Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 22 JÜDISCHE RUNDSCHAU_ __‘^11^ eine jüdisch-nationale Judcnscliaft für das Staatswolil weitaus forderlicher erscheinen müssen als eine deutsch-nationale oder tschechisch-nationale.“ Dazu wissen die MITTEILUNGEN nichts Gescheiteres zu bemerken, als dieses: ״Der Herr Einsender hat nicht Neues vorgebacht: der Kleiehe Standpunkt ist von ihm mit den gleichen Argumenten in den MITTEILUNGEN schon des Ocftcrcn vertreten worden. Was soll der Hinweis auf die Polen und auf die Deutschen im Auslände! Diese bewahren ihre poSaischc und ihre deutsche Nationalität, aber die in Deutschland lebenden Juden f ü h len sich nicht als besondere Nation, sondern aisdeutsche Staatsbürger jüdisehen Glaubens. Das ist der Kern der Sache und dm über können alle Künste der Dialektik nclit hhiwegtäuschen. Die deutschen Juden in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit teilen die Ansichten der jüdisch-nationalen ״Schwärmer“ nicht. Es bleibt dem Herrn Einsender unbenommen, das Verhalle:! der letzteren zu rechtfertigen, wir aber werden nicht aufhören, immer wieder zu betonen, dass die deutschen Juden mit jenen Schwärmern nichts gemein haben wollen.“ Diese Bemerkungen des Abwehrblattes sind von einer Arroganz, die aufs schärfste zuriiekgewiesen werden muss! Woher weiss das Blättchen denn das. was es da in g c s p c r r - tem Druck behauptet? Vielleicht lässt es uns auch aus desen Quellen seiner Weisheit trinken, damit wir Hohlköpre endlich einmal belehrt werden, die wir immer meinten, dass ca. 6U0Ü organisierte Zionisten Deutschlands doch eine Bevölkerungsgruppe repräsentieren, die nicht so ohne weiteres in euer Redaktionsstube gleich Null gerechnet werden dan־?! Und dann bestreiten vir dem Blatt entschied.״ eie Aktivlcgitimatioii zu dekretieren, was die deutsüien Juden wollen und was sie nicht wollen. Das Blatt hat einzig u;:J allen die Aufgabe, den Antisemitismus abzuwehreu -- für ein so undankbares Geschäft wir das!!alten, unterstützen wir es dann selbstverständlich, wo wir können. Aber wir verbitte־! uns. dass ein Verein, der aus Christen und Juden bestellt, uns m inner j ü d i s c he Verhältnisse Iiineiiiredct! I)> gehen ihn, mit Verlaub, gar nichts an! Zum englischen Fremtfengesetz ... Zur, englischen Fremden Vorlage haben am Mittwoch die ־Juden des Ostendes, welche durch sie am nächsten betroffen werden, Stellung genommen. Es war das erste politische Meeting der Londoner Juden überhaupt und fand in dem Theater des ״Jüdischen Arbeiterklubs־• in Whitechapel statt. Die Beteiligung war. wie uns aus Loadon berichtet wird, ausserordentlich zahlreich. Den Vorsitz, führte das Parlamentsmitglied Herr Stuart M. Samuel. Die Sache der Ausländer, unter denen die Versammlung jedoch nur Juden zu verstehen schien, wurde selbstverständlich sehr warm befürwortet, dies geschah aber nicht nur von den zunächst Interessierten selbst, sondern auch seitens der chrisiliehen Arbeiter. Einer von ihnen. Herr Collins, der auch dem Stadtratc von Stepncy angehört, entrollte ein Bild der Lage Whitechapels zur Zelt seiner Knabenjahre und in der Gegenwart — ein Zeitraum von etwa 50 Jahren. Er erklärte, dass das Leben dort eine kaum glaubliche Besserung erfahren habe. An die Stelle der früheren Roheiten, Trunksucht und Vcrlotterung sei jetzt Ordnung, Reinlichkeit, Massigkeit und ein gesittetes Leben getreten, und dies sei in erster Reihe ier eingewanderten ausländischen Bevölkerung zuzuschreiben, ln ähnlicher Weise äusserte sich auch der Vorsitzende, der hinzufügte, dass die Ausländer den Handel und Verkehr des Landes gehoben haben und Tausenden von Engländern in ihren ־Werk- Stätten und Fabriken lohnende Beschäftigung geben. Die Ver- Sammlung fasste schliesslich einstimmig eine Resolution zu Gunsten der Erlassung von Massregeln, welche verbrecherische und an unheilbaren oder ansteckenden Krankheiten leidende Ausländer von der Zuwanderung ausschiiessen, verurteilte aber das dem Parlamente vorliegende Gesetz als den besten Interessen des Landes zuwiderlaufend und geeignet, das Asylrecht der wegen politischer Verbrechen oder ihrer Religion wegen Verfolgten zu beeinträchtigen. — Die englische Presse spricht sich sehr anerkennend über die Haltung des Meetings und über das Benehmen und die Erscheinung der Teilnehmer an ihn1..aus, deren Kleidung und deren Benehmen wesentlich von dem abstach. u׳as man sonst in Whitechapel zu sehen gewohnt war. Eine Sonntagsbill Demnächst wird im englischen Parlament ein von Lord Avebury (früher Sir John Lubbock) unterbreiteter Gesetzcntwurf zur Verhandlung gelangen, der für einen Teil der englischen Judeiiheit von grösster Bedeutung