Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 262 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 22 Haus nicht zu verlassen. Ein Schlosser namens Lciniami wurde am Abend des 19. d. von zwanzig Subjekten verfolgt. Um sich zu retten, schoss er in die l.uft: er wurde von 1 ohzistcn festgeuommen und den Verfolgern überlassen, die ihn schlugen, bis er das Bewusstsein verlor. Einige von diesen Leuten, unter ihnen der Edelmann (lurjanow, werden nun wegen Ruhestörung belangt. Lcimaim aber wird sich, falls er gesund wird, wegen unbefugten Waffentragens verantworten müssen. An demselben Tage wurde ein Angestellter einer Apotheke als ..Demokrat“ vom Pöbel misshandelt; am folgenden Tage ein Gymnasiallehrcr und ein Ovninosinst. Die Einwohner sind ganz hilflos, selbst gewöhnliche Stöcke werden ihnen weggenonnnen. — Das heisst also, dass die Regierung den Pöbel begünstigt gegen die anständigen Elemente, indem sie es diesen unmöglich macht, sich zu wehren. Petersburg. Das M i!1 i s t c r k o m i t c c beriet heute von den am 12. Mai angekündigten Materien rur Einzelheiten der .1 u d e u f r a g e . besonders das Aufeutiudtsreeht i i1־ d : s c 11 c r Hand w erker. Es wurde bescli!־״ sei! allen jüdischen Handwerken• die Erlaubnis zum Aufenthalt an allen Orten zu gewähren. Diese Erlaubnis haben bisher mir jüdische Handwerker mit Zeugn'ssc״ der Handw erksämter genossen. Es wurde weiter beschlossen, die B.-Cprcciu1״g der jüdischen frage in ihrer ganzen Ausdehnung b's zur Einberufung d< r Volks- Vertreter?uiziischicben. - Der andere, hört von aticm nur das ״Aiiischicben". Warschau. 26. Mai. Bereits den dritten Tag setzten jüdische mrJ christliche Arbeiter ihr gemeinsames Zerstörungswerk an den öi.entlichcn Häusern fort• bogir Klaviere wurden auf die Strasse liiiiausgeworfen. ' iele -Uhöher und Prostituierte flohen aus der Stadt. Die Polizei verhält sich weiter p a s s i v. Diese Unruhen, die seit dem 21. d. M. in Warschau smttfinden, trogen einen eigenartigen Charakter. Die l: rhu her der Tumulte sind ausschliesslich J » d c n. und zwar Vorzugsweise Mitglieder des sogenannten ..Bundes". (Jüdischer Arbeiterlumd für Russland. Litauen und Polen.) Ihre Wut richtet sich gegen ein gewisses lichtscheues Gesindel das im Gegensatze zu westlichen Grossstädten Europas in Warschau stark von jüdischen Elementen durchsetzt ist. gegen Zuhälter und namentlich die ״Noschowniki” die ..Messerhelden”. Diese Burschen waren der bittere Beigeschmack einer jeden M.auifestation, sic fehlten bei keiner grösseren Mcnsch.cnans-.mm1luiig, und wenn jeder Zusammenstoss alsbald in eine Pliinderung ausartete, so waren dahinter nur die Zuhälter, freilich im Vereine mit notorischen Gaunern und Hehlern und anderem Gesindel, zu suchen. Sie terrorisierten die Stadt, raubten am helllichten Tage und erpressten insbesondere von jüdischen Passanten unter Drohungen Uhr und Börse. Das Vorgehen dieser Gesellschaft war nun ganz dazu angetan, den ״Bund“ aufs äusserste zu diskreditieren, indem die begangenen Untaten kurzerhand den jüdischen Arbeitern. insbesondere den Mitgliedern des ,.Bundes'’ in die Schuhe geschoben wurden. Deshalb beschloss der ״Bund", eine reinliche Scheidung von diesem zur wahren Landplage gewordenen Gesindel durcliznführen. Hierzu wurden tausend Mann