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Jüdische Rundschau · 1905-06-09 · Heft 23 (9.6.1905) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 266 No. 23 JÜDISCHE RUNDSCHAU Reiches verteilen, in denen ihnen heute der Aufenthalt j nicht gestattet ist. Mit der allgemeinen Besserung der : Lage deh russischen Volkes würde auch die ökonomische Situation der Juden sich heben, so dass dieses spezifische Elend, das elendeste Elend einer Bevölkerung, das heute das Charakteristikum der Lage der russischen Juden ist/allmählich historisch werden würde. Die Juden würden denselben Entwicklungsgang erleben wie , die Juden der anderen Länder, und sie würden auch von i dem aufgeklärten Antisemitismus dann nicht verschont bleiben, den die ״Russen mosaischer Konfession“ (solche gibt es nämlich heute schon) ebenso zu ignorieren versuchen würden, wie das unsere ״Deutschen jüdischen; Glaubens“ taten. Und so weiter mit und ohne Grazie, j Diese wahrscheinliche Entwicklung, die für die j nächsten Jahrzehnte wohl unzweifelhaft den Juden eine aufwärts und vorwärts gehende zu sein verspricht — wenn wir auch an die Berechtigung allzugrosser! Hoffnungen in Bezug auf die allernächste Zeit nicht recht glauben — flösst nun manche!* zionistischen Kreisen einige Besorgnis ein. j Nichts ist indessen verkehrter, als diese Entwicki hing zionistischerscits mit scheelen Augen oder auch! nur mit Misstrauen zu verfolgen. i < Uns Zionisten kann nichts erwünschter sein, als I wenn unsere russischen Stammesbrüder, wie die Juden i überhaupt, sich so vorteilhaft als nur möglich entwickeln, j Eine zionistische V e r e I e n d u!1 g s 1' ־'!! c 0 r i e : wäre noch verfehlter als die längst begrabene sozia- ' listische war. Je mehr das materielle Judennotsmoment verschwindet, desto reiner und grösser steht unsere Bewegung in ihrer erhabenen Idealität da mit ihrem in der Geschichte einzigartigen Ziel, unserem seit zweitausend Jahren heimatlosen Volke die alte Heimat wiederzugeben. Vielleicht werden wir einige von den Elementen verlieren, die allein die materielle Not des Volkes zu uns geführt hat. aber nicht nur wird der grösste Teil dieser Zionisten, sondern auch wir alle selber werden mit neuem frischem Enthusiasmus arbeiten, wenn nicht mehr jeden Augenblick, verwirrend und störend, momentane Sorgen dringlich an unsere Tür pochen und Antwort heischen. Es werden dann auch für den überzeugtesten Gegenwartspolitiker alle die von Mitleid diktierten Gründe Wegfällen, die manche Leute veranlassten, unser Ziel anderswo als in Palästina zu suchen. Gewiss, das sind Zukunftsgedanken, nämlich Gedanken für die Zukunft. Allein als Gedanken gehören!sie in die Gegenwart, denn sie können unsere Stellung zu gegenwärtigen Dingen nicht unwesentlich beeinflussen. Und da wir unmittelbar vor dem siebenten Kongress stehen, der unsere Tätigkeit für zwei Jahre festzulegen zur Aufgabe hat, ist es vielleicht auch von Nutzen, sich darüber recht klar zu werden. Der Zionismus ist eine nationale Bewegung, und selbstverständlicher Weise eine soziale, insoweit er die Lage des Volks ganzen zu verbessern trachtet, woraus siel! ergibt, dass er keine Klassenbewegung ist. noch cs sein kann. Das Wohlergehen aller Teile des jüdischen Volkes ist ihm gleich wichtig, woraus wieder hervorgeht, dass er seine spezielle Fürsorge — insoweit er überhaupt eine solche üben kam!, ohne aus der Bahn geworfen zu werden - denjenigen Yolksteilen zu* wenden muss, die dieser Fürsorge am meisten bedürfen. Daher war es durchaus richtig von den russischen Zionisten gehandelt, dass sie im gegenwärtigen Moment sich nicht sagten: ..Uns gehen diese Dinge nichts an“, sondern dass sie mit die Initiative ergriffen zur Organisation aller in Russland lebenden Juden, um 1ki der gegenwärtigen Revolutionier!!!