Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nie vorher hatte die Idee de*,; Weltiriedens so zahlreiche Anhänger gefunden, hatte sie zu so real zu nehmenden Kundgebungen ge* führt, wie im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahr• hunderts. Russlands Kaiser hatte einen Aufruf zur Abrüstung erlassen. ..Die immer unerträglicher werdenden, weil immer wachsenden Yolkssteuem an Geld und Menschen“ sollten auf ein mögliches Minimum herabgemindert wer* den. Rinc Konferenz sollte zusammentreten, die das Ideal der Völker, den allgemeinen Frieden, durch Schaffung eines internationalen Schiedsgerichtes anbahnen würde. Das Ideal der Völker — damit ist bei de! heutigen Konstellation bereits gesagt, dass cs das Ideal der Regierungen nicht ist. Denn diese zwei sind heutzutage noch immer zwei nicht nur nicht homogene, freundliche sondern meist direkt heterogene, feindliche Mächte. Und da nun diese verw irklichen sollten, was nur allein jene wünschten, so musste das kommen, was kam. Man kennt die Farce der ״Haager Konferenz“. Man erinnert sieh noch, dass Russland iast am gleichen Tage, als sein Vertreter nach dem Haag reiste, neue grosse Geschiitzbestellungen machte: man weiss. dass Deutschland seinen kriegerischsten Staatsrechtslehren entsandte, dass allenthalben alles getan wurde, um die Komödie vollkommen zu machen. Noch waren und sind aber die Völker nicht so weit. Ihr Wollen selber in Taten umsetzen. Und so muss die Weltgeschichte die grausame Ironie verzeichnen, dass das Jahrhundert, das. die ״Minderung der die Völker bedrückenden Militärlasten“ hätte bringen sollen, mit dem blutigsten Kriege begann, der seit langem geführt wurde. Und trotz allen Jammers, trotz des unsäglichen F.lctides, das dieser Krieg, desueu Zeitgenossen wir sind, über Hunderttausende bringt, — trotz alledem vielleicht wird ihn die Geschichte als einen Befreiungskrieg bezeichnen. Als einen Befreiungskrieg in doppelter Hinsicht. Er bringt, wie man nun wohl sicher sagen kann, die Freiheit jenem grossen Volke, das zu einem ansehnlichen Teile durch seine Regierung verhindert worden ist. an den primitivsten Wohltaten der Kultur tcilznnelunen. Fr bringt diesem Volke die zwiefache Freiheit wirtschaftlicher und geistiger Entwicklung. Und — ein Vorteil, der gar nicht zu hoch geschätzt w erden kann! — er bringt den Nachbarvölkern'des jetzt in den letzten Zuckungen sich windenden zarischeii Despotismus die Befreiung von dein ״russischen Druck“, der auf allen diesen Völkern schwer la.stctc, und der dem Minimum an Freiheit, das sie gemessen, eine stete Bedrohung war. Denn Russland war iniiner noch das Russland der ״Heiligen Allianz” unseligen Angedenkens, überall hilfsbereit da, wo cs galt, reaktionäre Strömungen zu stärken, aufstrebende Freiheitskeime zu vernichten. Wir standen vielleicht nicht allzu weit vom Vorabend einer neuen ״Heiligen Allianz“ — da musste Russland selber das erleben, was dem Erfolge seiner Bestrebtingen vor einem halben Jahrhundert in den anderen Ländern ein rasches Ende bereitete. Das Volk begann sich gegen die bisher in stummem Widerwillen ertragene Regierung aufzuleluien, als ein äusserer Feind die völlige Verderbtheit und Unfähigkeit dieser Regierung klar zu Tage treten lies6. Nun kommen langsame widcrwilligc Konzessionen der ihr Ende fühlenden Autokratie. Und war noch bis vor zwei Wochen von einem wirklichen Entgegenkommen nichts zu spüren, waren alle Versprechen nur Hirihaltimgcn, bis der Sccsieg der baltischen Flotte die Tausende wieder sollte auf die Kniec sinken lassen und singen: ״Bcslic Zarachranic ... — so hat die schmähliche Vcrniehtung der letzten Hc.ffmmg nun den Refonuvcrsuchcn den nötigen Ernst gegeben. Der Bew eis: zw ei der heiligsten Institutionen dcs/ heiligen russischen Reiches sollen fallen: der Passz w a 11 g und der jüdische A n s i c d 11111 g s r a y 0 n! Noch glauben wir au keine dieser beiden Reformen, die im Verhältnis zu den heutigen Zuständen wahre Revolutionicrungcn im Leben Russlands bedeuten würden. Aber die Richtlinien der Reformen, die jetzt kommen tu ii s s e n , geben jene beiden Punkte sicher an. So sehr mm auch der Passzwang für die Juden Russlands nicht allein, sondern auch der anderen Länder von Bcdeiitnng ist, so interessiert uns doch an dieser Stelle hauptsächlich die den russischen Juden 7.n gewährende F r c i z ü g i g k e i t. Diese ist es, die für den Z i o n i s ־ m n s von allergrösster Bedeutung werden würde. Dass mit der Freizügigkeit ein grosser Teil der Aus- Wanderung aus Russland auihören würde, ist klar. Die Juden w ürden nicht mit einem Male, aber allmählich — sich auch auf die weiten Gebiete des *russischen h . v v