ist. Bisher konnten nämlich in dem von Juden bewohnten ״Pctticoad Laue" benannten Stadtteil im Osten Londons die jüdischen Händler und Trödler, die am Samstag geschlossen hatten, am Sonntag ihre Waren feilhalteu. Der Gesetzentwurf des Lord Avebury will dies iu Zukunft unmöglich machen, weil durch diese Durchbrcchung der Sonntagsruhe nicht nur das religiöse Empfinden der Engländer, sondern auch das geschäftliche Interesse der englischen Geschäftswelt verletzt würde. Falls der Entwurf Gesetzeskraft bekäme, würde ein grosser Teil der j ii d i s c h c n Geschäftsleute des East End dem Ruin verfallen, da der Sonntagsmarkt die Hauptquelle ihrer Einnahmen bildet, abgesehen davon, dass die meisten dieser Geschäftsleute trotzdem auch am Samstag geschlossen halten würden. Um zu dem geplanten Gesetz Stellung zu nehmen, beriet die englische Strassenvcrkäuferunion ein öffentliches Meeting ein. Es wurde gegen die Tendenzen des neuen Gesetzes protestiert und eine entsprechende Resolution gefasst, die von Lord Roth s c 11 i I d •;tu Parlament in Form einer Petition clngcbracht werden wird. Der JEWISH COMMENT meint in -Besprechung dieser Frage sehr richtig, dass diese Angelegenheit ein sehr schwieriges Problem darstelle — eines der schier unlösbaren Probleme der Diaspora. Dem! so verständlich auch der aut strenge Einhaltung der Sonntagsruhe achtende Standpunkt der Engländer sei. so bedeute seine konsequente Durchführung doch eine grosse Schädigung der durch ihre Religion an die Feier des Sabbatiis gebundenen Juden. Die judenreine Finkenschaft Aus M ii n c I! c n wird uns geschrieben: Die akademische Freiheit und Freizügigkeit ist auch uns Juden eine terra incoguita geworden. Dass die Korps, Burscheuschaüen, l'urnerschaften und Landsmannschaften streng au! arische Abstammung sehen, daran haben wir uns gewöhn^, (wohl oder übel auch die Assimilanten, wenn auch vielen die Zugehörigkeit zu einem Korps als der Inbegriff ihrer Träume und Wünsche gilt). Dass aber die Finkenschaft (oder Deutsehe Freie Studentenschaft) den Rui: ״Juden raus!‘' ertönen lassen würde, das kam unerwartet (dem Eingeweihte!, nicht! Die Red.) und bitter hart Denn Juden batten die Finken- Schaft gegründet (hier wie andc! wärts), Juden hatten die Bewegung mittels ihrer Arbeit und selbstlosen Hingabe erst gross gemacht. Aber es kam. Vorige Woche. Unerwartet. Eine grosse Zahl Beisitzer hatten das Unglück, neben ihrer Fähigkeit für den Posten eines Abteilungsvorsitzenden auch über eine semitische Abstammung sich beklagen zu müssen. Und als die Einkcnschaft glücklich von Juden für das Semester cingerichtet war, kam der Putsch, langsam. Der Schriftführer Dreyf U s s sollte nicht mehr unterzeichnen, der Name sei durch den französischen Märtyrer anrüchig geworden. Von Holt klinge viel schöner. Herr Drcyfuss wollte daraui cingehen, aber weitere Machenschaften licssen es endlich zu einer Aussr rache in einer erweiterten Vorstands-(Beirats)-Sitzung ko:nmen, wo man 7t: dem Resultate kam, ״es sei uttangcgebracht, dass Juden im Ausschüsse sässen.” Jetzt endlich mussten die Herren gehen, nachdem sie auf etwas unzarte Weise gemahnt worden waren. Ungern freilieh. Die Versöhnungs-Versuche halieti nichts. Jetzt erinnerten sich die Herren, dass sie gekränkt worden seien. Aber nicht als Juden. Nein, als Finken, weil die anderen ihre Finkenehre beschmutzt hätten. Und sie beriefen eine Versammlung. Nicht darüber, dass Juden aus dem Ausschüsse ausgeschlossen worden seien; nein, mir über die allgemeine Verletzung des Paragraphen, wonach jeder nicht inkorporierte Student Finke sei und folglich auch im Ausschuss sitzen dürfe. Zufällig seien die Ausgeschlossenen eben Juden gewesen. Ueber die Versammlung seihst viele Worte zu verlieren, lohnt weder Tinte noch Papier. Es war eine teilweise recht stürmische Studcntciivcrsammluiig, in der auch einige unserer Gesinnungsgenossen auftrateii, zu denen natürlich als Gegengewicht der ״Deutsche Jüdischen Glaubens" nicht fehlte. Seliliesslieh wurde spät nach Mitternacht eine Resolution gefasst, die den obigen Beiratsbeschluss missHlligt. Und man wählte eine gemischte Kommission, die mit dem judcnfeindliclicn Beirat verhandeln soll. Wobei uns nur unklar ist, was dort eigentlich herauskommen soll - - denn welcher anständige Jude kann, denn jetzt noch in der Münchener Freien Studentenschaft verbleiben! Vom Dreschgrafen Graf Pückler, der sonst immer der Beklagte zu sein pflegt, hat gegen den Juwelier Leopold Levy aus Frankfurt a. M., der ihn s. Zt. im Hotel de Rome übel zugerichtet hat, Strafantrag gestellt. Der Staatsanwalt hat dem stattgegeben und me—■! «,! י!>. י ‘ ,!1 וii ־ 1; 1! ‘! t lt I nerrt.' . *. . V V V