^ der Verhältnisse auch die Interessen des indischen Volkes in ökonomischer wie in nationaler Hinsicht zu wahren. Das war nicht nur taktisch und politisch richtig, es war auch durchaus richtig vom prinzipieller! Standpunkt. — Und wenn der russisch-japanische Krieg, der ja auch viele Tausende unseres Volkes erwürgt hat. den Bestrebungen der russischen Juden nach Freiheit in dem Lande, das sie bisher selbst als Stief-Vaterlaud gar 7u schlecht behandelt hat. indirekt zum Erfolge verhallen haben wird, so wird er and! noch in einer dritten Hinsiebt ein Befreiungskrieg genannt werden dunen, indem c.־ dem grössten Teile des jüdischen Volkes die Freiheit bringt. Die Freiheit als Menschen-- und dann werden sie gewiss nicht erlahmen, sondern mit verstärkter Kraft, mit allen neu entwickelten Energicen erst recht sich die volle Freiheit zu erringen trachten, die jüdische Freiheit, die der Zionismus erstrebt. ib. Ein Ausflug nach Tunis Von Dr. Julius K a t z. (Nachdruck verboten). Ueber Tunis zu schreiben ist heutzutage, wo wir eine Fülle erschöpfender und fesselnder Beschreibungen dieses Landes besitzen, eigentlich höchst überflüssig. Wenn ich es dennoch unternehme, einen Auszug meines Reisetagebuches hier wiederzugeben, so geschieht das, weil ich hoffe, mit einigen Notizen über die jüdische Bevölkerung und jüdisches Leben in Tunis die Leser der JÜDISCHEN RUNDSCHAU einigermassen zu intcressieren. Tunis, d. 25. 3. 05. Die Uebcnahrt, die zwei Nächte und einen Tag in An- Spruch nahm, war herrlich, auch nicht durch das leiseste Anzeichen des male di wäre getrübt. Gegen 5 Uhr Abends vcrlicss der Dampfer den Golf von Neapel. Herrlicher Vollmondschcin, der das spiegelglatte Meer in weiten Streifen w׳ie flüssiges Silber erglänzen Hess, eine wann durch kosende Winde leicht bewegte Luft und die freudige Erwartung des Kommenden, machten die Fahrt zu einer märchenhaft schönen. Gegen 6 Uhr kam die# Felscnküstc Siciliens, von der Morgensonnc angeglüht, in Sicht und gegen 7 Uhr legte der Dampfer an der Dogana Palermos an. Wer sich von der Hauptstadt Siciliens allzu grossartige Vorstellungen gemacht hat — und man ist bei uns sehr dazu geneigt — wird sicherlich enttäuscht sein. Zwar ist die Lage der Stadt, unmittelbar am Meer und von pittoresken, wenn auch nicht allzu hohen Bergen umgeben1, eine prächtige. Aber weder zeigt das Strassenleben die brausende und den Nordländer so sehr fesselnde Lebendigkeit und Urspriingliehkcit Neapels — wie denn überhaupt die Sicilianer, wahrscheinlich in Folge des starken Einsehlages sarazenischen Blutes, im ganzen ernster und hedäcbtigcr sind, als die Bewohner Süditaliens — noch ist von dem. was wir doch zu allermeist im Süden suchen und von Palermo ganz besonders erhoffen, einer üppigen Vegetation, auch nur bescheidene Anifinge zu erblicken. Ein paar verstaubte Palmen am Meeresquai geben ,nur einen kümmerlichen Ersatz für das schwellende Grün unserer Wiesen und die Pracht unserer Bäume, und ein Park, stolz ״la Flora“ genannt und von Baedeker als der schäume öffentliche Garten Italiens gerühmt, hält auch nicht im mindesten den Vergleich mit den bescheidensten unserer Berliner Parkanlagen aus. Ein in der Flora auigestelltes Denkmal zweier sicilianhcher Seehelden, angeblich das hervorragendste Werk der modernen sicilianischen Rildhaiicrschiile, f

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