aus der Vernehmung Lcvys ist folgen- | des hervorzuheben: Er sei Juwelier und vertrete ausser seinem Geschäft n׳>ch verschiedene auswärtige Finnen. Er bereise hauptsächlich das Ausland und führe immer einen Posten wertvoller Juwelen bei sich. Zur Sicherheit habe er sich einen Schlagring angeschatu, den er nun schon seit vielen Jahren auf allen grösseren Reisen bei sich führe. Anfangs November v. J. sei er nach Berlin gekommen, von hier habe er nach England Weiterreisen wollen. In Berlin habe er in dem Hotel de Rome Wohnung genommen, in welchem er schon seit 18 Jahren logierte. In der Fremdenliste habe er den Namen des Grafen Fückler gelesen. Der Portier Egloff habe ihm auf seine Fragen erzählt, dies sei der bekannte Antisemit und Judenfresser. Er sei tief beschämt und beleidigt darüber gewesen, mit diesem Manne unter einem Dache weilen zu müssen. Er habe auch dem Besitzer des Hotels erklärt, er könne in dem Hause, in welchem er schon seit IS Jahren wohne, nicht mehr bleiben, da er cs mit seinem religiösen Gefühl nicht vereinbaren könne, mit einem Manne, der ihn als Juden in seinem Glauben so schwer beschimpfte, unter einem Dache zu weilen. Er habe au einem Nachmittage den Grafen Pücklcr persönlich kennen gelernt. Von dem Wintergarten des Hotels her habe er ein lautes Pfeifen und Poltern gehört, welches von de n Herumwerien von Zeitungshaltern herrührtc. Als er sich danach erkundigte, wer der sonderbare Herr sei. habe man ihm mitgeteilt, dies sei Grai Piickler. Als er von ihm bemerkt worden war, habe Graf P. ihn sofort fixiert und höhnisch angelacht. Am nächsten Tage wurde ihm ein Flugblatt des Giafen Pücklcr in die Hände gespielt, in welchem cs u. a. hiess: ״Wer einen Juden totschlägt, bekommt zwei Mark, wer zwei Juden totschlägt, bekommt sechs Mark usw." Es w־äret1 in detn Hotel eine grosse Anzahl Postkarten von Piicklcrverehrern eingegangen, deren Inhalt er durch das Personal kennen gelernt habe. Er habe sich über diese Karten furchtbar geärgert; in einer Karte hiess es u. a.: ..Ich habe dem krummbeinigeu dreckigen Manasse vor den Bauch getreten, dass e•־ krepiert ist. Ich bitte um die Belohnung." Der Angeklagte Levy erklärt ferner: fch bin süddeutscher Jude und bin derartige schmachvolle Beleidigungen nicht gewohnt. Es ist für uns Süddeutsche unbegreiflich, dass sich die Berliner diese Schmach ruhig gefallen lassen. Ich Un auur, if,?n Krankenpfleger gewesen und habe Menschlichkeit nach allen Richtungen hin gern und freudig geübt, fch Italic den christlichen Kriegern ebenso ihre Wunden ausgewaschen und sic gepflegt, wie ich dies bei meimm Glaubensgenossen getan hätte. Am 1־. November sass ich in detn Wintergarten-Hotel. Graf Pücklcr kam mit einem sogenannten ..1' 0 t s c h läge r", einem mit Blei gefüllten Stock. in denselben Raum und lachte mich höhnisch und geringscliätzeud an. Ich wollte einmal s c I! e n. ob er tatsächlich die Courage habe, einen Juden 10 t z u s c h 1 a g e n. und ging deshalb ruhig auf seine Anzapfungen ein. Als mich Graf Piickler l״.it seinem Essmesser bedrohte, drohte ich ihm mit dem Schirm. Piickler sagte hierbei: ...lüde, wenn du was willst, komm her. ich schlage dich tot." Als ich hinausging, ertönte schallendes Hohmrelächtcr hinter mir her. ln dem