designiert, die nach einem vorher bis ins Detail festgesetzten Plan vorgingen und am 21־. d. M. truppweise die Kaschemme״. Bordelle, Hehlerncster usw. überfielen, die Zuhälter und Messerhelden erschlugen und sämtliche Wertsachen vernichteten. Es wurde gemordet und demoliert, aber nicht geplündert. Dass dieser Akt Lynchjustiz einige Tage anhalten konnte, verdankt mau der Polizei, die froh war. von den Messerhelden befreit zu werden, gegen die sie schon seit Jahren einen erfolglosen Kampf führte. Angesichts der beschriebenen Zustände wird man in dieser Razzia nur einen gerechtfertigten Akt der Notwehr erblicken. Es wurden übrigens ausschliesslich Juden justifiziert; der ״Bund*‘ erklärte, er hotte, dass die christlichen Arbeiter in ähnlicher Weise mit dem arischen Gesindel aitfräunicii werden. Eigenartig genug sind diese Vorgänge natürlich, um die Ratlosigkeit begreifen zu lassen, in der sich die meisten dcutsehen Zeitungen einige Tage lang beiaudeu. so dass einige hesonders begabte Blätter sogar einen ״Sittlichkcitsfcldzug*• der jüdischen Arbeiter daraus machten. Ais oh die Arbeiter jetzt nichts Besseres zu tun hätten, und als oh wir nicht wüssten, dass man mit diesen Mitteln die Unsittlichkeit nicht ausrottet. Es handelt sich eben einfach um einen verzweifelten Akt der Notwehr gegen dieses Gesindel, das eine in diesen erregten Zeiten umso widerwärtigere provozierende Haltung zeigte und ausserdem durch seine ,.Mitwirkung" die demonstrierenden Arheiter in den Ruf von Räubern und Plünderern brachte. Nun wird man wenigstens überall wissen, wer seiner Zeit in der Marszalkowsku-Strassc und anderen Strassen die Läden ausraubte — und das allein ist dieser ״Feldzug" wert. Warschau, 27. Mai. Bei Sicdlcc fand in einem Walde ein jüdisches Arbcitcrmccting statt. Das Militär feuerte, wobei vierzig Personen verwundet wurden — In Lodz ritten bei einer Manifestation, bei ״er .*etc Bahnen entfaltet wurden. Kosaken in die Menge hinein, töteten drei Personen und verletzten mehrere. 16 000 Arbeitet streiken. Montag soll der Generalausstand erklärt werden. Zionismus und Abwehrverein Zu dem ״Jüdischen Turntag“ schreibt ein Mitglied des ״Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" .n den MITTEL LUNGEN dieses Vereins folgendes: ״fn dem Verhalten der liberalen Zeitungen gegenüber de1׳ Jüdisch-Nationalen scheint mir Logik nicht zu walten. Es gibt meiner Ansicht nach einen durchaus logischen Standpunkt, von dem aus die national-jüdischen Bestrebungen zu verwerfe:! sind. Diesen Standpunkt hat Albert Wirth, wenn ich nicht irre, in seinem Buch ״Volkstum und Weltmacht", eingenommen, indem er das Deutschtum der Deutschen im Auslände als eine Ungchörigkcit hinstellt. Hat die KÖLNISCHE ZEITUNG recht, von dem modernen Nationalstaat zu sprechen, so wäre es tutzweifelhaft auch die Pilicht der in Amerika lebenden Deutschen, ihr Deutschtum aufzugeben. um amerikanisch-national zu werden. Statt dessen rühmt man cs an den Deutschen im Auslände, dass sic ihr Deutschtum bewahren. Die deutsch-amerikanischen Veteranen bilden einen eigenen Kriegcrbmu! und Haben seinerzeit an unseren Kaiser ein Huid'gungsklegranmi gerichtet, auf welches von! Generaladjutanten des Kaisers. General der infanterie von Plessen. folgende Antwort erfolgte: .,Seme .Majesta* lassen