Vestibül des Wintergartens drang Grat Piickler auf mich ein und versetzte mir ohne weiteres einen Schlag auf den Kopf, wobei er sich des Totschlägers bediente. Ich parierte den Schlag etwas, sonst würde ich vielleicht heute nicht vor Gericht stehen können. Ich erhielt eine Wunde an der Stirn, die ich sofort von einem Arzt feststcllcn liess. Der erste Zeuge. Fahrstuhlführer Fr a n k e . bekundet folgendes: Der Angeklagte Levy habe, als er die Persönlichkeit des Graten Piickler näher kennen gelernt hatte, den Grafen in herausfordernder W c:sc beobachtet. Er drohte dem Grafen mehrere Male mit seinem Schirm und gebrauchte dabei eine Unmenge Schimpfworte. wie: Spitzbube. Schuft, Lump. Schwein komm' mal raus.” Als sich Grat Piickler am -L November seinen Hut aus der Garderobe geholt hatte und sich nach seinem Zimmer begehen wollte, kam Levy schimpfend auf ihn zu. Er (Zeuge) habe noch gehört, wie Grat Piickler sagte: der durchaus intelligent und schon von Amtes wegen mit allem vertraut war, was in Tunis und besonders in der jüdischen Gemeinde verging', weder Namen noch Ziele unserer Bewegung. Alp ich ihm diese verstandlieh zu machen versuchte, erhielt ich eine Antwort, die mich laut attflaclteit machte, weil sic in miree und mmatis mutandis all die Kinwürfe enthielt, die wir auch liier von unser!! Gegnern zu hören bekommen. Diese Be- Strebungen, so explizierte unser angehender Amizionist, "eien ja recht schön und mcnscheuiretmdlieh, und sie pa.ssten wohl für die französischen, deutschen und eng-!isehen Juden von den russischen wusste er anscheinend nichts ihnen in Tunis ginge es aber sehr gut; sic selmten sich nicht nach einem andern Lande. Auch müssten sie ja. nach den Vorschriften der Religion, auf den Messin י warten, mit dessen Erscheinen Erde und Welt ihre Bestimmung erreicht hätten und in Flammen untergehen würden. Man sieht, presque tont cotnrne chez nous. (Schluss folgt.) Lesefrüchte ..Gegen Demosthenes war als Redner-Intrikant bekanntlieh insbesondere der an König Philipp verkaufte A c s c h ines tätig gewesen, eh begabter Schuft, so ein Mensch, der, falls er in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hätte, ohne Zweifel den i n een eisernen Stier des Erfolg-Rechts hertosenden Kankm der liberalen und reform-jüdischen Realservilen mitgetanzt haben würde.“ Johannes Scherr: Allgemeine Geschichte der Literatur. Vf. 9/1P. September — Oktober 1581־. S. •121. ..Als ein Opfer jüdischen Hasses wurde bald nach 1255 der Tod des geraubten Christenknabcu II u g o n Lincoln (92 St, aaaa 8 Silb.) dargestellt, der von Juden geraubt, für •hl Silberlinge verhandelt, dann gekreuzigt und beerdigt galt, dessen gemarterter Leib aber aus dem Versteck wieder zum Vorschein kam. Wunder tat und die Entdeckung und Bestraturig der schädigen Juden bewirkte. Bäukclsütigeriscli kb gt das zum öffentlichen Vortrag bestimmte Gedicht darüber. Auf dem Kontinent bildet dazu ein Gegenstück die Klage u nt den .Feuertod von 13 Juden von Troycs vom Jahre 1288 (27 Str. aaaa: Vers 2). die hebräfsch-französisch aiifgezeichnct ist und der in der Hs. ein hebnösches Gedicht über das Geschehnis vor*!geht.” Grundriss der Romanischen Philologie, herausgegeben von Gustav Gröber, Bd. II, Abt. 1. Strassburg 1902. S. 859.