für das Huldigung:•־ tele gram::: herzlich danken und hoffen, dass der Verband deutscher Veteranen- und Kriegerbntule auch ferner trachten wird, seine Liehe zur alten Heim::;' tir.d su'nc Anhänglichkeit an die deutsche Armee in dcu'scheir. Interesse zu betätigen." Die Deutschen haben bei du! Wahle!, in New-York die korrupte Tammany Hall gegenüber einer ehrlichen Verwaltung an das Ruder gebracht, die infolgedessen dem deutschen Unterricht weniger Wohlwollen entgegenbrachte, als man in deutschen Kreisen wünschte. Unzweifelhaft geht das Verhalten hei der Wahl über das Zuläss'ge hinaus: indessen werden andere Aeusseruugeu des nationalen oder Stammesgefühis. die wegen dieses Gefühls nicht öffentliche Interessen verletzen, allgemein tr'chi mir für zulässig, sondern fiir lobenswert erklärt. Andernfalls wäre die huldvolle Antwort des Kaisers in dem oben wicdcrgcgcbenen Telegramm mclit möglich gewesen. Man darf es demgemäss vielleicht als Symptom bedauern, wenn auch begreiflich finden, dass eine jüdisch-nationale Turnerschaft sich gebildet hat. es hat aber niemand das Recht den jungen Leuten deshalb Vorwürfe zu machen. Zweierlei Mass ist nicht zulässig, ln Wahrlicit ist eben die Prämisse, dass der moderne Staat National- Staat so', nicht zutreffend. Ein Deutsch-Schweizer oder Deutsch-Oestcrreichcr ist im staatlichen Sinne nicht Deutscher, im nationalen oder ״völkliehcn" Sinne aber unzweifelhaft ein Deutscher. Andererseits gibt es deutsche Untertanen, die Polen. .Litauer. Wenden etc. sfnd. An dem Volkstum der Wenden hat noch niemand Anstoss genommen. Die Admiralski- Zeit, in welcher es bei uns sehr fashionabie war. Pole zu sein! is*t noch gar nicht so lange her. und wenn vielfach die Versuche gemacht werden, durch Rcgierungsniittcl das Polentum ziinäckzudrängeii. so hat gerade d e hherale Presse derartige Schritte stets cemisshilligt. Unzweifelhaft beruht doch auch der Eifer, den man gegen die Polen an den Tag legt, wesentlieh auf der Erwägung, dass eine Realisierung extrem natiouvler polnischer Hoffnungen nicht ohne Einbusse von Ländergebet mögt'ch sein könnte, nicht aber auf der theoretischen Prämisse des .modernen Nationalstaats". Also, um es nochmals: zusammetizufasscn: 1. Der moderne Staat ist kein Nationalstaat, sondern i:!1 Gegenteil, er ist ein Staatsbiirgerstaut. 2. Wäre der moderne Staat e'n Nationalstaat, so wären allerdings die Bestrt-btiugen der Jüdisch-Nationalen zu missbürgen. Daun wäre aber auch das Deutschtum der Deutschen im Ausland eine Pflichtverletzung gegenüber ihrer neiieii Heimat. Gewöhnlich wird allerdings ein Unterschied darin gefunden, dass 1. B. eine deutsche und polnische Nationalität o'nc Wirk- .lichkeit sei. während die jüdische ein künstliches Gebilde jugendlicher Schwärmer darstelle. Dies kam! wohl dazu fii'1reu. dass man die jüdisch-nafonalen Bestrebungen beläeheit. aber augenscheinlich sind sic darum für den Staat um so ungefährlicher. Also wenn man hierin iiberhaunt eine Unter- Scheidung machen will, kann diese nur dahin führen, jüdischnationale Bestrebungen von der Idee des modernen Staates aus fiir wotaus annehmbarer zu ha’ten, als das Deutschtum im Auslande, hinter dem sehr wirkliche Realitäten stehen. Zweifellos dürfte namentlich einem österreichischen Minister V?■״* * * *zx** " י חדןיגי7זיעיי